01.06.2015
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Stäbchen, Uhrgeschenke und andere Fettnäpfchen

Der Business Knigge Fernost

Selbst das umfassendste Handbuch über Sitten und Gebräuche in einem Land kann keine genaue Vorhersage zum Verhalten einer einzelnen Person liefern. So geht es auch hier bei allen beschriebenen Verhaltensweisen vorwiegend um Wahrscheinlichkeiten, die bei der Begegnung mit dem Fernen Osten zur Hypothesenbildung dienen können. Zumal der Ferne Osten sehr unterschiedliche Gebiete und Kulturen umfasst. Allein wenn wir uns hier auf China und Japan beschränken, ist zu präzisieren: Was für die Volksrepublik China gilt, hat nicht unbesehen auch für das zum einen Teil kosmopolitischere, zu einem anderen Teil traditionell-"chinesischere" Taiwan Gültigkeit und schon gar nicht für das durch seine hundertjährige Ära als Kronkolonie partiell britisch geprägte Hongkong. Dafür verhalten sich z.B. im Ausland ansässige Japaner dort mit großer Wahrscheinlichkeit ähnlich wie zu Hause. Korea, Singapur, Vietnam usw. haben teilweise untereinander und teilweise mit Japan oder China Ähnlichkeiten.  Sie können sich aber auch beachtlich unterscheiden.

Der Ferne Osten ist also alles andere als monolithisch und eindeutig. Ein Beispiel: 87 % der Japaner gehören dem Shinto-Glauben an, 73 % dem Buddhismus. Diese Aussage enthält keinen Rechenfehler, sondern illustriert, dass die Religionen sich überlappen und mehr Lebensphilosophien sind als Glaubenssysteme. Verständlich wird Verhalten gerade im Fernen Osten durch seine Einbettung in die jeweilige Weltanschauung.

 

Hintergrundinformationen Fernost

Dieser kurze Überblick soll einer ersten Orientierung dienen, nicht jedoch der Herausbildung von Vorurteilen. Bitte seien Sie sich bewusst, dass Sie fremd sind und sich noch nicht gut auskennen. Nähern Sie sich lieber mit Vorsicht und Zurückhaltung und hüten Sie sich vor zu schnellen Beurteilungen und Wertungen.

 

Partnerschaftliche Strukturen

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Junge Frauen in Kimonos auf dem Weg zum Meiji-Schrein.

Japan

Das Bild der japanischen Frau, das in Europa vorherrscht, ist das eines sittsam lächelnden, in einen adretten Kimono gehüllten, zarten Wesens. Ein Klischee, das sich so nicht länger halten lässt. Japan ist seit geraumer Zeit im Umbruch. Es gibt durchaus Karrierefrauen im Land, die beruflich ihren "Mann" stehen. Dennoch gibt es auch das traditionelle, extreme Rollenverhalten. Der Tätigkeitsbereich des Mannes ist auf die Arbeit, den Broterwerb beschränkt, den Mittelpunkt des Lebens für die Japanerinnen stellt die Versorgung der Familie dar. Schuld daran haben wohl auch die Firmen, die wenig in die Ausbildung der Frauen investieren, da diese oft nach der Geburt ihrer Kinder aus dem Berufsleben ausscheiden. Beförderungen der weiblichen Angestellten sind seltener und auch Führungspositionen werden trotz eines existierenden Gleichstellungsgesetzes weniger häufig mit Frauen besetzt.

 

China

Im 20. Jahrhundert hat die Rolle der Frau einen großen Wandlungsprozess durchlaufen. Die traditionellen konfuzianischen Vorstellungen vom Verhalten einer Frau in der Gesellschaft wurden spätestens unter der Regierung von Mao gründlich überdacht. Allerdings wurde auch starker Einfluss auf die Familie ausgeübt. Wer mehr als zwei Kindern das Leben schenkte, musste mit Restriktionen rechnen. Mao forderte 1949: "Schließt euch zusammen, nehmt teil an der Produktion und an der politischen Tätigkeit, damit die wirtschaftliche und politische Stellung der Frauen verbessert wird."

