21.05.2015
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Musicload will am Tausch von Hits verdienen

Deutschlands führender Online-Musikanbieter T-Online erwägt den Start eines kostenpflichtigen Internet-Musiktauschnetzwerks für seine Tochter Musicload. In dem neuen Vertriebsmodell sehen auch Manager von Mobilfunkkonzernen ein großes Potenzial.

Illegaler Tausch verschärft Krise

"Derzeit prüfen wir ein solches Geschäftsmodell, eine Entscheidung ist aber noch nicht gefallen", sagte eine Sprecherin von T-Online. In einer Pressemitteilung hatte das Unternehmen zuvor mögliche Szenarien für diese Angebote beschrieben. In dem neuen Vertriebsmodell sehen auch Manager von Mobilfunkkonzernen ein großes Potenzial. So arbeitet Vodafone daran, einen kostenpflichtigen Handy-Musiktauschdienst für die neuen Mobilfunkstandards einzuführen. Bisher bietet Vodafone diesen Dienst nur in Japan.

Bislang wurden über Internet-Tauschbörsen, so genannte Peer-to-Peer-Netzwerke (P2P) wie Kazaa, eDonkey oder Bittorrent, millionenfach illegal Lieder getauscht. Dadurch wurde die Krise der Musikindustrie weiter verschärft. Dementsprechend verhasst waren die Tauschbörsen den Musikmanagern und Betreibern von Internet-Musikläden. Neue Computerprogramme von Anbietern wie Snocap, Audible Magic oder Coremedia ermöglichen nun den kostenpflichtigen Tausch von Computer zu Computer über das Internet oder über Handys mit Wahrung der Urheberrechte.

Die zwei weltgrößten Musikkonzerne Universal Music Group und Sony BMG haben daher kürzlich ein Abkommen mit Snocap geschlossen. "Snocaps innovative Lösungen werden helfen, die Verletzung von Urheberrechten zu verringern, und ermöglichen die Schaffung rechtmäßig autorisierter P2P-Dienste", schrieb Thomas Hesse, weltweit Chef des digitalen Geschäfts bei Sony BMG, Anfang März. "Solange ein vernünftiges Rechtemanagement eingesetzt wird, sind unsere Ansprüche erfüllt", sagte am Montag Thorsten Rothmann. Der Manager ist bei Sony BMG Deutschland für das digitale Musikgeschäft verantwortlich.

Anders als bei den herkömmlichen Internet-Musikanbietern könnten sich die Kunden bei P2P-Netzwerken die Titel von einem Computer herunterladen, auf dem bereits legal erworbene Musikdateien des gleichen Netzes liegen. Der Neukunde müsste den Titel bezahlen, der Computerbesitzer könnte für die Bereitstellung seines PC sowie der Internetverbindung Bonuspunkte erhalten, die er beim Kauf weiterer Titel einsetzen könnte. In einer erweiterten Version können die Nutzer etwa kommentierte Listen ihrer Lieblingstitel zusammenstellen. Wird einer der Titel gekauft, erhält derjenige Bonuspunkte, der die Lieder zusammengestellt hat.

Grundgedanke der Community

Die Unternehmen erwarten, dass diese Liederlisten ähnlich wie die Buchempfehlungen bei dem Internethändler Amazon den Umsatz ankurbeln. "Der Grundgedanke ist, dass man sich den Community-Gedanken zu Nutze macht", sagte Rothmann. Um die Attraktivität zu steigern, könnten die Börsen auch mit einer Internet-Telegrammfunktion ausgestattet werden, über die sich die Nutzer unterhalten können.

Das P2P-Modell bietet zudem einen Kostenvorteil. Durch die dezentrale Versendung der Daten über das Internet müssen die Betreiber der Onlineshops weniger Netzkapazität für das Herunterladen vorhalten. Spielt dies bei Liedern erst bei einem großen Volumen eine Rolle, ist es zum Beispiel für den Verkauf von Videospielen sehr interessant. "Besonders attraktiv ist es für Produkte, die sehr viel Bandbreite benötigen wie Filme", sagte Rothmann von Sony BMG.

Experten räumen den legalen P2P-Initiativen keine großen Chancen ein. Denn die bislang skizzierten Ideen hätten "nicht mehr viel mit den ursprünglichen P2P-Netzen zu tun", sagte Mark Mulligan, Analyst von den Marktforschern Jupiter Research. Denn "der wichtigste Wachstumstreiber der P2P-Netze ist, dass sie umsonst sind", sagte Mulligan. Kunden von Diensten wie Kazaa würden daher nur wechseln, wenn die Preise deutlich unter denen von Anbietern wie iTunes von Apple oder Musicload lägen.

© Financial Times Deutschland