21.05.2015
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wissen.de Artikel

"Wer sagt denn, dass ich leide?"

Stefanie Ritzmann: Leben mit Contergan

Stefanie Ritzmann liebt das Leben. Mit allen Höhen und Tiefen. Es hat doch so viel Schönes zu bieten, sagt die 51-Jährige. Und vor dieser Schönheit die Augen zu verschließen und sich als Opfer zu fühlen, das sei doch dumm. Stefanie Ritzmann ist an einem Schalttag auf die Welt gekommen, dem 29. Februar 1960. Mit viel zu kurzen Beinen und Armen, ohne Ellenbogen und ohne Daumen. Ihre Mutter hatte während der Schwangerschaft das neue Beruhigungsmittel Contergan eingenommen. Sie war 21 und mit der Situation völlign überfordert. Nur wenige Tage nach der Geburt kam Stefanie in ein Säuglingsheim. "Meine Eltern waren nicht in der Lage, mich bei sich aufzunehmen", erklärt die Karlsruherin ohne Bitterkeit. Bitterkeit kommt während des gesamten Interviews über ein Leben mit Contergan, über das Anderssein, die Folgeschäden, über das Unternehmen Grünenthal kein einziges Mal auf. Nur auf die Frage, ob es überhaupt eine Geldsumme gebe, die für das Leid entschädigen könnte, wird Stefanie Ritzmann kurz heftig: "Wer sagt denn, dass ich leide?"

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"Auf Kosten unserer Seele"

wissen.de: Am 27. November 1961 hat die Firma Grünenthal das Beruhigungsmittel Contergan vom Markt genommen. Zuvor hatten Tausende von Müttern in Deutschland schwer behinderte Kinder auf die Welt gebracht. Haben Sie Ihrer Mutter jemals einen Vorwurf gemacht, dass sie die Tabletten genommen hat?

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Stefanie Ritzmann: eine geborene Optimistin
Stefanie Ritzmann: Nein, nie. Sie konnte ja nicht wissen, was der Wirkstoff Thalidomid für Konsequenzen haben würde. Sie tat mir sogar irgendwie leid. Als damals vor 50 Jahren die contergangeschädigten Kinder auf die Welt kamen, gab es kaum Hilfen, kaum Unterstützung, wohin die Eltern sich hätten wenden können. Es gab ja noch gar keine Erfahrungswerte mit körperbehinderten Menschen in der Masse. Und so haben mich meine Eltern kurz nach der Geburt weggeben, obwohl ich ein Wunschkind war und sie sich sehr auf mich gefreut hatten.

wissen.de: Der Pharmakonzern Grünenthal hat die starke Körperbehinderung und gravierende organische Schäden bei Tausendenen von Menschen verursacht. Viele Babys sind gleich nach der Geburt gestorben, weil sie nicht lebensfähig waren. Einige erwachsene Contergangeschädigte haben Selbstmord begangen. Auch für Ihre starke körperliche Behinderung ist Grünenthal verantwortlich. Welche Haltung haben Sie gegenüber dem Konzern?

Ritzmann: Ich habe keine wirkliche Haltung dem Konzern gegenüber. Ich weiß, dass er der Erfinder von Contergan ist und dass wegen dieser Erfindung viele Menschen mit einer Körperbehinderung leben müssen. Aber vielleicht kann man die Frage aus Sicht einer Gläubigen - und ich habe einen starken christlichen Glauben - beantworten. Vielleicht sollten wir geboren werden, damit es nach uns geborene Behinderte leichter haben. Es wurde ja mit uns viel experimentiert, da wurden Prothesen probiert, auch unter Zwang und Schmerzen, und wieder weggeschmissen und wieder neue ausprobiert. Letztendlich wurden viele Erfahrungen gesammelt, wenn auch auf Kosten unserer Seele.

Bedeutet Contergan eine Art von Freiheitsberaubung?

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Autodidaktin Ritzmann spielt Panflöte
wissen.de: Sie leben seit fast 52 Jahren mit der Contergan-Behinderung. Was sind die größten Schwierigkeiten, mit denen Sie zurecht kommen müssen?

Ritzmann: Im Privaten ist es die eingeschränkte Freiheit. Meine Beine sind sehr kurz, das heißt, ich kann nicht laufen. Jede Treppe ist ein Hindernis, viele öffentliche Verkehrsmittel kann ich nicht nutzen. Und im Laufe der Jahre nimmt die Selbstständigkeit weiter ab: Ich kann zwar noch alleine auf die Toilette gehen, aber nicht mehr alleine Haare waschen. Seit fünf Jahren muss ich einen Pflegedienst in Anspruch nehmen, davor habe ich alles alleine gemacht. Das war für mich ein großer Rückschritt und sehr schwer zu verkraften, weil ich mir die Eigenständigkeit zuvor so hart erkämpft hatte. Aber auch hier kann man etwas Positives sehen, wenn man will: Durch den Pflegedienst fühle ich mich körperlich besser versorgt, sei es dank der Hilfe beim Duschen oder weil mir wundgesessene Stellen eingerieben werden, die ich mit meinen kurzen Armen nicht erreiche.

Beruflich sieht es so aus, dass ich bereits vor neun Jahren in Frührente gegangen bin, obwohl ich sehr gerne gearbeitet und die sozialen Kontakte durch die Arbeit sehr genossen habe. Ich war 13 Jahre im Schreibdienst in der Sozial- und Jugendbehörde der Stadt Karlsruhe beschäfigt. Aber da ich keine Ellenbogen habe und den halben Tag am Computer arbeitete, konnte ich nie die Arme ablegen. Irgendwann wurden die Schmerzen in Nacken und Schultern einfach unterträglich. Und so ich musste zwischen dem finanziellen Schaden, den die Frühverrentung bedeuten würde, und dem, was mir das Leben außer der Arbeit sonst noch bieten könnte, abwägen.

