30.08.2017
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Hadsch: Auf Pilgerfahrt nach Mekka

Die rituelle Reise nach Mekka ist für Muslime heilige Pflicht und spirituelles Abenteuer zugleich. Ein Pilger berichtet.

Fast drei Millionen Muslime aus aller Welt pilgern jedes Jahr im islamischen Monat Dhu l-hidscha nach Mekka, die heiligste aller islamischen Stätten, um die fast 1400 Jahre alten religiösen Rituale des Hadsch zu vollziehen. Kostspielig und strapaziös ist die islamische Pilgerfahrt, aber die spirituelle Erfahrung prägt die Gläubigen über Jahre.

Die lange Reise nach Mekka

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Zur Zeltstadt oder zur Steinigung des Teufels?

Straßenschilder und Piktogramme leiten die Pilgerströme in Saudi-Arabien

Die Millionenstadt Mekka ist von Wüste umgeben, selbst in den Wintermonaten steigt die Temperatur am Tag auf 30 Grad – ein unwirtlicher Ort. Trotzdem treten jedes Jahr Millionen Muslime von weither die Reise nach Mekka an, viele von ihnen haben Jahre dafür gespart. Die Pilgerfahrt nach Mekka ist eine der fünf Grundpflichten des Islam: Jeder erwachsene Muslim soll sie mindestens einmal im Leben erfüllen, sofern es seine Lebensumstände erlauben.

Rund 3.500 Euro kostet die Pilgerreise von Deutschland aus, zwischen zwei und vier Wochen halten sich die Gläubigen in Saudi-Arabien auf. Wer sich für die längere Variante entscheidet, verbringt nach dem eigentlichen Hadsch in der Region um Mekka noch einige Tage in Medina, der zweitheiligsten Stadt im Islam.

Ali Özgür Özdil hat seine religiöse Pflicht bereits erfüllt. Özdil ist nicht nur gläubiger Muslim, sondern zugleich Islamwissenschaftler. Er leitet in Hamburg das Islamische Bildungs- und Wissenschaftsinstitut, entwickelt religionspädagogische Konzepte und organisiert Moscheeführungen. „Ich trug den Wunsch zum Hadsch schon lange in mir, und viele Imame hatten mir dazu geraten, um meinen Glauben zu vervollkommnen“, blickt er zurück. 2007 war es endlich so weit. Als Özdil nach 33 Stunden Reise über Hamburg, Frankfurt, Istanbul und Dschidda die heilige Stadt Mekka betritt, fühlt er sich „fix und fertig“. Trotzdem macht er sich zusammen mit seiner Frau und anderen Pilgern seiner 200-köpfigen Reisegruppe nach kurzer Rast direkt auf den Weg zur Kaaba.

Bereits in Istanbul sind die Reisenden nach einer rituellen Waschung in den „Ihram“ eigetreten, den Weihezustand des Hadsch, und haben die Pilgerkleidung angelegt: zwei ungesäumte weiße Baumwolltücher und offene Sandalen für die Männer, für die Frauen gilt nur die Vorschrift, Gesicht und Hände unbedeckt zu lassen. Im Ihram dürfen die Pilger keine Tiere töten, sich keine Körperhaare entfernen, kein Parfüm benutzen, und auch Sex und Fluchen sind verboten.

 

Im Zentrum des Islam: die Kaaba

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Die Kaaba in Mekka

Auf drei Ebenen umrunden die Pilger das geografische Zentrum des Islam

Die Kaaba, ein würfelförmiges Gebäude im Hof der riesigen Al-Haram-Moschee in Mekka, ist buchstäblich das geografische Zentrum des Islam. Es gibt die Gebetsrichtung für die Muslime auf der ganzen Welt vor. Der Koran berichtet, dass Adam – der im Islam als Prophet gilt – die Kaaba als erstes Gotteshaus errichtet hat. Nachdem sie jahrelang verschollen war, soll der Prophet Ibrahim – der biblische Abraham – sie zusammen mit seinem Sohn Ismail wieder aufgebaut haben.

