21.05.2015
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wissen.de Artikel

Keine Schonung bei Rückenschmerzen

Nicola Hellmann (ARTE) im Gespräch mit dem Orthopäden Dr. Ulf Marnitz

90% aller Rückenschmerzpatienten sind nach vier Wochen auch ohne Behandlung schmerzfrei, etwa die Hälfte aller Bandscheibenoperationen überflüssig. Warum zu viel  Rückenschule uns krank gemacht hat und warum man sich mit Rückenschmerzen auf keinen Fall ins Bett legen sollte, erklärt Experte Dr. Marnitz im Interview.

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Dr. Ulf Marnitz, Facharzt für Orthopädie
ARTE : Was ist neu an der "neuen" Rückenschule?

Dr. Marnitz : Die klassische skandinavische Rückenschule empfahl Ende der 60er Jahre, den Rücken möglichst wenig zu belasten. Man befürchtete, dass eine zu starke (Ab)nutzung des Rückens letztendlich zu Bandscheibenvorfällen führen könnte. Diese sehr technikorientierten Vorstellungen sind in der Folge sehr stark verschult worden, alle kennen die Empfehlung, die Wasserkiste mit geradem Rücken zu heben. Diese dogmatischen Vorgaben sind mittlerweile durch  biomechanische Untersuchungen widerlegt und haben mehr Leid gebracht als Nutzen. Rückenschmerzen haben sich von Anfang der 70er Jahre bis heute verdreißigfacht, und Menschen, die den Rücken beim Sitzen oder Heben krumm machen, haben wesentlich weniger Rückenschmerzen als diejenigen, die sehr auf den geraden Rücken achten. Die neue Rückenschule ermutigt die Menschen, ihre natürlichen Bewegungsabläufe wiederzufinden und zu nutzen, die sich aus einer Kombination aus Bein-und Rückenarbeit ergeben.

Den Rücken also möglichst wenig schonen – auch bei einem Bandscheibenvorfall?

Bei dem einfachen Bandscheibenvorfall handelt es sich sehr häufig um einen natürlichen altersbedingten Verschleiß.  Vereinfacht ausgedrückt : So wie wir Falten im Gesicht bekommen, bekommen wir auch Falten in den Bandscheiben - ohne dass der Patient unter Rückenschmerzen leiden muss. Auch heute noch sind schätzungsweise 50 % der Operationen überflüssig. Ein schwerer Bandscheibenvorfall mit Lähmungen, Problemen beim Wasserlassen oder beim Stuhlgang muss natürlich operiert werden, aber auch und gerade bereits  Betroffene sollten sich möglichst wenig schonen, selbst nach einer Operation.

Sport treiben, auch wenn’s weh tut?

Auf jeden Fall. Früher hat man  niemals "in den Schmerz hinein" trainiert. Heute trainiert man  trotz Schmerzen noch etwas weiter, natürlich nicht bis zum bitteren Ende. In der Anfangszeit wird der Patient in der Regel mehr Schmerzen haben als vorher, aber letztendlich hat noch jeder von den neu erlernten Bewegungsabläufen profitiert.

Kann man den Rücken nicht doch zu sehr belasten? Auch schwer körperlich arbeitende Menschen leiden unter Rückenschmerzen …

Bis zum 50. Lebensjahr leiden schwer körperlich arbeitende Menschen deutlich weniger unter Rückenschmerzen als die eher sitzenden Berufsgruppen. Über 50 ist der Arbeiter aufgrund des altersbedingten Verschleißes dann körperlich etwas weniger leistungsfähig als vorher – und bekommt bei einem schweren Job dann natürlich ein Problem, dem man unter volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten Rechnung tragen müsste. Man sollte dann etwas kürzer treten, der größte Fehler wäre aber auch in diesem Fall eine völlige Schonung.

Die rückenschonenden Hilfsmittel der "alten Rückenschule" sind demnach auch überflüssig?

