21.05.2015
You voted 3. Total votes: 262
wissen.de Artikel

Judentum

Geschichte und Gegenwart einer Weltreligion

Das am 9. November 2006 eröffnete Jüdische Zentrum am Münchner St-Jakobs-Platz holt die über die Stadt verstreuten Einrichtungen der 9000 Mitglieder zählenden jüdischen Gemeinde wieder ins Zentrum zurück. Über Geschichte, Ethik, religiöses Leben und Feste im Judentum.

Juedisches_Zentrum.jpeg
Das neue Jüdische Zentrum in München
Das Judentum hat sich aus dem Verband der israelitischen Stämme entwickelt und bezeichnete später alle Menschen, die ihre Herkunft auf das Volk Israel zurückführten. Das Judentum ist eine monotheistische Religion, bei der Gott als Schöpfer des Himmels und der Erde im Zentrum steht. Die Offenbarung des Judentums ist in den 5 Büchern Mose (Thora) festgehalten. Die daraus resultierende jüdische Glaubenspraxis wurzelt jedoch nicht in festgeschriebenen Dogmen, sondern in einem individuell oft sehr unterschiedlichen religiösen Tun auf den Grundlagen der Thora und des Talmud. Jüdische Glaubensgemeinschaften stiften daher vor allem gemeinsame kultische Rituale und religiöse Feste.

Jüdische Geschichte

Gott hat in der Geschichte gehandelt, indem er das Volk Israel erwählt hat, seine Existenz und Lehre zu verkündigen. Der Jude realisiert dieses Gebot nicht nur als einzelner, sondern auch als Teil eines geschichtlichen Volkes.

Daneben ist die Geschichte für den Juden von Gott beeinflusst und ihr Verlauf hängt davon ab, wie das Volk Israel seine von Gott gestellte Aufgabe im Gehorsam gegen den göttlichen Willen erfüllt. Geschichte wird so zur Heilsgeschichte.

Vor Christus

3761

Beginn der jüdischen Zeitrechnung ("Schöpfung der Welt")

um 1300

Moses / Auszug aus Ägypten

um 1250

Einzug in Kanaan

um 1000

Jerusalem wird Hauptstadt

926

Reichsteilung (Juda und Israel)

586

erste Zerstörung des Tempels von Jerusalem; Babylonisches Exil

538

Rückkehr der Juden aus dem Exil

3. Jh.

Entstehung der Septuaginta

167-141

Makkabäer-Aufstand

Nach Christus

6

Judäa kommt unter römische Verwaltung

66-70

jüdischer Aufstand gegen Rom

70

zweite Zerstörung des Jerusalemer Tempels durch Titus

132-135

BarKochba-Aufstand: Zerstörung Jerusalems und Ende des jüdischen Nationalstaates

212

Die Juden erhalten das römische Bürgerrecht

5. Jh.

Gesetzliche Diskriminierungen der Juden

ca. 500

Abschluss des babylonischen Talmud

1096-1500

Kreuzzüge; Entstehung der ersten jüdischen Gettos; Verfolgungen

1200-1600

Entstehung der Kabbala

1896

"Der Judenstaat" von Theodor Herzl; Gründung der zionistischen Bewegung (1897)

1935

Nürnberger Gesetze erkennen Juden im Deutschen Reich die Bürgerrechte ab

1938

In Konzentrationslagern sterben ca. 6 Millionen Juden

1948

Gründung des Staates Israel

1979Friedensvertrag mit Ägypten

seit 1987

Intifada im Gazastreifen und Westjordanland

1993

Gaza-Jericho-Abkommen

1994

Friedensvertrag mit Jordanien

1995/96

3000-Jahr-Feier Jerusalem

Jüdischer Glaube

  • Jahwe - der ewige und einzige Gott. Gott ist für den jüdischen Gläubigen die einzige Autorität, was sich im Glaubensbekenntnis wie folgt äußert: "Höre, Israel, der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einzig." Das schließt nicht nur jeglichen irdischen Mittler, sondern auch einen göttlichen Sohn aus. Gott hat dem Menschen seinen Willen in der Thora sowie im talmudischen und rabbinischen Schrifttum kundgetan und damit Verhaltensregeln für das gesamte Leben aufgestellt. Gott hat das Volk Israel auserwählt und zur Verkündigung seiner Botschaft berufen.

