21.05.2015
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Content, Murmeltier, Content!

Es war wie jedes Jahr. Die Medienbranche versammelt sich, die Spannung greifbar, die Erwartungen groß. MUT – Medien und Transformation – der große Titel der Veranstaltung, die sich Ende Oktober 2009 über drei Tage in den Münchner Messehallen abspielte. Aber schon die Eröffnungsveranstaltung kam eher kleinmütig daher und auch in den folgenden Tagen blieben die meisten Diskussionen dort stecken, wo es hätte interessant werden können. Aber wer will schon wirklich seine Strategien öffentlich machen? Aber der Reihe nach – flüchtige Eindrücke von den Medientagen 2009.

Mobile Content – News, Entertainment, Sport

Ich war nicht angeschnallt, saß in keinem Bus.  Es war ein Reflex, das zu überprüfen. Ich war unzweifelhaft in eine Verkaufsveranstaltung geraten, sollte keine Rheumadecken dafür mobile Sportinhalte abonnieren. Ein Blick ins Programmheft bestätigte mir aber, ich saß in einer Paneldiskussion zum Thema Mobiles Internet.

Seit dem iPhone wird das mobile Internet ernst genommen. Schließlich sind es die iPhone-Nutzer, die durch ihre hohe Internetaffinität und meist finanzielle Unabhängigkeit die Content-Anbieter immer wieder zu neuen Anstrengungen veranlassen. Und mobilen Content gab es ganz zum Anfassen. Marco Koeder, der Experte für den asiatischen Markt, war aus Tokio live zugeschaltet, hatte doch ein Virus seine Deutschlandreise unmöglich gemacht. Ein Virus in der realen Welt.

Schnell wurde mehr als deutlich, dass der asiatische und der westliche Markt nicht ohne Weiters zu vergleichen sind. Zu unterschiedlich ist das Nutzungsverhalten. Aber die Asiatisierung scheint langsam einzusetzen und das heißt: Der Trend zum mobilen Internet ist unumkehrbar, erste kommerzielle Erfolge wurden vermeldet.

Und doch bleibt wie schon seit Anbeginn das Problem der technischen Plattformen. Nach wie vor gibt es keinen technischen Standard und so überrascht das Fazit des Panels nicht: Wirklich interessant werden die mobilen Contents in Deutschland wohl erst, wenn es technische Standards und Flatrates gibt. War da nicht was, letztes Jahr...? 

German Entertainment and Media Outlook 2009-2013

Seit vielen Jahren macht sich PriceWaterhouseCoopers daran, die Entwicklung auf dem Medienmarkt zu analysieren und in die Zukunft zu blicken. Die Kernthese 2009? Das mobile Internet wird an Marktanteilen und Gewicht gewinnen. Doch welche Voraussetzungen müssen dafür noch erfüllt werden? Der Ruf nach dem mobilen Alleskönner wurde laut. Schon heute ist es so, dass Besitzer von Smartphones im großen Stil auch mobiles Internet nutzen. Wenn nun erst einmal alle die technischen Grundvoraussetzungen erfüllen, erfüllt sich dann auch der Traum der Branche vom Goldesel Mobile?

Dazu solle sich erst einmal die Zahl der technischen Devices reduzieren, schließlich könne man nicht für Musik, Telefon, Internet etc. jeweils separate Geräte für Zuhause, fürs Büro und für unterwegs benötigen müssen, so die Forderung.

Und das leidige Thema Monetarisierung? Da setzt die Branche große Hoffnung auf die mobilen Endgeräte und sieht das Internet letztendlich eher als das Diskountmedium, bei dem man zu spät griffige Geschäftmodelle entwickelt hat. Das soll bei Mobile anders laufen, hat man doch aus den Fehlern der Musikbranche gelernt. Hat man? Was sind die Geschäftsmodelle für Mobile? Gibt es die schon irgendwo? Oder wird letztendlich doch wieder einer der marktbeherrschenden Player dazwischen grätschen und einen kostenfreien Service anbieten und damit alle Modelle zur Monetarisierung torpedieren?

