21.05.2015
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Literaturnobelpreis an Orhan Pamuk

Die 18 Mitglieder der Schwedischen Akademie haben sich entschieden: Nach Harold Pinter (2005) und Elfriede Jelinek (2004) erhält der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk den Nobelpreis für Literatur 2006. Orhan Pamuk hat sich vor allem mit historischen Romanen einen Namen gemacht, in denen er das Mit- und Gegeneinander von Orient und Okzident thematisiert. Vergangenes Jahr wurde er bereits mit dem renommierten Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Der Nobelpreis für Literatur ist mit zehn Millionen Kronen (1,1 Millionen Euro) dotiert und wird seit 1901 vergeben. 

Favorit der Buchmacher

Auch bei den Buchmachern galt Orhan Pamuk als Favorit – und genau die heißesten Anwärter waren in den vergangenen Jahren meist leer ausgegangen. Als aussichtsreiche Kandidaten genannt wurden auch der Syrer Adonis und der polnische Autor Ryszard Kapuscinski, gefolgt von Joyce Carol Oates und Philip Roth, beide USA, und dem Koreaner Ko Un. Sogar Bob Dylan landete auf einem der hinteren Ränge möglicher Aspiranten.

 

 

Ein Werk wischen Orient und Okzident

Orhan Pamuk wurde 1952 in Istanbul geboren und wuchs in einer gutbürgerlichen Familie auf. Er studierte Architektur und Journalismus, bevor er mit 23 Jahren zu schreiben begann. Heute gilt er als einer der bedeutendsten Prosaschriftsteller der jüngeren türkischen Generation. In seinen Werken verbindet er orientalische Erzähltraditionen mit Stilelementen der westlichen Moderne. Ein zentrales Thema ist für Orhan Pamuk die in Vergessenheit geratene mystische Tradition.

Internationale Anerkennung errang Pamuk mit den Werken "Beyaz Kale" (1985, deutsch "Die weiße Festung" 1990), "Kara Kitap" (1990, deutsch "Das schwarze Buch" 1995) und "Yeni Hayat" (1994, deutsch "Das neue Leben" 1998). Für den Künstler- und Kriminalroman "Benim Adim Kirmizi" (1998, deutsch "Rot ist mein Name" 2001), der im 16. Jahrhundert spielt, erhielt Pamuk neben dem hoch dotierten IMPAC-Literaturpreis weitere internationale Auszeichnungen. Sein Roman über den Dichter Ka, "Kar" (2002, deutsch "Schnee" 2005), der in eine verschneite südostanatolische Provinzstadt reist, den Putsch eines Schauspielers miterlebt, die Liebe entdeckt und einen Gedichtzyklus in Form eines Schneekristalls schreibt, wurde von der Kritik hoch gelobt und in der New York Times als das beste ausländische Buch 2004 gefeiert. Seine Werke wurden bislang in 34 Sprachen übersetzt und in über 100 Ländern veröffentlicht.

 

 

Ein streitbarer Schriftsteller

Orhan Pamuk ist aber auch ein Dichter der Öffentlichkeit. Immer wieder tritt er für Menschen- und Minderheitenrechte ein und bezieht unerschrocken Stellung zu politischen Problemen seines Landes. Nachdem er es vor einiger Zeit gewagt hatte, in einem Interview mit einer Schweizer Zeitung das größte türkische Tabu – die Vertreibung und Ermordung von einer Million Armeniern während des Ersten Weltkriegs – offen anzusprechen, wurde er vielfach als Vaterlandsverräter beschimpft und musste wegen angeblicher "Herabwürdigung des Türkentums"  sogar vor Gericht. Der Prozess wurde Anfang 2006 allerdings eingestellt. 

von Michael Fischer, wissen.de