21.05.2015
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2. März 2007: Milliardenschweres Sanierungsprogramm bei der Bahn

von Michael Lambert, Gütersloh

Eine alte Weisheit besagt: Nur wer etwas wirklich liebt, kritisiert. Demzufolge bekenne ich, die Bahn ist besser als ihr Ruf, doch noch lange nicht so gut, wie sie gerne vorgibt zu sein. Aufgrund guter Bahn-Erfahrungen entschlossen wir uns im Sommer 2006 mit dem Autoreisezug von Neu-Isenburg nach Italien zu verreisen. Bahnreise mit Auto und Übernachtung. Die Werbebotschaften der Bahn waren eindeutig: Ein entspanntes Paar auf einem geräumigen Bett mit einem Glas Wein auf dem Weg in den Traumurlaub.

Weil wir es richtig schön haben wollten, gönnten wir uns ein Schlafwagenabteil für uns alleine mit Frühstück zum Preis einer einwöchigen Pauschalreise in südlichen Gefilden. Für deutlich mehr als 1000 € erhielten wir eine Zeitreise der besonderen Art – ein Angebot, das die Bahn gar nicht gemacht hatte.

Bahnhof Neu-Isenburg – Vorstadtghetto von Frankfurt, eine Gegend, in die man sich nach Sonnenuntergang nicht ohne Begleitschutz oder Bewaffnung begeben sollte. Hier liegt der Verladebahnhof des Autoreisezugs. Abfahrt 18.00 Uhr im Juli, also noch im Hellen. Vor dem Bahnhof eine Schlange von prall gefüllten Urlaubskarossen in der Sonne. Keine Unterstellmöglichkeiten und die einzige Aufenthaltsmöglichkeit, eine Bahnhofsgaststätte, die zum letzten Mal in den 60er Jahren einen Anstrich genossen hat und damals vermutlich schon nicht das hatte, was man heute Charme nennt. Retro pur unter aggressiv neidischen Blicken von multinationalen Jugendgangs.

Dann das Verladen der Autos – gut organisiert unter den lautstarken Kommandos einen ehemaligen Offiziers in Bundesbahnuniform. Schnell, effizient und als Kunde merkt man gleich, Verhandlungen über individuelle Regelungen zwecklos.

Wir waren gespannt auf unser Abteil. Es war modern und zweckmäßig und relativ neu. Die Größe lag deutlich unter dem Platz einer Einzelzelle in Stuttgart-Stammheim. Unsere Bleibe für die nächsten zwölf Stunden. Wir suchten die Perspektive des Werbeplakats und kamen zu dem Schluss, dass die Bahn für dieses Foto das Schlafwagenabteil in einem Fotostudio aufgenommen haben muss. Dabei musste das Abteil originalgetreu aber in fünffacher Vergrößerung und ohne eine Längswand aufgebaut worden sein, so dass der Fotograf genügend Abstand zum kuschelnden Paar auf Pritsche halten konnte. Nun gut, es war ja nur die Fahrt zum Urlaubsort.

Das krönende Erlebnis der Fahrt sollte aber noch kommen – der Speisewagen.

Wir waren froh, uns die Beine vertreten zu können, als wir zum Abendessen in den Speisewagen gingen. Drei Waggons und dann kam ein Zeitsprung um 30 Jahre. Wochen nach unserem Urlaub entdeckten wir eben diesen Speisewagentyp in einer Ausgabe eines namhaften deutschen Food-Magazins aus dem Jahr 1975. Plüschige Sitze, die einmal rot gewesen sein mussten, laminatverklebte Holzflächen, die an den Kanten so ausgefranst sind wie abgekaute Fingernägel, und Tischtücher, die Clementine mit keinem Waschmittel der Welt mehr fleckenfrei bekommen hätte. Der Duft des Speisewagens verriet, dass hier schon Generationen von Reisenden Nürnberger Rostbratwürstchen mit Kraut, Gulaschsuppe und Heißwürstchen mit Kartoffelsalat verspeist hatten. Es war ein wirkliches Erlebnis, hier zu sitzen, eine traumhafte Landschaft an sich vorbeiziehen zu sehen und daran zu denken, dass bereits unsere Eltern und Großeltern hier gesessen haben könnten.

Der Schlaf in unserem Schlafwagenabteil war kurz und wenig erholsam, da hier ein Innenarchitekt offenbar übersehen hatte, dass es nicht nur Bahnkunden gibt, die unter 1,60m groß sind.

Alles in allem ein Erlebnis der besonderen Art. Dennoch hatten wir von der Bahn als modernem Reiseunternehmen erwartet, dass sie die Vorzüge ihres Angebotes angemessen bewirbt. Hier sollte die Bahn ihr Geld bzw. mehr Geld investieren, um ihren Kunden wirklich klar zu machen, was das Besondere an ihrem Angebot ist. Statt Allerweltsfloskeln wie „Rollendes Hotelzimmer“, „höchster Komfort“ oder „traumhaftes Ambiente“ zu verwenden wäre der „Reisen Sie mit unserer Zeitmaschine – dem Autoreisezug – wie Oma und Opa“ aufregender, anregender, animierender und ehrlicher.