„Ich war so neugierig darauf, die Kaaba zu sehen!“, erinnert sich Özdil. „Man hatte uns gesagt, dass wir sie aus der Entfernung noch nicht anschauen sollen, sondern den Blick gesenkt halten, bis wir davor stehen, und dann aufblicken und ein Gebet sprechen. Ich muss gestehen, ich war so neugierig, dass ich vorher schon geguckt habe“, bekennt Özdil. Bei der Kaaba beginnt das erste Hadsch-Ritual, der Tawaf: Siebenmal umkreisen die Pilger die Kaaba gegen den Uhrzeigersinn. Startpunkt ist die die Ostecke der Kaaba, an der der berühmte schwarze Stein angebracht ist. Genau wie die Kaaba galt er bereits in vorislamischer Zeit als Heiligtum, heute ist er in verschiedene Fragmente zerbrochen. Obwohl es nicht Teil der Hadsch ist, versuchen viele Pilger, den Stein zu berühren oder zu küssen – je näher an der Kaaba, desto dichter ist das Gedränge. Wer es ruhiger mag, zieht weitere Kreise im Innenhof oder führt den Tawaf auf den offenen Etagen der umgebenden Gebäude aus. „Am besten ist es ganz oben“, rät Özdil. „Da läuft man zwar insgesamt sieben Kilometer, aber es gibt kein Gedränge. Auch die Rollstuhlfahrer sind da unterwegs.“

Nach dem Tawaf begeben sich die Pilger zu den 100 Meter von der Kaaba entfernt liegenden Hügeln Safa und Marwa. Siebenmal laufen die Pilger zwischen ihnen hin und her. Dem Ritual liegt die Geschichte von Ismails Mutter Hagar zugrunde, wie sie der Koran erzählt: Als Hagar auf der Suche nach Wasser verzweifelt zwischen den beiden Hügel hin und her lief, ließ Gott zu ihrer Rettung Wasser aus dem Boden sprudeln – die Quelle Zamzam. Ihr Wasser begleitet die Pilger während des gesamten Hadsch.

 

Teil 2 des Hadsch: Von Mekka nach Mina, Arafat und Muzdalifa

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Ali Özgür Özdil 2007 vor der Zeltstadt in Mina

Tausende von Zelten stehen bereit, um die weißgekleideten Pilger zu beherbergen.

Am folgenden Morgen führt der Weg die Pilger in die Mina-Ebene, die sich während des Hadsch in eine gigantische Zeltstadt verwandelt. Özdil steigt am Abend mit ein paar Mitreisenden auf einen kleinen Hügel. „Das war für mich das beeindruckendste Erlebnis während des gesamten Hadsch: die vielen Zelte, die um die Hügel herum standen, und dann der Sonnenuntergang und das Abendgebet auf dem Berg.“

Elf Kilometer durch die Wüstenlandschaft bis zum Berg Arafat – der nächste Tag beginnt mit einem langen Fußmarsch. Als Strapaze empfindet Özdil die Wanderung aber nicht: „Man sieht bis zum Horizont Millionen Menschen in weiß, die einen ziehen einen sozusagen und die anderen schieben. Man geht einfach mit dem Strom mit, unterhält sich, lernt die Leute in seiner Gruppe kennen.“

Am Arafat-Berg angekommen, sucht sich jeder Pilger einen ruhigen Ort. „Die Aufgabe besteht darin, bis zum Sonnenuntergang zu beten“, erklärt Özdil. „Man soll sich bewusst werden, welche Sünden man im bisherigen Leben begangen hat. Arafat heißt auf Arabisch Erkenntnis – man soll hier erkennen, warum man überhaupt dort ist.“

