21.05.2015
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Cassinis menschliche Fracht

Als “Cassini-Huygens“ am 15. Oktober 1997 an Bord einer mächtigen Titan IV-Rakete in den Nachthimmel abhob, war die Sonde die größte, die jemals in den Orbit geschossen wurde. Treibstoffvorräte und zahlreiche Mess- und Steuerungsgeräte, die auf eine 3,5 Milliarden Kilometer lange Reise zum Saturn gingen, machten das interstellare Flugobjekt rund 5,6 Tonnen schwer. Dennoch blieb in der Sonde ein wenig Platz für eine ganz besondere Nutzlast, die deutlich menschliche Handschrift trägt.

Autogramme im All

Das außergewöhnliche „Übergepäck“ ist an der Außenhaut von Cassini befestigt. Zwei stabile Schutzschilde schützen eine schmale Aluminiumbox vor Mikro-Meteoriten. Im Inneren der kleinen Kiste befindet sich eine DVD, randvoll gepackt mit 616.400 menschlichen (und tierischen) Unterschriften.

Die Signaturen sind keine reine Auflistung von Namen, sondern alle echt. Freiwillige Helfer der Amerikanischen Planetary Society verbrachten im Vorfeld des Cassini-Starts mehrere Monate damit, riesige Berge an Postkarten und Briefen zu sortieren und die Namenszüge von saturn- und raumfahrtbegeisterten Fans aus insgesamt 81 Ländern zu scannen. Einige Enthusiasten schickten gar die Tinten-Fußabdrücke ihrer Katzen und Hunde.

Eine Idee aus den Fünfzigern

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“Eine Unterschrift ist so einzigartig wie ein menschlicher Fingerabdruck“, meint Charley Kohlhase. Der Ingenieur am Jet Propulsion Laboratory (JPL) der NASA, der als Mission Design Manager des Cassini-Huygens-Projekts unter anderem für die Sammlung der zahllosen Unterschriften verantwortlich war, findet die Idee von der DVD daher gar nicht so ungewöhnlich. “Schon in den 1950ern, als das JPL noch lediglich für die Durchführung einfacher Raketenstarts verantwortlich war, verewigten sich die Konstrukteure mit einem Fettstift auf der Innen- oder Außenseite ihrer Vehikel.“

Einige prominente Unterschriften stechen aus der großen Masse hervor. Die Signatur von Schauspieler Patrick Steward, bekannt für seine “Star Trek“-Rolle als Captain Jean-Luc Picard, ist ebenso an Bord wie die von Action-Star Chuck Norris oder der Namenszug der Australierin Mary Cassini, einer direkten Nachfahrin des italienisch-französischen Astronoms, dem die Mission ihren Namen verdankt. Natürlich durften auch Giovanni Domenico Cassini und Christiaan Huygens nicht fehlen - ihre Handschrift wurde von Dokumenten aus dem 17. Jahrhundert kopiert.

„Ich bin da oben!“

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Vor so einer langen Reise bedurfte es nicht nur beim Inhalt, sondern auch bei der Gestaltung der DVD einiger Vorbereitungen. Charley Kohlhase ließ es sich nicht nehmen, das Cover der Scheibe selber zu gestalten. Es zeigt die Flaggen von 28 der 81 Nationen, aus denen die meisten Menschen Unterschriften und Grüße schickten. Sie bilden einen Kreis um die zentralen Akteure der Mission: Saturn, Titan und die Erde, aber auch die Cassini-Sonde und das Lande-Modul Huygens sind in der Mitte zu sehen. Kohlhase fügte auch die Federn des Goldadlers hinzu, eines Vogels, dem in der indianischen Mythologie nachgesagt wird, dass er die Seelen von der Erde in den Himmel begleitet.

“All die Leute, die uns vor fast einem Jahrzehnt ihre Unterschriften geschickt haben, fliegen mit uns. Und nach der Ankunft der Sonde beim Saturn können Sie jetzt sagen: Ich bin da oben!“, freut sich Kohlhase. Einmal angekommen, werden die menschlichen Spuren auch lange dort bleiben: Die Experten der NASA gehen heute davon aus, dass die DVD etwa eine Million Jahre oder länger im Orbit des Saturn kreisen wird.

Music2Titan

Nicht nur die Muttersonde Cassini leistet sich den Luxus, menschliche Botschaften zu transportieren. Auch Huygens hat sehr persönliches “Übergepack“. Mit an Bord der 320 kg schweren Sonde, die am 14. Januar 2005 auf dem Saturnmond Titan nieder ging, waren neben den sechs Messinstrumenten und Kameras noch Grußbotschaften aus ganz Europa. In der “Mondlandefähre“ gelangte erstmals eine CD auf eine außerirdische Welt.

Vor dem Start der Mission hat die ESA den Bürgern Europas die einmalige Gelegenheit geboten, eine Nachricht zu fernen Welten zu senden. Mehr als 80 000 Menschen nahmen diese Möglichkeit wahr. Sie formulierten oder zeichneten Botschaften, die allesamt auf dem Silberling gespeichert wurden. Besonderer Clou: Die CD an Bord von Huygens enthält auch vier Musikstücke.

Chart-Erfolg auf dem Eismond?

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Sollte sich auf Titan jemals ein Außerirdischer finden, der einen CD-Player zu bedienen wüsste, dann würde er auf der Scheibe ein interplanetares Musik- und Kulturprogramm von der Erde vorfinden. Das französische Komponisten-Duo Julien Civange und Louis Haeri komponierte speziell für die Saturn-Mission vier Rocknummern mit einer Spieldauer von insgesamt 14 Minuten. Die Stücke wurden 1997 im Rahmen des Projekts “Music2Titan“ auf die CD gebrannt und im Bauch der Landesonde verstaut.

“Die ESA wollte eine künstlerische Nachricht von Menschen auf Titan hinterlassen“, erläutert Julien Civange Europas Botschaft an die außerirdische Welt. Franco-Rocker Civange rechnet allerdings nicht mit großen Publikumserfolgen auf dem eiskalten Saturnmond. “Natürlich nur symbolisch, schließlich wird die Musik da oben ja nicht gespielt. Aber mir gefällt die Idee, eine Nachricht für mögliche außerirdische Lebensformen zu hinterlassen.“

Wie klingen die vier Titel?

Das Spacerock-Instrumental “Lalala“ steht für die Vorbereitungsphase und den Bau der Sonde. “Bald James Deans“ thematisiert künstlerisch die Trennung des europäischen Huygens-Landers von der amerikanischen Muttersonde Cassini. “Hot Time“, ein eher experimentelles Rockstück, bezieht sich auf die Titan-Erkundung und “No Love“ widmet sich schließlich dem Aufbruch der Menschen zu den Sternen. Hörproben finden sich auf der Website des Spacerock-Projekts: www.music2titan.com.

Christoph Hage