21.05.2015
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wissen.de Artikel

Zukunftsvisionen - Wetten im Dienst der Wissenschaft

Die Long Bets Foundation will langfristiges Denken fördern

Innerhalb der nächsten zehn Jahre wird Russland sowohl vom Wall Street Journal als auch von der New York Times zur Nummer eins in Sachen Software-Entwicklung erklärt. Spätestens im Jahr 2050 werden wir Signale von einer Intelligenz außerhalb unseres Sonnensystems empfangen. Ebenfalls bis spätestens 2050 werden maschinelle Wesen ein Bewusstsein entwickeln. Und was das Universum angeht, so wird es irgendwann aufhören zu expandieren. Totaler Unsinn? Dann wetten Sie doch dagegen! Seit dem Frühjahr 2002 betreibt die Long Bets Foundation ein virtuelles Wettbüro für Visionäre und solche, die es werden wollen.

Breit gestreute Themen

Radioteleskop bei Effelsberg mit einem Metallspiegel von 100m Durchmesser

Radioteleskop bei Effelsberg mit einem Metallspiegel von 100m Durchmesser

Die Themen sind breit gestreut und reichen von Transport, Verlagswesen und Künstlicher Intelligenz über Astronomie, Software, Nachrichten und Sport bis hin zu Biowaffen, Medizin und Physik. Ins Leben gerufen wurde die Aktion von Stewart Brand, dem Gründer des Online-Salons The Well, und dem Herausgeber des Magazins Wired, Kevin Kelly.

Ziel der Langzeitwetten ist es, die Menschheit im Allgemeinen oder zumindest die Wissenschaft im Speziellen voranzubringen und insbesondere das langfristige Denken zu fördern. Deshalb werden Wetten auf das Wetter von übermorgen oder auf die Ergebnisse der aktuellen Champions-League nicht akzeptiert. Dafür gibt es schließlich die traditionellen Buchmacher.

Langzeitwetten haben Tradition

Johannes Kepler, deutscher Astronom (27.12.1571 - 15.11.1630)

Johannes Kepler, deutscher Astronom (27.12.1571 - 15.11.1630)

Dagegen sind Wetten wie die von Johannes Kepler schon eher im Sinne der Long-Bets-Erfinder: Kepler wettete, er werde die Umlaufbahn des Planeten Mars in nur acht Tagen berechnen. Tatsächlich nahmen seine Kalkulationen fünf Jahre in Anspruch. Die Wette hatte Kepler also verloren. Aber sein Ergebnis, dass nämlich die Umlaufbahn des Mars keinem Kreis, sondern vielmehr einer Ellipse entspricht, war ein enormer Gewinn für Keplers Ansehen und die Wissenschaft insgesamt.

Unter Wissenschaftshistorikern gilt Keplers Wette aus dem Jahre 1600 als die erste ihrer Art. Über die Jahrhunderte hinweg finden sich immer wieder prominente Beispiele so entstand auch Isaac Newtons Hauptwerk Philosophiae naturalis principia mathematica (1687) aufgrund einer Wette , doch erst im 20. Jahrhundert erfasste das Wettfieber weite Forscherkreise.

Bei den Long Bets geht es nicht darum, dass einer der beiden Wettpaten höchstpersönlich die Aufgabe löst. Um bei den Langzeitwetten zu gewinnen, genügt es, nach Ablauf der festgesetzten Frist Recht zu haben. Prinzipiell können Langzeitwetten bis in alle Ewigkeit dauern. Deshalb werden die Initiatoren so mancher Wette deren Einlösung nicht mehr leibhaftig erleben können. Macht nichts, reich wird man durch die Langzeitwetten sowieso nicht, denn das Preisgeld muss einer gemeinnützigen Organisation gestiftet werden. Außerdem zeigt die Geschichte der wissenschaftlichen Wetten, dass es sowieso nie um das große Geld ging: auf dem Spiel standen meist Wein, Champagner, Kaviar, ein Abendessen zu viert, Playboy-Abos oder in Zeiten der Ölkrise einhundert Gallonen Benzin.

Zum Wetten gehören immer zwei

Margaret Geller, Astronomin am Harvard-Smithsonian Center for Astrophysics, findet Wetten unter Wissenschaftlern “irgendwie abstoßend.“ Für sie sind solche Wetten “einer dieser eher unwissenschaftlichen Macho-Aspekte in der Forschung“. So jedenfalls äußerte sie sich bereits 1998, als die New York Times über das Phänomen der Wissenschaftler-Wette berichtete. Sie dürfte kaum überrascht sein, dass sich unter den Langzeitwettenden bislang keine Frauen befinden.

Wetten unter Wissenschaftlern – reine Männersache?

Wetten unter Wissenschaftlern – reine Männersache?

Dass die Wettsieger ihr Geld nicht behalten dürfen, hat nicht zuletzt rechtliche Gründe: Wetten, bei denen Geld auf dem Spiel steht, gelten als Glücksspiel und das ist in den USA verboten. Auf informeller Ebene wird dieses Gesetz zwar laufend unterwandert, doch eine Stiftung wie die Long Bets Foundation muss sich an die offiziellen Regeln halten. Sämtliche Wetteinsätze fließen in den Farsight Fund-Portfolio bei Capital Research, werden also möglichst langfristig angelegt.

Zu jeder Wette gehören freilich zwei Parteien. Hält niemand dagegen, kommt die Wette nicht zustande. Auch bei Long Bets finden sich so genannte offene Wetten, die noch auf ein Kontra warten. Neue Wetten werden gerne angenommen, sofern sie die Bedingungen erfüllen. Der Mindesteinsatz beträgt eintausend US-Dollar. Wer lediglich eine kesse Lippe riskieren will, kann sich auch mit Postings im Forum begnügen.

Wetten dass...?

Hier eine kleine Übersicht der bereits akzeptierten Langzeitwetten:

Transport
Bis 2030 wird es Standard sein, dass Passagierflugzeuge nicht mehr von menschlichen Piloten gesteuert werden.

Verlagswesen
Bis 2010 werden über 50 Prozent aller weltweit verkauften Bücher “on demand“ gedruckt, und zwar in Taschenbuch-Qualität, direkt an der Ladentheke.

Künstliche Intelligenz
Bis zum Jahre 2029 wird ein Computer den Turing-Test bestehen.

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Astronomie
Irgendwann wird das Universum aufhören zu expandieren.

Software
Bis zum Jahr 2012 wird Russland sowohl vom Wall Street Journal als auch von der New York Times zur Nummer eins in Sachen Software-Entwicklung erklärt.

Nachrichten
Bis zum Jahr 2007 werden private Info-Websites der New York Times-Website den Rang ablaufen (basierend auf einer Google-Suchanfrage mit fünf Stichwörtern oder Formulierungen, die den Top-Five Nachrichten entsprechen).

Katja Schmid

Kontakt

Long Bets Foundation
Annahme von Langzeitwetten
http://www.longbets.org
Wired-Magazin online
Einführender Text, Hintergründe, Historisches
http://www.wired.com/wired/archive/10.05/longbets.htmlhttp://www.wired.com/news/culture/0,1284,51431,00.htmlhttp://www.wired.com/wired/archive/10.05/longbets.html?pg=2
New York Times
Artikel vom 25. August 1998 zur Geschichte der Wette als Motor für Wissenschaftler
http://www.ishipress.com/sci-bets.htm