21.05.2015
Total votes: 172
wissen.de Artikel

Vereinbarkeit von Organspende und Glaube?

Wie die Religionen zur Organspende stehen

Organspende - ein Thema, das viele Fragen weckt. Wer eine solch weitreichende Entscheidung bis über seinen Tod hinaus trifft, will zuerst Zweifel und Bedenken ausräumen. Ein Punkt, der viele Menschen bewegt, ist die Einstellung der Kirche zur Organspende - eine Frage, auf die jede der Glaubensgemeinschaften eine eigene Antwort hat.

 

Antworten der Kirchen

Dieses Bild ist leider nicht verfügbar. - wissen.de

Wie stehen die katholische und die evangelische Kirche in Deutschland dem Thema Organspende gegenüber? Wie Juden, Muslime und Buddhisten?

 

"Zeichen der Nächstenliebe"

"Die Bereitschaft zur Organspende nach dem Tod ist ein Zeichen der Nächstenliebe und Solidarisierung mit Kranken und Behinderten", so die Haltung der evangelischen und der katholischen Kirche in ihrer "Gemeinsamen Erklärung" von 1990. Organtransplantationen sind ethisch gerechtfertigt, weil sie das Leben eines anderen Menschen retten, Leid lindern und Lebensqualität verbessern. Angehörige, die die Einwilligung zu einer Organspende geben, handeln "ethisch verantwortlich".

Beide großen Kirchen erkennen den Hirntod des Menschen, die Voraussetzung für eine Organentnahme, als Todeszeitpunkt an. Die Feststellung des Todes und die Verfahrensregeln hierzu sind durch die Bundesärztekammer als Richtlinien festgelegt. Nach dieser "unaufhebbaren Trennung vom irdischen Leben" können dem Leib funktionsfähige Organe entnommen und anderen schwerkranken Menschen eingepflanzt werden. Der Glaube an die Auferstehung der Toten steht einer Organspende nicht im Wege, denn die Auferweckung ist "Tat und Wunder Gottes" und setzt nicht das Vorhandensein eines unversehrten Leichnams voraus.

Robert Zollitsch, der Vorsitzende der Bischofskonferenz, begrüßte die vom Bundestag 2012 beschlossene Reform der Organspende. Die Spende sei jedoch "nur dann sittlich annehmbar, wenn der Spender oder die Angehörigen ihre ausdrückliche freie Zustimmung dazu gegeben haben."

 

...
Gesundheit: Zollitsch begrüßt Reform der Organspende - weiter lesen auf FOCUS Online: http://www.focus.de/tagesthema/gesundheit-zollitsch-begruesst-reform-der-organspende_aid_758703.html

Freie Entscheidung

Nach buddhistischem Glauben dauert der Todesprozess eines Menschen sehr viel länger, als von außen zu sehen ist. Dieser Glauben steht im Widerspruch zu einem festgestellten Todeszeitpunkt bei der Hirntoddiagnostik. Jeder Buddhist müsse aber grundsätzlich seine eigene Haltung dazu finden, denn im Buddhismus gebe es keine Autorität, die vorschreibt, was zu tun ist.

Die meisten tibetisch-buddhistischen Anhänger in Deutschland sehen Organspende allerdings durchaus kritisch. Denn hier gilt die Regel, einen Toten möglichst lange unberührt zu lassen, um seinen Sterbeprozess nicht zu stören.  Allerdings gehört zu den Grundsätzen im Buddhismus neben dem Geben, Teilen und der Solidarität auch, dass sich der Mensch nicht mit seinem Körper identifiziert und sich nicht an ihn klammert. Das gilt für den Spender, ebenso wie für den Empfänger.

 

Als Zeichen der Nächstenliebe

Der Islam erlaubt die Organspende ebenfalls, wenn sie die einzig mögliche lebensrettende Behandlung für den Empfänger ist. Voraussetzung ist auch hier, wie im deutschen Transplantationsgesetz, der Tod des Menschen und die ausdrückliche Zustimmung des Spenders oder seiner Angehörigen. Im Islam gibt es verschiedene Glaubensrichtungen, so dass kein einheitliches Meinungsbild zu dem Thema herrscht. Der moderne Islam sieht die Organspende jedoch als Zeichen der Nächstenliebe. Der Zentralrat der Muslime in Deutschland begrüßte bereits 1997 die Organspende. Demnach ist die Organspende für in Deutschland lebende Muslime mit dem islamischen Glauben vereinbar.

 

Blut, Haut und Knochenmark

Im jüdischen Glauben gilt ein Mensch erst dann als tot, wenn er nicht mehr atmet und keinen Pulsschlag mehr hat. Dem Hirntod wird in der Halacha, der verbindlichen jüdischen Gesetzesauslegung, keinerlei Bedeutung beigemessen.  Andererseits steht die Pflicht, das Leben eines Menschen zu retten, im Judentum über fast allen Geboten. Deshalb wird Organtransplantation im progressiven Judentum und, wenn ein konkreter Empfänger das Organ braucht, auch im orthodoxen Judentum befürwortet, wobei es keine Rolle spielt, welcher Religion Spender und Empfänger angehören.

Die Transplantation der Hornhaut von Toten ist nach jüdischem Glauben erlaubt. Erlaubt sind auch Transplantationen von sich regenerierenden Substanzen vom lebenden Menschen, wie z. B. Blutspenden, Haut- und Knochenmarktransplantate. Auch die Lebendspende einer Niere ist mit dem jüdischen Glauben zu vereinbaren, allerdings nur, wenn die Gefahr für den Spender sehr gering und die Transplantation für den Empfänger lebensrettend ist, sie also nicht "nur" der besseren Lebensqualität dient.

Die Frage, ob eine Organspende mit der eigenen Religion zu vereinbaren ist, wird häufig gestellt. Ein Ansprechpartner zu Fragen rund um die Organspende ist der Arbeitskreis Organspende.

Quelle: Arbeitskreis Organspende, aktualisiert von der wissen.de Redaktion