21.05.2015
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wissen.de Artikel

Welches Jahr haben wir denn heute?

Wissen.de blickt zurück auf die Medientage in München

Ein bisschen wirkt es wie ein Klassentreffen, fast alle sind wieder da, auf manche freut man sich, mit anderen wird man sich – wie immer – streiten und auch die Themen erinnern an die vergangenen Jahre. Können wir jetzt eigentlich Geld für unsere Inhalte verlangen, wie vermarktet ihr euch und wie könnte die Verpackung in Zukunft aussehen? Ein bisschen Schelte für die Musikindustrie und lobende Worte für die Spiele-Branche, wenngleich man die Games-Veranstaltungen doch lieber in die kleinen, hinteren Räume abschiebt. Spiele haben halt doch immer noch einen schlechten Ruf.

Der Long Tail des Internet – überbewertet oder erfolgreiche Nische?

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Dominik Grollmann, Chefredakteur Internet World Business, München
Wichtiges Thema war, ist und wird auch bleiben: die Verwertung der Inhalte. Und da hat das Internet für sich den Long Tail entdeckt. Insbesondere Nischenanbieter (aber auch die großen Seiten mit ihren Zielgruppenangeboten) hegen große Hoffnungen für diesen Bereich. Man stritt sich zwar über eine Definition, letztlich waren sich aber doch alle einig, dass hier gute Vermarktungschancen liegen. So könne man Inhalte ab einem bestimmten Zeitpunkt kostenpflichtig machen, allein für den Service, etwas verfügbar zu halten. Und im Nischenbereich würde auch die Werbung greifen, schließlich ließen sich japanische Kochmesser eher an Internetuser verkaufen, die sich im Netz gerade mit Rezepten zur Sushizubereitung beschäftigten. Ob dieser Long Tail nun hoch- oder niedrigpreisig sei, da schieden sich naturgemäß die Ansichten der Anbieter und der Vermarkter, aber auch hier war natürlich – insbesondere im Hinblick auf die allgegenwärtige Finanzkrise – immer wieder vom bösen Wort der Konsolidierung die Rede. Ob die dann nicht doch wieder auf Kosten der Kleinen geht? Denn ohne Marketing die kritische Masse zu erreichen, ist eben doch nicht so leicht und nach einem frühen Aus gibt es auch keinen Long Tail.

 

Blogs, Open Source Medien und Social  Networks.

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Andrea Goetzke, newthinking communications, Berlin
Also, schnell weiter zum User Generated Content (UGC), den gibt es schließlich ohne Honorar. Es wird diskutiert, ob die Web 2.0-Angebote überschätzt werden oder zur pluralen Meinungsbildung beitrügen. Nun, ein tragfähiges Fazit gab es nicht, es wurde die beliebte These vertreten, dass die inhaltliche Qualität in den Fokus gerückt werden müsste. Die technischen Spielereien sollten nicht mehr zentrales Thema sein, Inhalt stünde schließlich über der Form. Nun ja, bei der nächsten Erhebung der Userzahlen, überdenken wir das vielleicht noch einmal...

 

Monetizing Content: Wer bezahlt die Rechnung? / Paid Content – Realität, Vision oder Utopie?

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German Entertainment and Media Outlook: 2008 – 2012
Also doch erstmal die Aussichten der kommenden Jahre abklopfen. Da kommen zwei Veranstaltungen gerade passend, die sich „Monetizing Content“ auf die Fahnen geschrieben haben und einen Ausblick in die Zukunft versprechen. Dass beide Veranstaltungen von Unternehmensberatungen vorgestellt werden, verwundert bei der thematischen Ausrichtung nicht.

Die kommenden vier Jahre sind bereits vermessen und bewertet und in Tabellen und Grafiken gegossen. In Worten sieht das so aus: Die Musikbranche hat ohnehin alles falsch gemacht und wird mit fallenden Umsätzen kämpfen müssen, Zeitungen und Zeitschriften werden mit ihrem Minimalwachstum auch unter der allgemeinen Wirtschaftsentwicklung zurückbleiben (welche Entwicklung eigentlich?) und nur Internet und Gamesanbieter werden (weiter?) auf der Welle des Erfolges reiten. Doch wie dieser Erfolg in der digitalen Welt aussieht, haben wir in den letzten Jahren immer wieder feststellen müssen. Liebgewonnene Internetangebote haben ihren Dienst eingestellt, da die Werbeeinnahmen zwar stark gestiegen sind, der Kuchen aber zwischen wenigen großen Playern aufgeteilt wird.

Man müsse eben den Content zu Geld machen, Monetizing Money heißt die Zauberformel natürlich englisch, schließlich stolpert ja gerade im Netz alles dem großen Vorbild USA hinterher.

 

Doch wie stellt man das nun an? In der Diskussionsrunde „Paid Content – Realität, Vision oder Utopie?“ saßen sie alle beisammen, die Vertreter von Holtzbrinck Networks, ProSiebenSat1, RTL, der Telekom und NBC und feierten sich und das hybride Modell, bei dem einiges kostenfrei, anderes kostenpflichtig sein werde. Und trotz der mehrfachen Erinnerung, dass die Aussagen auch 2004 bei einem thematisch sehr ähnlichem Panel nicht entscheidend anders ausgefallen wären, wollte nur einer aus der Allianz der Hybridanhänger ausscheren: Oliver Samwer, der Gründer und Geschäftsführer European Founders Fund, gab zu bedenken, dass Abo- und Bundlemodelle von heute doch wohl schon der erste Schritt in den „Werteverfall“ seien. Wer nur noch eine Pauschale für Breitbandanschluss, Telefon, Handy, Fernsehen, Filmdownload etc. bezahlt, der misst den einzelnen  Diensten / Angeboten keinen eigenen Wert mehr bei und nimmt etwa den Filmdownload als kostenfrei wahr. Hat sich das erst einmal gedanklich verfestigt, dann braucht man sich wohl kaum noch Gedanken über Verwertungsketten, Long Tail oder Hybridmodelle zu machen. Ergo: Sämtliche Inhalte müssen – wie im privaten TV – komplett werbefinanziert werden.

