29.05.2015
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Ihr weißes Bein ist aufgestellt

Gibt es schwarze Diamanten? Der Mann, den sie fragen könnte, spricht nicht mit ihr. Er bereitet den Vortrag vor, den er heute Abend halten wird in der Stadt, in der sie bald ankommen werden. Auf seiner Stirn steht der Schweiß. Die Kühlung ist ausgefallen. Das war zu erwarten. Thank you for travelling with Deutsche Bahn. Er wollte trotzdem schon im Anzug reisen. Nur nicht zuviel Gepäck dabei haben. Sie sitzt ihm trotzdem im Sommerkleid gegenüber. Der weiße Stoff hebt sich in der Sonne fast grell von ihrer hellen Haut ab. Als sie abfuhren, fühlte sie sich wie seine Geliebte. Nicht wie seine Frau. Das Gefühl verbrauchte sich ebenso schnell wie der Sauerstoff im Abteil. Die Hitze ist drückend. Der Schmerz in den Schläfen pocht. Hör auf, mich so anzusehen. Siehst du nicht, was du anrichtest.

Er kam mit dem Kaffeeduft, der den Bistrokellner umgab. Er hatte kaum Gepäck dabei, nur eine schwarze Umhängetasche, die ihren Oberschenkel streifte, als er seinen Kaffee entgegennahm. Er sprach kein Wort, er legte dem Kellner das Geld in die Hand. Das tat sie nie. Sie ließ die Münzen immer ein wenig von oben herabfallen, um der ungewollten Berührung zu entgehen.

Er setzte sich schräg gegenüber, seine langen Beine versperrten den Gang. Zuerst nahm sie den Schriftzug auf seinem Shirt wahr. Black Diamond. Stand das für ein Label oder für eine Band? Jetzt sieht er zu ihr herüber.

So was dummes aber auch, alle Abteile besetzt, und ich muss ausgerechnet hier in diese skurrile Paarsituation reinplatzen. Ich könnte wieder gehen. Allerdings sieht sie sehr aufregend aus in ihrem weißen Kleid. Sie hat es sicher nicht für ihren Mann angezogen, obwohl er nur mit ihr an der Seite interessant wirkt. Sie ist eine raumgreifende Erscheinung, er ist das ganze Gegenteil. Vielleicht gibt es noch irgendein Mehr, das ihn irgendwann attraktiv für diese Frau machte und sich jetzt beeindruckend gut versteckt. Auch vor ihr.

Sie braucht lange, um seinen Blick zu erwidern. Er hatte die Situation sofort erfasst. Die Frau im weißen Kleid. Der Anzugträger ihr gegenüber. Und er. In den tief sitzenden Jeans, dem bedruckten Shirt und den Sneakers. Sie wird nervös und um das zu überspielen, schlägt sie die Beine übereinander.

Sehr schöne Beine, schön aufgestellt, und ich sollte besser nicht darüber nachdenken, wo sie hinführen. Es ist heiß im Abteil; ist die Klimaanlage wieder mal ausgefallen? Sie hat schöne Hände, einen kleinen Busen und ihre Lippen ... Ich wäre gern die Gefahr, die ihren Traum in Atem hält. 

Ihr weißes Bein ist aufgestellt II

Sie bemüht sich, die Beine ruhig zu halten und nicht mit dem rechten zu wippen. Das macht sie, wenn sie etwas langweilt. Die nächsten Tage werden ihre Beine aus diesem Grund in Bewegung bleiben. Jetzt spürt sie, wie seine Blicke auf ihr ruhen. Sie kann nicht aufsehen,  muss aber sein Gesicht sehen. Anstarren will sie ihn nicht. Sie könnte kurz aufstehen. Und was dann? Natürlich. Ihre Tasche nehmen, kurz das Abteil verlassen. In der Tasche kramen. Zeit gewinnen, um noch einmal hinzusehen. Sie hat keinen anderen Plan. Sie wird genau das machen. Wo ist ihre Tasche? Vorhin war sie doch noch da. Ihre Hände zittern leicht, als sie nach dem Riemen der Tasche suchen. Sie ist nervös. Schnell steht sie auf und schwankt auf den hohen Absätzen zur Tür.

Mein Gott, immer das Gleiche, immer das gleiche kurze Träumen, und immer die gleiche tragisch-klassische Situation: ein alter Geldsack, eine junge unzufriedene Frau und ich, in der Rolle des Begehrten, in der Rolle des Gehassten. Egal wie solche Geschichten ausgehen: Meine Rolle zieht immer den Kürzeren. Er setzt alles daran, mich zu beseitigen, sie, die scheue Abenteuerin, wird jede noch so schwärmerische Reise im Haus ihres Mannes enden lassen, der das Geweih des Gehörnten schon längst mit einer Trophäe des Liebhabers ausgetauscht hat. Nein, ich werde nicht mehr zu ihr rüber sehen und ich werde ihr jetzt auch nicht helfen, die Tür aufzuziehen.

