21.05.2015
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Das letzte Flugblatt

"Auf uns sieht das deutsche Volk!"

Das sechste Flugblatt der Münchner Widerstandsgruppe "Weiße Rose" basiert weitgehend auf einem Entwurf von Dr. Kurt Huber, Professor für Musikwissenschaften und Psychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Hans und Sophie Scholl legen die Flugblätter am Morgen des 18. Februar 1943 an der Universität aus. Da sie am Schluss noch einige Flugblätter übrig haben, wirft Sophie diese vom zweiten Stock des Hauptgebäudes über die Brüstung in den Lichthof der Münchner Universität. Dabei werden die Geschwister Scholl von Hörsaaldiener Jakob Schmid beobachtet, der sie festhält und umgehend die Gestapo benachrichtigt. Am 22. Februar werden die beiden Geschwister im Alter von 24 bzw. 21 Jahren zum Tode verurteilt und noch am selben Nachmittag hingerichtet. Ebenso ihr Freund Christoph Probst, 23 Jahre alt. Im April werden Kurt Huber, Alexander Schmorell und Wilhelm Graf ebenfalls zum Tode verurteilt. Nach dem Tod der Mitglieder gelangt das letzte Flugblatt über Skandinavien nach England - und wird als "Manifest der Münchner Studenten" im Herbst 1943 von britischen Flugzeugen über Deutschland abgeworfen. Hier ein Auszug aus dem letzten Flugblatt.

Kommilitonen! Kommilitoninnen!

Manifest der Münchner Studenten

Nach der Ermordnung der Mitglieder der Weißen Rose gelangt das letzte Flugblatt über Skandinavien nach England - und wird als "Manifest der Münchner Studenten" im Herbst 1943 von britischen Flugzeugen über Deutschland abgeworfen.

Erschüttert steht unser Volk vor dem Untergang der Männer von Stalingrad. Dreihundertdreißigtausend deutsche Männer hat die geniale Strategie des Weltkriegsgefreiten [Hitler] sinn- und verantwortungslos in Tod und Verderben gehetzt. Führer, wir danken dir.

Es gärt im deutschen Volk: Wollen wir weiter einem Dilettanten das Schicksal unserer Armeen anvertrauen? Wollen wir den niederen Machtinstinkten einer Parteiclique den Rest der deutschen Jugend opfern? Nimmermehr! Der Tag der Abrechnung ist gekommen, der Abrechnung der deutschen Jugend mit der verabscheuungswürdigsten Tyrannis, die unser Volk je erduldet hat. Im Namen der deutschen Jugend fordern wir vom Staat Adolf Hitlers die persönliche Freiheit, das kostbarste Gut des Deutschen zurück, um das er uns in der erbärmlichsten Weise betrogen hat.

In einem Staat rücksichtsloser Knebelung jeder freien Meinungsäußerung sind wir aufgewachsen. HJ, SA, SS haben uns in den fruchtbarsten Bildungsjahren unseres Lebens zu uniformieren, zu revolutionieren, zu narkotisieren versucht. "Weltanschauliche Schulung" hieß die verächtliche Methode, das aufkeimende Selbstdenken in einem Nebel leerer Phrasen zu ersticken. Eine Führerauslese, wie sie teuflischer und bornierter zugleich nicht gedacht werden kann, zieht ihre künftigen Parteibonzen auf Ordensburgen zu gottlosen, schamlosen und gewissenlosen Ausbeutern und Mordbuben heran, zur blinden, stupiden Führergefolgschaft.

Wir "Arbeiter des Geistes" wären gerade recht, dieser neuen Herrenschicht den Knüppel zu machen.

Frontkämpfer werden von Studentenführern und Gauleiteraspiranten wie Schuljungen gemaßregelt, Gauleiter greifen mit geilen Späßen den Studentinnen an die Ehre. Deutsche Studentinnen haben an der Münchner Hochschule auf die Besudelung ihrer Ehre eine würdige Antwort gegeben, deutsche Studenten haben sich für ihre Kameradinnen eingesetzt und standgehalten… Das ist ein Anfang zur Erkämpfung unserer freien Selbstbestimmung, ohne die geistige Werte nicht geschaffen werden können. Unser Dank gilt den tapferen Kameradinnen und Kameraden, die mit leuchtendem Beispiel vorangegangen sind!

Es gibt für uns nur eine Parole: Kampf gegen die Partei!

Heraus aus den Parteigliederungen, in denen man uns weiter politisch mundtot halten will! Heraus aus den Hörsälen der SS-Unter- und -Oberführer und Parteikriecher! Es geht uns um wahre Wissenschaft und echte Geistesfreiheit! Kein Drohmittel kann uns schrecken, auch nicht die Schließung unserer Hochschulen. Es gilt den Kampf jedes Einzelnen von uns um unsere Zukunft, unsere Freiheit und Ehre in einem seiner sittlichen Verantwortung bewussten Staatswesen.

Freiheit und Ehre! Zehn lange Jahre haben Hitler und seine Genossen die beiden herrlichen deutschen Worte bis zum Ekel ausgequetscht, abgedroschen, verdreht, wie es nur Dilettanten vermögen, die die höchsten Werte einer Nation vor die Säue werfen. Was ihnen Freiheit und Ehre gilt, haben sie in zehn Jahren der Zerstörung aller materiellen und geistigen Freiheit, aller sittlichen Substanzen im deutschen Volk genugsam gezeigt… Der deutsche Name bleibt für immer geschändet, wenn nicht die deutsche Jugend endlich aufsteht, rächt und sühnt zugleich, ihre Peiniger zerschmettert und ein neues geistiges Europa aufrichtet.

Studentinnen! Studenten! Auf uns sieht das deutsche Volk! Von uns erwartet es … die Brechung des nationalsozialistischen Terrors aus der Macht des Geistes. Beresina und Stalingrad flammen im Osten auf, die Toten von Stalingrad beschwören uns!

"Frisch auf mein Volk, die Flammenzeichen rauchen!" Unser Volk steht im Aufbruch gegen die Verknechtung Europas durch den Nationalsozialismus, im neuen gläubigen Durchbruch von Freiheit und Ehre."

Quelle: Chronik-Redaktion (Hervorhebungen durch die wissen.de Redaktion)