21.05.2015
Total votes: 211
wissen.de Artikel

Der Mann, der seine "Titanic" versenkte

James Jameron - ein Porträt

Erst "Titanic" – dann "Avatar". Zwölf Jahre lang war James Cameron der Regisseur des erfolgreichsten Films aller Zeiten – um mit seinem nächsten Film dann den eigenen Rekord mal eben zu überbieten. "Avatar" hatte bereits in den ersten sechs Wochen über 1,859 Milliarden US-Dollar eingespielt – "Titanic" brachte es auf 1,843 Milliarden. Wer ist der Mann, der mit Rekorden jongliert, den "Aliens" Beine macht und zwischendurch mit Arnold Schwarzenegger frühstücken geht?

James Cameron - Kinomagier und Perfektionist

Dieses Bild ist leider nicht verfügbar. - wissen.de
Der Perfektionist hinter der Kamera

Regisseur James Cameron bei Dreharbeiten zu "True Lies"

Was kaum jemand weiß: James Cameron lebt zwar in den USA, wurde dort aber nicht geboren. Eigentlich stammt er aus Kanada. Seine Eltern, ein Elektroingenieur und eine Malerin, zogen jedoch 1971 nach Kalifornien. Schon vorher hatte Cameron den Stanley Kubricks Film "2001 – Odyssee im Weltraum" gesehen und wollte von da an eigentlich nur noch eins: Filme machen. Doch da ihm der Besuch der Filmhochschule aus finanziellen Gründen nicht möglich war, schloss er zunächst ein Literaturstudium ab, heiratete und arbeitete als Lastwagenfahrer. Doch als 1977 "Star Wars – Krieg der Sterne" in die Kinos kam, war das alte Feuer wieder da. Cameron las alles, was ihm zum Thema Filmemachen in die Hände fiel, und beschaffte sich eine kleine Ausrüstung. Es gelang ihm, ein auf Profit erpichtes Konsortium von Zahnärzten zu überzeugen, ihm einen Science-Fiction-Film zu finanzieren, und lieferte eine erste viertelstündige Probe ab. Doch obwohl das Fragment mit dem Titel "Xenogenesis" bereits in vielerlei Hinsicht Camerons Stärken hat, wurde das Projekt umgehend abgesagt. Ganz so einfach war es also nicht, in Hollywood anzukommen.

Doch "Xenogenesis" öffnete eine wichtige Tür. Cameron konnte sich mit diesem Stück Film bei einer Produktionsfirma bewerben, die zum Imperium des Billigfilmers Roger Corman gehörte. Dort war er für Modellbau und Effektaufnahmen zuständig. Eigentlich produzierte man in der Firma nur betont preiswerte Reißer, nämlich so genannte B-Filme, doch Cameron legte sich trotzdem ins Zeug. Rücksichtslos gegen sich selbst und manchmal wohl auch gegen andere, tüftelte er ständig neue Ideen aus. Und er hatte Glück – nicht allein sein Ehrgeiz, auch seine Resultate fielen auf. 1980 wurde ihm das erste Mal ein Job als Regisseur angeboten. Es handelte sich um die Fortsetzung des Horrorfilms "Piranha" von Joe Dante, und da die Rechte hierfür nach Italien verkauft worden waren, wurde dort auch gedreht. Inhaltlich ging es um fliegende Piranhas, die unbedingt gestoppt werden mussten – ein wenig überzeugendes Thema. Das Projekt wurde dann auch in der Umsetzung ein komplettes Fiasko. Cameron hatte so gut wie keine freie Hand, zumal ihm der Produzent ständig in die Arbeit hineinredete und Änderungen verlangte; die abgedrehten Filmmuster bekam er erst gar nicht zu Gesicht. Schließlich wurde ihm das Projekt einfach entzogen und von fremder Hand beendet, obwohl der Kanadier offiziell weiterhin als Regisseur galt. Letztlich hat der Film mit Cameron nur sehr wenig zu tun, doch der Regisseur war launig genug, "Piranha II – Fliegende Killer" als "besten Film über fliegende Piranhas" zu bezeichnen.

Diesen Beitrag können Sie hier auch als Podcast anhören und downloaden!

