21.05.2015
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Rhythmus, Rum und Revoluzzer - Unterwegs in Kuba

Halbseidene Gestalten und Vergnügungssüchtige in eleganten Clubs, Bordellen und Casinos. Schöne Frauen und reiche Männer, die den Rum in Strömen fließen lassen. Und über allem der schwere Duft kubanischer Zigarren. So muss es hier gewesen sein, Anfang des 20. Jahrhunderts, als Kuba die Vergnügungsmeile der Amerikaner war - ein Vorort Miamis, denn von Key West/Florida nach Havanna sind es nur 90 Seemeilen. Bis 1763 war Kuba sogar amerikanisch. Erst dann ging die Insel im Tausch gegen Florida von amerikanischen in spanische Hände über. Seit 1902 ist die sozialistische Bastion in der Karibik unabhängig.

Bröckelnder Glanz

Havanna: 50er-Jahre-Flair vor dem Kapitol (© Cubanisches Fremdenverkehrsamt).jpe

Havanna: 50er-Jahre-Flair vor dem Kapitol (© Cubanisches Fremdenverkehrsamt)

Vom Ruhm und Glanz vergangener Tage ist wenig geblieben. Die Fassaden einst eleganter Hotels und prachtvoller Herrenhäuser bröckeln. Nach der Revolution und der Machtübernahme Fidel Castros am 1. Januar 1959 stieg der Lebensstandard der Kubaner zwar zunächst stetig. So wurden unter der Ägide von „el comandante“ die Städte wie auch das Bildungs- und Gesundheitswesen ausgebaut und modernisiert. Doch mit dem Zusammenbruch des Ostblocks stürzte Kuba in eine tiefe Wirtschaftskrise - jene „período especial“ (Sonderperiode), die im Wesentlichen bis heute anhält.

Pauschal oder auf eigene Faust?

 Tropische Landschaft im Vinales-Tal: Im Hinterland Kubsa gibt es viel zu entdec

Tropische Landschaft im Vinales-Tal: Im Hinterland Kubsa gibt es viel zu entdecken. (© Cubanisches Fremdenverkehrsamt)

Seit einigen Jahren setzt Kuba verstärkt auf den Tourismus, um die Wirtschaft anzukurbeln - und das mit gutem Grund: Es locken ein tropisches Seeklima sowie Temperaturen zwischen 21 und 33 Grad Celsius. Egal ob als All-Inclusive-Urlauber im Nobelhotel oder als Sozialismustourist, der als Hilfskraft auf einer Zuckerrohrplantage anheuern will - auf Kuba findet jeder das passende Urlaubsangebot.

Auch Individualtouristen entdecken die Insel langsam für sich. Mit ein paar Brocken Spanisch findet sich hier jeder zurecht. Allerdings ist es nicht ganz einfach, von A nach B zu gelangen. Kubas Infrastruktur ist extrem schlecht ausgebaut. Es gibt zwar Busse, doch sie fahren nur unregelmäßig. Eine Alternative ist das Trampen. Da aber auch die Kubaner auf ihre motorisierten Landsleute angewiesen sind, bilden sich vor allem an Ortsausgängen häufig regelrechte Tramper-Trauben von 60 bis 70 Personen. So kann es Stunden dauern, bis man mitgenommen wird.

Wer den bequemeren Weg wählt und sich einen Mietwagen leistet, zahlt 40 bis 50 US-Dollar pro Tag . Allerdings ist das Autofahren auf Kuba eine Sache für sich. Kubaner verständigen sich im Straßenverkehr durch ein System von Handzeichen, das für Ausländer zunächst nicht verständlich ist. Und wenn man außerhalb großer Städte tanken möchte, kann es passieren, dass nicht nur dem Auto, sondern zuvor dem Tankwart das Benzin ausgegangen ist.

Wer also etwas abenteuerlustig ist und genügend Zeit und Benzin mitbringt, kann Kubas Traumstrände, Zuckerrohrplantagen und Tabakfelder oder auch die Hauptstadt Havanna auf eigene Faust erkunden.