Helmut Thoma
Insgesamt ist man sich auf dem Panel einig, keiner will dem anderen widersprechen oder gar die interessanten Interna ausplaudern. Aber dann ergreift der große alte Mann des Fernsehens das Wort und poltert los. Da wird das öffentlich rechtliche Fernsehen als Pay-TV abgekanzelt, das ideenlos den Privatsendern hinterher hechelt. Der 3-Stufen-Plan wird als geistloser Zeitvertreib für satte Rundfunkräte gegeißelt und die mobilen Endgeräte, die alles können sollen, bloßgestellt. Auch wenn sich vorher alle Panelisten einig waren, dass es diese eierlegenden Wollmilchsauen geben müsse und wird, so bremst Thoma das vehement mit dem Argument aus, dass ein Telefon eben doch mal klingelt, egal ob ich mit meinem Gerät gerade lese, Musik höre, Videos gucke oder spiele. So geht man wieder auseinander, keiner hat seine Meinung geändert aber doch haben sich wieder alle (im besten Lichte) gezeigt.

Twitter – ist das Gezwitscher nur ein Hype oder das Kommunikationstool der Zukunft?

Twitter darf als Thema bei einem Blick auf die Medien 2009 natürlich nicht fehlen.

Rainer Meyer, der oberbayerische „Don Alphonso“ hält den einleitenden Vortrag. Doch warum hat ihm keiner verraten, dass es sich um eine Veranstaltung in der realen Welt handelt. Twitter – das Gezwitscher soll thematisiert und diskutiert werden, nun sitzt der Meinungsguru auf dem Podium und liest seinen Blogbeitrag vor. Nein, er mag Twitter nicht, das wird schnell klar und er will das auch nicht verhehlen. Und doch twittert er selbstverliebt seinen Vortrag in den luftleeren Raum. Hat er noch Follower im Raum? Interessiert es ihn? Nein. Es scheint ein Abbild der schönen difersifizierten Netzwelt. Die Zahl der Follower – der Raum ist schließlich fast voll – steht über der Zahl der Zuhörer, die man wirklich erreicht.

Wen hat das Panel noch zu bieten? Herr Schäfer-Gümbel soll die Politik aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen vertreten und bleibt während des gesamten Vortrags ganz Politiker. Nur einmal rutscht ihm eine Einschätzung raus, die er in dieser Deutlichkeit wohl doch lieber nicht gesagt haben wollte. So sei er dreimal aufgrund von Twittermeldungen in der Tagesschau gelandet. Inhalt? Egal. Jeder Hit ein Treffer. Ansonsten redet man von Seiten des Magazins Focus noch das journalistische Desaster von Winnenden schön, als man auf die Twitterisierung eines Dramas setzte und auch die Vermarktungsseite kommt zu Wort. Tenor? War doch alles schon mal da. Kaum ein Unterschied zu den Debatten der vergangenen Jahre, nur die Vokabel Blog ist ausgetauscht durch Twitter. Und auch was die Vermarktung betrifft, stößt man auf Parallelen, ist doch auch das Twittern noch immer kommerziell erfolglos, so wie der große Bruder Blog.

Eine tragende Rolle will Twitter keiner der Panelisten zubilligen. Es wird ein Werkzeug bleiben, einen Übertragungsweg darstellen. Wobei die Verlage twitterähnliche Services selbst entwickeln und anbieten werden. Die zeitnahe Informationsvermittlung steckt noch in den Kinderschuhen, Twitter wird sicher auch einen kleinen Anteil bei dieser Art der Kommunikation behalten.

Contentdistribution – der Schlüssel für digitale Erfolgsmodelle

Content, es geht um Content, alles andere sei nur Werkzeug. Nun ja, das ist eine Sache des Blickwinkels. Da gruppiert sich auf dem Panel eine andere Gruppe, die sehr wohl den einen oder anderen Gedanken an die Distribution verliert.