Der Aufstieg - Terminatoren und Aliens

Nach seinem Rauswurf bei "Piranha II" lag James Cameron krank in einem Hotel und hatte der Legende nach eine Vision - er sah einen Roboter mit rotglühenden Augen auf sich zukriechen. Das war die Geburtstunde von "The Terminator", für den Cameron - wie für alle Filme seither - das Drehbuch schrieb. Für die Hauptrolle wurde ein junger, bislang weitgehend unbekannter Bodybuilder aus Österreich verpflichtet - Arnold Schwarzenegger, der spätere Gouverneur von Kalifornien. Obwohl die Terminator-Figur kaum zwanzig Sätze zu sprechen hat, gehört ihr "I’ll be back" ("Ich komme wieder") zu den bekanntesten Zitaten der Filmgeschichte. Natürlich standen für den 1984 vollendeten Film nicht die geringsten digitalen Tricktechniken zur Verfügung. Man behalf sich mit Modelleffekten und setzte ansonsten auf das stringente Drehbuch, das die Geschichte um einen durch die Zeit gereisten  Roboter, der die Mutter des zukünftigen Widerstandskämpfers John Connor töten soll, packend umsetzte. "The Terminator" wurde ein unerwarteter finanzieller Erfolg - und ebnete James Cameron den Weg zu seinem nächsten Projekt.

Das hieß "Aliens – Die Rückkehr" und war die Fortsetzung des Science-Fiction-Meisterwerks "Alien" von Ridley Scott aus dem Jahr 1979. Cameron wurde auch mit dem Schreiben des Drehbuchs beauftragt und setzte die Vorgabe, die Hauptfigur der Ellen Ripley mit Soldaten zu konfrontieren, auf seine Weise um: Die meisten Männer entpuppen sich in seinem Film als Versager; integer sind lediglich die Frauen - und die Roboter. Es geht um eine Erdkolonie auf einem fernen Planeten, die von den bizarren Fremdwesen übernommen wurde. In "Aliens" war Camerons Handschrift voll ausgeprägt. Der Film hat einen eigenen, absolut überzeugenden "Look", atmosphärische Bilder und eine mehrdeutige Geschichte. Und ein überwältigender Erfolg war er auch - zumal sich die Produktionskosten in Grenzen hielten. Zwei weitere Fortsetzungen um die Figur der Ellen Ripley - gespielt von Sigourney Weaver - sind seither von anderen Regisseuren gedreht worden.  

Diesen Beitrag können Sie hier auch als Podcast anhören und downloaden!

Unterwasser - und zurück in die Gegenwart

Auch "The Abyss", das nächste Projekt von James Cameron, war von Anfang an spektakulär. Es spielte an Bord einer unterseeischen Erdölstation, deren Besatzung mit einem havarierten Atom-U-Boot und später mit Außerirdischen konfrontiert wird. Die Dreharbeiten brachten alle Beteiligten an den Rand ihrer Kräfte. Gefilmt wurde am Boden eines gefluteten Kraftwerksrohbaus. In den Szenen, in denen die Figuren keine Sauerstoffgeräte zur Verfügung haben, hatten die Darsteller auch keine - und mussten sich auf die bereitgestellten Rettungstaucher verlassen. Doch auch sonst wurde Neuland betreten. So warf der Film ganz nebenbei mehrere Patente für Unterwasserkameras ab, die James Cameron zusammen mit seinem Bruder entwickelt hatte. Spektakulär war auch die Kreation eines nur aus Wasser bestehenden Wesens, für das neue Computertechnik genutzt werden musste. Die Effekte erhielten prompt einen Oscar.

Cameron griff in "The Abyss" auf das Motiv eines durch Nuklearwaffen verursachten Weltuntergangs wieder auf, das bereits "The Terminator" geprägt hatte. In der Fortsetzung "Terminator 2 – Tag der Abrechnung" von 1991 konnte er detailliert zeigen, wie er sich eine Welt vorstellt, in der die Maschinen das Sagen haben und Jagd auf Menschen machen. Wieder wird Arnold Schwarzenegger als Terminator in die Vergangenheit geschickt, doch diesmal soll er den jungen John Connor beschützen. Gegner ist ein T-1000, ebenfalls ein Terminator, der aber jede beliebige Form annehmen kann. Der Film setzte in mehrerer Hinsicht Maßstäbe - er war der erste, der über 100 Millionen US-Dollar kostete, aber das Fünffache dieser Summe einspielte. Und er zeigte, wie virtuos Cameron mit digitalen Effekten umzugehen versteht.

"True Lies – Wahre Lügen" von 1994 stellt von daher eine Ausnahme dar, weil es Camerons einziger komischer Film ist. Halb Thriller, halb Parodie, erzählt der Film vor dem Hintergrund geraubter Atomwaffen einerseits die Geschichte eines Geheimagenten, andererseits von der Emanzipation seiner Ehefrau. Arnold Schwarzenegger spielte zum dritten und bislang letzten Mal unter Camerons Regie. Anders als "The Abyss", der seine Kosten nur knapp einspielte, war "True Lies" auch an der Kinokasse ein Erfolg.  

