21.05.2015
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Große Mutter Erde

Obwohl er der höchste der Höchsten ist, war der westlichen Welt lange Zeit gar nicht bekannt, dass der Mount Everest existiert. Der Berg liegt etwas versteckt hinter anderen hohen Gipfeln und da Nepal und Tibet ausländischen Landvermessern keinen Zutritt gewährten, blieb er lange Zeit unentdeckt.

Der Berg

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Foto: Thomas Hartmann, Eppstein/Taunus

Foto: Thomas Hartmann, Eppstein/Taunus

Um 1830 erreichten Landvermesser der Indian Survey den Fuß des Himalaya. Jenseits der Grenze zu Nepal sahen sie gewaltige Gipfel, die weit über die anderen Gebirgszüge heraus ragten. Sie glaubten, dies müssten die höchsten Berge der Welt sein.

Von den hohen Gipfeln beeindruckt, machten sich die britischen Geodäten daran, ihre Höhe zu ermitteln. Im März 1856 gab General Andrew Waugh die Ergebnisse jahrelanger Berechnungen bekannt. Gipfel IX, Kangchenjunga genannt, maß 28.156 Fuß und Gipfel XV 29.002 Fuß. Damit war Gipfel XV der höchste Berg der Welt. Er hatte allerdings noch keinen Namen. Normalerweise erhielten neu entdeckte und vermessene Himalaya-Gipfel lokale Bezeichungen. Aber für diesen gewaltigen Berg wollte der britische Vermessungschef Waugh keinen einheimischen Namen, obwohl der tibetische Name des Berges “Chomolungma“, der soviel wie “Große Mutter Erde“ bedeutet, weit verbreitet war. Waugh plädierte jedoch für den Namen seines Amtsvorgängers General Everest. Dieser setzte sich schließlich auch durch dabei hatte sich paradoxerweise gerade Everest immer für lokale Namen ausgesprochen.

Im Jahr 1865, ein Jahr vor Everests Tod, entschied sich die Royal Geographical Society offiziell, dem höchsten Berg der Welt den Namen Mount Everest zu geben. Dass er der Höchste ist, ist unumstritten, doch wie hoch er genau ist, darüber variieren die Angaben. Lange Zeit waren es offiziell 8848 Meter. Nach neuen Vermessungen sind es angeblich mehr: 8850 Meter.

Aus geologischer Sicht ist der Himalaya ein junges Gebirge. Es entstand - wie auch die Alpen - durch das Aufeinandertreffen zweier Kontinentalplatten vor etwa 65 Millionen Jahren im frühen Tertiär. Im Zuge der Kontinentaldrift stieß die Indo-Australische mit der Eurasischen Platte mit einer Geschwindigkeit von rund 15 Zentimetern pro Jahr zusammen. Bis zum heutigen Tag drang der indische Subkontinent dadurch etwa 2000 Kilometer nach Eurasien vor. Durch die Plattenkollision wurden Gesteine gefaltet und in die Tiefe gedrückt. Zudem wurden ganze Gesteinsschichten bis zu 100 Kilometer weit als so genannte tektonische Decken über andere Schichten geschoben. Langsam begannen die in die Tiefe gedrückten und überschobenen Gesteinsmassen dann aufzusteigen. Vor ungefähr 600.000 Jahren hob sich die Hauptkette des Gebirges schließlich zügig auf die heutige Höhe.

Tektonische Prozesse wie Faltung und Deckenüberschiebungen führten im Verlauf der Gebirgsbildung dazu, dass ehemals flachlagernde Sedimentpakete heute mehr oder weniger steil geneigt an der Erdoberfläche stehen. Die morphologische Folge ist eine häufig zu beobachtende strukturbedingte Asymmetrie von Gipfelaufbauten. Beispielhaft sind derartige Verhältnisse am Everest gegeben. Der Gipfelaufbau zeigt eine auffallende Asymmetrie mit deutlich flacherer Nordflanke gegenüber der steilen Südwand, die rechtwinklig zum Schichteinfall verläuft. Daher können Verwitterung und Abtragung verstärkt an der Deckenstirn und den dazu senkrecht verlaufenden Gesteinsklüften ansetzen. Man kann den Everest deshalb als typischen “Schichtkopf“ bezeichnen.

Das Auffälligste am Everest jedoch ist, dass der Gipfelaufbau im Gegensatz zu anderen hohen Bergen nicht vergletschert ist. Es ist in dieser Höhe einfach zu kalt, als dass sich haftfähiger Schnee bilden könnte. Der trockene, feine Schnee wird vom Wind weggeblasen, so dass kein Gletschereis entstehen kann. Lediglich im Norten-Couloir konnte der Wind in geschützter Lage den Schnee zu einem kleinen Hängegletscher zusammenpressen.

