01.06.2015
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Jäger

Er wartete, bis die Dunkelheit die Erde mit ihrer kalten Faust umschloss und die Straßenlaternen wie Notsignale aufleuchteten. Seine Hände wurden feucht. Freudige Erwartung kitzelte seine Magengrube. Wie hatte er diesen Tag herbeigesehnt. Acht Wochen lang hatte er sich vorbereitet. Das Wetter war optimal. Die Novemberkälte, welche die Grenze zwischen Herbst und Winter aufhob, war ein zuverlässiger Komplize. Er liebte die kalte Jahreszeit, wenn die Nacht schon am frühen Abend begann. Es würde einfach werden.

Er wandte sich vom Fenster ab und schritt zu seinem Schreibtisch. Nahm den malvenfarbenen Hefter zur Hand, strich sanft mit den Fingerspitzen über die matte Oberfläche. Er hatte lange nach der richtigen Farbe gesucht. Zuerst hatte er ein dunkles Rot ausgewählt, aber es hatte nicht gepasst. Zu aggressiv für Margareta. Sie verdiente eine weichere Farbe, eine, die mit ihren dunklen Locken, ihrem rundlichen Körper harmonierte. Mit ihrer Freundlichkeit.

Er brauchte den Ordner nicht zu öffnen, nicht darin zu lesen, er kannte alle Daten auswendig: Alter, Familienstand, Arbeitszeiten, Gewohnheiten, Heimweg. Alles passte so perfekt wie nie. Er legte ihn zurück zu den übrigen Ordnern, jeder in einer anderen Farbe. Es wurde Zeit.

Im Schlafzimmer zog er sich sorgfältig um. Er hatte schon am Morgen alles bereitgelegt. Die paar Passanten, die der Kälte trotzten, würden ihn für einen dieser Spinner halten, die bei jedem Wetter, zu jeder Uhrzeit joggten. Sie würden mit großstädtischer Gleichgültigkeit an ihm vorübergehen und ihn vergessen.

Ohne ein Geräusch zu machen, verließ er die Wohnung. Sich vollkommene Lautlosigkeit anzutrainieren, war harte Arbeit gewesen. Er atmete tief die kalte, metallisch schmeckende Luft ein. Dann lief er los, die Straße runter, vorbei an den graffitibeschmierten Fassaden, der demolierten Bank, auf die sich noch nie jemand gesetzt hatte, und wo es nach Katzenpisse roch. Er bog um die Ecke, lief circa fünfhundert Meter weiter, dann stoppte er.

Jäger II

Er schaute auf seine Uhr. Es war achtzehn Minuten vor neun. Donnerstags blieb Margareta immer länger. In wenigen Minuten würde sie auftauchen. Als sie vor drei Monaten im Büro des Baumarktes angefangen hatte, wo er seit zehn Jahren beschäftigt war, hatte er sofort gespürt, dass sie die Richtige war. Eine der Richtigen, denn in gewisser Weise war er ja polygam.

Er erlaubte sich ein kleines Kichern.

Da! Das schnelle Klackern ihrer Absätze. Er spähte um die Ecke. Sie hatte ihren Schal um den Kopf geschlungen. Er roch nach Maiglöckchen, das wusste er, hatte er doch oft genug den Duft eingeatmet, wenn er an ihr vorbeigegangen war. Sie wie zufällig streifte. Neben ihr saß.

Mit hastigen Schritten kam sie die Straße herunter. Er wusste, dass sie Angst hatte. Sie hatte ihm selbst gesagt, als sie einmal zusammen zu Mittag gegessen hatten, dass sie sich abends auf dem Nachhauseweg fürchtete. Er hatte beiläufig gefragt, wo sie wohne. Sie nannte eine Straße ganz in der Nähe seiner Wohnung. Ein echter Glücksfall! Danach hatte er sie ab und an begleitet, wenn sie gemeinsam Feierabend hatten. Sie vertraute ihm vollkommen.

Er zog die Wollmütze auf, schob den Schal über den Mund. Ließ ihr einen angemessenen Vorsprung. Dann überquerte er die Straße. Die Kunst, seine Kunst, bestand darin, nicht zu viel und nicht zu wenig Abstand zu lassen. Sie hatte noch etwa fünfhundert Meter Weg vor sich. Kein Mensch war auf der Straße. Alle hockten vor der Glotze und soffen ihr Bier, das sie sich nicht verdient hatten.