Die alte Dame der Karibik

Auch heute noch verströmt Havanna einen besonderen Charme. Warm scheint die Sonne auf Villen, Straßen und Plätze - und die engen verwinkelten Gassen der Metropole an der Nordküste Kubas. Häufig sieht man hier noch amerikanische Straßenkreuzer aus den 50ern durch die Straßen rollen, die von ihren stolzen Besitzern liebevoll gehegt und gepflegt werden.

Doch bei aller Romantik und Liebe zur Nostalgie - die wirtschaftlich prekäre Situation, in der sich Kuba seit dem Zerfall der Sowjetunion befindet, ist in Havanna allgegenwärtig. Es fehlt an Baumaterialien und Geld, um die historischen Gebäude in Stand zu halten, die Stadt zerfällt allmählich.

Nur der UNESCO ist es zu verdanken, dass dieser Prozess aufgehalten wird. 1982 erklärte sie „La Habana Vieja“, den kolonialen Stadtkern Havannas, zum Weltkulturerbe. Seitdem werden die Gebäude und Straßen nach und nach restauriert. Um die Plaza de Armas und die Plaza de la Catedral blüht die Stadt bereits in alter neuer Schönheit auf.

La Habana Vieja - wo alles begann

Ein Hauch der mondänen Vergangenheit liegt noch immer über Havannas Altstadt. Kolonialbauten drängen sich neben Palästen, Festungen und Kirchen. Reichverzierte Theater und das Kapitol aus weißem Marmor, eine Nachbildung des US-Amerikanischen Vorbilds, prägen das Straßenbild ebenso wie die großen palmenumstandenen Plätze. In der Calle Obispo, der schönsten Flaniermeile Havannas, lässt es sich zwischen Cafés, Restaurants, kleinen Läden und Museen gemütlich bummeln.

Direkt nebenan liegt die Plaza de Armas der ehemalige Exerzierplatz, einer der schönsten Plätze der Stadt. Hier wurde Havanna im Jahre 1519 gegründet. Die genaue Stelle bezeichnet der Ceiba-Baum. Er erfüllt jeden Traum, so erzählen die Kubaner, wenn man ihn zwölf Mal umrundet und sich dann etwas wünscht.

Das moderne Havanna

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Im Vedado-Viertel

Im Vedado-Viertel

Mit dem Viertel Vedado, westlich der Altstadt, beginnt das moderne Havanna. Hier verläuft die Calle 23, besser bekannt als „la rampa“, die Vergnügungsmeile Havannas. Abends pulsiert hier das Leben, und „la rampa“ wird zum Treffpunkt junger Liebespaare und Nachtschwärmer. Auch die „jinteras“, die Reiterinnen, wie die Prostituierten genannt werden, finden hier ihre Freier. Sie begleiten „den Auserwählten“ gewöhnlich den gesamten Urlaub - gegen Kost und Logis. Viele von ihnen verkaufen sich in der Hoffnung auf ein Heiratsversprechen oder ein Flugticket in ein fernes Land. Doch ihr Traum erfüllt sich selten - und übrig bleiben bestenfalls eine Hand voll Dollar oder ein neues Kleid.

Auf Hemingways Spuren

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Liebte Kuba und seinen Mojito: Ernest Hemingway (1899-1961)

Liebte Kuba und seinen Mojito: Ernest Hemingway (1899-1961)

Im Hotel Ambos Mundos, Zimmer Nummer 511, residierte in den 30er Jahren der amerikanische Schriftsteller Ernest Hemingway. Noch heute stehen seine Schreibmaschine und eine leere Flasche Chivas Regal in dem Zimmer und machen das Hotel zur Pilgerstätte für Hemingway-Fans.

Wer ob der leeren Flasche Chivas Regal selbst Lust auf eine Erfrischung bekommt, kann seinen Drink in der Bar Bodeguita Del Medio nehmen. Hier, in der Calle Empedrado, trank Hemingway stets seinen Lieblingsdrink, den Mojito. Allerdings drängen sich in der Bar die Touristen, und so muss man Wartezeiten in Kauf nehmen, bevor es Einlass in die „heiligen Hallen“ gibt.

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Finca La Vigía: Hemingways Landsitz bei Havanna

Finca La Vigía: Hemingways Landsitz bei Havanna

Weitere Spuren von „Papa Hemingway“ finden sich vor den Toren Havannas auf der Finca La Vigía. Der einstige Landsitz des Schriftstellers und seiner Frau Martha Gellhorn wurde originalgetreu erhalten und zum Museum umgestaltet.