Gipfelstürmer

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Foto: Thomas Hartmann, Eppstein/Taunus

Foto: Thomas Hartmann, Eppstein/Taunus

Am 29. Mai 1953 bestiegen der Sherpa Tenzing Norgay und der Brite Edmund Hillary (heute Sir Edmund Hillary) als erste Menschen den höchsten Berg der Erde. Dadurch erlangten sie weltweiten Ruhm. Hillary wurde von Queen Elizabeth II. geadelt und Tenzing in Nepal als Nationalheld gefeiert. Später wurde der Sherpa zum Direktor des Indian Himalayan Mountaineering Institute ernannt. Doch waren Hillary und Norgay wirklich die Ersten auf dem Everest? Am Morgen des 8. Juni 1924 hatten George L. Mallory und Andrew C. Irvine, Mitglieder der dritten britischen Mount Everest-Expedition, ihr Lager in 8170 Metern Höhe für einen letzten Gipfelversuch verlassen. Gegen Mittag wurden die beiden Bergsteiger dabei beobachtet, wie sie eine der Felsstufen, den so genannten “Second Step", am mehr als 8500 Meter hohen Nordostgrat überkletterten. Seitdem waren sie verschollen. Die Diskussion, ob Mallory und Irvine die wahren Erstbesteiger des Mount Everest sind, beschäftigt Alpinhistoriker seit mehr als 70 Jahren. Ob sie tatsächlich vor ihrem Verschwinden auf dem Gipfel standen, ist jedoch bis heute ungeklärt. Am 1. Mai 1999 fanden Mitglieder einer Suchexpedition in 8200 Metern Höhe die mumifizierte Leiche von George Mallory.

Seit dem immer noch offiziellen Gipfelsieg von Tenzing Norgay und Sir Edmund Hillary vor fast 50 Jahren haben mehr als 500 Bergsteiger den Everest bestiegen. Herausragendes Datum: 8. Mai 1978. An diesem Tag bezwangen der Südtiroler Extrembergsteiger Reinhold Messner und der Tiroler Bergführer Peter Habeler den höchsten Berg der Welt erstmals ohne künstlichen Sauerstoff. Zahlreiche Zweifler und Höhenmediziner hatten behauptet, dass dies unmöglich sei. Selbst wenn die beiden Bergsteiger den Gipfel in der Todeszone erreichten, kämen sie mit irreparablen Hirnschäden zurück. Beide Alpinisten erfreuen sich heute bester geistiger Gesundheit - auch wenn Reinhold Messner inzwischen den Yeti gesehen haben will.

Leben am Berg

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Foto: Thomas Hartmann, Eppstein/Taunus

Foto: Thomas Hartmann, Eppstein/Taunus

Wer an den Mount Everest denkt, verbindet damit auch das Volk der Sherpa. Dank ihrer enormen Höhentauglichkeit sind sie ideale Expeditionsteilnehmer. Die wenigsten von denen, die als Träger oder Bergsteiger an Expeditionen teilnahmen, erreichten jedoch den Bekanntheitsgrad von Tenzing Norgay.

Das Volk der Sherpa wanderte vor rund 500 Jahren aus seiner osttibetischen Heimat aus. Auf diese Herkunft weist auch sein Name hin: “Shar“ bedeutet Osten und “Pa“ heißt Volk. Die Sherpa sind demnach das Volk aus dem Osten. Ihr ursprüngliches Siedlungsgebiet war Khan in Tibet. Von hier aus zogen 60.000 Menschen mit ihrem Hab und Gut über den 5700 Meter hohen vergletscherten Nangpa-Pass. Das Ziel waren die menschenleeren Täler des heutigen Khumbu-Gebietes südwestlich des Mount Everest mit ihren fruchtbaren Böden. Warum die Sherpa überhaupt den kühnen Entschluss fassten, den gewaltigen Gebirgszug des Himalaya zu überqueren, ist bis heute ein Rätsel.

Die Sherpas leben vor allem als Bergbauern und Händler. Die höchsten ihrer Siedlungen findet man auf rund 5000 Metern Höhe. Trotz kargem und relativ abgeschiedenem Leben legen die insgesamt 25000 Sherpas großen Wert auf Bildung. So lautet ein Sherpa-Spruch: “Wer wenig weiß, ist ein Mensch mit einem Auge, wer viel weiß, hat tausend Augen“. Da es bis vor kurzem noch keine Schulen gab, haben die Sherpa in tibetischen Klöstern lesen und schreiben gelernt. Ihr Wissen um die höchsten Berge der Welt und die einzigartige Natur des Himalaya hat die Besteigung der Sechs-, Sieben- und Achttausender durch ausländische Alpinisten letztendlich erst möglich gemacht.

Alexander Stahr/Lesestein.de