21.05.2015
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Mikrokredite und dunkle Materie

Die Nobelpreise 2006

Der Nobelpreis wird nur in den Fachgebieten verliehen, die der Stifter Alfred Nobel (1833-1896) selbst ausgewählt hat. Ausnahme: Seit 1969 wird auch ein Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften verliehen. Die Höhe der Auszeichnung richtet sich nach dem jeweiligen Zinsertrag der Nobel-Stiftung. Die Bekanntgabe der Preise findet traditionell Anfang bis Mitte Oktober statt, verliehen werden sie in Stockholm bzw. Oslo (Friedensnobelpreis) am 10. Dezember, dem Todestag Nobels.

Friedensnobelpreis 2006

 

Muhammad Yunus und die Grameen-Bank in Bangladesch  (Bangladesch)

 

"für ihre Bemühungen, wirtschaftliche und soziale Entwicklung von unten zu erzeugen"

 

Yunus’ Idee in den 70er Jahren war es, Armen auch ohne finanzielle Sicherheiten Kredite anzubieten. Der Wirtschaftswissenschaftler gründete 1974 die Grameen Bank, weil er beobachtet hatte, dass arme Menschen oft nur wenig Kapital für (relativ) großen Erfolg benötigen - indem sie z. B.Werkzeuge, Tiere oder Rohstoffe mit dem Geld kaufen. Mit diesen bescheidenen Mitteln gelingt es ihnen oft, ihr - meist landwirtschaftlich geprägtes - Leben und das ihrer Familien entscheidend zu verbessern. Ohne Sicherheiten und angesichts hoher Zinsen hätten diese Menschen bei herkömmlichen Banken kaum eine Chance auf Kredit.

Der Gedanke von Mohammed Yunus diente vielen Einrichtungen weltweit als Vorbild, Mikrokredite im Kampf gegen die Armut einzusetzen. Mit dem Geld finanzieren die Darlehensnehmer Projekte wie Hausbau oder Schulbesuch. Im Fall der Grameen-Bank sind die über 6 Millionen aktuellen (2006) Empfänger zu 97% Frauen. Die Rückzahlungsquote der Darlehen liegt bei 99%, die Bank macht Gewinne. Das Nobelpreiskomitee würdigte Yunus und die Bank insofern, als sie durch ihre Kreditpraxis auch Demokratie und Menschenrechte unterstützen.

In Deutschland praktiziert etwa die Stiftung Opportunity International Deutschland (OID) die Vergabe von Kleinkrediten an arme Menschen weltweit, die im herkömmlichen Bankenwesen als nicht kreditwürdig gelten würden. OID-Vorstand Stefan Knüppel: "Eigenverantwortung ist der wichtigste Baustein unserer Arbeit. Wir erleben, wie Menschen, denen sonst niemand etwas zutraut, ihr Leben selbst in die Hand nehmen."

Die Stiftung arbeitet in 26 Entwicklungsländern mit über 860.000 Klienten zusammen. Der duchschnittliche (Erst-)Kredit in Asien, Afrika und Südamerika beträgt 137€. Davon kaufen sich die Kreditnehmer z.B. eine Nähmaschine, investieren in eine Zisterne oder können durch höhere Abnahmemengen beim Großhändler billiger einkaufen. Wichtiger Aspekt: Von den Darlehen profitieren nicht nur die Kreditnehmer im engeren Sinn, sondern zusätzlich fünf bis sieben weitere Familienangehörige. Über die reine Kreditvergabe hinaus bietet OID im Sinne eines ganzheitlichen Ansatzes Schulungen für die Kreditnehmer an - zu wirtschaftlichen Aspekten, aber auch zu Themen wie AIDS-Prävention oder Hygiene. Auch bei OID werden 97% der Kredite zurückgezahlt.

Nobelpreis für Physik 2006

 

John C. Mather/George F. Smoot (USA)

 

“für die Erforschung dunkler Materie und der kosmischen Mikrowellen-Hintergrundstrahlung”

 

Die kosmische Hintergrundstrahlung ist gewissermaßen ein Überbleibsel der Entstehung des Universums vor 13 Milliarden Jahren. Den beiden US-Astrophysikern John C. Mather vom Nasa Goddard Space Flight Center und George F. Smoot von der University of California in Berkeley gelang es, diese Strahlung als Nachhall des Urknalls näher zu erforschen. Eher zufällig entdeckt hatten die kosmische Hintergrundstrahlung bereits 1964 die beiden Physiker Arno Penzias und Robert Woodrow Wilson. Dafür bekamen sie 1978 den Nobelpreis zuerkannt. Mather und Smoot konnten nun mit Hilfe des Satelliten COBE (Cosmic Background Explorer), der am 18. November 1989 in eine Umlaufbahn um die Erde geschossen wurde, die Eigenschaften der Hintergrundstrahlung sehr viel genauer erforschen. Erst dadurch ist die Kosmologie überhaupt zu einer Präzisionswissenschaft geworden.