 

Content zu Geld machen. Klingt gut. Qualitativ hochwertig, natürlich! Wo das Geld herkommt, um erst einmal den hochwertigen Content zu erstellen, wurde leider nicht verraten. Fragen Sie einfach die nächste Unternehmensberatung Ihres Vertrauens.

Ach ja, eines sollten Sie bei der Erstellung von Inhalten unbedingt im Kopf behalten. Qualität hin oder her, der Köder muss dem Fisch und nicht dem Angler schmecken. Verzweifelt ruft man an dieser Stelle nach dem bösen alten Reich-Ranicki, der aber offensichtlich schon wieder aus der Qualitätsdebatte ausgestiegen oder über seinem ARTE-Konsum eingeschlafen ist.

 

In-Game Advertising

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Marc Wardenga, Leiter Games SevenOne Intermedia, Co-Leiter Arbeitskreis Connected Games im BVDW, München
Boomen wird in den kommen vier Jahren also die Games-Branche, nichts wie hin also zu den Musterschülern der digitalen Welt.

In der Spiele-Branche reibt man sich seit geraumer Zeit die Hände und erwartet auch für die Zukunft satte Gewinne. Aber das liegt wohl auch daran, dass wir es hier mit einer Branche zu tun haben, die in die digitale Wirklichkeit hinein entstanden ist. Da gilt es nicht, Offline-Inhalte in die Onlinewelt zu übertragen oder jahrhundertealte Zwistigkeiten, Traditionen, Vorgehensweisen zu durchbrechen. Da sitzen Pragmatiker zusammen, die zuweilen anderer Ansicht und in der Lage sind, inhaltlich miteinander zu diskutieren, die aber alle verstanden haben, dass man nur mit internationalen Standards Erfolg haben kann. Nur wenn ich die Werbung ohne Zusatzaufwand in einer handvoll Spiele platzieren kann, erzielt man ausreichend Erlös. Mal hören, was die Buchexperten davon halten, weiter geht’s.

 

Literatur im digitalen Zeitalter

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Werner-Christian Guggemos, Geschäftsführer ciando.com, München
Und wie erwartet, sieht das in der traditionsreichen Verlagsbranche natürlich anders aus. Da freut man sich auf die verschiedenen E-Reader, die der Markt so mit sich bringt, blickt freudig noch viel weiter in die Zukunft und träumt von Geräten mit flexiblen Displays, die endlich auch Grafiken, Tabellen und vor allem Farbe darstellen können. Da träumt man von einer Digitalisierung unserer gesamten Bibliothek, von Schulkindern, die mit dem E-Reader im Schulranzen vollständig ausgerüstet sind. Doch welcher kleine Schulbuchverlag kann gewährleisten, alle Inhalte digital anzubieten, zumal es auch keine verbindlichen Standards gibt? Da sind die Daten nicht vom Sony-Reader auf den Kindle übertragbar, doch wen kümmert’s? Da scheint mir noch ein erhebliches Aufholpotential zu liegen, doch müssten die Verantwortlichen dazu erst einmal von ihrem hohen Ross des Berufsintellektuellen hinabsteigen. Wer die Hardwareanbieter allein dafür verantwortlich macht, alle Formate lesbar zu machen, der verkennt die Kausalität. Ein Verlag erstellt die Inhalte und muss für deren Vertrieb sorgen. Ein Filmemacher dreht heute auch nicht auf Super8 und schimpft dann, wenn die ARD das so nicht zeigen will.

 

Form follows function?

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Prof. Wolfgang Henseler, Creative Managing Director, Syzygy Deutschland, Bad Homburg
Wo wir gerade bei der Form sind, auch darüber machten sich die Experten ihre Gedanken. Man ging der Frage nach: „Form follows function?“ und kam aufgrund der Selbstdarstellung der Kreativen inhaltlich nicht so recht in Schwung. Usability ist für jede Seite, egal ob kommerziell oder nicht, ein entscheidender Faktor, doch konnte man zu diesem wichtigen Thema nicht mehr sagen als: Gucken Sie sich die großen erfolgreichen Seiten an, kopieren Sie das Gerüst und passen Sie Ihre eigenen Inhalte so an, dass Sie sie dort unterbringen können. Versuchen Sie bloß nichts Neues, es könnte nämlich von der Konkurrenz designed worden sein und würde damit dem eigenen Ansehen schaden.

 

So unversöhnlich wollen wir unseren Rückblick jetzt aber nicht beenden. Es ist wichtig, dass sich die verschiedenen Branchen von Zeit zu Zeit zusammensetzen und diskutieren. Bei den Medientagen wünscht man sich zuweilen eine etwas größere Durchdringung der verschiedenen Bereiche, manchmal auch mehr Zeit zum Diskutieren. Da könnte gerade eine öffentliche Diskussion in Gang geraten, da schellt es auch schon zur Pause. Aber dafür sind ja die Kaffeepausen. Es sind alle da, die Themen angerissen, jetzt kann es losgehen. Bis nächstes Jahr.

von Dietmar Hefendehl, wissen.de