Johann Lafer

TV- und Sternekoch Johann Lafer auf den Medientagen 2009

Es ist eine fast homogene Gruppe dort auf dem Podium. Sieben Herren im Anzug. Doch dann erschrickt das Auge. Wer ist der Herr in der Mitte? Er sticht heraus. Anders als die anderen sechs Teilnehmer ist er über 50 Jahre, trägt einen breit gestreiften Anzug, eine Krawatte und einen Schnauzer. Er sticht nicht nur optisch heraus, er macht auch auf sich aufmerksam, weil er genau das nicht zu sein scheint: aufmerksam. Er guckt mal hierhin mal dort, richtet dann zuvorkommend das Mikro für seien Nebenmann und versinkt dann wieder in eigenen Gedanken. Aber er wirkt vertraut, man kennt ihn. Ein Blick in das Programmheft genügt, Herr Lafer, der Fernsehkoch sitzt dort und soll über die Distribution von digitalen Inhalten referieren? Oder soll der die Panelisten oder gar die Zuhörer mit seinen Kochkünsten bei der Stange halten? Die Diskussion auf dem Panel nimmt ein bisschen Fahrt auf und kleinere Dispute, die vermutlich auf der Party am Abend vorher begonnen wurden, setzen sich auf der Bühne fort. Es wird hitzig und nur einer bleibt cool. Der Koch. Doch dann wird seine Rolle klar. Er hat ein neues Kochstudio, streamt im Internet und bedient sich der neuesten Technik. Er wirft ein paar Vokabeln gekonnt in den Raum und doch kehrt er immer wieder zurück zum Kochen. Davon versteht er was, hier ist er Zuhause, hier ist er mit dem Herzen dabei. Doch schnell wird das Thema wieder auf die Distributionswege gelenkt und es wird einem jetzt erst Recht deutlich, wie erfrischend es war einem Mann zuzuhören, der eine echte Passion hat und dem es um die Sache ging, nicht so sehr um die Verbreitung seiner Inhalte. 

E-Books: Steht der Durchbruch bevor?

Der Durchbruch des E-Books steht bevor? Schon wieder? Immer noch? Wollen wir nicht zynisch werden, die Kennzahlen aus den USA scheinen tatsächlich darauf hin zu deuten, dass das E-Book eine relevante Größe werden könnte. Bis zu 5% des Gesamtumsatzes der Buchbranche in den USA werden für dieses Jahr erwartet. Die E-Reader werden immer besser und mit EPUB scheint sich auch ein Standard durchzusetzen, was die Vertreibung der Bücher natürlich begünstigt. Doch noch immer scheint sehr Vieles problematisch. Keine Farbe auf dem Bildschirm, das Digital Rights Management nicht auf einem akzeptablen Stand. Die Politik streitet noch, ob die Buchpreisbindung auch für E-Books gelten soll und der Kopierschutz scheint für die Digital Natives nicht akzeptabel. Warum also sollten die jungen Menschen, die man doch erreichen möchte, auf einmal E-Book lesen? Wo ist der unterschied zum Buch, mal abgesehen davon, dass ich nicht nur das E-Book sondern auch noch einen Reader kaufen muss.

Es gibt Konzepte und Ideen, die vielleicht echten Fortschritt bringen könnten: Die Einbindung von Audios, von Bewegtbildern oder gar die Integration in Computerspiele. Doch reden wir dann noch von einem Lesegerät oder haben wir es doch nur mit einer Zusatzfunktion für das mobile Endgerät oder den Laptop zu tun? Es bleibt die stille Hoffnung, dass vielleicht im nächsten Jahr der Durchbruch vermeldet werden kann, oder eben ein  Jahr drauf …

 

von Dietmar Hefendehl, wissen.de