21.05.2015
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wissen.de Artikel

Gleich nur auf dem Papier?

Der Kampf der Frauen um Gleichberechtigung begann vor weit über 100 Jahren. Vorbei ist er noch immer nicht.

Kein Wahlrecht, keine Berufsausbildung, keine öffentliche Beteiligung – was Frauen noch vor 150 Jahren bedingungslos hinnehmen mussten, kommt Mädchen wie Jungen im 21. Jahrhundert nur noch absurd vor. Selbstbewusste junge Frauen lassen sich eine gute Ausbildung nicht nehmen, die Stimme nicht verbieten, und auf dem Papier herrscht sowieso Gleichberechtigung. Aber der Schein trügt: Gelebte Gleichstellung haben wir noch längst nicht erreicht.

Der kleine Unterschied in Zahlen und Fakten

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Frau am Herd?
Die Zeiten, in denen Jungen aufs Gymnasium und Mädchen auf die Volksschule geschickt wurden, sind lange vorbei. Frauen sind die Bildungsgewinner der vergangenen Jahrzehnte und haben die Männer heute in vielen Bereichen sogar überholt. 47 Prozent der jungen Frauen zwischen 20 und 29 Jahren konnten 2011 eine Fachschulreife oder ein Abitur vorweisen – in derselben Altersklasse verfügen nur 40 Prozent der Männer über die begehrte Studienberechtigung. Auch bei den weiterführenden Abschlüssen steht das angeblich schwache Geschlecht stark da: 27 Prozent der 25- bis 34jährigen Frauen, aber nur 25 Prozent der gleichaltrigen Männer besitzen in Deutschland einen (Fach-)Hochschulabschluss oder einen Meisterbrief – beste Voraussetzungen für eine steile Karriere.

Genau an diesem Punkt aber wird aus dem kleinen Unterschied ein ziemlich großer Graben, denn trotz aller gesetzlich bescheinigten Gleichberechtigung sind es noch immer vor allem die Frauen, die neben ihrer Karriere auch die Kinderbetreuung in die Hand nehmen. Nur knapp acht Prozent der erwerbstätigen Männer, aber fast 40 Prozent der Frauen arbeiteten 2010 in Deutschland in Teilzeit. Keine Überraschung: Fast 62 Prozent der Teilzeitarbeiterinnen waren Mütter mit Kindern – so die Erkenntnis der OECD-Studie „Closing the Gender Gap“.

 

Größter Einkommensunterschied in Europa

Die geringere Erwerbsbeteiligung der Frauen ist möglicherweise nicht nur ein Überbleibsel der klassischen Rollenteilung, sondern hat in vielen Familien auch handfeste finanzielle Gründe: Männer verdienen nach wie vor mehr als Frauen, selbst wenn diese in Vollzeit arbeiten. Mit satten 21,6 Prozent mehr Einkommen können Männer in Deutschland laut der OECD rechnen – in keinem anderen Land Europas ist der Einkommensunterschied zwischen den Geschlechtern so gewaltig.

Das hat auch damit zu tun, dass Männer im Lauf ihres Lebens ihre finanziellen Vorteile immer weiter ausbauen können: Sie werden individuell besser entlohnt, entscheiden sich aber auch häufiger für Tätigkeiten in besser bezahlten Branchen. Sie arbeiten aufgrund ihres höheren Einkommens häufiger auch in Vollzeit weiter, wenn Kinder da sind, erklimmen somit schneller höhere Stufen auf der Karriereleiter – rund zwei Drittel der Führungspositionen in Deutschland sind von Männern besetzt. Kein Wunder, dass Männer im Alter schließlich erheblich besser dastehen als Frauen und durchschnittlich doppelt so viel Rente einstreichen können. Nach einer Gesellschaft, in der Männer und Frauen wirklich gleiche Chancen und Möglichkeiten nutzen, klingt das nicht.

 

Vom gesetzlichen zum gesellschaftlichen Wandel

Seit der Verabschiedung des Grundgesetzes 1949 sind Frauen und Männer in Deutschland in staatlichen Dingen gleichgestellt. 1958 hielt die verbriefte Gleichheit mit dem „Gesetz über die Gleichberechtigung von Mann und Frau auf dem Gebiet des bürgerlichen Rechts“ auch im privaten Bereich Einzug. Zwar werden noch immer gelegentlich Gesetze verändert, die sich aller Gleichheit zum Trotz jahrelang halten konnten – so zum Beispiel die gesetzliche Verfolgung von Vergewaltigung in der Ehe – aber im Großen und Ganzen darf der Kampf um „Frauenrechte“ in Deutschland als gewonnen gelten.

Das ist begrüßenswert, führt aber auch dazu, dass sich nur noch wenige Frauen über die letzten, zähen Schritte bis zur gesellschaftlichen Gleichberechtigung Gedanken machen. Dem Begriff „Emanzipation“ hängt längst der Mottenduft der 70er Jahre an, als Frauen bei ihren Männern noch mit viel Nachdruck durchsetzen mussten, dass sie einen Führerschein machen oder – wenigstens halbtags – arbeiten gehen. Auch der an sich zeitgemäßere Ausdruck „Feminismus“ klingt vielen altbacken und überholt, bestenfalls nach einem lobenswerten Unterfangen in islamischen und weniger „entwickelten“ Ländern.