Eine europaweite Untersuchung konnte keinen Zusammenhang zwischen der Art der Matratze und der Häufigkeit von Verschleißerscheinungen oder Bandscheibenvorfällen herstellen. In dieser Frage gibt man heute dem Patienten Recht, die meisten tendieren zur mittelharten Matratze, andere schlafen besser auf einem Wasserbett. "Aktive" Stühle hingegen, wie sie mittlerweile angeboten werden, sind durchaus sinnvoll. Sie animieren dazu, sich nach vorne, hinten, oder zur Seite zu bewegen und zu wippen, und verhindern eine Verkrampfung. Wichtig für jemanden, der den ganzen Tag sitzt, ist eine Rückenlehne – anderenfalls hängt man sich nach einer kuzen Zeit zu sehr in Bänder und Knochen.

Welchen Einfluss haben psychische Faktoren?

Rückenschmerz wird emotional bereits deshalb anders bewertet als z.B. Knieschmerz, weil das Rückenmark zum zentralen Nervensystem gehört. Psychologische Faktoren wie Stress können widerum zusätzlich schmerzverstärkend wirken. Hinzu kommen soziale Faktoren wie Isolation und Berufsunfähigkeit - wenn Rückenschmerzen länger als drei Monate andauern, reagieren 60 % der Patienten darauf mit einer Depression. Andererseits können auch bereits depressive Patienten aufgrund von Verspannungen oder "Sich-hängen-lassen" Rückenprobleme entwickeln, zum Beispiel den berühmten "Schulter-Nacken-Schmerz".

Welchen konkreten Tipp geben Sie bei starken Rückenschmerzen?

Zunächst eine beruhigende Botschaft : Ein starker Rückenschmerz verschwindet in den ersten vier Wochen mit 90 prozentiger Wahrscheinlichkeit, egal wie man ihn behandelt. Diesen Patienten kann man eigentlich nur den Tipp geben, trotz Schmerzen aktiv zu bleiben, und langfristig einen Sport auszuüben, der ihnen Spaß macht. Ein Therapeut kann helfen, die vier Wochen so angenehm wie möglich gestalten - ob das mit Schmerzmitteln, Massage oder Akupunktur geschieht, ist sekundär. Die übrigen 10 % benötigen fachärztlichen Rat und eventuell eine physiotherapeutische Betreuung. Wenn Rückenschmerzen nicht innerhalb von sechs Wochen deutlich rückläufig sind, sollten diagnostisch Kernspinaufnahme erfolgen, und –natürlich abhängig vom Ergebnis der Kernspinaufnahme- mit einer intensiven, aktivierenden Therapie begonnen werden.

Wie kann man Rückenschmerzen bei Kindern vorbeugen?

Wir dürfen Kinder nicht daran hindern, die notwendigen motorischen Fertigkeiten auch zu erlernen. Aber aus Angst, sie können beim Klettern vom Baum fallen oder sich die Zähne ausschlagen, werden viele Kinder heute zu sehr behütet. Anstatt im Hinterhof Fußball oder Fangen zu spielen, sitzen sie zu Hause am Computer und werden einmal pro Woche zu irgendeiner schicken Sportart gefahren. Das ist eine traurige Entwicklung, unter der nicht nur die Motorik leidet. Die Diagnose ADHS wird meiner Meinung nach nicht selten missbraucht, um den natürlichen Zappel- und Bewegungsdrang der Kinder ruhig zu stellen. Kinder möchten sich bewegen– und zu den notwendigen Erfahrungen gehört auch mal ein blutiges Knie. Somit ist das natürliche Erlernen von motorischer Geschicklichkeit die beste Prävention für spätere Rückenschmerzen. Diese funktionell bedingten Rückenschmerzen sind dann im Erwachsenenalter die Rückenschmerzursache Nummer Eins

Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie bei ARTE unter "Zum Stillsitzen erzogen"

ARTE