21.05.2015
Total votes: 106
wissen.de Artikel

Oktoberfest

München im September. Wie in jedem Jahr gibt es zwei Möglichkeiten: Man feiert mit oder man fährt in den Urlaub. Denn man entkommt ihm nicht. Im September ist Oktoberfest. Über sechs Millionen gehen hin, trinken an 16 Tagen 61.000 Hektoliter Bier und essen fast 500.000 Brathendl. Die U-Bahnen sind voll mit angetrunkenen Menschen, die Dirndl und Lederhose tragen obschon sie ihre Sprache sogleich als Nicht-Bayern outet. Es ist das größte Volksfest der Welt, ein Phänomen, eine Marke, für die München kaum Werbung machen muss. Denn eine weltweite Umfrage hatte vor einigen Jahren ergeben: 91 Prozent der Interviewten kennen den Begriff „Oktoberfest“.

Gute Lederhosen sollten etwas fettig sein.
Ein Münchner wird dieser Befragung sofort Glauben schenken. Denn seine Erfahrung hat ihm bereits so gut wie überall auf der Welt bestätigt: Sagst du, dass du aus München kommst, wird dein Gegenüber dir mit großer Wahrscheinlichkeit ein hocherfreutes „Ah, Munich, Oktoberfest!“ zurufen. Und möglicherweise sogar davon berichten können, dass er schon mal dort war, Bier aus großen Gläsern getrunken, auf den Bänken getanzt und gesungen, viele neue Freunde aus der ganzen Welt gefunden hat und heute noch der damals erstandene Seppelhut zu Hause liegt. Natürlich gibt es viele Nachahmer des Münchner Oktoberfests. In den USA zum Beispiel. Oder in Kanada und Brasilien, wo die Imitationen immerhin eine Million Gäste anlocken. Auch in Deutschland gibt man sich im Herbst landauf-landab der weiß-blauen Gemütlichkeit hin. Man versucht es zumindest. Bisweilen wird dann zum typisch bayerischen Schmankerl frisch gezapftes Kölsch serviert.

 

Dreimal ist (dem) Münchner Recht

Flott unterwegs
Das Original gibt es bereits seit 1810. Und der Münchner geht auch nicht aufs Oktoberfest, sondern auf die Wiesn. Wenn er geht. Meist tut er das schon, auch wenn mancher behauptet, er würde eigentlich nicht gehen. Eigentlich? Naja, sagt er dann. Mit der Firma gehe er schon hin, die habe schließlich reserviert und die obligatorischen zwei Bons für Bier und einen fürs Hendl an jeden verteilt. Wobei manche Unternehmen längst nicht mehr so spendabel sind, wie sie es mal waren. Dann muss der Münchner mit seinen Kindern wenigstens einmal zum Karussellfahren auf die Wiesn. Und schließlich ist da ja noch der Besuch. Der kommt einmal im Jahr, und irgendwie immer zur Wiesnzeit. Dann kann man auch nicht anders als sich mit ihm durch die Massen auf dem Oktoberfest zu schieben und alles daran zu setzen, begehrte Plätze in einem der 14 Festzelte zu ergattern, „Oans, zwoa, gsuffa“ zu johlen und mit ein paar Maß auf die bayerische Gemütlichkeit anzustoßen. Das heißt also: Dreimal geht der Münchner im Durchschnitt schon auf die Wiesn.

 

Auf Theresiens Wiese

Bei Paulaner geht´s richtig ab!

Ursprünglich wurde das Oktoberfest tatsächlich im Oktober gefeiert. Anlass war die Hochzeit des Kronprinzen Ludwig, des späteren König Ludwig I, mit Prinzessin Therese von Sachsen Hildburghausen. Fünf Tage dauerte 1810 das Volksfest mit abschließendem Pferderennen, mit dem die Wittelsbacher ihren Untertanen Volksnähe und Dankbarkeit beweisen wollten. Zu Ehren der Braut erhielt der Festplatz den Namen „Theresens Wiese“. Und weil das Volk so begeistert von diesem Fest war, wiederholte man es zur gleichen Zeit ein Jahr später und veranstaltete zugleich eine Landwirtschaftsausstellung. Anders als das Pferderennen, das seit 1938 nicht mehr ausgetragen wird, findet das „Bayerische Zentrale-Landwirtschaftsfest“ (ZLF) weiterhin alle vier Jahre statt. Das Oktoberfest muss dann jeweils einen Teil seines Areals an die Aussteller abtreten und heißt in diesen Jahren daher „Kleine Wiesn“. Bier gab es auf dem Oktoberfest zunächst nur an kleinen Buden, erst 1896 stellten die Brauereien mit den Wirten große Zelte auf. Bis heute dürfen nur Münchner Bierbrauer auf der Wiesn ausschenken. Ein Monopol, das schon so mancher versucht hat zu durchbrechen – ohne Erfolg. Vergnügt haben sich die ersten Wiesnbesucher mit Schaukeln, das erste Karussell drehte sich 1818 auf der Theresienwiese.

 

Ein bayerisch-dionysischer Rausch

Bereit
Der Bierpreis hat sich in fast jedem Jahr erhöht. 2007 zahlen die Oktoberfest-Besucher zwischen 7,30 und 7,90 Euro pro Maß (im Vorjahr: 6,95-7,50 Euro). Trotzdem werden wieder über sechs Millionen Menschen kommen. Und trinken. Warum das so ist, das hat die Psychologin Brigitte Veiz untersucht. „Das Oktoberfest. Masse, Rausch und Ritual“ heißt ihre Arbeit. Sie, die selbst in zehn Jahren kaum einen Tag auf dem Oktoberfest versäumt hatte, ging der Frage nach: Was treibt sechseinhalb Millionen jährlich in verräucherte Zelte, wo Bierlachen auf dem Boden sind und es nach Bratfett riecht, warum können sie schon Tage vor dem Anstich nicht mehr schlafen und warum weinen manche, wenn alles vorbei ist? Ihre Antwort: „Im rauschhaften Erleben wird das Individuum dem Alltag enthoben, und es kann glücklich, frei und unbeschwert in einer tanzenden, feiernden Menge sich selbst vergessen – im bayerisch-dionysischen Rausch.“ Die Leute gingen auf die Wiesn, weil sie dort ihre Urinstinkte in einfachen Ritualen ausleben könnten. Ähnlich wie beim Fasching dürften auf der Theresienwiese sämtliche Leidenschaften ohne schlechtes Gewissen und bürgerlichen Konventionen ungehemmt ausgelebt werden. Dabei werde das Brechen aller Regeln als ganz legitim empfunden. Schließlich steche der Oberbürgermeister das erste Fass an.

Für den ist nichts so ernst wie die Anzapfzeremonie. Das einzige, was ein Oberbürgermeister in München wirklich können muss, ist das perfekte Anzapfen auf dem Oktoberfest - meint OB Christian Ude. Man weiß, der Mann macht das mit links und konnte schon nach zwei Schlägen das obligatorische „Ozapft is“ verkünden. Aber jedes Jahr aufs Neue dürfte ihn sein Alptraum vom mißlungenen Anstich heimsuchen. Denn was würde eher von einer noch so langen Amtzeit in Erinnerung bleiben als ein solches Missgeschick? Erich Kiesl zum Beispiel, Udes Vorvorgänger ihm Amt des Münchner OB, hatte einst den wichtigsten Moment im Jahr gründlich vermasselt. Erst vergaß er das „Ozapft is“, dann rief er „Izapft os“. Das vergisst keiner.

aus der wissen.de Redaktion