21.05.2015
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Alles Quak!?

Die Redensart "Sei kein Frosch" hat wohl jeder schon einmal gehört, genauso wie das Märchen vom "Froschkönig", das noch immer gern erzählt wird. Was hat es also mit dem Frosch auf sich, der leibhaftig nicht nur im Terrarium, sondern auch auf dem Land noch immer in jedem stehenden Gewässer anzutreffen ist?

Ein Blick in die Biologie

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Kaulquappe eines Froschs: Die Umwandlung setzt ein
Frösche werden den Froschlurchen und damit den Amphibien zugerechnet, die mit Ausnahme der Antarktis jeden Kontinent dieses Planeten bewohnen. Sie benötigen feuchte Gegenden, da sie als Larven im Wasser leben und erst nach der Metamorphose – einer Gestaltsumwandlung – auf das Land ziehen. Dabei bleiben sie aber stets in der Nähe von Gewässern, wo sie auch ihre Beute fangen. Frösche haben große Augen mit waagerecht stehenden, ovalen Pupillen, eine leicht spitz verlaufende Schnauze und auffällig lange Hinterbeine, die sie zu kräftigen Sprüngen befähigen. Zwischen den Zehen der Hinterfüße wachsen ihnen meistens Schwimmhäute, die ihnen beim Aufenthalt im Wasser von großem Vorteil sind. Klimatisch bevorzugen Frösche gemäßigte bis tropische Zonen; zurzeit sind etwa 260 Arten von ihnen nachgewiesen - Tendenz steigend -, wobei die größte Vielfalt in Südamerika zu finden ist. In Europa unterscheidet man Gras- oder Wasserfrösche von den so genannten Braunfröschen, die sich jeweils in weitere Arten untergliedern. Die Männchen besitzen fast immer Schallblasen, die für die charakteristischen Rufe während der Paarungszeit verantwortlich sind.

 

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Pfeilgiftfrosch: giftige Sekrete
Eine ungewöhnliche Unterart sind die südamerikanischen Baumsteigerfrösche, die auch Pfeilgiftfrösche genannt werden, da ihre toxischen Substanzen den indianischen Einwohnern zum Präparieren ihrer Waffen dienen. Sie sind nach der Krustenanemone die zweitgiftigste Tierart der Welt. Das Gift wird durch die Haut ausgeschieden und führt durch Muskel- und Atemlähmung zum Tod anderer Lebewesen, wenn es in deren Blutbahn gelangt. Allerdings produzieren die Regenwaldbewohner das Gift nicht selbst, sondern nehmen es durch die Nahrung zu sich, so dass in Gefangenschaft geborene Tiere diese Eigenschaft verlieren. Wegen ihrer auffälligen bunten Körperfärbung, die Fressfeinde abschrecken soll, sind sie bei Terrarienbesitzern sehr beliebt.

 

Kulinarische Perspektive

Frösche werden in Deutschland wenig gegessen und schon gar nicht gejagt oder gezüchtet; die jährliche Importmenge liegt bei etwa 11 Tonnen. Das ist sehr wenig im Vergleich zu dem Bedarf in Frankreich, der sich auf etwa 170 t pro Jahr beläuft. Tatsächlich hat in Ländern wie der Schweiz und Portugal der Frosch eine erheblich größere Bedeutung auf der Speisekarte als in Deutschland. Vor allem aber wird er in der Karibik, in Asien und Afrika verzehrt, wo er als Delikatesse gilt. Dies betrifft nicht nur die Froschschenkel, die für gewöhnlich in Europa serviert werden, sondern auch den ganzen Körper, der – säuberlich ausgenommen und gereinigt – mit Schweinefleisch gefüllt und dann als Ganzes gebraten wird. Dies ist z.B. auf den Philippinen und in Kambodscha der Fall. – Übrigens sollen Froschschenkel ein bisschen nach Hühnchenfleisch schmecken.

 

Der Frosch im Märchen

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Prinz? Oder doch nicht?
Frösche erfreuen sich im Märchen einer gewissen Beliebtheit, wenn auch eher im negativen Sinn. Am bekanntesten ist noch immer "Der Froschkönig", mit dem die Gebrüder Grimm 1812 ihre Sammlung von "Kinder- und Hausmärchen" eröffneten. Einer Prinzessin fällt ihre goldene Kugel beim Spiel in den Brunnen, woraufhin ein Frosch anbietet, ihr zu helfen. Allerdings besteht sein Lohn darin, ihre Spielkameradin zu werden, und das Mädchen muss Tisch und Bett mit ihm teilen. Die Prinzessin willigt zunächst ein, doch als sie die Kugel erhalten hat, läuft sie davon. Der Frosch verfolgt sie, bis sich das Mädchen auf Drängen ihres Vaters zu ihrem Versprechen bekennt. Gemeinsame Mahlzeiten mögen angehen, doch als der Frosch einfordert, ihn mit in ihr Bett zu nehmen, ist die Abscheu der Prinzessin so groß, dass sie das Tier an die Wand wirft. Im gleichen Augenblick verwandelt sich der Frosch in einen Prinzen. Nach dem Willen ihres Vaters führt er die Königstochter als seine Gemahlin in einer Kutsche in sein Königreich. Doch die Geschichte hat noch eine Pointe. Denn während der Fahrt springen die drei eisernen Bande entzwei, die sich Heinrich, der treue Diener des jungen Königs, um sein Herz hatte legen lassen, als sein Herr in einen Frosch verwandelt worden war. So wird mit dem Prinzen auch der "Eiserne Heinrich" erlöst.

 

Die Bedeutung des Märchen ist vielfach interpretiert worden und wird zumeist als Initiationsgeschichte gelesen, in der ein sexuell unerfahrenes Mädchen ihre Angst vor dem zunächst als negativ empfundenen anderen Geschlecht überwindet und ins Erwachsenenleben aufbricht. Doch auch der Prozess der Entzauberung, der zuvor verborgene Bedeutungsschichten freisetzt, spielt eine Rolle und lässt sich so in der Psychoanalyse wiederfinden. – Weitere Märchen mit Fröschen sind "Die Froschkönigin", in dem der Sohn eines Zaren keine Frau findet und einen Frosch heiratet, der sich jedoch als verzauberte Jungfrau entpuppt, und das ähnlich gelagerte "Die Froschprinzessin", in der ein Königssohn einen Frosch heiratet und erst später erkennt, das es sich um eine verwunschene Prinzessin handelt. In beiden Fällen wird auf innere Werte abgezielt bzw. darauf aufmerksam gemacht, dass Äußerlichkeiten nicht alles sind.

 

 

Der Frosch im Alltag

Auch wenn Frösche in Großstädten nicht immer zur Hand sind, haben sie sich längst einen Platz in der deutschen Sprache erobert. "Sei kein Frosch" ist eine freundliche Aufforderung, nicht zurückhaltend oder gar schüchtern zu sein, und spielt auf die scheue Lebensweise der Frösche an, die bei Annäherung verstummen und mitunter auch davonspringen. Auch gibt es immer wieder Anspielungen auf den "Froschkönig", meist mit der indirekten Aufforderung verbunden, den betreffenden "Frosch" doch bitteschön "wach zu küssen". So gesehen sind die Frösche tagtäglich unter uns.

 

 

 

von Dr. Kai U. Jürgens