21.05.2015
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wissen.de Artikel

Von der Sowjetzone zur DDR

Gründung der Deutschen Demokratischen Republik

7. Oktober 1949. Auf seiner neunten Tagung im großen Sitzungssaal der Deutschen Wirtschaftskommission in Berlin (Ost) proklamiert der Deutsche Volksrat die Deutsche Demokratische Republik (DDR). Grundlage für den neuen Staat auf dem Gebiet der sowjetisch besetzten Zone Deutschlands (SBZ) ist die Verfassung vom 30. Mai.

Grotewohl, Otto

Otto Grotewohl (1894-1964), von 1949-1964 Ministerpräsident der DDR

Die Staatsgründung ist eine Reaktion auf die Konstituierung der Bundesrepublik Deutschland in den drei westlichen Besatzungszonen am 7. September, gegen die vor allem die SED heftig protestiert hat. Mit der DDR-Gründung sollen – wie es heißt – die »Grundlage eines neuen, unabhängigen und freien gesamtdeutschen Staates« geschaffen und insbesondere der »Wille des deutschen Volkes zur Wiederherstellung der Einheit und zur Abwehr der vom Westen drohenden Gefahr der Spaltung« vollstreckt werden.

Zuvor hat der Volksrat ein Manifest der Nationalen Front des demokratischen Deutschland angenommen; in diesem Zusammenschluss sollen sich alle »patriotischen Kräfte« sammeln, die sich nachdrücklich für die Wiederherstellung der deutschen Einheit und den Abschluss eines Friedensvertrages einsetzen.

Zugleich mit der Proklamation der DDR beschließt der Volksrat die Schaffung eines provisorischen Parlaments und einer provisorischen Regierung. Das Parlament – die provisorische Volkskammer – wird der Volksrat selbst: Seine Delegierten wurden von den Abgeordneten des Volkskongresses bestimmt, die ihrerseits am 15./16. Mai von der Bevölkerung der sowjetischen Zone gewählt wurden.

Damit wird die Zusammenkunft des Volksrates zur konstituierenden Sitzung der Volkskammer. Deren Abgeordnete wählen Johannes Dieckmann (LDPD) zu ihrem Präsidenten; Stellvertreter werden Hermann Matern (SED), Hugo Hickmann (CDU) und Jonny Löhr (NDPD).

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1949 / Gründung der DDR / Grotewohl und Pieck

1950 / Deutschland Otto Grotewohl (links) gratuliert Pieck zu seiner Wahl zum Präsidenten der Volksrepublik.

Im Anschluss nimmt die Volkskammer drei Gesetze an, mit denen die Bildung des Parlaments und einer Länderkammer – die am 11. Oktober gemeinsam den Präsidenten der DDR wählen werden – sowie der provisorischen Regierung beschlossen werden. Außerdem setzt die Volkskammer die DDR-Verfassung in Kraft.

Mit der Regierungsbildung wird Otto Grotewohl als Vertreter der stärksten Partei der Volkskammer, der SED, beauftragt (12.10.). Die Regierung, der neben dem Ministerpräsidenten drei stellvertretende Ministerpräsidenten und 14 Minister angehören sollen, bleibt bis zu Neuwahlen zur Volkskammer, die für den 15. Oktober 1950 vorgesehen sind, im Amt.

Die Gründung des ostdeutschen Staates löst in Ost und West unterschiedliche Reaktionen aus. Während der sowjetische Staats- und Parteichef Josef W. Stalin in einem Glückwunschtelegramm vom 14. Oktober die Bildung der »Deutschen Demokratischen friedliebenden Republik« als »Wendepunkt in der Geschichte Europas« bezeichnet, nennt der westdeutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer die DDR-Gründung ungesetzlich, da ihr die Legitimation durch das Volk fehle. Er kündigt an, die Bundesrepublik werde »der Ostzonenbevölkerung in ihrem harten Los unter fremder Herrschaft die geistige und moralische Unterstützung« geben, bis eine deutsche Wiedervereinigung möglich sei.

Von der Sowjetzone zum Staat DDR

9. 6. 1945Die Sowjetische Militärverwaltung wird eingesetzt.
14. 7. 1945Die antifaschistisch-demokratischen Parteien bilden eine Einheitsfront.
21./22. 4. 1946Aus KPD und Teilen der SPD entsteht die Sozialistische Einheitspartei (SED).
3.-12. 12. 1946Nach Gemeinde-, Land- und Kreistagswahlen werden Landes- und Provinzialregierungen gebildet.
15. 12. 1947Die Außenminister der vier Besatzungsmächte beenden ihre Konferenz in London ohne Einigung in der Deutschlandfrage.
9. 3. 1948Der Deutsche Wirtschaftsrat übernimmt die zentrale Leitung und Lenkung der Wirtschaft
20. 3. 1948Durch den Auszug der Sowjets aus dem Alliierten Kontrollrat bricht die Viermächteherrschaft in Deutschland auseinander.
24.-28. 6. 1948Die Währung wird umgestellt.
30. 5. 1949Der Volkskongress billigt die Verfassung der DDR.