Nobelpreis für Wirtschaft 2006

 

Edmund S. Phelps (USA)

 

„ für seine Analyse der kurz- und langfristiger Auswirkungen der Wirtschaftspolitik“

 

Der New Yorker Nationalökonom untersucht, wie sich heutige makroökonomische Entscheidungen und Befindlichkeiten für künftige Generationen auswirken werden. Demnach begünstigt etwa eine aktuell niedrige Inflationsrate auch in Zukunft niedrige Preissteigerungen. Der 73-jährige, der wie die meisten Nobelpreisträger für Wirtschaft an einer US-Universität lehrt, bezieht in seine Analysen auch die Erwartungen der Unternehmen und Beschäftigten als eine Variable der tatsächlichen späteren Entwicklung mit ein. Gerade dieser Aspekt schien dem Nobel-Komitee preiswürdig. Aus der Begründung: "Phelps Arbeit hat entscheidend unsere Erkenntnisse über die Funktionsweise von Volkswirtschaften verändert."

 

Nobelpreis für Chemie 2006

 

Roger Kornberg (USA)

 

"für seine Untersuchungen über die molekulare Basis der eukaryotischen Transkription"


Kornberg, der an der Universität Stanford lehrt, befasst sich mit der „Transkription“, also der Art und Weise, wie Lebewesen ihre in der DNA gespeicherten Erbgutinformationen in konkrete Handlungen übertragen. Wie das funktioniert, wie ein Gen auf eine Boten-RNA „übersetzt“ wird, ist schon seit längerem recht gut bekannt – aber nur für Bakterien. Kornberg ist nun einer der Pioniere, die in jahrzehntelanger Kleinarbeit die ungleich kniffligere Transkription bei den Eukaryoten – d.h. bei komplexeren Organismen wie denen von Tieren oder Menschen – nachgezeichnet hat.

 

Nobelpreis für Medizin 2006

 

Andrew Z. Fire/Craig C. Mello (USA)

 

für ihre Entdeckung der RNA-Interferenz- Stillegung von Genen durch doppelsträngige RNA“

 

Die beiden Genetiker erhalten den Preis für die Entdeckung der RNA-Interferenz (RNAi). Dabei handelt es sich um einen natürlichen Regelmechanismus, mit dem Organismen ihre  Gene gezielt stilllegen können. Mit diesem Mechanismus können Zellen z.B. eindringende Viren abwehren oder krank machende Gene ausschalten. Dank der Forschungen der Nobelpreisträger könnte es möglich werden, solche Effekte gezielt nachzuahmen. Im Tierversuch haben Forscher bereits ein Gen „stillgelegt“, das für einen hohen Cholesterinspiegel verantwortlich ist. Konkret nützlich kann die Entdeckung auch im Zusammenhang mit Hormonstörungen, Krebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen werden. Das Nobelkomitee hob hervor, dass mit dem Verfahren Eingriffe in den Genhaushalt mit den Mitteln der Natur selbst, also ohne genetische Änderungen, möglich werden.

Nobelpreis für Literatur 2006

 

Orhan Pamuk (Türkei)

 

„der auf der Suche nach der melancholischen Seele seiner Heimatstadt neue Symbole für den Zusammenstoß und die Verwobenheit der Kulturen entdeckt hat“

 

Orhan Pamuk hat sich vor allem mit historischen Romanen einen Namen gemacht, in denen er das Mit- und Gegeneinander von Orient und Okzident thematisiert. Im Jahr 2005 wurde er bereits mit dem renommierten Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Pamuk ist der erste türkische Nobelpreisträger.

Orhan Pamuk wurde 1952 in Istanbul geboren und wuchs in einer gutbürgerlichen Familie auf. Er studierte Architektur und Journalismus, bevor er mit 23 Jahren zu schreiben begann. Heute gilt er als einer der bedeutendsten Prosaschriftsteller der jüngeren türkischen Generation. In seinen Werken verbindet er orientalische Erzähltraditionen mit Stilelementen der westlichen Moderne. Ein zentrales Thema ist für Orhan Pamuk die in Vergessenheit geratene mystische Tradition.

Internationale Anerkennung errang Pamuk mit den Werken "Beyaz Kale" (1985, deutsch "Die weiße Festung" 1990), "Kara Kitap" (1990, deutsch "Das schwarze Buch" 1995) und "Yeni Hayat" (1994, deutsch "Das neue Leben" 1998). Für den Künstler- und Kriminalroman "Benim Adim Kirmizi" (1998, deutsch "Rot ist mein Name" 2001), der im 16. Jahrhundert spielt, erhielt Pamuk neben dem hoch dotierten IMPAC-Literaturpreis weitere internationale Auszeichnungen. Sein Roman über den Dichter Ka, "Kar" (2002, deutsch "Schnee" 2005), der in eine verschneite südostanatolische Provinzstadt reist, den Putsch eines Schauspielers miterlebt, die Liebe entdeckt und einen Gedichtzyklus in Form eines Schneekristalls schreibt, wurde von der Kritik hoch gelobt und in der New York Times als das beste ausländische Buch 2004 gefeiert. Seine Werke wurden bislang in 34 Sprachen übersetzt und in über 100 Ländern veröffentlicht.