21.05.2015
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Zwei Kapitäne, die See und das Glück

Ein Kurzurlaub an der Küste Mecklenburg-Vorpommerns

„Ich habe keine Ahnung, wo das liegt“, hatte mein Freund Florian gesagt, „aber ich freu‘ mich darauf!“ Vier Tage Mecklenburg-Vorpommern hatte ich ihm vorgeschlagen. Zum Abschalten. Und Seeluft tanken. Seit vier Monaten lebte und arbeitete er nun schon in Frankfurt. Nach acht Jahren in London. Ein Wiener in Deutschland, der von der ostdeutschen Küste so viel wusste, wie ich von der Rax oder den Tiroler Alpen: verschwindend wenig.  Nun also Mecklenburg-Vorpommern. Ein verlängertes Wochenende. Mit Start in Hamburg.

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Vom Flughafen geht es durch den Norden der Hansestadt auf die Autobahn, die uns bald auf die A20 bringt. Mein Freund Florian schaut stumm nach draußen. Nördlicher als Frankfurt war er noch nie, gesteht er mir. Umso größer sei seine Vorfreude. Bis Warnemünde, unserer ersten Station, hören wir die ersten Kapitel von Francois Lelords „Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück“. Und irgendwie hoffen wir beide, dass wir auf unserer Reise etwas davon mitbekommen.   

 

Die Hohe Düne

„Zur Yachthafenresidenz nehmen Sie am besten die Fähre“, empfiehlt mir die Frau am Hafen. „Ein Schiff, das ist schön“, sagt mein Freund Florian. Und schon rollen wir auf die Fähre. Nach kaum 15 Minuten sind wir auf der anderen Seite. Und wenig später stehen wir in der Hotellobby. „Willkommen in der Yachthafenresidenz Hohe Düne“, sagt die junge Frau an der Rezeption, „Sie haben die Captain’s Suite im Haupthaus mit Meerblick“. Als wir in unserer herrlichen 5-Sterne-Suite stehen, wissen wir: Unser Kurzurlaub hat begonnen und ein bisschen fühlen wir uns schon jetzt wie zwei Kapitäne.

Kaum eine Stunde später sind wir im Restaurant. Auch hier: mit Meerblick. Das warme Büffet ist hervorragend. Und nach sechs Gängen ist auch Florian am Ende. In der nahe liegenden Bar genießen wir noch einen Schlummertrunk. Und in der Nacht träume ich von einem Tag am Meer, ganz ohne Termine und ohne Stress.

 

Kapitäne auf Wohlfühlurlaub

Nach dem Frühstück gehen wir in den HOHE DÜNE SPA. In unserem Arrangement "Klassik“ ist eine „Aroma Relax Rückenmassage“ inbegriffen. Nach einer halben Stunde kommt mir Florian in dem mit dunklen Hölzern geschmackvoll gestalteten Flur entgegen – irgendwie schwebend. „Das war wunderbar“, seufzt er, und ich nicke zustimmend. Nach dem Schwimmen haben wir einen Liegeplatz mit Blick auf die offene See. Einfach herrlich! Hier wollen wir nicht mehr weg. Und doch drängt Florian am Nachmittag zu einem Lauf am Meer. Das ist zwar durch den Sand unglaublich anstrengend. Aber irgendwie sind wir beide so voller Energie, dass wir es gut 40 Minuten aushalten. „Ich habe einen Riesenhunger“, sagt Florian, als wir wieder zwei Kapitäne sind. Auch diesmal kann von karger Seemannskost keine Rede sein. Dennoch schaffen wir statt sechs Gänge nur fünf. Dafür am Ende eine unglaublich gute weiße Mousse au Chocolat. Und zuletzt gönnen wir uns in der Sport Bar, die ganz oben auf einem der vorgelagerten Häusern liegt, noch einen Cocktail. Und fühlen uns wie auf dem offenen Meer. 

 

Die Uhr von 1472

Am anderen Morgen heißt es Abschied nehmen. Nun sind wir wieder zwei ganz normale Landratten. Doch das Meer wird uns auf unserer Reise nicht mehr loslassen. In Rostock legen wir einen Zwischenstopp ein, schlendern über den „Platz der Lebensfreude“, freuen uns an den schönen Patrizierhäusern – und bewundern die riesige astronomische Uhr der St. Marien-Kirche in Rostock. Sie stammt aus dem Jahr 1472 und zeigt Figuren und Darstellungen aus der Bibel. Sie ist von solcher Pracht, dass uns die Augen übergehen. „Der Reichtum der Hanse hat dieses Kunstwerk ermöglicht“, sagt eine Frau neben uns und lächelt uns zu. Sie hätte sicher auch Hector gefallen, zu dem wir bald wieder ins Auto steigen.

