01.06.2015
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Kult um Muskel und Form

Schon lange im Trend

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Fitness, Bodystyling, Körperkult: Klingt trendy, aber wirklich neu ist das alles nicht. Die Kalifornier haben das Modellieren des eigenen Körpers ebenso wenig erfunden wie Turnvater Jahn, ja selbst die alten Griechen haben die erste dokumentierte Fitness-Welle verpasst. Weit voraus waren ihnen nämlich die Chinesen (3600 v. Chr.) und die Ägypter (3400 v. Chr.), das belegen archäologische Funde. Ihr ausgeprägtes Schönheitsideal ließ sie Gymnastik treiben und bei Kampfsportarten, z. B. dem Ringen, ihre Muskeln kräftigen. Auch für die Entspannung nach dem Sport war gesorgt: In Bädern und Saunen ließ man es sich gut gehen. Im Gegensatz zu anderen Kulturkreisen war bei den Ägyptern Sport keineswegs nur eine Männerdomäne. Auch die Frauen hielten sich durch sportliche Übungen in Form.

Das antike Ideal

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Die frühe Blütezeit der Vorfahren von Arnold Schwarzenegger fällt in das 6. Jahrhundert v. Chr. Mit Milon von Kroton betrat der erste Superstar des Kraftsports die Szene. Als Schüler des genialen Mathematikers Pythagoras dürfte sein Geist zwar seinem körperlichen Erscheinungsbild ebenbürtig gewesen sein, doch in die Geschichte ging Milon aufgrund seiner überragenden Kraftleistungen ein. Bereits als Kind, so die Legende, soll er ein Kälbchen auf seinen Schultern getragen haben, aus dem in den folgenden Jahren ein ausgewachsener Stier wurde. Damit kann er als Erfinder des heute noch im Kraftsport gängigen "progressiven Muskeltrainings gelten: Steigende Lasten bringen steigende Kraft. Auch eine eiweißreiche Ernährung war dem kraftstrotzenden Griechen nicht fremd. Die Geschichtsschreiber berichten von Unmengen Fleisch, die der gefeierte Held täglich verdrückt haben soll. Ob dies der Grund für seine insgesamt sieben Siege im Ringen bei Olympischen Spielen gewesen ist, sei jedoch dahin gestellt.

Auch Theogenes von Thasos, der zur nächsten Generation der starken Männer zählte, muss ein Ausnahme-Athlet gewesen sein. Zwei Jahrzehnte blieb er im Faustkampf und im Pankration - einem ruppigen Allkampf, zu dem auch der Faustkampf und das Ringen gehörten - unbesiegt. Der griechisch-römische Stil beim Ringen war den antiken Griechen allerdings völlig unbekannt. Freistil war angesagt und die Kämpfe endeten erst mit der Kampfunfähigkeit des Gegners oder dessen Aufgabe.

Die enge Verbindung von Götterkult und Heldenverehrung spiegelt sich in den Abenteuern des Herakles - besser bekannt unter dem Namen Hercules - wieder. Nur mit Mut und übermenschlicher Kraft besteht der Sohn von Zeus und Alkmene die 12 Aufgaben, mit denen er von König Eurystheus auf die Probe gestellt wird. In Abbildungen wird das Vorbild griechischen Heldentums stets als Kraftprotz mit gewaltigem Körperbau dargestellt.

Leibesübungen im "Gym"

In den Vorläufern unserer heutigen Studios, den sogenannten Gymnasien (griech. "gymnos"), wurden die meist nackten Athleten auf die Wettkämpfe vorbereitet. Schon damals gab es eine regelrechte Sportwissenschaft. Trainiert wurde zu Ehren des Zeus nach ausgeklügelten Programmen. So sah das beliebte Tetradensystem ein Training im Vier-Tage-Rhythmus mit wechselnden Intensitäten vor. Ebenso wie die großen Sportstätten Olympia, Delphi oder Nemea allesamt Kultstätten waren, so wurden auch die "gyms" im ganzen griechischen Reich an Kultstätten errichtet.

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Mit dem Niedergang der griechischen Vormachtstellung war es auch um deren Körperkultur geschehen. Den nachfolgenden Römern leuchtete die Verbindung von Sport und Ästhetik nicht ein, Sport war für sie die körperliche Vorbereitung auf Kampf und Krieg. Entsprechend waren ihre sportlichen Helden die großen Wagenlenker und siegreichen Gladiatoren.