 

Um eine große sozialistische Gesellschaft zu erbauen, meinte der Große Vorsitzende, sei es äußerst wichtig, "die breiten Massen der Frauen für die Teilnahme an der Produktionstätigkeit zu mobilisieren". In der Produktion müsse bei Männern und Frauen der Grundsatz "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit" verwirklicht werden. Nur im Prozess der sozialistischen Umgestaltung der Gesellschaft als Ganzes ist eine echte Gleichberechtigung von Männern und Frauen realisierbar. Das Bildungsgefälle der Frauen zwischen Stadt und Land allerdings ist in China nach wie vor sehr groß.

 

 

 

Fremde Sitten und Gebräuche

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Japanische Frauen

Was Sie vermeiden sollten

Fettnäpfchen stehen überall. Immer laufen Sie Gefahr, als Mensch aus dem Westen als ungeduldig, ungehobelt, egoistisch und intolerant angesehen zu werden. Beweisen Sie den Asiaten das Gegenteil. Erfreuen Sie beispielsweise Ihre Gastgeber mit kleinen Geschenken, achten Sie dabei aber auf die Symbolik von Farben, Objekten und Zahlen.

 

Schenken Sie keine Uhren, sie könnten als Hinweis auf die Vergänglichkeit gewertet werden. Messer sind zu aggressiv. Packen Sie Geschenke erst ein, nachdem Sie die Zollkontrolle passiert haben und nicht in der Trauer vorbehaltenes Weiß. Geben Sie sich vor allem in Japan dem Land entsprechend Mühe mit der Verpackung. Dort macht sich sogar eine Papiertüte mit dem Logo einer Nobelmarke gut. Die Zahl Vier meiden Sie, sie wird aufgrund ihrer Lautung im alten Chinesisch mit dem Tod in Verbindung gebracht, die Acht dagegen ist ideal. Obst und einfache Speisen zu überreichen würde suggerieren, Sie unterstellten dem Beschenkten Armut. Liebevoll angerichtete oder verpackte hochwertige Spezialitäten und Getränke, wie Schweizer Schokolade oder Champagner gerade Nobelmarken dagegen sind in Ordnung. Überreichen Sie ein Geschenk für eine Delegation dem Repräsentanten mit dem höchsten Rang.

 

Umgang mit der Zeit

"Der lange Weg ist der kürzere", sagt man nicht nur in Japan. Zeit ist in Asien ein flüssiger Begriff. Geduld ist demgemäß eine Tugend, die dem Besucher gut zu Gesicht steht. Manchmal wird sie ihm in Verhandlungen auch über die Maßen abverlangt. Halten Sie Schweigen aus, nutzen Sie es zum Nachdenken.

 

Pünktlichkeit wird sowohl in China als auch in Japan erwartet, vielleicht nicht auf die Minute, doch mehr als fünf Minuten Marge sollten Sie sich nicht gönnen. Bedenken Sie die Verkehrsverhältnisse in großen Städten. Vielleicht legen Sie Ihren Termin lieber in Ihr eigenes Hotel. Bei gesellschaftlichen Veranstaltungen kommen Sie in Japan knapp vor der angegebenen Zeit, in China pünktlich. Als Gastgeber im Restaurant sollten Sie mit komfortablem Vorsprung zu den ersten Gästen eintreffen.

 

 

 

Die wichtigsten Kommunikationsregeln

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Im Gespräch

Japan

Fremde anzulächeln wird als Mangel an Respekt interpretiert, kontinuierlicher Blickkontakt, ein kerniger Händedruck, lautes Lachen, Berührungen im öffentlichen Raum und die Verringerung der von den Gastgebern vorgegebenen Distanzzonen als Grenzverletzungen. Gerade sitzen und die Gestik reduzieren - das kommt gut an.

