21.05.2015
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wissen.de Artikel

Bewerbung auf eine Stelle in England

England ist das Land der Aristokratie und des nationalen Pluralismus. Kaum eine Nation neigt einerseits so zur Bescheidenheit und Untertreibung (understatement) und zugleich zu multinationaler Größe (Commonwealth) wie England. Die Engländer gelten bei vielen Ausländern als etwas Besonderes, und Jahrhunderte alte Klischees werden immer noch gepflegt - von Deutschen wie von Engländern.

“Muddling through“

Es geht hier nicht um nationale Vorurteile, aber wichtige Unterschiede in der Arbeitswelt lassen sich doch schnell ausmachen. Die Arbeitswelt in England unterscheidet sich von der im deutschsprachigen Raum erheblich: Arbeiten wird in England als eine soziale Aufgabe aufgefasst und weniger als ein Leistungszwang. Dementsprechend ist der Umgang miteinander informeller, der Tonfall freundlicher und der Arbeitsablauf weniger gehetzt.

"Muddling through", "sich irgendwie Durchwursteln", ist in vielen Bereichen die Devise, die zugleich aber auch verantwortlich dafür ist, dass der Teamgeist und die Soft Skills oft wesentlich ausgeprägter sind als bei Deutschen.

Anschreiben

In England sind die Anschreiben anders aufgebaut als im deutschsprachigen Raum. Das hängt vor allem damit zusammen, dass sie einen anderen Zweck erfüllen. Das Anschreiben dient eigentlich nur dazu, den Leser dazu zu motivieren, den Lebenslauf (Curriculum vitae = CV, Resume) gründlich zu lesen. Es sollte daher drei Teile enthalten:

Den Grund Ihres Schreibens in Verbindung mit der angestrebten Position. Falls Sie sich für eine konkrete Stelle aus der Zeitung oder dem Internet bewerben, geben sie die Identifikationsnummer (Referenznummer) an. Auch ein Verweis auf das Medium, aus dem Sie die Annonce haben, ist sinnvoll.

Heben Sie Ihre besonderen Eigenschaften, Qualifikationen und Motivationen für den angestrebten Auslandsjob hervor (auch USP genannt, Unique Selling Proposition = einzigartiges Verkaufsargument). Machen Sie Gebrauch von Sätzen wie:

  • As you can see from my enclosed CV, I have organized marketing campaigns in three European countries...
  • from my Curriculum Vitae, I am not only trained as a translater in three languages...
  • As you will read in my attached CV, my course in Strategic Management at university has included periods of work experience in Germany and abroad, always in the ... area.

Betonen Sie nochmals Ihr großes Interesse für das Unternehmen und die gewünschte Stelle und bitten Sie um ein persönliches Gespräch. Weisen Sie auch darauf hin, bei Fragen jederzeit kontaktiert werden zu können.

Foto

Bewerbungsfotos sind hier aufgrund der anglo-amerikanischen Gesetzgebung (keine Rassendiskriminierung etc.) im Prinzip nicht erwünscht. Schicken Sie ein Foto nur nach vorherigem Verlangen des Unternehmens zu.

Lebenslauf

Der Lebenslauf (Curriculum Vitae, CV) ist hier einer der wichtigsten Bestandteile einer Bewerbung. Im Anschreiben sollte dabei auf den CV verwiesen werden.

Aufbau

Demnach sollte der CV knapp und prägnant gehalten werden. Die wichtigsten Stationen Ihrer Ausbildung, Karriere etc. müssen hervorgehoben und alles Unwesentliche möglichst entfernt werden. Eine Gliederung in umgekehrt chronologischer Reihenfolge ist ratsam. Das bedeutet, dass Sie in der Auflistung mit der Tätigkeit beginnen, die Sie zuletzt ausgeübt haben.

Trotz aller Tradition können Sie die tabellarische Form ruhig etwas variieren, in England wird das etwas lockerer gesehen als bei uns. Die Zeitangaben sollten in der rechten Tabellenspalte, nicht wie bei uns wie üblich in der linken untergebracht werden. Der Grund: der Leser überfliegt den CV mit den Augen von links oben nach rechts unten. Also sollte auch oben der wichtigste Teil Ihrer Ausbildung bzw. Karriere stehen, während unwichtigere Punkte weiter unten folgen sollten.

