21.05.2015
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wissen.de Artikel

Im Gespräch: Thilo Bode

Gründer und Geschäftsführer der Verbraucherorganisation foodwatch, ehemals Geschäftsführer Greenpeace

[[{"type":"media","view_mode":"media_large","fid":"13221","attributes":{"alt":"","class":"media-image","typeof":"foaf:Image"}}]]Probleme und Skandale im Lebensmittelbereich sind seit einigen Jahren zum Dauerthema geworden. Die Begriffe BSE, Nitrofen und Acrylamid stehen für den gedankenlosen Umgang mit kostbaren Nahrungsmitteln. Wissen.de sprach mit Thilo Bode über Fehler der Vergangenheit und die möglichen Zukunft unserer Lebensmittel. Der ehemalige Geschäftsführer von Greenpeace International hat im Oktober 2002 die Verbraucherorganisation foodwatch gegründet. foodwatch will Verbraucher informieren und aktivieren und dadurch Verantwortliche unter Druck setzen, damit wieder mehr Nahrungsmittel auf unseren Tellern landen, die nachhaltig produziert wurden und deren Verzehr unbedenklich ist.

Zukunftsvision Nahrungsmittel

BSE

Herr Bode, in den vergangenen Jahren jagte ein Lebensmittelsproblem das nächste. Glauben Sie, dass sich Verbraucher zukünftig immer genauer fragen müssen: Was kann man eigentlich noch essen?

Diese Frage ist leider noch berechtigt. Denn BSE oder auch der Nitrofen-Fall haben gezeigt, dass es im Lebensmittelbereich nach wie vor grundlegende Probleme gibt. Auch die noch relativ junge Biobranche hat dies auf die harte Tour lernen müssen. Die zunehmende Globalisierung unseres Essens macht die Situation nicht leichter. Zudem stehen wir vor einer neuen Welle fragwürdiger Entwicklungen bei Lebensmitteln: Auf der Suche nach renditeträchtigen Geschäftsfeldern versucht die Lebensmittelindustrie, uns „Functional Food“ - Lebensmittel mit sogenanntem Zusatznutzen - schmackhaft zu machen. Functional Food ist jedoch vor allem eine Marketingmaßnahme der Nahrungsmittelkonzerne, um die weiter fallenden Preise und Gewinnmargen bei Standardprodukten zu kompensieren.

Aber ist das mit dem Zusatznutzen nicht sehr angenehm und vor allem bequem?

Natürlich, wenn das funktionieren würde. Hier wird aber nur ein neues Leitbild propagiert: War Gesundheit bisher mit gewissen Anstrengungen durch ausgewogene Ernährung, ausreichend Bewegung und maßvolle Lebensführung zu erreichen, verspricht nun die Werbung, dass man unendliche Fitness ganz bequem durch den Konsum entsprechender Lebensmittel bekommen kann. So funktioniert es aber nicht.

Also sieht es für die Zukunft unserer Ernährung eher schlecht aus ...

Ein Grund zu Resignation ist das alles nicht. Denn immer mehr Konsumenten hinterfragen diese Entwicklungen. Und je lautstärker dies geschieht, desto eher ändert sich etwas. Das war ein entscheidendes Motiv für die Gründung von foodwatch - die Stimmen der Konsumenten zu bündeln. Denn nichts fürchten Produzenten mehr als unzufriedene Kunden, die sich organisieren.

Die Kunden scheinen aber schnell zu vergessen. Sind wir nicht ein Stück selbst schuld, dass wir regelmäßig "Substanzen" auf dem Tisch finden, die eigentlich nicht in unser Essen gehören, weil wir nur nach den billigsten Lebensmitteln suchen, anstatt nach dem qualitativ besseren?

Keine Frage: Wer unterstützt, dass Wurst billiger verkauft wird als Hundefutter, macht sich mitverantwortlich. Andererseits wird es uns als Käufer der Produkte ja auch immer schwerer gemacht, Qualität erkennen zu können. Problematische Stoffe müssen nicht deklariert werden, Bestrahlung oder Konservierungsmittel täuschen Frische vor. Trotz unglaublicher Vielfalt an Lebensmitteln läuft gleichzeitig eine erschreckende Standardisierung ab: Es gibt eben nur noch die transportharten und lange lagerfähigen Tomatensorten zu kaufen.

