21.05.2015
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Japanische Gärten

Die japanische Gartenkunst hat eine lange Tradition. Schon seit dem 6. Jahrhundert haben die Japaner Gartenlandschaften von magischer Schönheit geschaffen - Gärten zum Spazierengehen, Gärten, die zur Meditation anregen sollen, Gärten, die den Lebensraum vergrößern, wellig angelegte Gärten, Wassergärten und Steingärten. Die Spannbreite reicht von weiträumigen Parks für den japanischen Adelsstand seit dem Mittelalter bis zu winzigen Teegärten, die manchmal nicht viel größer sind als ein roji ("taufeuchter Pfad"), ein Steinweg, der zum Teehaus führt.

Der Natur entliehen

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Sansuiro Ryokan Garten, Kanagawa
Der japanische Gartenarchitekt möchte seine Kunst eher verbergen und den Eindruck erwecken, dass seine Kreation ein Werk der Natur sei, frei von menschlicher Einflussnahme. Wie auch bei den anderen japanischen Künsten liegt die Betonung auf Schlichtheit, Natürlichkeit und Stille. Der traditionelle japanische Garten ist weit entfernt von den eintönigen Blumenbeeten und Rasenflächen der westlichen Welt; er spiegelt vielmehr die Schönheiten der japanischen Naturlandschaft mit ihren Felsen und Bergen, verwitterten Bäumen und tosenden Wasserfällen wider. Einige Gärten imitieren tatsächlich existierende Landschaften, wie etwa der berühmte Suizenji-Park in Kumamoto, der in Miniaturform einige der Ausblicke festhält, die man von der vom Künstler Hiroshige in seinen berühmten Holzschnitten abgebildeten Tokaido-Straße aus hat. Andere wiederum schaffen ihre eigenen Bilder mit Baumgruppen, Gebüsch und Steinen oder sogar künstlichen Bergen. Wasser in Form von Teichen, Wasserfällen oder Bächen, mit Miniaturinseln und dekorativen Brücken, gehört zu den beliebtesten Gestaltungselementen. Steinlaternen spenden einerseits Licht im Garten, durch ihren Symbolcharakter als Leuchtturm verstärken sie aber andererseits das Thema Wasser. Der Hamarikyu-Park an der Bucht von Tokyo schließt das Meer selbst in seinen Entwurf ein, wobei echte Wellen gegen die zum Park gehörenden Steinterrassen spülen und gegen die Miniaturbrücken schlagen.

Zur scheinbaren Natürlichkeit dieser Gärten gehört die geschickt hervorgerufene Illusion der Weite. Hierzu benutzen die Gartenkünstler oft raffinierte perspektivische Tricks: Große, auffällige Objekte werden in den Vordergrund gerückt, Pflanzen und Steine abnehmender Größe nach hinten zu angeordnet. Teile des Gartens werden durch Mauern, Hecken oder durch dekorative Pavillons verdeckt, so dass sich dem Besucher, der dem gewundenen Pfad folgt, immer wieder neue überraschende Anblicke bieten. Die Landschaft jenseits der Gartenbegrenzung kann in den Gesamtentwurf mit einbezogen werden - dies wird als Shakkeizukuri-Technik ("entliehene Landschaft") bezeichnet. Die Grenze des Gartens wird verborgen oder überspielt, indem man Pfade oder Bäche raffiniert hinter Steinen oder Büschen verschwinden lässt. Dadurch wird der Anschein erweckt, dass sie sich bis in die Ferne hinziehen.

Eine erhabene Einfachheit

Durch die Anwendung von Symbolen wird die natürliche Vielfalt der Gärten verstärkt: Ein Strauch kann einen entfernten Berg oder Wasserfall verkörpern, der kunstvoll geharkte Sand die Küste. Besonders Steine sind charakteristisch für den japanischen Garten und werden mit der gleichen Sorgfalt ausgesucht wie bestimmte Pflanzen vom Gärtner der westlichen Welt. Der Garten am Daigoji Samboin-Tempel in Kyoto, der 1598 entworfen wurde, birgt fast 800 einzeln ausgewählte Steine.

Die Symbolik erreichte ihren Höhepunkt in der Entwicklung des kare sansui ("trockener Garten"), der ohne Pflanzen oder Wasser angelegt wurde, ein Ort der Meditation des Zen-Buddhismus. Das westliche Auge wird durch die "erhabene Einfachheit" zunächst in Staunen versetzt, denn solch ein Garten besteht aus nichts anderem als ein paar sorgfältig ausgesuchten und genau platzierten Steinen, die von Sand umgeben sind, in den ein gleichmäßiges Muster geharkt wurde. Manchmal verkörpert ein Garten eine ganze Landschaft, wie beim Daitokuji-Daisenin-Tempel, der 1509 in Kyoto geschaffen wurde und in dem die wogenden Muster im Sand einen Fluss darstellen, der Steine umspült, die den Berg Horai und ein "Schatzboot" symbolisieren. Im Gegensatz dazu steht der berühmte Garten des Ryoanji-Tempels, ebenfalls in Kyoto, der in den 70er Jahren des 15. Jahrhunderts geschaffen wurde: ein völlig abstrakter Entwurf mit 15 Steinen, die als Inseln im geharkten weißen Kies liegen.

Der Garten im Haus

In Japan besteht traditionell kaum eine Trennung zwischen Garten und Wohnraum. Die Unterteilung ist fließend und besteht nur aus zerbrechlichen Schirmwänden, die im Sommer offen stehen und Farbenpracht und Duft des Gartens bis ins Haus lassen. Im Wohnzimmer steht ein Tokonoma ("Schönheitsalkoven"), in dem die verschiedensten Gegenstände ausgestellt werden. Man kann hier auf bonkei ("Tablett-Gärten") stoßen, Miniaturlandschaften mit Zwergpflanzen, die zwischen winzigen Bergen aus Torfmoos und "Meeren" aus Sand stehen. Andere Gartenminiaturen, die man hier sieht, sind künstlich klein gehaltene Bonsai-Bäume (wörtlich "Baum im Tablett"), die durch Beschneiden und Versteifen mit Draht jahrelang geformt wurden, bis sie ein vom künstlerischen Standpunkt zufrieden stellendes und "natürliches" Aussehen erreicht haben.