Macht eine Contergan-Behinderung arm?

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Im Rollstuhl in die Berge

Mit dem Rollstuhl an der Iller bei Oberstdorf

wissen.de: Wie hat sich Ihre finanzielle Situation durch das frühe Ausscheiden verändert?

Ritzmann: Ich hatte im Monat etwa 500 Euro weniger zur Verfügung. Dadurch war ich deutlich eingeschränkter, die Lebensqualität sank.

Zurzeit lebe ich von etwa 1000 Euro Rente aus der Conterganstiftung, ich bekomme den Höchstsatz, weil ich vierfach geschädigt bin, also an beiden Armen und Beinen. Von etwa 400 Euro Erwerbsminderungsrente, 100 Euro Zusatzversorgung, weil ich im Öffentlichen Dienst beschäftigt war. Und in der Regel bleiben von den 400 Euro Pflegesachleistungen noch um die 200 Euro übrig, die ich nicht für den Pflegedienst brauche, wohl aber, um den wachsenden Eigenanteil an Medikamenten und Hilfsmitteln zu finanzieren. Meine Hörgeräte habe ich zum größten Teil selbst bezahlt, mein neuer Elektrorollstuhl wurde nur bewilligt, weil ich etwa 1000 Euro beigesteuert habe, die Tropfen für meine trockenen Augen zahle ich selbst....

wissen.de: 2009 hat Grünenthal freiwillig 50 Millionen Euro auf das Stiftungskonto überwiesen, der Bund hat dieselbe Summe oben drauf gelegt. So können je nach Schwere der Behinderung jährliche Sonderzahlungen von bis zu 3680 Euro gezahlt werden. Dennoch fordert der Bundesverband Contergangeschädigter eine Einmalzahlung von 100.000 Euro für jeden der 2700 Betroffenen.

Ritzmann: Und diese Forderung ist auch absolut gerechfertigt - selbst wenn man die ethisch-moralische Dimension bei der Frage, ob das geschehene Leid mit Geld überhaupt auszugleichen ist, ausklammert. Rein aus medizinischer Sicht ist es schlicht so, dass das Geld, das den Contergangeschädigten zurzeit zur Verfügung steht, nicht ausreichen wird, um die Kosten für die Folgeschäden zu tragen. Bei mir sind es zum Beispiel immer stärkere Rückenschmerzen, die sich durch das extreme Vorbeugen meines Oberkörpers entwickelt haben. Auch mein kleines Bein kann die Last meines Körpers, etwa beim Umsetzen vom Rollstuhl ins Bett, kaum noch tragen. Mein Knie macht mir bereits heute große Schwierigkeiten.

Helfen und helfen lassen

wissen.de: Dennoch wehren sich gegen die Rolle des Opfers. Dafür sind Sie zu sehr Kämpfernatur. Nach den Krankenhaus- und Heimaufenthalten in Ihrer Kindheit und Jugend haben Sie die Ausbildung zur Bürokauffrau gemacht, Sie haben 13 Jahre gearbeitet, Sie haben geheiratet, nach der Trennung haben Sie gelernt, allein zu leben. Seit acht Jahren sind Sie Vorsitzende des Behindertenbeirates der Stadt Karlsruhe. Was betrachten Sie als Ihren größten Triumph?

Ritzmann: Dass ich es trotz der schwierigen Kindheit geschafft habe, alleine zu leben. Viele haben den Absprung aus dem Heim nicht geschafft. Und in Karlsruhe habe ich mir sogar einen Namen gemacht. Man kennt mich, in der Politik und in der Stadt. Ich denke, das ist ein enormes Ziel, das ich erreicht habe. Denn ich trage jetzt sehr viel Verantwortung für alle Menschen mit Behinerung in meiner Stadt.

wissen.de: Lassen Sie sich eigentlich helfen?

Ritzmann: Natürlich. Ich denke, wenn einem schon Hilfe angeboten wird, dann sollte man auch sensibel mit dem Helfer umgehen und nicht unwirsch sein.

wissen.de: Das hört sich so an, als würden Sie den Nicht-Behinderten helfen, nicht umgekehrt.

Ritzmann: Ja, warum sollte ich denn nicht helfen? Ich habe festgestellt, dass viele Menschen neugierig starren und befangen sind aus purer Unwissenheit. Ich kann da heute drüber hinwegsehen und frage nicht mehr schnippisch, ob der Starrer ein Passbild von mir haben möchte. Generell würde ich sagen, es hat sich im Umgang mit Behinderten etwas getan, was aber auch an uns Behinderten liegt; daran, wie wir auf die Leute zugehen. Wenn ich zum Beispiel merke, dass eine Person, die mir vorgestellt wird, zögert, meine kleine Hand zu drücken, strecke ich ihr meinen Arm entgegen. Das funktioniert immer.

wissen.de: Was erhoffen Sie sich von der Zukunft?

Ritzmann: Als ich ein Kind war, fragte mich meine Lieblingsoma, was ich einmal werden wollte. Ich sagte: 100 Jahre. Und noch immer ist mein kleiner Traum, die älteste Contergangeschädigte zu werden.

Hören Sie auch unseren Podcast: Contergan - der teuer bezahlte Schlaf

von Susanne Böllert, wissen.de