21.05.2015
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Schumann und seine Zeit

„Ehre das Alte hoch, bringe aber auch dem Neuen ein warmes Herz entgegen.“ [Robert Schumann in seinen „Musikalischen Haus- und Lebensregeln]

Der Zerrissene

Robert Schumann wurde am 8. Juni 1810 in Zwickau (Sachsen) geboren und starb am 29. Juli 1856 in Endenich bei Bonn. Er gilt als einer der wichtigsten Komponisten und Musikschriftsteller der deutschen Romantik.

„Sein Temperament (Melancholicus); [...] das Gefühl stärker, als das Streben. Sein Verstand weniger Reflexion, als Eingebung des Gefühls; mehr theoret: als praktische Vernunft. Einbildungskraft stark.“ So hat sich einst der junge Robert Schumann selbst eingeschätzt. Im Laufe von knapp 27 Schaffensjahren – und stets hellwach in der Wahrnehmung der musikalischen Tradition und des musikgeschichtlichen Kontextes – hat er sich mit diesen Voraussetzungen systematisch das gesamte Spektrum der Gattungen erschlossen und sie dabei durchgängig zu neuen Ufern geführt.

Über seinen verehrten Kollegen und Freund Felix Mendelssohn hatte Robert Schumann anerkennend geschrieben: „Mendelssohn ist der Mozart des 19. Jahrhunderts, der hellste Musiker, der die Widersprüche der Zeit am klarsten durchschaut und zuerst versöhnt....“ Dem eher grüblerisch veranlagten Schumann selbst, dem hellsichtigen Musik-Analytiker der romantischen Epoche nach Beethoven, blieb eine spannungsfreie Versöhnung der Widersprüche zwischen historisierender Rückschau und progressiver Entwicklung versagt. Die Gegensätze erlebte Schumann in sich und er erlebte sie um sich herum. Zwischen den stilistischen Polen seiner Zeit hat sich der innerlich Zerrissene, der Janusköpfige, der im Sternzeichen Zwillinge Geborene gewissermaßen aufgerieben – gleichzeitig daraus aber auch seine enorme schöpferische Kraft bezogen.

Stilistische Strömungen und tiefes Gespür

Schumanns kompositorisches Schaffen begann – von ein paar erst nach seinem Tode ans Licht gekommenen Vorversuchen abgesehen – mit Klaviermusik. Das offizielle Opus 1 sind die Abegg-Variationen aus dem Jahr 1829, ein Werk des 19-jährigen Schumann also. Man erlebt da ein charmantes, beinahe wienerisches Thema mit fließender Melodik, das ein wenig wie unmittelbar weitergedachter Schubert klingt. Und in der Tat ist der Wiener Frühromantiker Franz Schubert zum Zeitpunkt dieser Komposition gerade erst ein Jahr tot. Doch dann lässt der junge Pianist Robert Schumann Variationen folgen, die anders sind, einen Zeitsprung bedeuten, in ihrer wildwüchsigen Expansionskraft an die Phantasieexplosionen der romantischen Dichtung gemahnen.

Schumann greift hier zwar den effektvollen Stil seiner Zeit auf, schließlich schreibt man das Zeitalter der Supervirtuosen vom Kaliber eines Paganini, Moscheles oder Hummel, doch schimmert da etwas ganz Eigenständiges heraus, das die Brücke zu Chopin, Brahms, Bruckner, Dvořák oder dem reifen Wagner schlägt. Schumanns historischer Ort aber lag bedeutend früher, in einer begrenzten Schaffensspanne von kaum 27 Jahren unmittelbar nach Ende der Wiener Klassik, parallel zu Mendelssohn, zu Lortzing, zu Berlioz, zu Donizetti und anderen – im zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts.

Robert Schumann war wohl derjenige, der die stilistischen Strömungen hinter, neben und vor sich am allerstärksten reflektiert hat – zunächst als Pianist, stets als Komponist, vor allem aber als Musikschriftsteller, der beispielsweise die elementaren Unterschiede zwischen Beethoven und Schubert genau registrierte, eben erkannte, wie Mendelssohn scheinbar schwerelos die Widersprüche seiner Zeit zwischen Historismus, Virtuosentum, Romantik und Errungenschaften der Wiener Klassiker „versöhnte“. Und noch relativ kurz vor seinem Tod war Schumann der erste, der das ungeheure Potential des 20-Jährigen Johannes Brahms publik machte und als „Neue Bahnen“ für die Musikgeschichte feierte.

Florestan und Eusebius

Der junge Schumann begeisterte sich für die poetischen und phantastischen Romanwelten von Jean Paul und E.T.A. Hoffmann, hegte selber schriftstellerische Ambitionen und hat seine typisch romantische Widersprüchlichkeit bezeichnenderweise in einem ungewöhnlichen Gegensatzpaar seiner selbst gebannt: in den fiktiven Figuren Florestan und Eusebius. Er hat, anknüpfend an reale und literarische Künstlerverbindungen um 1830 einen imaginären Künstlerbund mit sich selbst geschlossen: den Davidsbund. Die Mitglieder sind reale Figuren seines Umfelds, seine Lehrer, seine Mitschülerin und spätere Frau Clara, andere Komponisten, die alle mit neuen Namen versehen durch sein Tagebuch und bald auch durch sein Musikschrifttum geistern – und natürlich dürfen Florestan und Eusebius als Vertreter seines widerstreitenden Inneren da erst recht nicht fehlen.

Florestan ist laut Schumann „einer von jenen seltenen Musikmenschen, die alles Zukünftige, Neue, Außerordentliche wie vorausahnen“, der innovative, ungeduldige Sucher, der bereit ist, Unerhörtes anzuerkennen. Eusebius aber ist ein Träumer, ein Schwelger, einer, der formvollendet Lyrisches, Gerundetes liebt, aber auch der genauer Abwägende ist. Schumann trat hinter die beiden zurück und schuf so eine bemerkenswert analytische Distanz zu allem, was sich musikalisch bei seinen Zeitgenossen tat. Aber er lebte diesen ansatzweise schizophrenen Diskurs nicht nur literarisch aus, sondern spiegelte ihn auch in seinem Komponieren. Besonders deutlich wird das in den sogenannten Davidsbündlertänzen, die 1837 entstanden. Schumann ließ seine fiktiven Figuren einzelne Tänze selber unterzeichnen. So findet sich unter den Tänzen Nummer 3, 4, 6, 10 und 12 jeweils das Monogramm „F.“ – für Florestan – und unter den vor bzw. nachgestellten Sätzen das „E.“ – für Eusebius. In anderen Teilen „diskutieren“ beide miteinander.

Zum Artikel "Robert Schumann - der Pianist und Klaviermusik-Prophet"

von Christian Strehk