21.05.2015
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Angst vorm Zahnarzt

Die Furcht vor Zahnbehandlungen ist weit verbreitet. Oft sind schlimme Kindheitserinnerungen schuld daran. Doch es gibt viele Möglichkeiten, die Angst zu umgehen oder sogar abzubauen.

Der Barbier als "Zahnexperte"

Zahnmedizin

Das Mädchen brüllt, dass es über den ganzen Marktplatz schallt. Der Stadtnarr klingelt derweil mit seinen Glöckchen und macht Radschläge, um Lotte zu beruhigen. Denn die Elfjährige sitzt auf dem Stuhl des Barbiers, mitten auf der Straße. Ihre Wange ist schon ganz dick angeschwollen vom eitrigen Backenzahn. Den soll der Barbier mit seinem großen Haken herausziehen. Doch der Possenreißer müht sich vergebens - das Kind schreit und weint weiter: Die Angst ist einfach zu groß. Jacob, Friseur und Zahnfachmann in einer Person, kennt diese Probleme. Deshalb schickt er den Narr ins nächste Schankhaus, Branntwein holen. Der Schnaps soll nicht nur die Angst betäuben, sondern auch den Schmerz. Anderthalb Stunden später ist das Werk vollbracht: Lotte ist so betrunken, dass sie sich kaum noch halten kann - und der Barbier hat den faulen Backenzahn mit Gewalt herausgerissen.

Noch vor 200 Jahren waren die Methoden der Zahnexperten recht roh. Heutzutage können Dentisten viel mehr als nur Zähne ziehen. Zudem gibt es bessere Betäubungsmittel. Trotzdem haben etwa 90 Prozent aller Menschen ein ungutes Gefühl beim Gang zum Zahnarzt, 50 Prozent sind ängstlich und fünf bis zehn Prozent, so schätzen Experten, sind sogar richtige Phobiker: Sie gehen nie in eine Praxis und lassen ihre Zähne lieber zu Stümpfen verfaulen. Die Angst vor der Zahnbehandlung ist übrigens überall verbreitet: in Europa genauso wie in Russland, in Brasilien oder Japan.

Spritzen und Bohrer als Auslöser

Spritze, Injektionsnadel, Gesundheit

Patienten fürchten sich vor den unterschiedlichsten Dingen. Zu denen, die am häufigsten Angst auslösen, gehört die Spritze - etwa ein Viertel aller Ängstlichen denkt mit Grauen an die lange, dünne Injektionsnadel. Auch der Bohrer gehört in die Hit-Liste der Angst-Auslöser. Sowohl das Geräusch des Geräts als auch die bloße Ansicht werden als schlimm empfunden. Ebenfalls übel finden einige den Zahnarztstuhl, in dem man schutz- und hilflos liegt und nach Belieben hin- und hergeklappt werden kann. Andere sind schon starr vor Schreck, wenn sie nur den speziellen Geruch einer Praxis in die Nase bekommen oder einen Weißkittel sehen.

Die Angst kommt nicht von ungefähr. Etwa zwei Drittel der Furchtsamen, schätzt Peter Jöhren, medizinischer Leiter des Bochumer Therapiezentrums für Zahnbehandlungsangst, haben "traumatische Erlebnisse in der Kindheit" hinter sich. Womöglich hat der Zahnarzt mit der Spritze einen Nerv getroffen, ist versehentlich beim Bohren abgerutscht oder verursachte andere unangenehmen Empfindungen. So ein Schmerz wird selten vergessen. Gerade Kinder, die ohnehin seelisch noch nicht gefestigt sind, verbinden den Reiz, der weh tut, mit dem gerade Gesehenen: Beim nächsten Mal reicht dann schon der Anblick des Bohrers, um sich wieder an den Schmerz zu erinnern und Furcht hochsteigen zu lassen. Wird danach keine gegenteilige Erfahrung mehr gemacht, verfestigt sich das Gelernte: Eine klassische Konditionierung hat stattgefunden.

Hilflos auf dem Stuhl

Zahnarzt, Kind, Mund

Die Furcht vor dem Zahnarzt kann auch von den Eltern übernommen worden sein. Bei rund einem Viertel aller Angsthasen, sagt Thomas Schneller, Dentalpsychologe an der Medizinischen Hochschule Hannover, ist das der Fall. Mütter, die mit im Behandlungszimmer sitzen und den Zahnarzt ständig zur Vorsicht mahnen, dem Kind vorsorglich schon mal das Taschentuch in die Hand drücken oder äußerst nervös den Kopf streicheln, suggerieren dem Sprössling, hier komme gleich Grausames auf ihn zu. Das Kind spürt die Furcht der Mutter und übernimmt sie.

Frauen, die als Kind sexuell missbraucht wurden, entwickeln ebenfalls häufig eine Zahnarzt-Phobie. Dies hat Tracy Getz von der Dental Fears Research Clinic der Universität von Washington herausgefunden. Die Situation der Hilflosigkeit und das Gefühl des Kontrollverlusts im Zahnarztstuhl erinnert die Phobikerinnen an ihre schmerzhaften Erlebnisse. Zudem können "manche Frauen, die in ihrer Kindheit zu Oral-Sex gezwungen wurden, später Schwierigkeiten mit ihrer Mundhygiene bekommen, weil sie die Erfahrung symbolisch nochmals durchleben müssen", erklärt die Psychologin.

