21.05.2015
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Wenn es Denkmäler hagelt ...

Denkmal für die von den Nazis ermordeten Homosexuellen, Denkmal für die von den Nazis ermordeten Sinti und Roma, Bundeswehr-Ehrenmal, Denkmal für die Deutsche Einheit... In jüngster Zeit hagelt es in Deutschland Nationaldenkmäler. Warum eigentlich? Wir haben hierzu mitten im Denkmal für die ermordeten Juden Europas den Historiker Dr. Jan-Holger Kirsch vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam befragt.

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Dr. Jan-Holger Kirsch

Historiker vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

wissen.de: Denkmäler sind Herrschaftszeichen. Sind die neuen Denkmäler der Bundesrepublik Deutschland Kennzeichen eines neuen Selbstverständnisses, eines neuen Nationalbewusstseins?

Kirsch: Ja, es ist richtig, dass Denkmäler immer Herrschaftsmarkierungen sind. Sie zeigen an, wer sich durchsetzen kann, welches Geschichtsbild gerade gültig ist. Es ist allerdings ein Unterschied, ob Denkmäler in einer Demokratie errichtet werden oder in einem nicht-demokratischen Staat. Wenn Denkmäler einen demokratischen Staat repräsentieren sollen, dann muss auch die Entstehung und Planung demokratischen Kriterien folgen. Das heißt: Man kann nicht in einer Demokratie ein autoritäres Geschichtsbild vertreten und durchsetzen und gleichzeitig sagen, dass das ein demokratisches Denkmal sein soll. Das würde nicht zusammenpassen.

wissen.de: Bei Demontagen von Denkmälern geht es ja oft weniger demokratisch zu. Wenn man sich zum Beispiel erinnert, wie schnell, beinahe panisch nach der deutschen Einheit Lenin-Denkmäler abgebaut wurden ...

Kirsch: Das wurde damit gerechtfertigt, dass die DDR ein undemokratisches Regime mit verordneten Geschichtsbildern gewesen war und dass speziell Lenin nicht mehr in den öffentlichen Raum gehöre. Aber letztlich kann man ähnliches bei jeder Systemtransformation beobachten: Wenn ein Staat aufhört zu existieren, dann wird die symbolische Ordnung umgekehrt. Die Zeichen, die es bisher im öffentlichen Raum gab, werden in irgendeiner Weise abgeräumt oder werden, wenn sie nicht abgeräumt werden, zumindest unverständlich. Vieles, was aus der DDR-Zeit noch steht oder was es auch aus der NS-Zeit noch gibt, kann man heute gar nicht mehr so dekodieren wie zur Entstehungszeit, weil der symbolische Verwendungszusammenhang und die Geschichtskultur, die zur Entstehung geführt haben, nicht mehr existieren.

wissen.de: Die Zeit als natürliches Abrissunternehmen ...

Kirsch: Wenn man so will, ja. Und zu Ihrer Frage nach einem neuen Nationalbewusstsein: Der Entstehungsgrund dieser Denkmäler ist in der Tat, dass sich Deutschland als Nation neu konstituiert hat. Nach der deutschen Einheit und auch mit dem Hauptstadtumzug der Bundesregierung von Bonn nach Berlin ist überhaupt erst die Notwendigkeit entstanden, die Hauptstadt als solche mit Denkmälern zu markieren. Vorher, in Bonn, gab es ja nie eine Form von Nationaldenkmal.

wissen.de: Das hätte ja auch zu Bonn irgendwie nicht gepasst.

Kirsch: Erstens hätte es zu Bonn nicht gepasst, und zweitens hatte man immer die Situation der deutschen Teilung vor Augen. Eine dezidiert nationale Selbstdarstellung konnte und sollte es erst dann geben, wenn die Teilung überwunden sei – so unrealistisch das bis in den Sommer 1989 hinein auch erschien. Insofern hat die alte Bonner Republik immer eine deutliche symbolische Zurückhaltung gepflegt. Diese hatte schließlich noch einen weiteren Grund: Sowohl der NS-Staat als auch die DDR praktizierten auf ihre je eigene Weise einen ausgeprägten Denkmalskult, von dem sich die Bundesrepublik ebenso abzugrenzen versuchte wie von nationalem Pathos überhaupt.

Die Fiktion der gemeinsamen Nation

wissen.de: Gab es zu Zeiten der Bonner Republik Deutschland als Nation gar nicht?