  • Die Welt ist die Schöpfung Gottes. Von diesem Schöpfungszeitpunkt an (3761 v. Chr.) zählt der jüdische Kalender.

  • Gott wird nicht im Bild, sondern nur im Geist angebetet.

  • Der jüdische Gläubige ist nicht mit einer Erbsünde belastet, sondern ein sittlich freier Mensch. Dieses Verständnis stellt an den Menschen die Aufgabe, sich seiner Verantwortung als selbständige sittliche Persönlichkeit zu stellen, das Böse zu meiden und das Gute zu tun, um ein irdisches Gottesreich des Friedens, der Liebe und der Gerechtigkeit zu erbauen.

  • Jenseitsglaube. Der Mensch wird nach seinem Tode auferstehen und im Jenseits werden ihm sowohl seine guten als auch seine bösen Taten vergolten.

  • Messiaserwartung. Im Gegensatz zum Christentum, das eine messianische Erlösung bereits als zumindest teilweise eingetroffen lehrt, glaubt der Jude, dass das Kommen des Messias und damit die Befreiung aller Menschen von allem Übel noch bevorsteht.

Diese Glaubensinhalte sind erstmals im 12. Jahrhundert vom jüdischen Religionsphilosophen Maimonides schriftlich fixiert und später als die 13 Artikel des Glaubensbekenntnisses in das jüdische Gebetbuch aufgenommen worden.

Jüdische Ethik

Entscheidend für den jüdischen Menschen ist nicht ein religiöser Glaube, sondern religiöses Tun. Aus diesem Grunde gibt es eine Vielzahl von Gesetzen und Verhaltensmaßregeln, die für alle Gläubigen verbindlich in den maßgeblichen Schriften festgehalten sind: der Thora, die Mose am Berg Sinai offenbart worden und damit direkter göttlicher Wille ist, dem Talmud ('Lehre'; Erläuterungen zur Thora in den zwei Sammlungen Mischna und Gemara) und der rabbinischen Literatur (Kabbala und Chassidismus = mystische Bewegungen).

Alle Gesetze und Vorschriften basieren auf dem Verständnis, dass jede Seele vor Gott unabhängig von Stand und Rasse den gleichen Wert besitzt, denn sie wurde als sein Ebenbild geschaffen. Daraus folgt die Verpflichtung, sich dieser Gott-Ebenbildlichkeit würdig zu erweisen, indem jedem Menschen im Gebot der Nächstenliebe begegnet wird.

Diese Forderung bezieht sich auf alle Bereiche des Lebens:

  • Aufnahme von Fremden

  • Achtung des Eigentums

  • ehrbarer Handel

  • Schutz von sozial schwachen Menschen

  • Wohltätigkeit und Almosengeben

  • Reinheitsgesetze

  • Speisegesetze

Gleichzeitig finden sich auch vielfältige Anweisungen für das Verhalten des Gläubigen gegenüber Gott.

Religiöses Leben

Jüdisches Leben vollzieht sich vor allem in der Gemeinschaft mit anderen Gläubigen. Ort religiöser Praxis kann neben der Synagoge jedes private Haus sein. Im Zentrum der jüdischen Frömmigkeit steht das Gebet, bei dem Gott als Schöpfer und Herr der Welt gepriesen wird. Das dreimalige Beten gehört in den alltäglichen Tagesablauf, und zwar am Morgen, am Nachmittag und am Abend. Während das Beten im Gemeindegottesdienst ausschließlich von Männern wahrgenommen wird, sind im häuslichen Bereich auch die Frauen daran beteiligt. Vor jedem Gebet sind bestimmte Reinheitsvorschriften wie das Waschen der Hände einzuhalten. Außerdem werden beim Morgen- und Gemeindegebet in der Synagoge der Gebetsmantel sowie eine Kopfbedeckung als Zeichen der Demut vor Gott getragen.

Zentrum der jüdischen Woche ist der Sabbat, der u.a. in Erinnerung an die Schöpfungsgeschichte gefeiert wird. Dieser Tag steht ganz im Dienste Gottes mit der Feier von religiösen Hausfeiern und Gottesdiensten; jegliche Arbeit ruht. Eingeleitet wird der Sabbat am Freitagabend bei Sonnenuntergang mit einer gemeinsamen häuslichen Mahlzeit, bei der von der Hausfrau die traditionellen Sabbatkerzen entzündet werden. Das Familienoberhaupt segnet den Wein und bricht das Brot. Zu jedem Sabbat gehört ein eigener Text aus der Thora, dessen Gedanken auch das gemeinsame Gespräch bestimmen.