Zwischen Verbraucherverhalten und Genfood

wirtschaft

Wie lässt sich das Verbraucherverhalten langfristig ändern, Skandale erzeugen ja immer nur eine Art "Schreckverhalten", das nur Augenblicke währt?

Erst einmal geht es darum, Konsumenten und Produzenten auf gleiche Augenhöhe zu bringen. Denn uns als Verbrauchern werden Informationsrechte vorenthalten, ohne die verantwortungsvolle Kaufentscheidungen viel schwerer zu fällen sind. Ebenso sind Produzenten - vom Futtermittel-Lieferanten bis zum Lebensmittel-Einzelhändler - mehr in die Verantwortung zu nehmen. Verdummung und Vergiftung wird immer noch als Kavaliersdelikt behandelt. Auch hier setzt sich foodwatch für Verbesserungen ein, z. B. eine Verschärfung des Futtermittelrechts, damit der Weg vom Trog zum Teller sicherer und transparenter wird.

Und auf Seiten der Verbraucher?

Verbraucher wollen wir in ihrem kritischen und verantwortungsvollen Konsumverhalten bestärken. Wissen über Lebensmittel und Fertigkeiten der Zubereitung gesunder Mahlzeiten geht zunehmend verloren. Hier gilt es vor allem, gute Rahmenbedingungen in Familien, Kindergärten und Schulen zu schaffen. PISA ganz praktisch sozusagen. foodwatch wird jedoch nicht mit dem erhobenem Zeigefinger kommen und Vorschriften machen. Wir setzen viel mehr auf die Eigenverantwortung der Verbraucher und stellen Kriterien für die eigene Entscheidung zur Verfügung.

Thema Acrylamid: Die Meinungen zu dem Krebs erregenden Stoff sind inzwischen sehr gegensätzlich. Wie sieht foodwatch das Problem?

Anerkannte Toxikologen bewerten Acrylamid als äußerst problematisch. Aus Vorsorgesichtspunkten muss es so schnell wie möglich aus Lebensmitteln verschwinden, Schon heute unterscheiden sich vergleichbare Produkte in den Acrylamidgehalten um das Zehn-, Fünfzig- oder gar Hundertfache. foodwatch fordert daher, eine beste Verfahrenspraxis der Industrie als Messlatte zu geben, anstatt wie Frau Künast nur an den höchst belasteten Lebensmitteln herumzudoktern. Acrylamid ist eine Art nicht bestandener Elchtest für die Lebensmittelbranche und bisher sehen wir nicht, dass mit diesem Ergebnis verantwortungsvoll umgegangen wird.

Einige Verantwortliche glauben, dass gentechnisch veränderte Nahrungsmittel die Lösung vieler Probleme sind, etwa gegen Hungerkatastrophen in Entwicklungsländern?

Fehlende Verteilungsgerechtigkeit global und in den Entwicklungsländern selbst wird durch Gentechnik nicht hergestellt. Ganz im Gegenteil, die Eigenversorgung durch eine angepasste Landwirtschaft wird durch die fortschreitende Industrialisierung eher noch zusätzlich geschwächt und die Abhängigkeit von kapitalintensiven Verfahren weiter erhöht. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Resistenzen von Schädlingen enorme Ernteausfälle bedeuten oder zusätzliche Schädlingsbekämpfung erfordern werden.

Aber was ist denn z. B. schlecht am „Golden Rice“, also einem Reis, der mehr Provitamin A enthält? Es gibt doch Länder in denen ein Mangel an Vitamin A herrscht ...

Die echten Hungerprobleme in der dritten Welt können nicht durch neues Saatgut gelöst werden. Die Versorgung mit einzelnen Spurenelementen und Nährstoffen ist da eher sekundär. Hunger hat seine Ursache in mangelnder Förderung der ländlichen Entwicklung wie unzureichende Erzeugerpreise, kein Landeigentum für Kleinbauern etc. Das traditionelle Saatgut, das über Hunderte von Jahren von den Landwirten entwickelt worden ist, ist am besten an die lokalen Verhältnisse angepasst.

Und was spricht bei uns gegen „Genfood“?

Für uns in den Industriestaaten stellt sich ebenfalls die Frage nach dem Nutzen. Es geht einfach am Problem vorbei. Denn es dreht sich eher darum, weniger und vor allem mensch-, tier- und umweltverträglicher zu produzieren und zu vermarkten als bisher. Die Gentechnologie bietet dafür keine Lösung. Von den unbekannten Folgen für die Gesundheit ganz abgesehen.