Symptome der Angst

Menschen, die unter einer richtigen Dentisten-Phobie leiden, haben häufig auch noch andere Angststörungen, wie beispielsweise die Furcht vor Höhe, vor großen Plätzen, vor anderen Menschen. Außerdem können sie Stress weniger gut verarbeiten.

Die Symptome der Angst sind bei allen Menschen gleich, denn die Furcht vor einer Gefahr bereitet den Körper auf Extremsituationen vor: auf Kampf oder Flucht. Dementsprechend wird der Organismus aktiviert: Das Herz schlägt schneller, damit mehr Blut und Sauerstoff in die Muskeln kommt, der Stoffwechsel stellt Energie bereit, Stresshormone wie Adrenalin und Noradrenalin machen aufmerksam und lassen die Muskelspannung steigen. Der Drang zur Bewegung erhöht sich. Wer im Zahnarzt-Wartezimmer alle paar Minuten aufspringt, nervös hin- und herläuft und dauernd die Sprechstundenhilfe belauert, würde viel lieber flüchten anstatt auf den Dentisten zu warten.

Mittel gegen die Furcht

zahnarzt

Ob jemand ängstlich ist, kann nicht nur am klopfenden Herzen oder an feuchten Händen festgestellt werden, sondern auch durch spezielle Tests. Der STAI (State Trait Anxiety Inventory) analysiert, ob jemand grundsätzlich ein Angsthase ist oder sich nur vor einer bestimmten Situation - eben der Zahnbehandlung - fürchtet. Mit dem HAF (Hierarchischer Angst-Fragebogen) kann überprüft werden, wovor genau der Patient Angst emfpindet und wie groß diese Angst ist. Der Test wurde von Peter Jöhren speziell für Dentisten entwickelt.

Wenn der Zahnarzt weiß, dass sich sein Patient fürchtet, kann dagegen auch etwas unternommen werden. Zunächst einmal, sagt Peter Jöhren, sollten Gespräche mit ängstlichen Patienten nie im Zahnarztstuhl geführt werden. Und auch wenn er dort sitzt, "muss er immer Chef bleiben": Der Behandelte muss über jeden Schritt informiert werden und sollte die Behandlung jederzeit abbrechen können, wenn er es wünscht.

Manchen Patienten hilft es schon, wenn sie Musik hören oder durch spezielle Videobrillen Filme schauen können - das lenkt ab von fiesen Geräuschen und Schmerzen. Denn durch Ablenkung kann die Bewertung des Schmerzes verändert werden. In einer Studie verglich Zahnarzt Jöhren die Effekte von Akupunktur und von dargebotenen Filmen. Das Ergebnis: Unter Akupunktur konnten die Patienten dreimal so viel Schmerzen aushalten. Die Videos erhöhten die Schmerzerträglichkeit immerhin noch um 30 Prozent.

Tricks und Therapien

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Bei Patienten mit erhöhter Angst vor der Injektionsnadel können gleich mehrere Tricks helfen: So kann der Zahnarzt ein Injektionsgerät benutzen ("Citoject"), das einer Spritze nicht mehr ähnlich sieht. Oder er kann kurz vor dem Einstich einen scharfen Druck auf die Lippe ausüben - dadurch wird das Gehirn von der pieksenden Nadel abgelenkt. Auch eine oberflächliche Vorbetäubung der Haut um die zukünftige Einstichstelle herum kann den Injektionshorror mildern.

Bei Menschen mit Phobien wirken solche Mittel allerdings nicht. Ihnen kann eine Verhaltenstherapie, die so genannte systematische Desensibilisierung helfen, erklärt Dentalpsychologe Thomas Schneller. Dabei wird der Patient Schritt für Schritt näher an den Angst auslösenden Reiz herangebracht, damit er lernt, dass nichts Schlimmes passiert, obwohl er zum Beispiel einen Bohrer sieht. In wenigen Sitzungen kann den meisten Menschen die Angst abtrainiert werden.

Extremfälle

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Sollten psychologische Verfahren dem Problem nicht beikommen, bleibt nur noch die chemische Keule. Entweder wird ein Angst lösendes Mittel verabreicht wie zum Beispiel ein Medikament der Benzodiazepin-Klasse. Diese Substanzen werden meist in der Psychiatrie verwendet, um Angst-Kranke ruhiger werden zu lassen. Möglich ist auch die Vollnarkose des Patienten: Dadurch wird sein Bewusstsein ausgelöscht, die Behandlung geht an seinem Geist spurlos vorüber. Doch die Narkose hat Nachteile: Erstens ist sie nicht frei von gesundheitlichen Risiken und zweitens verlernt der Patient dadurch seine Angst nicht.

Im übrigen haben nicht nur Patienten Angst. Auch der Dentist kann sich fürchten: Zum einen davor, anderen Menschen bei der Behandlung weh zu tun. Besonders aber vor manchen Patienten, die mitten in der Behandlung vor lauter Panik wild um sich schlagen. Dann fliegen nicht nur Becher, Spiegel und Näpfchen durch die Luft. Meist bekommt auch der Zahnarzt noch was ab.

Annette Bolz