28.03.2019
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wissen.de Artikel

Sommerzeit: Wer hat an der Uhr gedreht?

In der Nacht zum Sonntag beginnt die Sommerzeit. Die Uhren werden eine Stunde vorgestellt, um das Tageslicht besser auszunutzen und Energie zu sparen – das jedenfalls war das ursprüngliche Ziel dieser Erfindung. Aber funktioniert das auch? Und welche Folgen hat die Zeitumstellung für Mensch und Tier?

Untergehende Sonne zwischen Daumen und Zeiger
Tageslicht nutzen

Durch das Konzept der "Daylight saving time" sollte das Tageslicht effizienter genutzt werden.

Wie immer Ende März stellt sich bei Beginn der Sommerzeit die Frage: Müssen wir die Uhr vor- oder zurückdrehen? Werden wir uns eine Stunde ausborgen, oder müssen wir die im letzten Jahr geliehene zurückgeben? Zahlreiche Eselsbrücken gibt es, die uns als Erinnerungshilfen dienen. Die wohl bekannteste ist folgende: "Im Frühling stellen wir die Gartenmöbel VOR das Haus und im Herbst wieder ZURÜCK in den Keller." Und die wohl kürzeste lautet: "Die Uhr wird 'zum Sommer hin' gestellt."

Aber warum stellen wir die Uhren überhaupt um und seit wann?  Wer hat sich das eigentlich ausgedacht und was bringt das? Wir haben diese Fragen mal genauer unter die Lupe genommen.

Benjamin Franklin erdachte das Konzept der "Daylight saving time"

Bereits 1784 veröffentlichte Benjamin Franklin einen Artikel, in dem er kalkulierte, wieviel Stunden die Menschen jede Nacht bei Kerzenschein verbringen. Um Kerzen zu sparen, schlug er vor, die Zeit im Sommer so anzupassen, dass das Tageslicht besser und effektiver genutzt werden kann. Daylight saving, so nannte er sein Konzept. Die Uhren sollten im Sommer vorgestellt werden, dann wäre es abends länger hell und die Menschen würden weniger der kostbaren Kerzen verbrauchen, so seine Idee. Jedoch fand er damit nur wenig Gehör.

Vom Wechsel der Zeiten

Los ging das Ganze erst über hundert Jahre später: Während des ersten Weltkrieges wurde am 30. April 1916 im Deutschen Kaiserreich erstmals die Sommerzeit eingeführt. Wenige Wochen später folgten Irland und Großbritannien. Drei Jahre lang drehten die Menschen dann brav zweimal im Jahr an der Uhrzeit. 1919 wurde die Zeitumstellung jedoch wieder abgeschafft. Dann herrschte erst einmal Ruhe - bis zum Beginn des zweiten Weltkriegs: Von 1940 bis 1949 wurde sie wieder eingeführt, die Sommerzeit.

1947 gab es sogar noch eine Hochsommerzeit. Im April wurden die Uhren um eine Stunde und im Mai dann um eine weitere Stunde vorgestellt. Dieses Zeitchaos wurde mit der besseren Ausnutzung des Tageslichts begründet. Denn in der Nachkriegszeit mit der weitgehend zerstörten Infrastruktur war die Abhängigkeit vom Tageslicht viel stärker als heute. Von 1950 bis 1979 blieben wir Deutschen dann wieder ganzjährig bei der Normalzeit. In Europa standen wir damit auf ziemlich verlorenem Posten. 1980 führten wir dann die Mitteleuropäische Sommerzeit (MESZ) ein. Soweit die Geschichte des Einführens und Abschaffens und Einführens und Abschaffens… der Sommerzeit.

Energie sparen in der Sommerzeit: Fehlanzeige

Von 1784 bis heute ist das Argument für die Sommerzeit immer dasselbe: Die Zeitumstellung soll künstliches Licht und damit Energie einsparen. Doch was ist dran an diesem Versprechen? Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft stellte 2010 bereits fest: nichts. Zwar benötigen wir in den Sommermonaten durch die Zeitumstellung weniger Strom für Licht, jedoch machen wir in unserer Freizeit mehr als nur das Licht an. Und unsere Freizeitaktivitäten verbrauchen in der Regel mehr Strom als Licht. In den Sommermonaten, wenn es abends länger hell ist, sind wir auch länger "Freizeit-aktiv" und verbrauchen dadurch sogar mehr Energie.

Milchkuh
Milchkuh

Auch die Kühe müssen sich dem veränderten Tagesrhythmus anpassen.

Milchbauern und Verkehrsbetriebe könnten wohl darauf verzichten

Keine Energieersparnis, stattdessen zahlreiche Probleme bringt die Zeitumstellung mit sich, das ist heute bekannt. In der Landwirtschaft etwa werden die Milchkühe schon in diesen Tagen langsam auf die Umstellung vorbereitet, Jeden Tag beginnt der Bauer etwa eine Viertelstunde früher mit dem melken. Deutlich weniger Milch würden die Kühe in den Tagen nach der Zeitumstellung sonst geben, denn wie ein Uhrwerk ist ihre Milchproduktion an den geregelten Tagesrhythmus angepasst. Und trotzdem müssen Milchbauern jedes Jahr wirtschaftliche Einbußen durch die Umstellung auf die Sommerzeit einkalkulieren.

Einer anderen Art von Problemen müssen sich öffentliche Verkehrsmittel stellen: Nachtzüge, die in der Nacht von Samstag auf Sonntag unterwegs sind etwa. Sie sollen pünktlich losfahren und auch pünktlich ankommen. In dieser einen Nacht ist das nur schwerlich möglich, da ist Verspätung angesagt. Anders im Herbst: Sitzt man in der Nacht der Umstellung auf die Winterzeit in einem Fernzug, dann muss man damit rechnen, dass der Zug eine Stunde in einem Bahnhof verbringt und darauf wartet, dass die zusätzliche Stunde einfach vergeht.

Paar vor Ziffernblatt einer Turmuhr
Taktgeber

Wir ticken im Rhythmus unserer inneren Uhr.

Die Umstellung unserer inneren Uhr dauert am längsten

Unsere innere Uhr tickt in einem regelmäßigen Tag-Nacht-Rhythmus. Hormone steuern dabei, wann wir müde und wann wach und fit sind. Unsere innere Uhr ist dabei auf einen Rhythmus von 25 Stunden eingestellt. Erst der Einfluss des Sonnenlichts korrigiert diesen Rhythmus. Unser innerer Taktgeber wird dadurch mit den äußeren Bedingungen synchronisiert. Kommendes Wochenende erwartet uns aber nun ein 23 Stunden Tag. Und zwei Stunden sind für unseren inneren Taktgeber dann doch zu viel. Wie ein Mini-Jetlag wirkt sich die Zeitumstellung auf viele Menschen aus: Noch Tage später sind sie müde und fühlen sich irgendwie aus dem Takt gebracht.

Vermutlich ist das auch der Grund dafür, dass an dem Montag nach der Zeitumstellung häufig mehr Verkehrsunfälle auftreten. Viele Menschen berichten, dass sie sich für ein bis zwei Tage nach der Umstellung noch sehr eingeschränkt fühlen. Unsere innere Uhr ist nun einmal eher träge und lässt sich nicht so leicht umstellen wie die Armband-, Küchen-, Bahnhofs- und sonstige Uhren.

Hintergrundinformationen rund um das Thema der inneren Uhr finden Sie in dem ausführlichen Dossier: Die innere Uhr - Was lässt uns ticken?

KEL