21.05.2015
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wissen.de Artikel

Kleine Geschichte der Internet-Telefonie

Schwätzchen übers Netz

Telefonieren ist über die Jahre immer günstiger geworden und damit ist die Möglichkeit der Internet-Telefonie - die es schon seit einigen Jahren gibt - einige Zeit etwas in Vergesseneheit geraten. Im Gegensatz zu den Verbrauchern haben die Anbieter jedoch fieberhaft weiter an dieser Art des günstigen Telefonierens gearbeitet und die Technik extrem vereinfacht und verbessert. Vorbei sind die Zeiten, als man mit Headset vor dem eingeschalteten PC saß und ruckelige Textnachrichten in schlechter Tonqualität bekam. Inzwischen kann man mit wenig Aufwand sehr günstig und bei sehr guter Qualität über das Internet telefonieren. Alles, was man braucht, ist ein DSL-Anschluss. Mit einem entsprechenden Adapter kann für ein solches Telefonat sogar der Rechner aus bleiben und Sie nutzen wie gewohnt Ihr normales Telefon. Voice-over-IP heißt die neue Zauberformel, die die Internet-Telefonie auf ihren neuen technischen Stand gebracht hat. Wir blicken noch einmal zurück auf die Anfänge der Internet-Telefonie.

Ganz einfach erklärt, bedeutet Internet-Telefonie, Sprache in Datenpaketen gebündelt zwischen zwei Gesprächspartnern über das Internet zu übertragen. Selbst wer kein Technik-Freak ist, kann mittlerweile fast problemlos von PC zu PC telefonieren weltweit in der Regel zum Ortstarif und unter Umständen sogar kostenlos. Damit kann man den Telefongesellschaften allemal ein Schnippchen schlagen, was sich vor allem bei internationalen Gesprächen lohnt, denn in manche Länder nach altem Muster zu telefonieren ist noch immer ein teurer Spaß.

Auch wer per Internet einen gewöhnlichen Telefonanschluss irgendwo auf der Welt anruft, kann unter Umständen viele Euro sparen. Kann jedoch die günstige Internet-Telefonie technisch mit dem herkömmlichen Telefon mithalten?

Tatsächlich kostenlos?

Bislang gab es im wesentlichen zwei Möglichkeiten: Entweder sprachen beide Partner per Internet-PC miteinander, wobei nur Internet-Gebühren entfielen, oder man rief über seinen PC ein “gewöhnliches Telefon an. In diesem Fall kostete das Gespräch noch Extra-Gebühren, weil ein spezieller Anbieter diesen Dienst vermitteln musste, etwa die US-Firma Net2Phone. Heutzutage sind per Voice-over-IP auch Gespräche von Telefon zu Telefon, von Telefon zu PC und von PC zu Telefon möglich.

Wer mit seinem PC einen anderen PC “anruft, muss in der Tat nur die gewöhnlichen Telefon- bzw. Internetgebühren an den nächsten Provider zum Ortstarif bezahlen selbst wenn der eine PC auf Honolulu steht und der andere in Wladiwostok. Hier haben Flatrate-Kunden die Nase vorn, weil sie ohne Gebührentaktung in gewissem Maße kostenlos telefonieren können.

Ausstattung

Die Internet-Telefonie von PC zu PC dürfte kostenmäßig derzeit die günstigste Art sein, miteinander per Sprache zu kommunizieren. Jeder Internet-PC besitzt wahrscheinlich eine Soundkarte, in die nur noch ein Mikrofon zur Spracheingabe eingestöpselt werden muss. Die Anschaffung eines PC-Mikrofons hält sich übrigens preislich sehr in Grenzen: Das Toneingabe-Werkzeug ist für wenig Geld im Fachhandel erhältlich. Als Tonausgabe-Quelle dienen die Computer-Lautsprecher.

Als die Internet-Telefonie noch in den Kinderschuhen steckte, hatte man mit einem erheblichen Nachteil zu kämpfen: Bei Gesprächen von PC zu PC war man nur dann erreichbar, wenn der Rechner mit dem World Wide Web verbunden war und spezielle Kommunikations-Programme geladen waren, z.B. NetMeeting von Microsoft, das ebenfalls eine Videokonferenz erlaubt vorausgesetzt, Sie besitzen eine Webcam.