Kirsch: Es gab ja immer die Fiktion einer gemeinsamen deutschen Nation, die staatsrechtlich fortbestehe, trotz der Teilung. Man müsse nur warten, bis die internationalen Rahmenbedingungen sich so ändern würden, dass eine Vereinigung des geteilten Deutschlands auf der Basis der grundgesetzlichen Ordnung möglich sei. Und das war ja schließlich auch das, was 1990 vollzogen wurde – für alle Beteiligten einigermaßen überraschend, denn die Bekenntnisse zur deutschen Einheit etwa beim Gedenken an den 17. Juni 1953 waren im Laufe der Jahrzehnte immer formelhafter geworden. Je länger die Bundesrepublik als westlicher Teilstaat existierte, desto stärker wurde auch ihre Selbstanerkennung. Ganz ausgeprägt war dies bei den Feiern zum 40. Jahrestag der Bundesrepublik im Mai 1989. Da hat wohl noch niemand damit gerechnet, dass in absehbarer Zeit die Mauer fallen würde, auch wenn es deutliche Anzeichen der Opposition in der DDR und dank Gorbatschow auch eine geänderte internationale Lage gab. Damals hat sich die Bundesrepublik so gefeiert und öffentlich dargestellt, als sei das tatsächlich ein eigenständiger Staat mit postnationalem Selbstverständnis.

Negatives Nationaldenkmal

wissen.de: Was für ein neues deutsches Selbstverständnis zeigt sich Ihrer Meinung nach in den neuen Nationaldenkmälern, zum Beispiel im Denkmal für die ermordeten Juden Europas?

Kirsch: Dieses Denkmal und einige andere, die entweder bereits errichtet wurden oder sich noch in Planung befinden, sind ja keine klassischen Nationaldenkmäler, wo sich die Nation auf den Sockel stellt und sich selbst verherrlicht. Das (west)deutsche Nationalbewusstsein, wie es sich in der alten Bundesrepublik entwickelt hat, war immer ein gebrochenes – vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Zeit. Deswegen sind die Nationaldenkmäler, die heute gebaut und eingeweiht werden, gewissermaßen als 'postklassische Nationaldenkmäler' zu bezeichnen: Die Nation zeigt, dass sie sich der Untiefen der eigenen Geschichte und der Verbrechen, die zur eigenen Vorgeschichte gehören, bewusst ist.

wissen.de: Also Selbsterkenntnis statt Selbstglorifizierung?

Kirsch: Zumindest eine Abkehr vom älteren Nationalstolz und Nationalismus, d.h. eine Perspektivverlagerung von den (angeblichen) Helden auf die Opfer der Geschichte. Was hier im Denkmal für die ermordeten Juden Europas fortgesetzt und verdeutlicht wurde, ist auch ein Erbe der alten Bundesrepublik: Während der 1980er Jahre rückte der Nationalsozialismus – nicht zuletzt auch aufgrund der Ergebnisse der Geschichtswissenschaft – stärker ins öffentliche Bewusstsein, etwa bei einer Reihe von 40. und 50. Jahrestagen. Dieses Bewusstsein hat sich nach der deutschen Einheit unter den neuen Rahmenbedingungen noch fortgesetzt und verstärkt. Dieses Denkmal, in oder auf dem wir uns gerade befinden, kann man als steinerne Verwirklichung dieser bundesrepublikanischen Staatsräson verstehen. Also durchaus als ein negatives Nationaldenkmal – mit allen Vor- und Nachteilen, die damit verbunden sind. Es hat ja auch etwas Frivoles, dass – polemisch ausgedrückt – die ermordeten Juden dafür benutzt werden, um das nationale Selbstverständnis der Bundesrepublik zu fundieren.

wissen.de: Ist das nicht auch eine Form der Selbstglorifizierung?

Kirsch: Ja, eine Art Selbstdarstellung der eigenen „Trauerarbeit“, die nicht zwingend mit Selbsterkenntnis im Sinne historischer Aufklärung verbunden sein muss.

wissen.de: Eine Selbstbeweihreucherung – vielleicht mit „eu“ geschrieben: „Seht alle her, wie reumütig wir sind und wie bewusst wir mit unserer Schuld umgehen!“?

