21.05.2015
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Die wechselvolle Geschichte der deutschen Nationalhymne

Von Hoffmann von Fallersleben stammt der Text, von Joseph Haydn die Melodie: Das “Deutschlandlied” wurde 1922 die offizielle deutsche Nationalhymne. Am 2. Mai 1952 proklamierte Bundespräsident Theodor Heuss die Melodie und die dritte Strophe “Einigkeit und Recht und Freiheit” zur Hymne der Bundesrepublik. Ähnlich wie etwa die französische Nationalhymne, die “Marseillaise”, ist das Deutschlandlied tief mit der nationalen Geschichte verwoben und ihr gewissermaßen ausgesetzt gewesen. Das Deutschlandlied wurde gleichermaßen geachtet und bekämpft, instrumentalisiert und idealisiert, verteidigt und missbraucht. Ein Feature über die wechselvolle Geschichte der deutschen Nationalhymne und die Einstellung der Deutschen zu “ihrem” Lied.

Wider den “Flickenteppich”: Das “Lied der Deutschen”

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Es begann 1841 zwischen Hamburg und der damals zu England gehörenden Nordsee-Insel Helgoland: Die Schiffskapelle spielte für die französischen Passagiere die Marseillaise, für die englischen die Hymne “God save the King, für die Deutschen aber blieben die Bläser stumm. Der Dichter August Heinrich Hoffmann (Hoffmann von Fallersleben), Professor für deutsche Sprache und Literatur in Breslau, und auf dem Weg in die Semesterferien, empfand das als Kränkung. Auf der Klippeninsel angelangt, textete er am 26. August 1841, beseelt von dem Wunsch nach einem freien und geeinten Deutschland, sein dreistrophiges “Lied der Deutschen. Geografische Grundlage seiner Deutschland-Vision “von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt war der zu seiner Zeit aus 39 souveränen Staaten von unterschiedlicher Größe und politischer Bedeutung bestehende “Deutsche Bund, dessen karthographisches Erscheinungsbild schon die Zeitgenossen an einem “Flickenteppich erinnerte.

Das Lied der Deutschen
von August Heinrich Hoffmann (Hoffmann von Fallersleben)

Deutschland, Deutschland über alles, / Über alles in der Welt, / Wenn es stets zu Schutz und Trutze / Brüderlich zusammenhält; / Von der Maas bis an die Memel, / Von der Etsch bis an den Belt: / Deutschland, Deutschland über alles, / Über alles in der Welt!

Deutsche Frauen, deutsche Treue, / Deutscher Wein und deutscher Sang / Sollen in der Welt behalten / Ihren alten, schönen Klang, / Uns zu edler Tat begeistern / Unser ganzes Leben lang / Deutsche Frauen, deutsche Treue, / Deutscher Wein und deutscher Sang!

Einigkeit und Recht und Freiheit / Für das deutsche Vaterland! / Danach laßt uns alle streben / Brüderlich mit Herz und Hand! / Einigkeit und Recht und Freiheit / Sind des Glückes Unterpfand: / Blüh im Glanze dieses Glückes, / Blühe, deutsches Vaterland!

Melodie von Haydn

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Bereits sechs Tage später, am 1. September 1841, wurde Hoffmanns Gedicht von dem Hamburger Verleger Campen als Einblattdruck veröffentlicht mit der Melodie von Joseph Haydn, die dieser 1796 zur Hymne “Gott erhalte Franz, den Kaiser (für Kaiser Franz II.) komponiert hatte. Schon in den Jahren vor der Märzrevolution von 1848 viel gesungen, erklang das Deutschlandlied öffentlich bei der Inbesitznahme der im Tausch gegen Sansibar erworbenen Insel Helgoland durch das Deutsche Reich am 10. August 1890.

Sozialdemokrat Ebert proklamiert Hymne

Am 11. August 1922 wurde das inzwischen überaus populäre Musikstück durch die sozialdemokratische Regierung unter Reichspräsident Friedrich Ebert zur Nationalhymne der Weimarer Republik erklärt. Bei der Festansprache sagte Ebert: “Einigkeit und Recht und Freiheit! Dieser Dreiklang aus dem Liede des Dichters gab in Zeiten innerer Zersplitterung und Unterdrückung der Sehnsucht aller Deutschen Ausdruck; es soll auch jetzt unseren harten Weg zu einer besseren Zukunft begleiten... Das Deutschlandlied löste das “Heil dir im Siegerkranz, Herrscher des Vaterlands ab, das im Deutschen Kaiserreich (seit 1871) auf die Melodie der englischen Hymne “God save the Queen erklungen war.