Die prinzipielle Aufgliederung eines CV sieht folgendermaßen aus:

  1. Personal Facts
  2. Experience and Career History
  3. Education and Qualifications
  4. Additional Skills
  5. Personal Interests

Personal Facts

Name, Vorname, Adresse, Telefonnummer und Geburtstag verstehen sich von selbst. Geben Sie unbedingt Ihre Nationalität an, denn wahrscheinlich wird sie positiv bewertet. Wie im angloamerikanischen Raum üblich, sollten Details über Religion, Rasse und Familienstand weggelassen werden. Man braucht auch keine Auskunft über die Eltern zu geben.

Experience and Career History

Folgen Sie hier der "umgekehrt chronologischen" Reihenfolge. Zu Beginn der Auflistung schreiben Sie, was Sie zuletzt gemacht haben, und tauchen dann chronologisch in Ihre Vergangenheit ein. Je länger etwas zurückliegt, desto unbedeutender ist es und desto weiter unten sollte es zu finden sein. Beschränken Sie sich auf die wesentlichsten Stationen.

Education and Qualifications

Hier sollten Sie mit dem höchsten Ausbildungsabschluss beginnen, falls Sie auf einer Universität waren (Bachelor, Master). Andernfalls gehen Sie auch hier in umgekehrt chronologischer Reihenfolge vor. Beim Punkt Schulausbildung beginnt man am besten mit dem Oberstufenabschluss (Gymnasium, Handelsschule, etc.). Für Studenten empfiehlt es sich, Angaben über Spezialisierungen, Praxisprojekte oder Seminar- und Diplomarbeiten zu machen.

Additional Skills

Dies sind zumeist Kenntnisse in Fremdsprachen, Datenverarbeitung oder anderen technischen Geräten.

Die Sprachangaben sollten Sie dabei abstufen

  • Muttersprache: native speaker
  • Fließend mündlich und schriftlich: fluent (spoken and written)
  • Fortgeschritten: intermediate
  • Erweiterte Grundlagenkenntnisse: working knowledge

Sprachen, in denen Sie nur Anfängerwissen haben, sollten Sie nicht erwähnen, sie sind für die Arbeit in der Regel nicht relevant. Denken Sie immer an das Risiko, unerwartet in einer von Ihnen angegebenen Sprache interviewt zu werden.

Personal interests

Diese Rubrik ist in England sehr wichtig. Während in Deutschland alltägliche Hobbies wie Kochen oder Familienunternehmungen als unwesentlich abgetan werden, werden sie in England gerne im Lebenslauf gesehen. Der Entscheider macht sich aufgrund Ihrer Hobbys ein Bild Ihrer Persönlichkeit und steht solchen Informationen daher offen gegenüber. Ihre Hobbys müssen absolut nichts mit Ihrem Beruf zu tun haben.

Sie sollten hier aber auf jeden Fall in der Nähe der Wahrheit bleiben, denn in einem Vorstellungsgespräch wird gerne nach den Hobbys gefragt. Und wenn Sie sich dann versprechen bzw. nicht detailliert Auskunft geben können, könnte Ihre gesamte Bewerbung und ihr Wahrheitsgehalt hinterfragt werden.

Zeugnisse

Sollten Arbeitszeugnisse in englischer Sprache verlangt werden, kann es nicht schaden, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Eines sollten Sie jedoch nicht vergessen: Übersetzungen sind arbeitsintensiv und diese Arbeit will bezahlt sein. Übersetzer berechnen ihr Honorar nach Zeilen. Der Preis kann erheblich schwanken. Sie sollten sich also vorab gut informieren und im Branchenbuch einige Büros ausfindig machen, um aus den verschiedenen Angeboten das Richtige wählen zu können. Zum Teil werden auch im europäischen Ausland beglaubigte Zeugnisse verlangt. Klären Sie also auch, ob das von Ihnen gewählte Büro Beglaubigungen ausstellen darf. Denn nur gerichtlich "beeidigte" Übersetzer dürfen übersetzte Urkunden auch beglaubigen.