Kirsch: In der Entstehungsphase, als das Denkmal von der Bürgerinitiative unter der Leitung von Lea Rosh vorgeschlagen wurde, gab es das Argument: 'Das Verbrechen war groß – deswegen muss auch das Denkmal groß sein.' Eine merkwürdige Proportionalitätsvorstellung und ein untauglicher Versuch, eine vielschichtige Geschichte auf einen Ort und ein Objekt zu projizieren. Umso wichtiger ist es, sowohl die Geschichte gegenüber dem Gedenken immer wieder zur Geltung zu bringen, sich aber auch die Geschichtlichkeit des Gedenkens selbst bewusstzumachen, also zu erkennen, dass Formen und Inhalte dieses Gedenkens stets zeitgebunden und interessengeleitet sind.

Denkmäler verhindern keine Gewalt

wissen.de: Wie schätzen Sie als Historiker die Gefahr ein, dass öffentliches, und das heißt eben auch öffentlichkeitswirksames, mit Pauken und Trompeten untermaltes, üppig orchestriertes Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus zu einem Theater wird, hinter dessen Kulisse sich ungestört neofaschistische Strukturen etablieren können, wie sie seit einiger Zeit von der so genannten 'Dresdner Schule' propagiert werden? So nach dem Motto: 'Wer als Staat dermaßen groß angelegt um die Opfer des Nationalsozialismus trauert, der muss ja gut sein. Der kann ja gar nicht schlecht – im Sinne von ausländerfeindlich, antisemitisch oder faschistisch – sein.’

Kirsch: Das sind unterschiedliche Ebenen: Während das Denkmal für die ermordeten Juden Europas hier gebaut wurde, gab es ja gleichzeitig eine ganze Reihe von ausländerfeindlichen und antisemitischen Gewalttaten. Die kann man durch ein solches Denkmal auch gar nicht direkt verhindern. Was ein Denkmal leisten kann, ist höchstens, dass ein bestimmtes Wertebewusstsein in der Gesellschaft gestärkt wird. In diesem Fall ist die Botschaft eben, dass ausländerfeindliche Gewalt nicht unserem heutigen Wertesystem entspricht und dass wir alles dagegen tun müssen, was wir können. Wenn ein Denkmal das Bewusstsein dafür stärkt, dann wäre ja schon viel erreicht.

wissen.de: Aber besteht nicht die Gefahr, dass man vor lauter öffentlichem Gedenken gar nicht mehr wirklich hinschaut, d.h. gar nicht wahrnimmt, was unter dem Mantel des Gedenkens aktuell stattfindet?

Kirsch: Phänomene wie die 'Dresdner Schule' oder andere neonazistische Formen sind für die Bundesrepublik insgesamt ja zum Glück eher Randerscheinungen – womit ich die Ausbreitung rechtsextremer Milieus, die sich besonders auf kommunaler Ebene vielfach beobachten lässt, keineswegs verharmlosen möchte. Die Gefahr, die ich in manchen Gedenk-Inszenierungen sehe, ist eher, dass das Eintreten gegen Völkermorde auch zu einer außenpolitischen Selbstermächtigung führen kann – wie es beispielsweise im Zusammenhang mit dem Kosovo-Krieg zu beobachten war. Mit Rückgriff auf die NS-Vergangenheit und den Holocaust wird aus der früheren Staatsräson 'Nie wieder Krieg!' die Losung 'Wir müssen neue Völkermorde verhindern!' Und deswegen beteiligt man sich dann an bestimmten Militäraktionen. Aber vermutlich ist auch dies eine vorübergehende Phase, bis sich die Bundesrepublik dazu bereitfindet, außenpolitisches und militärisches Handeln stärker aus der Gegenwart heraus und nicht mehr geschichtspolitisch zu begründen. Als weitere Gefahr von Gedenk-Inszenierungen lässt sich die Erstarrung in Formeln und Schablonen nennen. Rituale haben immer eine Ambivalenz: Sie changieren zwischen der positiven Seite, feste gesellschaftliche Leitbilder zu bieten, und der negativen Seite, dass es dabei zu Wiederholungen des Immergleichen ohne wirkliche Orientierungskraft kommen kann.

Das Bundeswehr-Ehrenmal

wissen.de: Worin ist der Stellenwert des geplanten Bundeswehr-Ehrenmals zu sehen, das 2009 eingeweiht werden soll?