 

Die Künstlerkolonie

Unser nächstes Ziel ist Ahrenshoop. Es liegt auf der Halbinsel Darß, zwischen Ostsee und Bodden. Ahrenshoop ist so etwas wie das Worpswede der Ostsee. Von 1890 an haben sich hier Maler, Bildhauer, Grafiker und Schriftsteller angesiedelt und die Schönheit der Steilufer, das tolle Licht, die Wiesen, Wälder und das Wasser in ihre Werke gebannt. Florian ist gleich begeistert. Und bald enttäuscht. Denn es gibt kein einziges Zimmer mehr für uns. Auch im weiter nördlich gelegenen Ostseebad Prerow (http://www.ostseebad-prerow.de) mit dem größten und feinsten Sandstrand der Halbinsel haben wir kein Glück.Dabei  Mit Hectors Stimme im Ohr machen wir uns auf den Weg nach Stralsund.

 

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Auf dem Inselhügel

Stralsund thront wie ein Wasserschloss auf seiner Insel, die durch Brücken und Dämme mit dem Festland verbunden ist. Seit 2002 gehört sie zum UNESCO Welterbe. Unser Hotel „Kontorhaus“ liegt direkt am Hafen. Und irgendwie fühlen wir uns auch hier wie zwei Kapitäne am Abend vor dem Auslaufen. Bevor wir uns am nächsten sonnigen Morgen auf unser Schiff begeben, besichtigen wir zunächst noch das Meeresmuseum. Das liegt im ehemaligen Dominikanerkloster und ist voller staunenswerter Meerestiere. Gleich zu Beginn schwebt ein gewaltiges Finnwalskelett über unseren Köpfen. Fasziniert schauen wir auf die legendäre Lederschildkröte und die größte Krabbe der Welt. Zwei Stockwerke tiefer geht’s dann in den Nordsee-, Ostsee- und Tropenaquarien wesentlich lebendiger zu. Nach zwei Stunden haben wir genug gesehen und machen uns auf den Weg zum Rathausplatz. Gegenüber der Backsteingotikfassade finden wir einen freien Tisch vor dem Café. „So schön hab ich selten gesessen“, sagt mein Freund Florian – und auch ich bin hin und weg. Nach einer guten Stunde brechen wir zu unserer Hafenrundfahrt auf. Neben der imposanten Stadtsilhouette bestaunen wir vor allem die noch nicht ganz fertig gestellte, riesige Strelasundquerung, die neue Verbindung Stralsunds mit Rügen. Ein gigantisches Bauwerk! Festen Boden unter den Füßen haben wir danach nur kurz, denn Florian will unbedingt noch zur ersten Gorch Fock, die 1933 bei Blohm & Voss in Hamburg vom Stapel lief. Auch wenn sie schon etwas Patina angesetzt hat, ist sie noch immer ein majestätischer Dreimaster. Und am Steuerruder stehend, fühlen Florian und ich uns gleich wieder wie zwei Kapitäne. Ein kurzes Glück, denn wir wollen heute noch weiter zu unserer letzten Station: Schwerin.

 

 

Die heimelig-elegante Hauptstadt

Die älteste Stadt Mecklenburg-Vorpommerns wird auch die „Stadt der sieben Seen“ genannt. Am einen dieser Gewässer, dem Ziegelsee, liegt unser Hotel „Speicher am Ziegelsee“. Dahinter verbirgt sich ein historischer Getreidespeicher aus dem Jahr 1939, der in den 90er Jahren zu einem First-Class-Hotel umgebaut wurde. „Im Untergeschoss sind zwei Saunen“, liest Florian im Hotelprospekt. Unserem Wellness-Abend steht also nichts mehr im Wege. Dass auch der nächste Tag mit reinem Wohlfühlen beginnt, haben wir dem Masseur des Hauses zu verdanken. Nach der einstündigen Ganzkörpermassage ist nicht nur Florians Meniskus wieder an der richtigen Stelle, sondern auch sämtliche Energiebahnen wieder frei. Leichtfüßig schlendern wir durch die Altstadt, umrunden einmal das prächtige Schloss, besichtigen den Dom, speisen im Weinhaus Uhle und kehren schließlich im Café Prag zu einem letzten Höhepunkt ein: der Mohn-Käse-Torte.

Auch Florian fällt es sichtlich schwer, wieder ins Auto zu steigen. Was wohl Francois Lelords Held, Glücksucher Hector, zu unserem Kurzurlaub gesagt hätte? Vielleicht: „Das Glück sind vier Tage mit einem Freund an der Küste Mecklenburg-Vorpommerns“. Wer so etwas noch nicht erlebt hat, sollte sich bald auf den Weg machen.

 

von wissen.de-Redakteur Michael Fischer