Körperfeindlichkeit im Mittelalter

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Viel Wissen um die Bedeutung des Körpertrainings ging in den Jahrhunderten der Völkerwanderungen und im Mittelalter verloren. Die Ausbreitung des Christentums war einem neuen Körperbewusstsein wenig förderlich. Unbekleidete Männer, die sich sportlich betätigten, um ihren Körper zu formen und ihren Geist zu stärken, waren im Mittelalter undenkbar. Die Kirche erlangte zunehmend kulturelle und geistige Vormachtsstellung, forderte die Verhüllung des Körpers und stand allem Körperlichen ablehnend gegenüber. Dennoch gab es auch zu dieser Zeit Sport, wenn auch hauptsächlich aus dem Grund, um bei kriegerischen Auseinandersetzungen zu bestehen. Der weltliche Adel übte sich im Reiten, Fechten, Ringen, Bogenschießen und Lanzenwurf. Die jungen Adeligen wurden meist durch einen Waffenmeister oder während des Knappendienstes bei einem Ritter in den verschiedenen Kampfarten ausgebildet. Nach dem Niedergang des Rittertums entwickelten sich Edelpagenschulen für Adelige, wo sie im Fechten, Reiten und Tanzen unterrichtet wurden.

Daneben übten sich Adel und Volk vor allem in Ballspielen. Beliebt waren Schlägerspiele wie Vorläufer von Tennis oder Hockey. Auch die Erfindung des Golfsports fällt in die Zeit des Spätmittelalters. Doch nicht nur die Regeln unterschieden sich von den heutigen, auch siegte nicht zwangsläufig der Beste: Die Bezwingung eines sozial höher gestellten Gegners war schlichtweg unmöglich.

Die Statuen der Renaissance

Mit der Renaissance und deren Rückgriff auf antike Vorbilder bekam der Körper im 14. Jahrhundert eine neue Chance. Die bevorzugten Formen entsprachen zwar nicht ganz den heutigen Idealen der Fitness-Gemeinde, doch Künstler wie Michelangelo, dessen makelloser David noch heute als Ideal jedes Fitnesssportlers gelten kann, machten den nackten Körper wieder gesellschaftsfähig. Mit der Wiederentdeckung des klassischen Altertums erhielten auch das Diesseits und der Mensch eine neue Bedeutung. Künstler wie Leonardo da Vinci (1452-1519) versuchten, Gesetzmäßigkeiten über die Maße des menschlichen Körpers aufzustellen und leisteten wichtige Vorarbeiten für das naturwissenschaftliche Weltbild. Als Begründer der modernen Anatomie gilt der flämische Mediziner Andreas Vesal (Vesalius), der im Jahr 1543 den menschlichen Körper beschrieb. Die Ertüchtigung des Körpers durch sportliche Übungen blieb jedoch weiterhin verpönt.

Körperform als Standesmerkmal

Im Mittelalter und der frühen Neuzeit verriet die Form des Körpers etwas über den sozialen Status des Menschen. Muskeln oder das Idealgewicht nach Broca (Körpergröße minus 100 in Kilogramm minus 10 Prozent; Frauen minus 15 Prozent) signalisierten in jenen Zeiten schwere körperliche Arbeit und damit die Zugehörigkeit zu den niederen Klassen. Insbesondere nach den Hungerjahren des 30jährigen Krieges (1618-1648) strebten sowohl Frauen als auch Männer nach voluminösen Rundungen. Die heute gerügte "Birnenform war in. Wer damit nicht aufwarten konnte, trug entsprechend weite Kleidung, um sich von der körperlich arbeitenden Masse abzuheben.

Turner und die ersten "starken Männer

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Erst mit der Aufklärung werden wieder die ersten Rufe nach einem gezielten Körpertraining laut. An Bedeutung gewann dieser Gedanke durch Friedrich Ludwig Jahn. "Turnvater" Jahn gründete 1810 die Deutsche Turnerbewegung und scharte auf der Berliner Hasenheide die männliche Jugend der Stadt um sich, um sie durch gezielte Leibesübungen zu kräftigen. Schon bald durfte sich Jahn, den auf die Einigung Deutschlands gerichtete, politische Gründe antrieben, über regen Zulauf freuen.