 

Der Rangniedere lässt dem Ranghöheren den Vortritt und der Jüngere dem Älteren, die japanische Frau platziert sich hinter dem Mann. Derartigen geschlechtsspezifischen Zwängen ist eine Geschäftspartnerin aus dem Westen jedoch nicht unterworfen. Sie wird in erster Linie als fremd und in zweiter Linie als Frau betrachtet. Vor allem als Frau aus dem Westen lassen Sie sich geschickterweise mit allen Ehren - Funktionen und Kompetenzen und von einer Mittelsperson vorstellen. Expertise in der Sache sowie im verbalen und nonverbalen Ausdruck verhelfen Ihnen zu einer angemessenen Behandlung.

 

Der Umgang der Japaner mit der Visitenkarte - meishi  - ist inzwischen auch im Westen sprichwörtlich. Außer bei sehr starkem hierarchischem Gefälle tauschen alle Anwesenden ihre Karten aus. Die Karte wird dem Gegenüber zweihändig an den oberen Ecken gereicht, die seine entsprechend entgegengenommen, oberhalb den verbleibenden eigenen aufbewahrt und in unmittelbarer Anwesenheit des Eigentümers nicht weggesteckt. Lächeln, kurzer Blickkontakt, nicken, das war's. Das subtile Verbeugungsritual überlassen Sie den Japanern untereinander. Sie lesen daran ab, wie sich die Damen und Herren hierarchisch aufeinander beziehen.

 

China

In China wird die Begrüßung von Geschäftspartnern zügig absolviert, die Rangfolge der Beteiligten ist dabei jedoch ebenso erkennbar. Die Gastgeber erwarten die Gäste. Deren höchstrangige Person betritt den Raum zuerst, erwidert, wenn sie mit Applaus begrüßt wird, den Beifall und wendet sich an den wichtigsten Vertreter der Besucherdelegation. Alle Anwesenden begrüßen sich entsprechend ihrem Status, schütteln mit respektvoller leichter Verbeugung sanft die Hände. Frauen sind in Toppositionen immer häufiger anzutreffen, daher werden Business-Frauen aus dem Westen automatisch entsprechend ihrer Position geachtet.

 

 

 

Im Business

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Essen mit Ess-Stäbchen

In der japanischen Öffentlichkeit und damit auch im Geschäftsleben tritt die "äußere Person" auf, die "innere Person" hat nur im privaten Rahmen ihren Platz.

 

So gelten im Geschäftsleben Regeln, die den Platz des Individuums im System sichtbar machen und sicherstellen. Gleichzeitig ist der einzelne aufgerufen, im Rahmen des betrieblichen Vorschlagswesens Kaizen  aktiv zum Fortschritt des Unternehmens beizutragen.

 

Das höchstrangige Teammitglied wird zuerst begrüßt und vorgestellt. Die besten Plätze am Ess- oder Verhandlungstisch sind die mit Blick auf die Tür. Deshalb sind sie den Gästen vorbehalten. Die Gastgeber sitzen mit dem Rücken zur Tür. Die wichtigste Person sitzt in der Mitte dieser Reihe; je größer die Entfernung von ihr, desto geringer der Rang. Jeder Anwesende ist einer Person von entsprechendem Rang gegenüber platziert.

 

Der Ranghöchste spricht zuerst. Das heißt aber längst nicht, dass er sofort zu Beginn des Meetings spricht. Vielleicht nutzen alle Beteiligten zuerst einmal das Schweigen, um bisher unbekannte Personen auf sich wirken zu lassen und für das Geschäft nützliche Eindrücke mit allen Sinnen aufzunehmen. Lassen Sie sich davon nicht erschüttern, nutzen Sie vielmehr diese Strategie der weichen Lenkung.

 

Verständnisschwierigkeiten durch erhöhte Lautstärke kompensieren? Niemals, das würde einen Verlust an Autorität nach sich ziehen. Wozu haben Sie Ihren Dolmetscher? Richten Sie Ihre Fragen und Bitten vorzugsweise an Gleichrangige.

 

aus der wissen.de-Redaktion