Ein wichtiges Ritual im jüdischen Leben ist die Beschneidung der Jungen am 8. Tag nach der Geburt, die symbolisch für den mit Gott geschlossenen Bund steht. In neuerer Zeit wird auch der Frau im Judentum mehr Raum zugestanden, so dass man einen neuen Ritus geschaffen hat, bei dem auch die Geburt eines Mädchens gefeiert wird.

Mit Vollendung des 13. Lebensjahres feiern die Jungen BarMizwa, wodurch sie ein vollwertiges Mitglied der religiösen Gemeinschaft werden.

Jüdische Feste

Das jüdische Jahr beginnt jeweils im September mit dem Monat Tischri. Daran schließen sich die Monate Cheschwan, Kislev, Tewet, Schewat, Adar I + II, Nisan, Ijar, Siwan, Tammus, Aw und Elul an.

Man kann die jüdischen Feste in zwei große Kategorien einteilen:

Feste und Gedenktage mit jeweils unterschiedlichem - freudigem oder ernstem - Charakter.

Freudige Feste

Pessach/Pascha: Fest der ungesäuerten Brote (Mazzen)/Feier der Gerstenernte; Wallfahrtsfest zur Erinnerung an die Befreiung und den Auszug aus der ägyptischen Gefangenschaft, das über 8 Tage begangen wird.

Sukkot: Laubhüttenfest/Erntefest (Obst und Wein); Wallfahrtsfest zur Erinnerung an die Wüstenwanderung beim Auszug aus Ägypten; ein symbolisches Gedächtnis stellen die Laubhütten (Sukka) dar, in denen während des Festes gemeinsam gegessen, studiert oder gespielt wird.

Schawout: Wochenfest/"Pfingsten"; Fest zum Gedächtnis des Empfangs der Thora am Berg Sinai; Häuser und Synagogen werden mit Zweigen und Blumen geschmückt, die ein Symbol für die Freude über Gottes geoffenbartes Wort sein sollen.

Ernste Feste

Rosch ha-Schana: Neujahrsfest; neuntägiges Fest, das im Zeichen der Besinnung und Einkehr steht.

Jom Kippur: Versöhnungsfest, das 10 Tage nach dem Neujahrsfest begangen wird; an diesem Tag entscheidet sich sowohl die individuelle als auch die gesamtmenschliche Zukunft des kommenden Jahres; die religiösen Rituale - u. a. ganztägiges Fasten - zielen auf eine Versöhnung Gottes mit dem Einzelnen, mit seinem erwählten Volk und mit der gesamten Menschheit.

Freudige Gedenktage

Chanukka: Fest der Tempelweihe oder Lichterfest, das acht Tage vom 25. Kislev bis zum 2. Tevet dauert, und an dem einem Ereignis im Zusammenhang mit dem Makkabäer-Aufstand gedacht wird: Antiochus IV. hatte den Tempel entweiht, indem er ein Götzenbild aufstellen und Schweine hindurch treiben ließ; das Fest gedenkt der Weihe des Tempels nach dem Sieg über Antiochus; charakteristisches Ritual während dieser Tage ist das Entzünden von acht Kerzen, die auf einem besonderen Leuchter nacheinander (jeden Tag eine mehr) angezündet werden.

Purim: Volksfest, bei dem der Rettung des Volkes Israel aus der Hand Hamans durch Königin Esther gedacht wird; das Fest erinnert an Karneval, man trägt Kostüme und Masken.

Traurige Gedenktage

U. a. an die erste und zweite Tempelzerstörung in Jerusalem.

Judentum in Deutschland

Nachdem am Ende des 19. Jahrhunderts noch fast 90 % aller Juden in Europa lebten, haben die Pogrome in Russland und im nationalsozialistischen Deutschland diesen Bestand stark reduziert. In Deutschland leben heute etwa 140 000 Juden, u. a. in München, Berlin, Bremen, Frankfurt, Hamburg, Köln, die in Gemeinden und Landesverbänden organisiert sind. Zentrale Anlaufstelle ist der Zentralrat der Juden.