Diesen Beitrag können Sie hier auch als Podcast anhören und downloaden!

Der Gipfel: "Titanic" und "Avatar"

Dieses Bild ist leider nicht verfügbar. - wissen.de
Vom Winde verweht

Szenenfoto aus dem Spielfilm "Titanic" (1997) von James Cameron mit Leonardo Di Caprio und Kate Winslet.

Den Untergang der am 14. April 1912 gesunkenen "Titanic" zu verfilmen, lässt sich auch aus der Rückschau nur als waghalsiges Unterfangen bezeichnen. Das Unglück war zuvor nämlich bereits zigfach auf Zelluloid gebannt worden und stellte als Thema keine Novität dar. Doch natürlich nutzte Cameron die Schiffskatastrophe, um sie als Hintergrund für eine Geschichte ganz eigener Art zu verwenden. Zum einen erzählt der Film von einer jungen Frau (Kate Winslet), die sich von den Rollenbildern ihrer Zeit abwendet, und dann von einem jungen Mann (Leonardo DiCaprio), der über sich hinauswächst. Cameron inszenierte diesen Stoff als Mischung aus Liebes- und Katastrophengeschichte in der ihm eigenen Perfektionswut. So wurde eine Seite des Schiffs weitgehend maßstabsgetreu aufgebaut und als Bühne verwendet. Ein besonderer Clou bestand in dem Einbau von Dokumentationsmaterial, das das originale Wrack der "Titanic" zeigte. Zwölf Tauchfahrten fanden zu dem auseinandergebrochenen Dampfer statt, der in rund vier Kilometern Tiefe liegt. Dem Rang des Unternehmens entsprach der Ertrag: "Titanic" erhielt nicht weniger als elf Oscars und spielte bei Produktionskosten von 200 Millionen US-Dollar insgesamt 1,8 Milliarden USD ein. Ein Rekord, der zwölf Jahre halten sollte.

Doch Cameron hatte längst ein neues Skript in Planung. Es nannte sich schlicht "Avatar – Aufbruch nach Pandora" und handelte vom Überlebenskampf eines außerirdischen Volks, das von Menschen um kostbare Rohstoffe gebracht werden soll. Der Plot war nur mäßig originell, doch Cameron setzte mehr auf Schauwerte – und entwickelte die dazu nötige Technik gleich selbst. In jahrelanger Arbeit perfektionierte er ein neues System, um Bilder mit einem dreidimensionalen Effekt versehen zu können. Damit wurde auch die berüchtigte Rot-grün-Brille, an die sich mancher noch ungern erinnert, Vergangenheit. Für Skeptiker wird der Film aber auch in einer ganz normalen Version gezeigt. Auch sonst ist "Avatar" ganz auf der Höhe der Zeit - der Regisseur schätzt, dass gut sechzig Prozent seiner Arbeit am Computer erzeugt wurden. Das Publikumsinteresse war überwältigend: "Avatar" erreichte schneller als jeder andere Film vor ihm die Rekordmarke von 1 Milliarden $ Einnahmen. Das macht Cameron zweifelsohne so schnell keiner nach.

Diesen Beitrag können Sie hier auch als Podcast anhören und downloaden!

 

Nach der Zukunft ist vor der Zukunft

Über den Privatmann James Cameron weiß man nicht viel - außer, dass er unterdessen zum fünften Mal verheiratet ist und insgesamt vier Töchter hat. Er konnte sich schon nach "Titanic" jedes Projekt aussuchen, das ihm gefiel, doch er zeigte Zurückhaltung und realisierte lediglich kleinere Dokumentationen, von denen ihn die über das Schlachtschiff "Bismarck" auch nach Deutschland führte. Ihm fehlte damals schlicht die Technik, um den schon 1995 konzipierten "Avatar" realisieren zu können. Doch nun ist die Technik da, und "Avatar" taugt - ganz anders als "Titanic" - auch für eine Fortsetzung. Nach jüngsten Meldungen will James Cameron nun eine Trilogie aus dem Stoff machen. Kein Zweifel: Die Geschichte dieses Regisseurs ist noch lange nicht zu Ende erzählt.

Diesen Beitrag können Sie hier auch als Podcast anhören und downloaden!

aus der wissen.de-Redaktion