Nördlich der Finca, am Hafen des Städtchens Cojimar, lag Hemingways Yacht „Pilar“ vor Anker. Hier lebte auch sein Freund Gregorio Fuentes, der ihn zu dem Roman „Der alte Mann und das Meer" inspirierte. Gleich neben dem Hafen locken die Traumstrände Havannas, die Playas del Este, an denen man den Tag nach dieser Reise in die Vergangenheit entspannt ausklingen lassen kann.

Karibik-Feeling an Kubas Traumstränden

Wassertemperaturen von 25 bis 28 Grad Celsius, eine 5.800 Kilometer lange Küstenlinie mit rund 280 Stränden, perlweißer Puderzuckersand, Palmen, sanfte, türkisblaue Wellen - für einen ausgedehnten Badeurlaub ist auf Kuba gesorgt. Playas del Este, Varadero und Cayo Coco, Santa Lucía und Guardalavaca, so einige der Namen von Kubas Paradiesstränden, die größtenteils an der Nordküste liegen.

Der bekannteste Badeort und Touristenziel Nummer eins ist Varadero. Er liegt auf der Halbinsel Hicacos östlich von Havanna. Kristallklare, hellblau und smaragdgrün schillernde Wellen plätschern an einen über 20 Kilometer langen, feinsandigen Strand, den zahlreiche Luxus-Hotel säumen. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war dieser Ort der amerikanischen High-Society und einflussreichen Kubanern vorbehalten. Der frühere kubanische Diktator Fulgencio Batista leistete sich hier, Tür an Tür mit Mafiaboss Al Capone, eine Villa mit Privatstrand.

Nach der Revolution wurden die Anwesen entlang des Strandes enteignet und die Villen in Hotels und Ferienwohnungen umgewandelt. Ebenso volksnah präsentierte sich nun der Traumstrand von Varadero: Im Zuge der politischen Veränderungen wurde er dem kubanischen Volk wie auch den Touristen aus den Ländern des damaligen Ostblocks zugänglich gemacht.

Heute allerdings sind Einheimische hier wieder unerwünscht - abgesehen davon, dass sich wohl kaum ein Kubaner einen Urlaub in den teuren Hotels leisten könnte. Kuba hatte in den 90er Jahren traurige Berühmtheit als „neues Paradies der Sextouristen" erlangt. 1996 griff Fidel Castro durch und verschärfte die Gesetze gegen organisierte Prostitution drastisch. Allein in Varadero wurden mehrere tausend „jinteras“ des Strandes verwiesen. Die Brücke zur Halbinsel dürfen Kubaner seitdem nur noch passieren, wenn sie dort eine Arbeit oder Wohnung nachweisen können.

Santiago de Cuba - die Wiege der Revolution

Wiege der Revolution: Mausoleum des kubanischen Nationalhelden José Martí (1953-
Wiege der Revolution: Mausoleum des kubanischen Nationalhelden José Martí (1953-1895) in Santiago

Wiege der Revolution: Mausoleum des kubanischen Nationalhelden José Martí (1953-1895) in Santiago

Wer in Kuba karibisches Flair sucht, der sollte nach Santiago de Cuba fahren. Hingegossen an einer geschützten Bucht an der Südostküste, ist sie die „afrikanischste“ Stadt auf Kuba - und die heimliche Kapitale: Schmelztiegel indianischer, europäischer und afrikanischer Kultur mit der waldreichen Sierra Maestra im Rücken. Die Berge halten herannahende Winde ab und bescheren der Stadt ein wärmeres Klima als an anderen Orten der Insel.

Daher heißt Santiagos Umgebung auch „tierra caliente“ - heiße Erde. Aber nicht nur das Klima, auch die Santiagueros gelten als besonders „heißblütig“. Voller Stolz nennen sie Santiago „die Wiege der Revolution“, denn hier stürmte Castro schon 1953 mit den Seinen die Kaserne der Stadt. Zwar scheiterte er zunächst und musste ins Gefängnis, aber der Anschlag war die Keimzelle der kubanischen Revolution. Außerdem ist Santiago die Wiege des Son, der kubanischen Musik mit afrikanischen Rhythmen und spanischem Gitarren-Sound, die spätestens seit Wim Wenders Film „Buena Vista Social Club“ weltberühmt geworden ist.

