21.05.2015
Total votes: 186
wissen.de Artikel

Erster Weltkrieg: Wo waren die Frauen?

Eine Wiener Historikerin untersucht die Folgen des Krieges für Frauen und Geschlechterroll

 

Sucht man im Internet nach Bildern zum Ersten Weltkrieg, dann spucken die Suchmaschinen vor allem eines aus: Bilder von Soldaten. Männer im Schützengraben, an der Front, beim Marschieren. Wo aber waren die Frauen? Was erlebten sie während des Krieges und wie veränderte dies ihre Welt? Dieser Frage ist die Historikerin Christa Hämmerle von der Universität Wien nachgegangen.

Kriegskrankenschwestern
Kriegskrankenschwestern

In sogenannten Labediensten versorgten Kriegskrankenschwestern während des Ersten Weltkriegs verletzte Soldaten auf der Durchreise. Hier eine Gruppe am Wiener Ostbahnhof.

 

2014 jährt sich der Beginn des Ersten Weltkriegs zum 100. Mal. Für die Wiener Historikerin Christa Hämmerle Anlass genug, diese "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" aus verschiedenen wissenschaftlichen Blickwinkeln neu zu beleuchten. Schon im Jahr 1993 veröffentlichte sie ihr Buch:  "Kindheit im Ersten Weltkrieg". Jetzt hat sie die multiplen Rollen von Frauen an der "Heimatfront" untersucht. Als mit Ausbruch des Krieges Männer vielfach als Soldaten an die Front zogen, fehlte ihre Arbeitskraft zuhause. Um diese Lücken zu schließen, wurden zunehmend Frauen für Aufgaben eingesetzt, die dem angestammten und damals noch sehr traditionellen Rollenverständnis widersprachen.

Schaffnerin, Rüstungsarbeiterin und Krankenschwester

"Während die Männer als Soldaten dienten, mussten Frauen die unterschiedlichsten Tätigkeiten übernehmen – etwa Arbeiten im öffentlichen Dienst als Schaffnerin oder Straßenkehrerin", erzählt Hämmerle von den konkreten Auswirkungen des Kriegsgeschehens auf herrschende Geschlechterrollen. Zunächst engagierten sich viele Frauen im Rahmen der freiwilligen Kriegsfürsorge beziehungsweise der breit aufgestellten "Frauenhilfsaktion im Kriege". Später stieg vor allem ihr Anteil in der heimischen Rüstungsindustrie, wo Frauen gemeinsam mit kriegsfreigestellten Männern arbeiteten.

Und ab dem Frühjahr 1917 nahm sogar die Armeeverwaltung "weibliche Hilfskräfte für die Armee im Felde" auf, vermutlich bis zu 50.000 Frauen. "Dadurch konnten mehr Männer zum Kriegseinsatz an der unmittelbaren Front freigestellt werden", erklärt die Historikerin. Ihr ist es ein besonderes Anliegen, die unmittelbare Nähe von Frauen zum Kriegsgeschehen herauszustellen. Ein Beispiel sind  die Kriegskrankenschwestern, von denen es Zehntausende gab und die einen ganz unterschiedlichen Hintergrund hatten: "Die Krankenschwestern arbeiteten oft direkt hinter der Front und fingen gemeinsam mit den Feldärzten und Sanitätern das Gemetzel von der Gefechtslinie auf", so Hämmerle.

Wegbereiter für das Frauenwahlrecht?

Dienst am Schreibtisch
Dienst am Schreibtisch

Im Laufe des Ersten Weltkriegs wurden Frauen auch in die Armeeverwaltung aufgenommen, unter anderem als Schreiberinnen.

Häufig gelten diese Arbeitseinsätze von Frauen im Ersten Weltkrieg als entscheidender Impuls für die Frauenbewegung und im Speziellen für den Kampf um das Frauenwahlrecht. Denn wenn Frauen schon wie Männer arbeiteten, dann sei auch eine Gleichbehandlung in Bezug auf das Wahlrecht selbstverständlich, so das Argument. Unzweifelhaft hatte der Erste Weltkrieg Auswirkungen auf die Rollen von Frauen in der Gesellschaft. Hämmerle tritt aber der weit verbreiteten Annahme des  Ersten Weltkriegs als "Begründer des Frauenwahlrechts" entgegen:

"Der Kampf von Frauen um das politische Wahlrecht, aber auch für Bildung, die Öffnung der Universitäten und des Arbeitsmarkts, stand bereits lange vor 1914 auf der Agenda der Frauenbewegungen", so die Historikerin. "Und die Forderung nach dem Frauenwahlrecht stand seit dem 1890er Jahren im Parteiprogramm der Sozialdemokratie."

Eine wichtige Rolle spielt der Weltkrieg aber trotzdem, wie Hämmerle erklärt: Durch den Krieg verschoben sich die politischen Machtverhältnisse. Das trug mit dazu bei, dass 1918 in einigen, aber längst nicht allen europäischen Ländern das Frauenwahlrecht eingeführt wurde. "So kann der Erste Weltkrieg möglicherweise als Katalysator frauenrechtlicher Bemühungen gesehen werden, aber sicherlich nicht als ihr Schöpfer", betont Hämmerle.

Ein Krieg mit Wirkung auf die gesamte Gesellschaft

"Der Erste Weltkrieg war ein Volkskrieg, und in diesen Ausmaßen nur durch die Mobilisierung von Frauen, Männern und Kindern – also der ganzen Gesellschaft – möglich. Und nur in dieser umfassenden Perspektive kann er verstanden werden", so Hämmerle weiter. Geschlechterrollen oder Männlichkeits- und Weiblichkeitskonzepte spielen ihrer Ansicht nach dabei eine fundamentale Rolle, denn an diese wurde bei der Kriegsmobilisierung appelliert. So wurden beispielsweise Männer als tapfere Beschützer des Heimatlandes heroisiert und Frauen zu mütterlich fürsorglichen Krankenschwestern stilisiert.

Der Genderforscherin Christa Hämmerle ist es im medialen Hype um das 100. Gedenkjahr des Ersten Weltkriegs ein besonderes Anliegen, Ansätze und bereits vorliegende Ergebnisse der Frauen- und Geschlechtergeschichte des Ersten Weltkriegs in das Bewusstsein der Gesellschaft zu tragen. "Denn der Blick auf die Geschlechterverhältnisse, besonders im Zusammenhang mit Kriegen, lehrt uns unter anderem, wie damals und auch heute Geschlecht als diskursive Waffe eingesetzt werden kann und wird", schließt die Historikerin.

Quelle: Universität Wien (uni:view / Felix Herzer)

 

Themenspezial uni:view zum Ersten Weltkrieg

NPO