Wie aber kommt es, dass Frauen noch immer weniger verdienen, häufiger die Kinder versorgen, verstärkt Berufe in weniger gut bezahlten Branchen wir dem Gesundheits- oder Dienstleistungssektor wählen, seltener Führungspositionen einnehmen – und sich trotzdem weitgehend gleichgestellt fühlen?

Ein Blick in die Statistiken zur Wahl des Familiennamens bei der Eheschließung lässt vermuten, das Paare ihre individuellen Entscheidungen nach wie vor am klassischen Rollenverhalten orientieren: Obwohl seit 1991 heiratswilligen Paaren freisteht, ob sie in der Ehe den Namen eines der beiden Partner gemeinsam führen oder jeder seinen Namen behält, entscheiden sich die allermeisten für den Namen des Mannes. Bundesweite Statistiken liegen nicht vor, aber die Angaben einzelner Standesämter legen nah, dass sich nur knapp fünf Prozent der Paare für den Namen der Frau und weitere 15 bis 20 Prozent für getrennte Namen entscheiden.

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei den Statistiken zum Elterngeld: Der Gesetzgeber gesteht Eltern 14 bezahlte Elternzeitmonate zu, ein Elternteil darf aber maximal zwölf davon in Anspruch nehmen. Wie die Regelung in der Praxis genutzt wird, meldet das Statistische Bundesamt: 96 Prozent der Mütter, aber nur 25 Prozent der Väter nahmen 2010 Elterngeld in Anspruch, von diesen Vätern wiederum bezogen 76 Prozent die Leistung nur für maximal zwei Monate – eben die zwei Monate, die die Mutter nicht in Anspruch nehmen kann und in denen den Familien andernfalls eine gar nicht so unerhebliche staatliche Zahlung entgehen würde.

 

Wie kann echte Gleichstellung aussehen?

Zusammengefasst: Seitdem Männer und Frauen gesetzlich gleichgestellt sind, hat sich die Wahl der Lebensweise in den freiwilligen Bereich verschoben. Aber genau hier treffen Frauen und Männer häufig Entscheidungen, die sich noch immer am klassischen Rollenverhalten orientieren – zum Beispiel, weil sich die Frauen schlicht lieber als ihre Partner um den Nachwuchs kümmern möchten oder sich weniger ambitionierte Karriereziele setzen. Forschungsergebnisse untermauern dieses Phänomen insofern, als sie zum Beispiel schon bei sehr jungen Kindern unterschiedliche Verhaltensweisen und Interessen beobachten, etwa dass Jungen häufiger kompetitive und Mädchen eher kooperative Spiele bevorzugten. Das wirft die Frage auf, ob es überhaupt möglich und sinnvoll ist, dass Männer und Frauen alle gesellschaftlichen, beruflichen und privaten Aufgaben zu gleichen Teilen übernehmen – quasi ein völlig geschlechtsneutrales Leben führen.

Die Antwort darauf liefert das sperrige Konzept des so genannten „Gender Mainstreaming“, das seit 1999 auch die Gleichstellungspolitik der EU bestimmt. Ziel der Strategie ist es, für geschlechtsbedingte Nachteile in Politik und Gesellschaft zu sensibilisieren und Bereiche, in denen ein Geschlecht bisher stärker vertreten war, gezielt dem anderen Geschlecht zu öffnen. Beispielsweise ist in der Werbung ist die Darstellung von Rollenklischees – die demütige Ehefrau, die das Hemd ihres Mannes nicht weich genug gewaschen hat – EU-weit verboten, Erziehungsangebote richten sich verstärkt auch an Väter, Wissenschaftler untersuchen  psychische Belastungen, die am Arbeitsplatz durch Erwartungen an Geschlechterrollen entstehen – Männer dürfen Ängste nicht äußern, Frauen müssen immer freundlich sein. Es geht vor allem darum, tatsächliche Benachteiligung, die sich aus häufigen Lebens-, Familien- und Arbeitskonstellationen ergibt, aufzudecken und zu beseitigen, trotzdem aber beiden Geschlechtern unterschiedliche Lebensvorstellungen und Prioritäten zuzugestehen. Wem bei dieser Beschreibung eine konkrete Vision fehlt, der steht nicht allein da. Die Hauptkritik am Konzept Gender Mainstreaming lautet: Es sei zu schwammig.

Dass die Politik mehr leisten kann, als nur für Benachteiligungen zu sensibilisieren und ihre Ursachen zu erforschen, sondern gesetzlich sehr konkret Benachteiligungen verringern könnte, zeigt sich zum Beispiel am steuerlichen Ehegattensplitting: Die Regelung begünstigt zwar verheiratete Paare, macht es für Frauen aber in vielen Fällen unattraktiv, arbeiten zu gehen – individuell veranlagt müssten sie weniger Steuern zahlen. Ein anderes Beispiel ist wiederum die Elterngeldregelung: Auch wenn noch immer viel weniger Männer als Frauen in der Elternzeit dem Arbeitsplatz für einige Monate den Rücken kehren, so sind es doch erheblich mehr als vor der Einführung des Elterngeldes. Das ist noch immer keine wirkliche Gleichstellung – aber doch immerhin ein Anfang. Was kommt als nächstes?

von wissen.de-Redakteurin Alexandra Mankarios, März 2013