Pieck und Grotewohl an der DDR-Spitze

1949 / Wilhelm Pieck / DDR

Konstituierende Sitzung der Volkskammer: Wilhelm Pieck

11. Oktober 1949. Per Akklamation wählen Volkskammer und Länderkammer der DDR in einer gemeinsamen Sitzung im ehemaligen Luftfahrtministerium in Berlin (Ost) den 73-jährigen SED-Vorsitzenden Wilhelm Pieck einstimmig zum ersten Präsidenten der Deutschen Demokratischen Republik.

Nach seiner Vereidigung sagt Pieck in einer ersten Ansprache, nur die DDR habe die Legitimation, für das gesamte deutsche Volk zu sprechen, und kündigt an, er wolle nicht eher ruhen, bis die »abgespaltenen, durch das Besatzungsstatut vergewaltigten Teile Deutschlands dem Kernstaat der Deutschen Demokratischen Republik wiedereingegliedert sind«. Die Bevölkerung der Bundesrepublik fordert er auf, offen gegen die Politik der Besatzungsmächte zu opponieren (21.10.).

Der neu gewählte Präsident schreitet beim Verlassen des Gebäudes eine Ehrenkompanie der Volkspolizei ab, die mit umgehängtem Gewehr angetreten ist. Danach fährt er zum August-Bebel-Platz, wo ihn eine jubelnde Menschenmenge empfängt.

Walter Ulbricht / DDR / Politiker

August 1954, Walter Ulbricht, Stellv. Ministerpräsident der DDR und Generalsekretär des Zentralkommitees der kommunistischen Partei, sowie Träger des Karl-Marx-Ordens

Am 12. Oktober bestätigt die Provisorische Volkskammer der DDR die von Otto Grotewohl (SED) vorgelegte Kabinettsliste und damit zugleich die Ernennung Grotewohls zum Ministerpräsidenten. Die Regierung umfasst drei Stellvertreter des Ministerpräsidenten – Walter Ulbricht (SED), Hermann Kastner (LDPD) und Otto Nuschke (CDU) – sowie 14 Ressortminister, von denen sechs der SED, drei der CDU, zwei der Liberal-Demokratischen Partei (LDPD) und je einer der Demokratischen Bauernpartei (DBD) sowie der Nationaldemokratischen Partei (NDPD) angehören. Ein Minister ist parteilos.

In seiner Regierungserklärung vor der Volkskammer legt Grotewohl anschließend ein Sechs-Punkte-Programm vor. Für die Wirtschaftspolitik kündigt er die Schaffung eines wirksameren Wirtschaftsplanes, der 1950 beginnen soll, sowie die Aufhebung der Lebensmittelbewirtschaftung im kommenden Jahr mit Ausnahme von Zucker und Fleisch an. Außenpolitisch will sich die DDR-Regierung an den Richtlinien orientieren, die im Juni 1948 von den Ostblockstaaten auf ihrer Konferenz in Warschau festgelegt wurden. Außerdem sollen die Oder-Neiße-Linie (28.5.) als deutsche Ostgrenze anerkannt und Handelsbeziehungen zur neu gegründeten Volksrepublik China (1.10.) geknüpft werden.

Noch vor der Verkündung des eigenen Programms hat Grotewohl schwere Vorwürfe gegen die »imperialistischen Westmächte und ihre deutschen Handlanger« gerichtet, die Westdeutschland in ein neues »Aufmarschgebiet« verwandeln und die Bevölkerung als »Kanonenfutter« verschachern wollten. Die Bundesregierung in Bonn bezeichnet der DDR-Ministerpräsident als »politischen Wechselbalg«.

Otto GrotewohlWilhelm PieckWalter Ulbricht
geboren 1894, wurde 1912 SPD-Mitglied; von 1918 bis 1922 schloss er sich der aus Protest gegen die Kriegsunterstützung der SPD-Führung entstandenen USPD an. Von 1921 bis 1924 war er Minister in Braunschweig, von 1925 bis 1933 Reichstagsabgeordneter. Obwohl zunächst gegen die Vereinigung mit der KPD, führte Grotewohl die SPD der sowjetischen Zone 1946 zum Zusammenschluss mit den Kommunisten und wurde neben Wilhelm Pieck SED-Vorsitzender.geboren 1876, war ab 1895 SPD-Mitglied, trat im Ersten Weltkrieg der Spartakusgruppe bei und zählte 1919 zu den Mitbegründern der KPD. Von 1928 bis 1933 Reichstagsabgeordneter, musste er vor den Nationalsozialisten fliehen und lebte in Paris und in der Sowjetunion. 1943 war der KPD-Vorsitzende (ab 1935) Mitbegründer des Nationalkomitees Freies Deutschland. Nach der Vereinigung von KPD und SPD zur SED 1946 wurde Pieck neben Otto Grotewohl deren Vorsitzender.geboren 1893, war ab 1912 SPD-Mitglied, trat aber 1919 der KPD bei. Von 1928 bis 1933 war er Mitglied des Reichstags und nahm daneben Aufgaben im Parteiapparat der KPD wahr. 1933 musste er emigrieren. Ulbricht gewann ab 1934 an Einfluss in der KPD und setzte sich u.a. erfolgreich für die Abkehr von deren ultralinkem Kurs ein. Kurz vor Kriegsende kehrte er nach Berlin zurück, wo er ab 1946 als stellvertretender Vorsitzender der SED die Arbeit der Partei entscheidend prägte.

Chronik Jahresband 1949