Diskreditiert: Siegermächte sprechen Verbot aus

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Schwer lastet auf dem Deutschlandlied sein Missbrauch in den Jahren 1933-45. Denn die Nationalsozialisten verbanden dessen erste Strophe mit der ersten Strophe des NSDAP-Kampfliedes “Die Fahne hoch (Horst-Wessel-Lied) und erklärten das unselige Gemisch zur Nationalhymne. Die Folge: 1945 wurde das Deutschlandlied vom Alliierten Kontrollrat verboten. Die Frage war nun, zu welchem Lied man sich im demokratischen Deutschland bekennen sollte, ob man sich doch wieder für das tief im “kollektiven Gedächtnis des Volkes verankerte Hoffmannsche Werk entscheiden oder auch in Sachen Nationalhymne den Neuanfang wagen sollte. Dabei vertraten Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) und Bundespräsident Theodor Heuss (FDP) unterschiedliche Standpunkte.

Adenauer contra Heuss: Streit auf höchster Ebene

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Die neu gegründete Bundesrepublik Deutschland legte sich 1949 zunächst auf keine Nationalhymne fest, entsprechend blieb das Thema auch im Grundgesetz ausgespart. An die Stelle der fehlenden Hymne trat wahlweise Schillers “Ode an die Freude (“Freude schöner Götterfunken) aus Beethovens Neunter Sinfonie oder das Volkslied “Ich hab mich ergeben mit Herz und mit Hand. Abgeordnete mehrerer Parteien beantragten jedoch schon kurz nach Gründung der Bundesrepublik, wieder alle drei Strophen des Deutschlandlieds zur Nationalhymne zu erklären und Bundeskanzler Adenauer provozierte gar einen politischen Skandal, als er am 18. April 1950 mit Teilnehmern einer Kundgebung im Berliner Titania-Palast die dritte Strophe “Einigkeit und Recht und Freiheit anstimmte. In einem Bulletin der Bundesregierung mahnte der Kanzler wenig später an, kein anderes Lied sei so im Herzen des deutschen Volkes verwurzelt wie dieses.

Der Wiedereinsetzung des Deutschlandlieds setzte sich insbesondere Bundespräsident Heuss vehement entgegen. Er befürwortete, eine neue Hymne einzuführen und gab deshalb bei Rudolf Alexander Schröder (1878-1962) ein dreistrophiges Lied in Auftrag, das dann von Hermann Reutter vertont wurde. Doch diese “Hymne an Deutschland mit dem Textanfang “Land des Glaubens, deutsches Land, an Sylvester 1950 uraufgeführt, fand kaum Fürsprecher. In einer Umfrage sprachen sich im Herbst 1951 drei von vier Westdeutschen für Beibehaltung des Deutschlandliedes als Nationalhymne aus.

Welche Strophe darf es sein?

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Schon der Philosoph Friedrich Nietzsche (1844-1900) empfand das “Deutschland, Deutschland über alles als “die blödsinnigste Parole der Welt und der Literat Kurt Tucholsky (1890-1935) ergänzte ein paar Dekaden später : “Nein, Deutschland steht nicht über allem und ist nicht über allem niemals. Aber mit allen soll es sein, unser Land.

Vor allem seit dem Missbrauch durch die Nationalsozialisten und ihrer Apologeten ist die erste Strophe des Liedes diskreditiert. Verteidiger der ersten Strophe finden sich jedoch sogar auch im ideologisch entgegengesetzten Lager: So erklärte im Sommer 1990 die (noch-)sowjetische Parteizeitung “Prawda ihren Lesern, die Schlüsselzeile “Deutschland über alles unterstreiche “lediglich die Priorität der Einheit des Landes und rufe auf keinen Fall zur Expansion auf.

Kompromiss: nur dritte Strophe

Der Streit zwischen Konrad Adenauer und Theodor Heuss über die Nationalhymne wurde 1952 durch einen Briefwechsel abgeschlossen. In seinem Schreiben vom 2. Mai 1952 hatte der Bundespräsident noch einmal seinen Hauptvorbehalt zum Ausdruck gebracht: “Ich wollte vermieden wissen, dass in öffentlichen Veranstaltungen mit einem vaterländischen Akzent, gleichviel wie ihre Ausdehnung oder wie ihr Rang sei, ein Missklang ertöne, weil sehr, sehr viele Menschen unseres Volkes Haydns große Melodie nur eben als Vorspann zu dem 'dichterisch' und musikalisch minderwertigen Horst-Wessel-Lied im Gedächtnis haben, dessen banale Melodie den Marsch-Takt in ein Volksverderben abgab.