Er machte ein scharrendes Geräusch mit dem Fuß. Sie zuckte zusammen. Drehte sich um. Er konnte sich ihre großen, mokkafarbenen Augen vorstellen. Aufgerissen vor Furcht. Ein wohliger Schauer durchflutete ihn heiß. Sein Herzschlag beschleunigte sich. Margareta ging schneller. Er wusste, ihr Herz pochte so schnell wie seines, der erregte Herzschlag, das war es, was Jäger und Beute verband.

Jäger III

Er verringerte den Abstand. Räusperte sich. Wieder drehte sie sich um. Sie machte die richtigen Fehler. Er verringerte den Abstand. Sie drehte sich um. Begann zu laufen. Noch hundert Meter bis zu ihrer Haustür. Er trieb sie vor sich her. Sie rannte unbeholfen in den Stöckelschuhen. Sie schrie nicht um Hilfe. Es war ihm ein Rätsel, wieso sie das fast nie taten, sondern sich jagen ließen. Nur zweimal bisher hatte eine um Hilfe gerufen und er hatte verschwinden müssen.

Er verlangsamte den Schritt. Ließ ihr die Gelegenheit, den Schlüssel aus ihrer Tasche zu kramen. Natürlich zitterte sie. Und war das ein Wimmern, ein Flehen? Manchmal wusste er nicht, ob sein Wunschdenken seinem Gehör etwas vormachte. Egal.

Endlich hatte sie den Schlüssel. Rammte ihn ins Schloss. Er wäre in zehn schnellen Schritten bei ihr. Bevor sie die Tür geschlossen hätte. Wenn er wollte. Aber er tat ihr nichts. Tat keiner was. Nie. So einer war er nicht.

Die Tür fiel erleichtert ins Schloss. Er lehnte sich mit dem Rücken dagegen. Der Schweiß der Aufregung perlte von seiner Stirn. Die Luft roch ganz schwach nach Maiglöckchen. Alles war so gewesen, wie er es sich ausgemalt hatte.

Aber er musste den Sieg zu Hause auskosten. Er musste verschwinden. Sie war alleinstehend, aber was, wenn sie sich einem Nachbarn anvertraute? Die Polizei rief? Unwahrscheinlich, aber möglich.

Morgen würde er sie fragen, ob sie schlecht geschlafen habe, wegen der dunklen Schatten unter den Augen. Ob sie Kummer habe. Er war ein Frauenversteher. Er würde sie dazu kriegen, sich ihm anzuvertrauen. Sie könnten sich näher kommen, für ein paar Wochen, bis er die Lust verlieren würde. Mal sehen.

Jäger IV

Er sprintete in die entgegengesetzte Richtung. Es war wichtig, einen anderen Heimweg zu nehmen. Er fühlte sich leicht, kraftvoll und jung.

Er nahm eine Seitenstraße, nach hundert Metern wandte er sich nach links, dann wieder rechts. Genau in dem Moment, als er abbog, hörte er das Geräusch. Es war sehr leise, aber er kannte die Nacht und wusste, dass das kein normales Nachtgeräusch gewesen war. Es hörte sich an wie das Kratzen von Stein auf Stein. Jemand murmelte. Vorsichtig spähte er um die Ecke. Zwei Männer machten sich an einem türkischen Juweliergeschäft zu schaffen. Alles schien wie immer, bis auf das Loch, das vor dem Laden klaffte. Ein Mann steckte halb im Kellerschacht, ließ sich herunter. Der andere Kerl schaute sich nervös um.

Er musste verschwinden. Er wollte sich umwenden.

Da sah ihn der Einbrecher.

Er begann zu rennen. Nicht umdrehen. Er drehte sich um.

Der Kerl war direkt hinter ihm. Packte ihn.

Sein Herz raste.

Der Kerl drückte ihn zu Boden, hob etwas, ließ es auf seinen Schädel niederkrachen.

Er spürte noch nicht einmal den Hauch eines Schmerzes, bevor sein Bewusstsein erkaltete und er in eine Dunkelheit glitt, schwärzer als die Nacht.

Martina Berscheid