Mobilmachung der Gesellschaft

Aber kann eine ökologisch nachhaltige Landwirtschaft wirklich eine Lösung sein? Der Anteil liegt bisher noch weit unter fünf Prozent. Und die Produkte werden auf lange Sicht teuer bleiben. Wird es nicht auf eine Zwei-Klassen-Gesellschaft der Verbraucher hinauslaufen: Wohlhabende, die sich das ökologisch wertvolle Stück Fleisch leisten und Ärmere, die nur das Billigfleisch bekommen?

Produkte der ökologischen Landwirtschaft werden immer teurer sein, weil die Produkte der konventionellen Landwirtschaft nicht die so genannten externen Kosten widerspiegeln. Zum Beispiel entfällt ein großer Teil der Kosten für die Trinkwasseraufbreitung darauf, die durch die konventionelle Landwirtschaft verursachte Verschmutzung (Pestizide, Phosphate, Nitrate) wieder aus dem Wasser herauszubekommen. Die Münchner Wasserbetriebe zahlen mittlerweile Geldbeträge an die Landwirte im Einzugsbereich, um Ihnen die Umstellung auf biologische Landwirtschaft zu ermöglichen. Langfristig ist nur eine Landwirtschaft überlebensfähig, die nicht auf Kosten der Natur (Wasser, Luft, Boden, Tier) produziert. Langfristig werden alle Menschen wieder relativ mehr für das Essen ausgeben müssen. Dafür müssen andere Dinge zurückstehen. Das Zweit-Handy, das zwölfte Paar Schuhe oder das noch größere Auto. Der Gewinn an echter Lebensqualität ist dafür um so größer.

Zu foodwatch: Warum brauchen wir foodwatch? Es gibt doch schon eine große Zahl an Verbänden und Verbraucherorganisationen in diesem Bereich? Was können Sie, was die nicht auch schon können?

Die Umweltverbände können Lebensmittel bzw. Landwirtschaft nur als ein Thema unter anderen behandeln, foodwatch konzentriert sich ausschließlich darauf. Einrichtungen wie die Verbraucherzentralen haben ihren Schwerpunkt in der Bürgerberatung und in Stellungnahmen zu generellen Verbraucherthemen. Da sie jedoch keine Mitglieder haben und auch vom Staat finanziert werden, ist für Sie die Möglichkeit, politischen Druck auszuüben, begrenzt. Diese Lücke schließt foodwatch. Eine Organisation, die nur von Mitgliedern gestützt ist, kann völlig unabhängig agieren und auch entsprechend selbstbewusst auftreten.

Wer unterstützt Sie, wer sind Ihre Experten und welche Mittel haben Sie, Druck auf Verantwortliche auszuüben?

Wir sind noch ein kleines Team (fünf Personen), haben eigene Expertise im Haus und arbeiten zusätzlich mit externen Experten in Bereichen Lebensmittelrecht, allgemeine rechtliche Fragen, Toxikologie, Fundraising, Website-Gestaltung, Werbung etc. zusammen. Die Mittel, Druck auf Verantwortliche auszuüben, ergeben sich vor allem aus der Öffentlichkeitsarbeit. Insbesondere aber wollen wir die Verbraucher selbst mobilisieren, um durch ihr Kaufverhalten Hersteller und Handel zu beeinflussen.

Wie mobilisiert man Verbraucher?

Es beginnt damit, Verbrauchern Informationen verfügbar zu machen, die Ihnen Wirtschaft und Politik vorenthalten. Bei Acrylamid haben wir dies zum Beispiel getan: Während Frau Künast nur Werte für Produktgruppen herausgibt, haben wir Messwerte samt Herstellern veröffentlicht. Durch gezielten Einkauf können Verbraucher damit ihre Acrylamidbelastungen sehr wirksam senken. Dies ist generell die Linie von foodwatch: Wir können und wollen niemandem vorschreiben, was er oder sie zu kaufen hat. Aber wir wollen Kriterien an die Hand geben, um verantwortungsvolle Kaufentscheidungen überhaupt zu ermöglichen. Ein weiterer Weg zu mobilisieren liegt darin, Stimmen zu bündeln: Wenn bei dem Vorsitzenden eines Nahrungsmittelkonzerns oder einem Politiker 1.000 Protestschreiben eintreffen, dann hat das Wirkung - gerade auch, wenn die Antworten kurz darauf in der Öffentlichkeit sind.

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Marcus Anhäuser/Barbara Steiger