So funktionierte die Internet-Telefonie vor Voice-over-IP

Hatte man die Lautsprecher und das Mikro an den PC angeschlossen und die Internetverbindung hergestellt, waren die Voraussetzungen zur Internet-Telefonie erfüllt. Die zur Kommunikation notwendigen Programme wie NetMeeting von Microsoft ließen sich schnell aus dem Internet herunterladen.

Bei der Installation von NetMeeting erfolgte zeitgleich die kostenlose Registrierung. Man bekam eine eigene Kennung, eine so genannte IP-Nummer mit zwölf Stellen, und musste einen Benutzernamen angeben. Danach konnten sich Web-Telefonierer beherzt ins Gespräch stürzen entweder mit Freunden oder Verwandten, die ebenfalls bei NetMeeting registriert waren und im Netz surften, oder mit unbekannten Webphone-Usern per Mikro chatten.

Das klang theoretisch interessant, war in der Wirklichkeit aber schwieriger durchzuführen als gedacht. Selbst mit ISDN lief das Telefonat etwa mit NetMeeting zaghaft. Ein Beispiel: Axel, 22, Fremdsprachen-Student an der Ruhr-Universität Bochum, stieg damals auf die Internet-Telefonie um, um mit seinen Eltern in der 500 km entfernten Heimatstadt in regelmäßigem Kontakt zu stehen: “Die Telefonrechnungen waren einfach zu hoch.

Also rüsteten Axel und seine Eltern ihre Internet-PCs mit Webcams und Mikrofonen aus und meldeten sich bei NetMeeting an. “Das Ergebnis war enttäuschend, erzählt Axel. “Die Verbindung hat zwar geklappt, die Video-Konferenz lief aber sehr ruckelig. Trotz einer 64.000 bit schnellen ISDN-Leitung liefen Bild und Ton asynchron. Oftmals sei der Ton schneller aus den Lautsprechern des Gegenüber geschallt, als das Video-Signal übertragen wurde.

Störungen bei der Internet-Telefonie

Reine Ton-Verbindungen über NetMeeting funktionierten mit ISDN wesentlich besser, klangen aber manchmal wie ein Handy-Gespräch und waren auch nicht immer störungsfrei. Denn ein gewöhnliches Telefongespräch benötigt mindestens 8000 Byte in der Sekunde, also erfüllt eine ISDN-Leitung ohne Kanalbündelung gerade mal die Mindestvoraussetzung. Allerdings müssen die Daten beim Telefonieren noch komprimiert werden, was Audio-Daten nicht mögen. Wenn man sie mit einem Kommunikationsprogramm so eng verpackt, dass sie durch eine ISDN-Internet-Leitung passen, entsteht in der Regel immer ein Datenverlust. Das führt dann zu einer geringeren Sprachqualität und einer Zeitverzögerung. Es gilt: Je weiter die beiden Internet-Telefonierer voneinander entfernt sind, desto schlechter wird die Verbindung, weil an jedem Internet-Knotenpunkt auf der Welt, den die komprimierten Daten passieren, ein Teil der Daten verloren gehen. Das Resultat: Wer von Honolulu nach Wladiwostok per PC telefoniert, musste sich auf eine knackend-rauschende Verbindung mit Echo-Effekten gefasst machen.

Anders als bei einer Telefonleitung strömen die einzelnen Daten nicht nacheinander durch die Leitung, sondern werden unabhängig voneinander versandt, teils sogar auf unterschiedlichen Wegen. Im Extremfall kommen die einzelnen Datenpakete nicht in der richtigen Reihenfolge beim Empfänger an oder gehen ganz verloren, so dass nur Gesprächsfetzen zu hören sind.

Außerdem müssen Internet-Telefonierer damit rechnen, mehrmals aus dem Programm geworfen zu werden, meist weil die Server von NetMeeting dem starken Ansturm nicht gewachsen sind vor allem in der Rushhour der Home-Surfer, werktags zwischen 18 und 22 Uhr.