Der von Adenauer vorgetragenen “erneuten Bitte der Bundesregierung, das Hoffmann-Haydn'sche Lied als Nationalhymne anzuerkennen mit dem Zusatz: “Bei staatlichen Veranstaltungen soll die dritte Strophe gesungen werden gab Heuss schließlich nach. Die Bundesregierung veröffentlichte am 8. Mai 1952 eine Erklärung, in der es heißt: “Es ist daher davon auszugehen, daß das Deutschlandlied als Ganzes Bundeshymne ist, jedoch aus staatspolitischen Gründen nur die dritte Strophe gesungen wird.Damit war das Deutschlandlied wieder als Nationalhymne eingesetzt.

Variante Ost: “Auferstanden aus Ruinen”

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Die Menschen im Osten Deutschlands lebten 40 Jahre lang mit einer anderen Nationalhymne: “Auferstanden aus Ruinen nach einem Text von Johannes R. Becher und mit der Melodie von Hanns Eisler. Diese Hymne wurde am 5. November 1949 vom Ministerrat der DDR offiziell als “Nationalgesang der DDR eingesetzt. Durch die Betonung der Einigkeit des deutschen Vaterlandes passte Bechers Text nach dem Mauerbau nicht mehr recht ins ideologische Konzept und wurde zunehmend verdrängt. Seit den 1970er Jahren erklang die Hymne deshalb auch bei offiziellen Anlässen nur noch instrumental.

Bechers Hymne hatte sich 1949 übrigens gegen eine zeitgleich entstandene Variante von Bertolt Brecht durchgesetzt. Dessen Gegenhymne zum Deutschlandlied, später veröffentlicht unter seinen Kinderliedern, behielt Haydns Melodie bei: “Anmut sparet nicht noch Mühe / Leidenschaft nicht noch Verstand / Daß ein gutes Deutschland blühe / Wie ein andres gutes Land...

Nach dem Fall der Mauer: Hymne für das ganze Land

In einem weiteren Briefwechsel zwischen Bundespräsident und Bundeskanzler, nunmehr zwischen Richard von Weizsäcker und Helmut Kohl (beide CDU), wurde 1991 die dritte Strophe des Deutschlandlieds auch als Nationalhymne des wiedervereinten Deutschland bekräftigt. Diesmal ging die Initiative vom Bundespräsidenten aus. Die Kernsätze seines Schreibens vom 19. August 1991 lauten: “Die 3. Strophe des Hoffmann-Haydn'schen Liedes hat sich als Symbol bewährt. Sie wird im In- und Ausland gespielt, gesungen und geachtet. Sie bringt die Werte verbindlich zum Ausdruck, denen wir uns als Deutsche, als Europäer und als Teil der Völkergemeinschaft verpflichtet fühlen. Die 3. Strophe des Liedes der Deutschen von Hoffmann von Fallersleben mit der Melodie von Joseph Haydn ist die Nationalhymne für das deutsche Volk. Ein förmliches Gesetz über eine Nationalhymne der Bundesrepublik Deutschland gibt es bis heute nicht.

Gesamtdeutsche Identität im Deutschlandlied?

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Vor allem viele Menschen in der ehemaligen DDR taten sich in den 1990-er Jahren schwer mit der Akzeptanz der “West-Hymne. Leistungssportler, die in der DDR groß geworden waren und nun plötzlich für die Bundesrepublik Deutschland auf dem Siegertreppchen standen, berichteten über starke Gefühlsschwankungen und große Umstellungsschwierigkeiten beim Abspielen des Deutschlandliedes. Mittlerweile hat sich dieses Problem durch das Heranwachsen einer neuen Generation minimiert. Auch hier ist ein Stück gesamtdeutsche Normalität hergestellt worden. Und die sieht so aus: Nach einer Umfrage kannten den Text der dritten Strophe Mitte der 90-er Jahre nur 46,7 Prozent aller Deutschen.

In jüngster Zeit wird in der Bundesrepublik Deutschland der auch international mehr Verantwortung angetragen wird eine wieder erwachende Sehnsucht nach einem neuen Nationalgefühl diagnostiziert. Beispielhaft dafür ist die im Herbst 2001 von Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) angestoßene Debatte zur “nationalen Identität der Deutschen“. Koch fordert u.a., das Nationalbewusstsein deutscher Kinder in den Schulen zu stärken. Es sei “wünschenswert, dass die Schülerinnen und Schüler Respekt vor unserer Fahne haben. Außerdem sollten sie “das Deutschlandlied können.

Text und Ton der deutschen Nationalhymne