21.05.2015
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Problem Kulturschock

Das Ergebnis des unmittelbaren Kontakts mit einer anderen Kultur ist meist ein "Kulturschock". Anders als bei einem medizinischen Schock, handelt es sich hier nicht um ein plötzlich eintretendes und nur kurze Zeit währendes Phänomen, sondern um eine länger anhaltende Phase zu Beginn eines Auslandsaufenthalts.

Was ist ein Kulturschock?

Häufige Symptome

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China
Der Begriff "Kulturschock" beschreibt die ausgeprägten Gefühlsschwankungen des Ausgereisten während der ersten Phase der Eingewöhnung, in der noch alles neu und fremd erscheint und man noch nicht weiß, wie man sich in bestimmten Situationen verhalten soll. Selbst alltägliche Vorgänge, wie die Benutzung von Bankautomaten, das Telefonieren oder der Gang in den Supermarkt bergen ungeahnte Herausforderungen und können frustrierend enden. Neben der neuen Sprache muss der Neuankömmling auch die Werte und Moralvorstellungen der fremden Kultur erkennen und adäquate Verhaltensmuster entwickeln und erproben. Gerade diese Unsicherheit und Ungeübtheit in Bezug auf die neuen "Spielregeln" des Gastlandes rufen im Neuankömmling nicht selten ein physisches und emotionales Unbehagen hervor.

Innerhalb der interkulturellen Forschung ist der "Kulturschock" das am meisten erforschte Phänomen. Es gilt als gesichert, dass bei Auslandseinsätzen mit einer Dauer von mehr als zwölf Monaten Kulturschock-Symptome wie Stimmungstiefs, kulturelle Entfremdung und Heimweh auftauchen werden. Diese können die unterschiedlichsten emotionalen Reaktionen hervorrufen: von Unsicherheit und Kontaktscheue über Angst und Depression bis hin zu totaler Frustration und Wut oder sogar psychosomatische Reaktionen. In der Regel spüren mitausgereiste Familienmitglieder die Auswirkungen des Kulturschocks in einem deutlich stärkeren Maße als die berufstätigen Partner. Ebenso gilt als sicher, dass niemand gegen einen Kulturschock immun ist. Sogar häufig Reisende und Menschen, die bereits längere Auslandsaufenthalte hatten, erleben ihn - zumindest in abgeschwächter Form. Die Ursache für einen Kulturschock ist dabei immer der schrittweise Zusammenbruch der erlernten gesellschaftlichen Orientierungen, der vertrauten Normen und Werte, die im Gastland nun keine Gültigkeit mehr haben.

Die Phasen der Anpassung

Um die kulturelle Integration erfolgreich zu bewältigen und dem Kulturschock vorzubeugen, hilft es, den Ablauf des Anpassungsprozesses genauer zu beleuchten und sich die Symptome eines Kulturschocks bewusst zu machen. Bei der schrittweisen Eingliederung in die fremde Kultur durchläuft der Ausgereiste eine Art emotionalen Kreislauf, der in vier verschiedene Phasen unterteilt werden kann:

Euphoriephase - Erste Orientierung
Die Ankunft im Gastland, im neuen Zuhause, ist aufregend und schön zugleich. Es gibt so viel Neues zu entdecken und zu erfahren. Neuankömmlinge wollen dabei meist alles auf einmal sehen und ausprobieren. Die Sinne laufen auf Hochtouren, um all die Eindrücke der neuen Umwelt zu verarbeiten. Für eine nüchterne Betrachtung der Umstände bleibt oft keine Zeit, negative Eindrücke wandern schnell in den Hintergrund und die meisten Unterschiede zur Heimat werden zu diesem Zeitpunkt als interessant, exotisch, charmant und liebenswürdig empfunden.

Ernüchterungsphase - Orientierungslosigkeit
Schon nach einigen Wochen stellt sich häufig eine Phase der Ernüchterung ein, in der die generelle Andersartigkeit des fremden Landes und seiner Bewohner stärker wahrgenommen wird. Vor allem Mitausgereiste kämpfen mit zunehmender Orientierungslosigkeit und dem Gefühl der Entfremdung, da sie die Alltagsrealität im Gastland bewusster und intensiver erleben als der Entsandte, dem die neue Arbeitsumgebung und Arbeitsroutine Orientierungshilfe bieten. Mitausgereiste erfahren jetzt verstärkt, dass sich die Kontaktaufnahme und Kommunikation mit der lokalen Bevölkerung schwieriger gestalten kann als angenommen. Der Small-Talk mit den Nachbarn will nicht so recht klappen, dem Arzt die tatsächlichen Beschwerden zu verdeutlichen oder ein ausführliches Gespräch mit den Lehrern der Kinder erscheint gar unmöglich. Die neue Sprache zu verwenden ist anstrengend und die Leute erscheinen entweder unfreundlich und unverständig oder überfreundlich und daher verdächtig. Manchmal sind sie auch einfach nur "anders".

Beim Einkaufen im Supermarkt findet man die gewohnten Artikel nicht. Mit dem neuen Geld umzugehen ist immer noch schwierig. Die Tatsache, dass sogar die einfachsten Abläufe kompliziert werden, frustriert und sorgt im günstigen Fall für leichte Irritation. Im ungünstigen Fall bewirkt sie eine tiefe Verunsicherung, die stetig am Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl des Neuankömmlings nagt.