Nach Sonnenuntergang fahren die Pilger in die Ebene Muzdalifa weiter. Im Schein der Straßenlaternen sammelt jeder 49 Kieselsteine, übernachtet wird auf einfachen Matten unter freiem Himmel. Nach dem Frühstück treten sie den Rückweg in die Mina-Ebena an, um dort auf der Dschamarat-Brücke symbolisch den Teufel zu steinigen – wie Ibrahim, der hier laut der islamischen Tradition der Versuchung durch den Teufel widerstanden hat. Für die Pilger ist das Steinewerfen ein Akt der Selbstreinigung. „Der Teufel steht für das Böse in mir selbst“, erläutert Özdil.

Einst ein Engpass, der zu verschiedenen Massenpaniken mit mehreren Hundert Toten während des Hadsch geführt hat, wurde die alte Dschamarat-Brücke 2006 abgerissen und durch ein fünfstöckiges Bauwerk ersetzt. 250.000 Pilger pro Stunde können seit der Fertigstellung 2009 das Ritual vollziehen. Drei Tage hintereinander kehren die Pilger an die Brücke zurück, dann sind alle Steine aufgebraucht. Mit dem anschließenden Schlachten eines Opfertiers endet der Hadsch. „Man schlachtet es natürlich nicht selbst“, erzählt Özdil. „Man bezahlt für das Tier, den Rest erledigt eine Schlachterei. Man wird informiert, wenn das geschehen ist. Dann weiß man: Ich habe meinen Hadsch vollendet.“

 

Der Höhepunkt des Hadsch: Das Opferfest Id al-adha

Nicht nur für die Pilger in Mekka, auch für die Muslime überall auf der Welt hat der Tag besondere Bedeutung: Mit dem Opfer am zehnten Tag des Pilgermonats beginnt das islamische Opferfest, das höchste Fest der Muslime. Vier Tage lang gedenken sie der Bereitschaft Ibrahims, seinen Sohn Ismail zu opfern – etwas anders als in der Bibel, in der Gott Abraham aufträgt, seinen anderen Sohn Isaak zu opfern. Die Geschichte endet in beiden Religionen gleich: Gott belohnt Ibrahims/Abrahams Bereitschaft zu dem schweren Opfer, indem er den Sohn verschont. Stattdessen wird ein Tier geopfert.

 

Logistischer Aufwand der Superlative

Damit fast drei Millionen Pilger im Jahr ihrer religiösen Pflicht nachkommen können, betreibt die Regierung Saudi-Arabiens einen enormen Aufwand. Ein eigenes Hadsch-Ministerium in dem tourismusscheuen Land arbeitet mit zertifizierten Hadsch-Reiseveranstaltern in allen Ländern zusammen, um Visa für die Pilger auszustellen, Zelte, Essen und Wasser bereitzustellen, und für einen sicheren Aufenthalt zu sorgen. „Wir haben zu keiner Zeit Angst gehabt, alle waren sehr friedlich. Auch die Reisegruppen geben mit ihren Fahnen und Megafonen Sicherheit und Orientierung“, erinnert sich Özdil.

Als entspannter allerdings hat der Islamwissenschafler die Umra in Erinnerung, die „kleine Pilgerfahrt“, die Muslime im Gegensatz zum Hadsch das ganze Jahr über machen können. Zweimal ist er nach seinem Hadsch zur Umra nach Saudi-Arabien zurückgekehrt. „Ein Aufenthalt in Mina ist während der Umra nicht vorgesehen und der Berg Arafat ist nur ein Ausflugsziel, das ist schon ein Unterschied“, erklärt Özdil. „Dafür ist man entspannter, weil der Zeitdruck geringer ist. So kann man viel mehr lernen und verstehen.“ Trotzdem möchte es Özdil es nicht mit einem einzigen Hadsch bewenden lassen – 2013 will er sich wieder auf die große Pilgerfahrt nach Mekka begeben.

von wissen.de-Redakteurin Alexandra Mankarios