Der Wechsel vom 19. zum 20. Jahrhundert erlebte eine Glorifizierung des menschlichen Körpers, wie man sie seit Jahrtausenden nicht erlebt hatte. Kraftmenschen wie Eugen Sandow, Samson oder Georg Hackenschmidt begeisterten die Massen. Die weniger Bekannten traten im Zirkus oder auf Jahrmärkten auf, Stars wie Sandow in Varietés oder Theatern. Das Interesse am muskulösen Körper und an der Muskelkraft war wiedererwacht. Diesmal jedoch nicht als Mittel zum Überleben oder zur Selbstverteidigung, sondern im Sinne einer Rückkehr zum griechischen Ideal der Verherrlichung des menschlichen Körpers. Auftrieb erhielt die Bewegung von Seiten vieler Intellektueller, die sich in einer verklärten Mischung aus Rückbesinnung auf antike Ideale und "Zurück-zur-Natur-Stimmung für den Trend zum Körperlichen begeisterten. Die seit der Antike erste ganzheitliche Körperbewegung, die auch gesunde Ernährung und Lebensführung einbezog, war geboren. Athletik und Freikörperkultur bildeten eine Allianz gegen die Zwänge der Industriekultur und fanden in Europa und Übersee Millionen Anhänger.

Körperkult im Dienst der NS-Ideologie

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Die totalitäre Ideologie der Nationalsozialisten begann bereits in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts mit der Vereinnahmung des klassischen Körperideals der Antike, um dem Traum von einer heldenhaften, nordischen Jugend Konturen zu verleihen. Sogenannte Kulturfilme wie "Wege zu Kraft und Schönheit von Nicholas Kaufmann, "Gesunde Jugend - starkes Volk von Hans Wüstemann oder der zweiteilige Film über die Olympischen Spiele von 1936 in Berlin von Leni Riefenstahl vermittelten das Bild vom höherwertigen, schönen Menschen. Der schöne Mensch war gesünder, intelligenter, stärker und vor allem eines: Arier. Alles, was von dieser Norm abwich, war hässlich und minderwertig.

Die Filme wurden zu Kassenmagneten, denn, um die Zuschauer ins Kino zu locken, nahm es die Zensur nicht allzu genau. Nacktheit war Trumpf im deutschen Kulturfilm der 30er Jahre. Blonde Grazien und muskulöse Jünglinge empfanden - kaum bis gar nicht bekleidet - antike griechische Darstellungen nach. Beim reglementierten Vereinssport und beim Nacktbaden unterwarfen sich viele Deutsche dem neuen Schönheitsdiktat.

Muskelmänner auf der Leinwand

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Die völkische Leibeserziehung der NS-Zeit warf den Körperkult in Deutschland um Jahrzehnte zurück. Die Bilder blonder, blauäugiger "Riesen" und Schönheiten, die sich knapp gewandet mit gymnastischen Übungen auf das Tausendjährige Reich vorbereiten, hatten vielen den Appetit auf "Kraft durch Freude gründlich verdorben. In anderen Ländern konnte sich das von Eugen Sandow im Jahre 1905 erstmals so genannte "Bodybuilding" ohne diese Erblast entwickeln. Athleten wie der Amerikaner Steve Reeves und der später nach Südafrika ausgewanderte Engländer Reg Park eroberten sich als Helden der "Sandalenfilme in den 60er Jahren sogar ein größeres Kinopublikum. Der erste wirkliche Bodybuilding-Wettkampf unserer Zeit fand 1940 in den USA statt. Veranstalter war die AAU (Amateur Athletic Union), die dem Gewinner John Grimek den "Mister Amerika" Titel verlieh.

Die Deutschen mussten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs rund 15 Jahre warten, bis der Ex-GI Harry Gelbfarb in Schweinfurt das erste Bodybuilding-Studio eröffnete. Eine neue Fitness-Welle war damit jedoch noch nicht in Sicht. Als Subkultur führte das Bodybuilding in den nächsten Jahren ein Schattendasein, belächelt und verhöhnt von der Mehrheit der Bevölkerung.

Startschuss für die Fitness-Welle

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Die Wende brachte erst der Film "Pumping Iron (1977), mit dem sich der bis dato erfolgreichste Bodybuilder aller Zeiten anschickte, Hollywood und die Welt zu erobern: Arnold Schwarzenegger. Mit einem Mal waren Muskeln wieder en vogue. Innerhalb weniger Jahre schossen weltweit neue Sportstudios aus dem Boden. Allerdings waren aus den verschlafenen "Bodybuilding-Gyms, in denen hauptsächlich einfache Geräte mit Eisenkugeln oder Scheibenhanteln standen, moderne, vollverchromte Fitnesszentren geworden.