21.05.2015
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wissen.de Artikel

Learning by Viewing

Im Netz finden sich Erklärvideos jeder Art – von Make-Up-Tipps bis zu Mathevorlesungen

Auf der weltgrößten Videoplattform Youtube wimmelt es nur so von lustigen Katzenvideos und anderen Albernheiten. Doch das ist längst nicht alles. Auch wer etwas fürs Leben lernen will, wird hier fündig: Ob Frisuren oder Make-Ups, Tanzschritte oder Tapeziertechniken, für alles findet man jemanden, der einem im Video zeigt, wie es geht. Die meisten Erklärvideos, häufig „Tutorial“ genannt, sind von Amateuren gedreht. Aber auch der professionelle Lehrbetrieb – von Hausaufgabenhilfe bis Universitäts-Vorlesung – setzt zunehmend auf Internetvideos zur Vermittlung von Wissen.

Vermittlung von Alltagswissen

In der ursprünglichen Version funktionierte die Weitergabe von Wissen so: Der Vater zeigte dem Sohn, wie man Feuer macht und Mammuts erlegt. Und die Mutter erklärte der Tochter wie man Beeren sammelt und Fellbekleidung näht. Seitdem ist die Menschheit auf dem Pfad des Wissens ein gutes Stück vorangekommen, hat Bücher erfunden und Schulen und sogar Universitäten. Doch eines ist geblieben: Am einfachsten lernt man etwas, wenn da jemand ist, der es einem vormacht.

Im Zeitalter des Mitmach-Internets muss dieser jemand längst nicht mehr aus dem eigenen Bekanntenkreis, der eigenen Schule oder der eigenen Stadt kommen. Der Lehrmeister kann vielmehr irgendwo auf dieser Welt sitzen. Solange er das, was er anderen beibringen will, mit einer Videokamera aufnimmt und als E-Learning-Angebot ins Internet hochlädt. Insbesondere seit dem Siegeszug der Videoplattform Youtube boomt weltweit diese moderne Version des steinzeitlichen „Komm, ich zeige dir, wie man Feuer macht“. Nur, dass die Menschen eben heute andere, vielfältige Probleme haben.

Für das Suchwort „Tutorial“ finden sich allein auf Youtube 9,5 Millionen Ergebnisse. Ganz weit vorne ist ein „Barbie Transformational Tutorial“, in dem eine junge Frau sich in acht Minuten und vierzig Sekunden mithilfe von Make-Up, falschen Augenbrauen und viel pinker Farbe in ein Abbild der legendären Plastikspielzeugpuppe verwandelt. 37,5 Millionen Barbiefans wollten das bisher sehen.

 

Von Schminken bis Heimwerken

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Barbie
Schminktipps sind sowieso einer der großen Renner unter den Vormachvideos. Egal, ob verführerische Katzenaugen oder gruseliger Halloween-Look – in rund zehn Minuten Video wird alles gezeigt und erklärt, sodass frau nur noch nachschminken braucht. Passend dazu gibt es jede Menge Video-Anleitungen für aufwendige Frisuren, oder alternativ zum kunstvollen Drapieren eines Kopftuchs.

Aber auch Heimwerker können Youtube & Co. als E-Learning-Plattform nutzen. Wie verlege ich Parkett? Was ist beim Tapezieren zu beachten? Und schaffe ich es, nach Anleitung einen Stuhlhocker selbst zu bauen? Auf dem fertigen Wohnzimmer-Parkett können Sie dann einen flotten Tango hinlegen. Wer die Schrittfolge vergessen hat, lässt sie sich nebenher im Tango-Tutorial vortanzen. Und auch die Küche kann mit Video-Unterstützung eingeweiht werden: Denn anschaulicher als ein Kochbuch ist doch ein Koch, der einem das Essen virtuell vorkocht.

Manche Videos kommen so gut an, dass es ihren Urhebern gelingt, eine treue Fangemeinde um sich zu scharen. Auch unter den Stars der deutschen Youtube-Szene findet sich mit „Herr Tutorial“ – im wahren Leben Sami Slimani aus Stuttgart – ein Videoblogger, der sich auf alltägliche Lebenstipps spezialisiert hat. Seine Geheimtipps gegen Akne, Pickel und nervige Eltern schauen sich regelmäßig Hunderttausende an.

 

E-Learning mit Videos im Bildungssektor

Pickelkuren und erste Küsse dürften für viele Jugendlichen spannende Themen sein. Aber auch Bildung und Wissenschaft – und damit E-Learning im engeren Sinne – erfasst die Onlinevideo-Revolution immer stärker. Schon jetzt gibt es zahlreiche Youtube-Kanäle, auf denen man sich mathematische Operationen vorrechnen lassen kann. Auch für Physik, Englisch oder Latein gibt es Nachhilfe-Videos.

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Loviscach
Richtig spannend wird es im akademischen Bereich. Hier suchen die Universitäten zunehmend nach Möglichkeiten, Vorlesungsvideos auch außerhalb des Hörsaals bereit zu stellen. Einer der Vorreiter in Deutschland ist Jörn Loviscach, Professor für Ingenieurmathematik und technische Informatik an der Fachhochschule Bielefeld. Er stellt seine Vorlesungen schon seit Längerem als Videofilm auf Youtube zur Verfügung. „Wenn es darum geht etwas Tausend Mal zu erklären, und wieder zurückzuspulen, und nochmal zu erklären, dafür sind Videos super. Das können wir ins Internet auslagern“ sagte Loviscach kürzlich in einem – auf Youtube veröffentlichten – Interview. Wenn es nach ihm geht, können die Frontalvorlesungen im Hörsaal dank E-Learning künftig ganz wegfallen. Die gewonnene Zeit will er lieber nutzen, um mit seinen Studenten zu diskutieren und gemeinsam Probleme anzugehen.

An anderen deutschen Universitäten wird ebenfalls mit den neuen Möglichkeiten experimentiert. Nicht nur die Fernuni Hagen, auch die Uni Hamburg, die LMU München und weitere Hochschulen übertragen Vorlesungen ins Internet, häufig über Apples Dienst iTunes. Auf ein neues Level hob das E-Learning im vergangenen Jahr der in den USA lebende deutsche Informatik-Professor Sebastian Thrun. Angespornt vom weltweiten Erfolg seiner im Internet übertragenen Vorlesungsreihe an der Stanford University in Kalifornien, gründete er gemeinsam mit Kollegen „Udacity“ – eine kostenlose Online-Akademie  mit Videos, Diskussionsforen und Verständnistests, aber ohne einen einzigen physischen Hörsaal. Wer die Abschlussprüfung besteht, kann sich sein Zertifikat aus dem Netz herunterladen.

von wissen.de-Autor Daniel Bakir