Er könnte ihr mit der Tür helfen. Hah. Er ist kein Gentleman. Er ist alles andere. Er ist amüsiert, das kann sie aus den Augenwinkeln sehen. Sie will nicht ungeschickt wirken, sondern cool und überlegen. Sie ist nichts davon, sondern nur ein wenig verschwitzt, als sie auf der Toilette ankommt. Sie lässt kaltes Wasser über ihre Handgelenke laufen. Im Spiegel, während sie sich die Lippen rot nachzieht, sieht sie sein Gesicht. Viel zu lange Haare hängen ihm in die Stirn. Er ist ziemlich jung, vielleicht Mitte, Ende zwanzig. Er ist zu jung für sie. Das ist sicher. Als sie zurückkommt, fällt sie fast über seine Beine. Er hat sie nicht kommen sehen, er war eingeschlafen und sieht sie jetzt fast überrascht an.

Wohin werden die beiden fahren? Nach Innsbruck, bestimmt nach Innsbruck. Sie wird in der Maria Theresienstraße einkaufen, während er an der Medizinischen Universität einen Vortrag hält. Der Schaffner kommt. Meine Fahrkarte, hier, bitte schön. – Nach Verona soll es gehen? Na, da werden Sie und das junge Fräulein sicher viel erleben. Oh, Verzeihung der Herr, Sie sind der verehrte Herr Gemahl. Nach Innsbruck möchten Sie. Da wünsch’ ich angenehmen Aufenthalt, wir werden bald ankommen.

Na klasse. Das hat jetzt noch gefehlt. Nicht das sie jetzt denkt …verdammt. Du würdest lieber mit mir nach Verona fahren, meine Schöne, nicht wahr?

Ihr weißes Bein ist aufgestellt III

Das liebliche Verona. Hat er es gesagt? Hat sie es gedacht? Komm, sagt er. Komm mit mir nach Verona. Es war ein Flüstern nur, kaum mehr. Oder? Draußen der Sommer, er flirrt an die Scheibe. Drinnen die Hitze, dumpf steht sie im Raum. In seiner Hand liegt jetzt ein Prospekt. Überdeutlich hebt sich das Bild von Julias Balkon vom Hochglanzpapier ab. Seine Finger streichen leicht über das Blatt, fahren lässig über die Umrisszeichnung des Stiefels, verharren unschlüssig am Absatz, streichen behutsam über die Spitze, zeichnen eine ganze Reise nach. Verona, das liebliche Verona. Das Atmen fällt ihr merklich schwerer. Es wird an den Bergen liegen. Um sie herum nur Berge, verhasste Berge. Sie kommt vom Meer.

Ihr Mann beginnt akribisch seine Sachen zusammenzulegen. Sie haben noch fünfzehn Minuten, bis sie in Innsbruck sind. Sie will dort nicht aussteigen. Sie will sich nicht über zwei Tage auf einem Kongress langweilen. Sie will weiterfahren. Ob es ihrem Mann auffallen würde, wenn sie sitzen bliebe, sich wie ein vergessener Koffer in die Ecke des Abteils drückte und wartete, bis der Zug abgefahren wäre? Natürlich würde er es merken, er hat die Angewohnheit, das Gepäck durchzuzählen und er zählt sie dabei immer mit. Er findet das witzig. Sie konnte noch nie darüber lachen.

Black Diamond. Ob sie den Jungen fragen sollte, wofür die Aufschrift steht? Die Zeit läuft ihr davon. Der Schweiß sammelt sich in ihrem Haaransatz. Er sieht sie nach wie vor an. Gelegentlich streicht er seine Haare aus der Stirn. Sein Finger tippt jetzt nachdrücklich auf das Reiseziel. In seinen Augen sieht sie die Frage. Kommst du mit mir nach Verona? Noch während sie unschlüssig ist, beginnt sie automatisch zu packen. Als die Sehnsucht greifbar wird, hört sie den Schaffner den Innsbrucker Hauptbahnhof ansagen. Kommst du? Sie hat keine Vorstellung von seiner Stimme und hat sie auch jetzt nicht. Sie lächelt ihn an, sein Gesicht ist ein einziges Fragezeichen. Willst du nicht mitkommen, hört sie erneut fragen mit dieser merkwürdig vertrauten Stimme. Langsam öffnet sie die Lippen und will antworten. Erschrocken fährt sie zusammen, als sie bemerkt, dass ihr Mann mit seiner Tasche hinter ihr steht und sie erstaunt ansieht: Wir sind in Innsbruck, willst du nicht mit mir aussteigen?

von Dörthe Buchhester und Mario Müller