Totalamente a mano - handgemachte Zigarren

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Handgerollt: Kubanische Zigarren sind weltberühmt.

Handgerollt: Kubanische Zigarren sind weltberühmt.

Auf der entgegengesetzten Seite der Insel, ganz im Westen in der Provinz Pinar del Rió, wächst der Rohstoff einer weiteren kubanischen Spezialität: der Tabak für die großen Markenzigarren wie Cohiba, Bolívar oder Montechristo.

Nirgendwo auf der Welt sind die Voraussetzungen für das Gedeihen von Tabakpflanzen besser als im Westen Kubas. Die Blätter werden, nachdem sie sorgfältig geerntet, sortiert und getrocknet wurden, von Hand gerollt. So entstehen die echten Havannas mit ihrem herben Duft und dem würzigen Aroma. Sie sind nicht zu vergleichen mit den maschinell hergestellten Zigarren, die einem oft auf den Straßen Havannas als „die echten“ zu auffällig niedrigen Preisen angeboten werden.

Wer wert auf eine handgerollte Zigarre legt und bereit ist, einen entsprechenden Preis zu zahlen, sollte sich an einen der ausgewiesenen Tabakläden Havannas halten. Dort gibt es die wirklichen „echten Havannas“, die von den Torcedores, den Zigarrenmachern, in den Fabriken einzeln und von Hand gerollt werden. Ein Torcedor fertigt täglich um die 120 Zigarren an. Wie viele davon zum Verkauf übrig bleiben, hängt ganz von ihm ab. Während der Arbeit darf er so viele Zigarren rauchen, wie er will.

Trinidad - verträumte Kolonialstadt

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Koloniales Flair: Plaza Mayor in Trinidad

Koloniales Flair: Plaza Mayor in Trinidad

Einen Besuch dieser Stadt sollte kein Kuba-Besucher versäumen, denn ihr Zauber führt einen zurück in die Kolonialzeit begleitet von Salsa-Rhythmen, die hier aus jedem Haus tönen. Die Blüte dieser verträumten Stadt liegt weit zurück im 17. und 18. Jahrhundert, als Schmuggel, Sklavenhandel und Zuckerrohrproduktion florierten.

Mit Abschaffung der Sklaverei wurde es still um Trinidad, und so blieb der koloniale Stadtkern bis heute erhalten - der ebenso wie die Altstadt Havannas von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurde. Pferdekutschen klappern hier zwischen einstöckigen bunten Häusern durch kopfsteingepflasterte Gassen. Alles läuft etwas gemütlicher, und ist noch nicht so touristisiert. Für denjenigen, der wenig Wert auf ein großes Animations- und Sportprogramm legt, ist der Strand von Trinidad eine echte Alternative zu dem von Varadero.

Ambos Mundos - geteilte Welt

Der Tourismus bringt zwar Devisen ins Land, denn Urlauber zahlen generell in Dollar, doch davon merken weite Teile der Bevölkerung kaum etwas. Die Karibik-Insel ist in zwei Welten geteilt: die Dollarwelt, in der es sich paradiesisch leben lässt und die Pesowelt, in der Mangel an nahezu allem herrscht.

Der kubanische Peso ist fast nichts wert. Kubaner müssen im eigenen Land in die teuren Läden für Touristen gehen und in Dollar zahlen, wenn sie sich „Luxusartikel“ wie Öl, Seife oder Schuhe leisten wollen. Die gibt es gegen Peso einfach nicht. Bei einem durchschnittlichen Monatsgehalt von - egal ob Arzt oder Landarbeiter - umgerechnet 20 US-Dollar, ist die Haushaltskasse schnell leer. Und so verdienen sich viele Kubaner nach der Arbeit ein paar Dollar hinzu.

Kuba ist ein Traumland, aber ein Land zum Träumen ist es sicher nicht. Individuelle Bürgerrechte und Grundfreiheiten werden den Kubanern konsequent verwehrt, es herrschen Not und Armut, und in kubanischen Gefängnissen sitzen nach wie vor mehrere hundert politische Gefangene.

Sonja Wedegärtner