Einigelungsphase - Entfremdung und Isolation
Die dritte ist die schwierigste und entscheidendste Phase des kulturellen Anpassungsprozesses, vor allem für die Mitausgereisten. Sie bestimmt, ob der Kontakt mit der fremden Kultur einen positiven oder negativen Verlauf nimmt. Dabei kommt es darauf an, wie man einzelne Erfahrungen bewertet und welche persönlichen Konsequenzen man aus ihnen zieht. Häufig führt eine Reihe von negativen Erlebnissen dazu, dass man den Kontakt zu den Menschen der neuen Kultur auf das Nötigste beschränkt. Einladungen werden abgelehnt, man zieht sich in die vertraute Umgebung zurück. Was an Land und Leuten anfangs interessant, reizvoll und charmant erschien, ist nun undurchschaubar, seltsam oder gar abstoßend. Vergleiche zum Heimatland werden in dieser Phase meist ununterbrochen angestellt, wobei das "Zuhause" häufig verklärt wird und alle Vergleiche mit dem Gastland stets gewinnt. Diese Idealisierung der eigenen Kultur geht häufig Hand in Hand mit dem Aufbauen von Vorurteilen gegenüber dem Gastland und seiner Bewohner. Viele Mitausgereiste verspüren jetzt starkes Heimweh, Sehnsucht nach der Familie, Freunden und Verwandten in der Heimat.

Typische Symptome während dieser Zeit sind:

  • Niedergeschlagenheit, Einsamkeit, Melancholie
  • Unsicherheit und Unfähigkeit, einfachste Probleme zu bewältigen
  • Obsessives Durchführen von Routinetätigkeiten ("Putzfimmel")
  • Vermindertes Selbstbewusstsein
  • Schlafstörungen, Schlaflosigkeit (Insomnie)
  • Depressionen
  • Wut, Bedauern
  • Identitätskrisen bis hin zum Identitätsverlust

Anpassungs- und Integrationsphase
Niemand, der sich für längere Zeit im Ausland befindet, kommt daran vorbei, sich bis zu einem gewissen Grad anzupassen. Auch wenn man sich lange dagegen sträubt, man wird schließlich den Kontakt zur Umwelt wieder aufnehmen und weiterleben. Wie eng dieser Kontakt sein wird und welche Qualität er hat, ist abhängig von der individuellen Einstellung und der Bereitschaft, sich auf das fremde Land und seine Kultur einzulassen.

Wie geht man nun am besten mit kulturellen Unterschieden um? Die Menschen, die sich einer neuen Kultur am erfolgreichsten anpassen, haben erkannt, dass es in jeder Kultur Dinge geben wird, die man mag und die man weniger mag. Sie genießen die positiven Veränderungen und die schönen Seiten der neuen Kultur und sind in der Lage, die weniger schönen Aspekte richtig einzuordnen und zu bewerten. Wer erst einmal gelernt hat, sich erfolgreich der neuen Kultur anzupassen, wird feststellen, dass er nicht nur Fähigkeiten wie Selbstorganisation, Networking und Problemlösungsstrategien erlernt hat, sondern auch erfolgreich und effektiv in einer neuen Kultur zurecht kommen und arbeiten kann.

"Daumenregeln" für eine erfolgreiche Anpassung

Um kulturelle Unterschiede erkennen und effektiv mit ihnen umgehen zu können, muss man sich zuerst über die Werte, Normen und charakteristischen Eigenarten der eigenen Kultur im Klaren sein. Versuchen Sie, Ihre eigenen kulturellen Standards aus einer gewissen Distanz heraus zu betrachten und zu bewerten. Machen Sie sich bewusst, inwieweit Ihr Verhalten von diesem kulturellen Korsett geprägt ist und welche typischen Verhaltensmuster Ihrer Kultur Sie als positiv und wichtig erachten. Nur wenn Sie sich selbst gut kennen, können Sie mit Sicherheit sagen, was Sie am Gastland und seinen Bewohnern stört. Nur wenn Sie in der Lage sind, sich selbst und Ihren kulturellen Hintergrund kritisch zu betrachten, können Sie einschätzen, welches Bild andere von Ihnen haben.

Stellen Sie nicht ständig Vergleiche zwischen Heimat und Gastland an. Machen Sie sich klar, dass die Kultur, die Bräuche und Gesetze des neuen Landes Gültigkeit haben, ganz gleich, ob Sie sich nur einige hundert oder tausende von Kilometern von zu Hause entfernt befinden. Wenn Sie erst einmal in der Lage sind, die Gepflogenheiten des Gastlandes nicht mehr als besser oder schlechter zu erachten, sondern die Andersartigkeit zu akzeptieren, dann werden Sie sich wohler dabei fühlen, sich den neuen Umständen anzupassen.

Vermeiden Sie Schwarz-Weiß-Denken, das Denken in absoluten Kategorien. Selbst wenn Sie meinen, die Anpassungsphase überstanden zu haben, wird es gute Tage geben, an denen Sie sich in Ihrer neuen Situation wohl fühlen, es wird aber auch schlechte Tage geben, an denen Sie Ihre Entscheidung, ins Ausland zu gehen, bereuen werden. Wenn Sie sich auf die neue Kultur einlassen, werden die guten Tage bei weitem überwiegen.

Vergessen Sie nicht, dass Sie nicht der Erste sind, der dies alles durchmacht. Jeder, der schon einmal für längere Zeit ins Ausland gegangen ist, hat alle Höhen und Tiefen der kulturellen Anpassung durchgemacht und überstanden. Sprechen Sie mit Bekannten und Kollegen, die Ähnliches erlebt haben oder suchen Sie den Kontakt mit anderen Mitausgereisten vor Ort für einen einfachen Erfahrungsaustausch oder um sich Tipps und Ratschläge zu holen.

Aus der wissen.de-Redaktion