Kirsch: Vielleicht darin, dass es tatsächlich das erste Denkmal wäre, das sich die Bundesrepublik für ihre eigene Geschichte errichtet. Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas und weitere Denkmäler zur Erinnerung an die NS-Zeit markieren gewissermaßen erst die Vorgeschichte des heutigen Deutschlands. Und das Denkmal für die deutsche Einheit ist ja ebenfalls noch nicht gebaut. Insofern wird das Bundeswehr-Ehrenmal voraussichtlich das erste Denkmal mit gesamtstaatlichem Anspruch sein, das primär auf bundesrepublikanische Geschichte verweist. Und die Bundeswehr ist ja – was auch immer man sonst von ihr halten mag – durchaus die Armee einer Demokratie. Insofern kann es gerechtfertigt sein, auf die toten Soldaten dieser Demokratie zu verweisen.

wissen.de: Kann man aus der Tatsache, dass es demnächst ein Bundeswehr-Ehrenmal geben wird, ein neues Selbstbewusstsein Deutschlands in Bezug auf den Einsatz der Bundeswehr herauslesen?

Kirsch: Sicher. Dieses Denkmal soll nach den Vorstellungen des Verteidigungsministeriums auch einen motivierenden Charakter haben für die heutigen Bundeswehrsoldaten, die in Auslandseinsätze gehen. Sie sollen das Gefühl haben, dass die so genannten 'toten Kameraden' auf diese Weise geehrt werden und die Bundeswehr als Institution öffentlich Anerkennung findet. Allerdings kann weder das Verfahren für dieses Denkmal den Mindestanforderungen einer demokratischen Meinungsbildung genügen, noch erscheinen Begriff und Konzept des „Ehrenmals“ aus heutiger Sicht sinnvoll – wenn überhaupt, dann müsste es ein Denkzeichen statt einer Weihehalle werden. Aber es ist offenkundig, dass dies politisch nicht gewünscht ist.

Denkmalswütig?

wissen.de: Das 19. Jahrhundert gilt ja als das Jahrhundert der Denkmäler, als 'denkmalswütig'. Gilt das für das 21. Jahrhundert auch?

Kirsch: Inwieweit sich die Diskussion um Denkmäler im 21. Jahrhundert fortsetzen wird, bleibt abzuwarten. Man kann in der Bundesrepublik jedenfalls beobachten, dass seit Anfang der 1980er Jahre, seit dem 50. Jahrestag der Machtübernahme der Nationalsozialisten (1933/1983), in sehr vielen Städten und Gemeinden Tafeln und Gedenkorte eingeweiht worden sind. Das zeigt, dass das Bewusstsein für den Nationalsozialismus vor Ort größer geworden ist. Hier waren und sind viele Initiativen tätig, die einer ganz anderen Logik folgen als die Pläne für Denkmäler mit gesamtstaatlichem Anspruch - Initiativen, die oft auf ehrenamtlichem Engagement beruhen und einer Spurensuche verpflichtet sind, die häufig auch künstlerisch zu überraschenden und unkonventionellen Ansätzen führen.

wissen.de: Etwa durch neue Denkmalsformen wie die 'Stolpersteine'...

Kirsch: Ja, das ist ein gutes Beispiel, weil es sich vom „Denkmal“ im älteren Sinne deutlich abhebt. Es gibt von der Bundeszentrale für politische Bildung ein Handbuch in zwei dicken Bänden, in dem eine Vielzahl von Gedenkorten aufgeführt ist, die auf den Nationalsozialismus verweisen. Ein noch aktuellerer, separat erschienener Band zu Berlin und Brandenburg hat allein etwa 500 Seiten. Das kann man auf den ersten Blick vielleicht als übertrieben betrachten, in dem Sinne, dass es eine Inflation von Gedenkorten gäbe. Aber man kann es auch als verspäteten Ausdruck der nationalsozialistischen Durchdringung der damaligen deutschen Gesellschaft sehen. Es sind eben an unzähligen Orten Dinge passiert, die mit Gewalt und Verfolgung, Unmenschlichkeit und Entrechtung zu tun haben. Allein in Berlin hat es Aberhunderte von Zwangsarbeiter-Lagern gegeben. Wenn man die alle kartieren wollte, geschweige denn auch den Raum markieren, dann hätte man ein so dichtes Netz, dass man völlig den Überblick verlieren würde. Deshalb ist es sinnvoll, auch einen zentralen Ort zu schaffen, der Verweise auf andere, dezentrale Orte gibt – wie es hier mit dem Denkmal für die ermordeten Juden Europas und der daran gekoppelten ständigen Ausstellung sowie künftig auch mit der Dauerausstellung der „Topographie des Terrors“ versucht wird. 

wissen.de: Herr Dr. Kirsch, vielen Dank für das Gespräch!

von Ariane Greiner, Berlin