Was ist Net-to-phone?

Wenn man jemanden über den PC anrufen will, der keinen Internet-Computer hat, so funktionierte das nur über einen kommerziellen Anbieter. Nachdem sich der User ins Web gewählt hatte, musste er sich bei einem Netz-zu-Telefon-Anbieter (engl. Net-to-Phone) registrieren und dessen Software installieren, um damit die Tante in Australien anrufen zu können. Bei dieser Methode endete allerdings das annähernd kostenlose Telefonvergnügen. Damit das Net-to-Phone-Verfahren global funktionierte, muss der Anbieter in jedem Land der Welt mindestens eine Zwischenstation, ein so genanntes Gateway zwischen Internet und lokalem Telefonnetz installieren. Und dafür erhoben die Anbieter Gebühren.

Das Net-to-Phone-Verfahren funktioniert übrigens auch anders herum, also kann in unserem Beispiel die australische Tante auch den Neffen in Deutschland auf seinem Internet-PC anrufen. Dafür muss sie vor dem Eintippen der gewöhnlichen Telefonnummer eine spezielle Nummer des Net-to-Phone-Anbieters eintippen. Und natürlich muss der Neffe auch in diesem Moment online sein.

Wie bei der PC-zu-PC-Methode findet man im Internet schnell die Einwahlprogramme der kommerziellen Dienstleister, die es möglich machen, vom PC aus jeden gewöhnlichen Telefonanschluss auf unserem Globus anzurufen. Zu den bekanntesten Net-to-Phone-Anbietern, die weltweit für den Heim-Anwender zu nutzen sind, gehört die US-Firma Net2Phone. Allerdings fallen hier wie bei jedem anderem Anbieter zusätzliche Kosten an. Diese Minutengebühren sehen auf den ersten Blick recht günstig aus, trotzdem sollte geprüft werden, ob “normale Telefongesellschaften wirklich teurer sind.

Die Sprachqualität entspricht bei Net2Phone nur in etwa der bei NetMeeting und verschlechtert sich, je weiter die Gesprächspartner voneinander entfernt sind. Das stärkste Hemmnis, Net2Phone zu benutzen, dürfte für die meisten Internet-Surfer in Deutschland die Zahlungsmethode sein: Die zusätzlichen Gebühren werden nicht einfach wie bei anderen Telefonanbietern auf die monatliche Telefonrechnung gesetzt, sondern müssen per Kreditkarte bezahlt weden. Viele Kunden sehen in dieser Zahlungsweise nach wie vor ein Sicherheitsrisiko.

Lohnt sich Internet-Telefonie zurzeit?

Jeden Tag entstehen im Web neue Kommunikations- und Technik-Innovationen, die den Austausch von Informationen verbessern und bewährte Formen ersetzen sollen. Doch es braucht seine Zeit, bis die neuen Methoden massentauglich und konkurrenzfähig sind die Internet-Telefonie ist da keine Ausnahme. Mit Blick auf die wachsende Vernetzung der Privathaushalte ist die PC-zu-PC-Methode auf dem Vormarsch. Schon heute stellt diese Internet-Telefonie eine ernsthafte Alternative für Websurfer dar, die mindestens auf eine 768 kbit/s schnelle DSL-Leitung zugreifen können und zusätzlich noch Flatrate-Kunden sind. Sobald DSL das veraltete ISDN oder sogar eine analoge Leitung bundesweit ablöst, dürften die Telefongesellschaften gehörig unter Druck geraten.

Unter Druck dürften die Telefongesellschaften vor allem durch die Voice-over-IP-Technik geraten, die Telefonate zu extrem günstigen Preisen und das bei hervorragender Qualität ermöglichen. So bietet AOL etwa die Voice-over-IP-Telefonie an, bei der durch einen Adapter bzw. das Angebot kombinierter Geräte für DSL Neukunden, Telefonate mit dem herkömmlichen analogen Telefon geführt werden können, ohne dass der PC angeschaltet ist. Alternativ bietet AOL auch die Möglichkeit, über ein Software-Telefon vom PC mit Hilfe eines Headset zu telefonieren.