21.05.2015
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wissen.de Artikel

Im Gespräch: “Gib Allergien keine Chance“

Experten-Interview mit Vera Herbst

Was ist der beste Staubsauger? Wie lange soll ich mein Kind stillen? Was darf ich (noch) essen? Diese und weitere Fragen rund ums Thema Allergie beantwortet das Buch "Gib Allergien keine Chance". Kompetent und verständlich erklärt die Gesundheitsjournalistin und Pharmazeutin Vera Herbst wie man allergischen Beschwerden vorbeugt und Risikofaktoren vermeidet. Neben anschaulichen Informationen enthält der umfassende Ratgeber zahlreiche nützliche Tipps und Ratschläge fürs richtige Wohnen, Essen, Bekleiden, ... - vom Pollenflugkalender übers Piercing zum Putzplan

Schutz von Anfang an

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Frau Herbst, Ihr Buch trägt den Titel "Gib Allergien keine Chance"? Wie kann ich mich vor Allergien schützen?

Wenn Sie eine Allergie haben, dann können Sie versuchen die Allergieauslöser zu vermeiden und in der Hinsicht allerlei tun, um die Anlage zur Allergie nicht so stark wirken zu lassen. Eine wirkliche Primärprävention ist in den ersten Lebenstagen und Lebensmonaten möglich.

Was kann ich für mein Kind tun?

Solange wie möglich stillen. In konkreten Zahlen mindestens drei, am besten sechs Monate. Es hat zwar immer wieder Warnungen gegeben bezüglich des Schadstoffgehaltes der Muttermilch, aber das spielt überhaupt keine Rolle mehr. Zum einen nimmt er ständig ab, zum anderen sind die Vorteile für die Gesundheit des Kindes unübertroffen.

Was muss man dabei beachten?

Stillen heißt nicht nur, das Kind in den ersten Lebensmonaten vornehmlich mit Muttermilch zu ernähren, sondern ausschließlich. Es ist also dafür zu sorgen, dass schon in der Klinik nicht zugefüttert wird. Wenn eine Frau aus irgendwelchen Gründen nicht stillen kann, dann kann man die sogenannte HA-Nahrung - das heißt hypoallergene Säuglingsnahrung - geben. Diese ist so zusammengesetzt, dass sie möglichst wenige Anreize für das Immunsystem des Kindes bietet, Allergien zu entwickeln. Das ist vor allem bei Kindern sinnvoll, die von den Eltern her eine Allergiebelastung haben.

Allergikerwohnungen

Neben der Vorbeugung für Kinder widmen Sie auch der Allergikerwohnung ein großes Kapitel. Wie sollte ich mein Heim planen und einrichten, damit Allergene draußen bleiben?

Eine Allergenfreiheit werden Sie niemals erreichen, höchstens einen allergenarmen Bereich. Wenn ein Haus oder eine Wohnung neu zu planen sind, dann ist die Frage: Auf welche Allergie schaut man denn überhaupt? Eine Milbenallergie hat andere Erfordernisse als eine Schimmelpilzallergie oder eine Pollenallergie.
Wer gegen bestimmte Blütenpollen allergisch ist und den Heuschnupfen oder die Bindehautentzündung entwickelt, die im Augenblick wieder viele Menschen zu belasten beginnen, der kann am besten schon den Wohnort entsprechend auswählen - wenn er arbeitsmäßig bedingt die Möglichkeit dazu hat. An der See gibt es entschieden weniger Polenbelastung, ebenso im Hochgebirge oder im Gebirge über 2000 Metern.
Bei einem Neubau ist wichtig, dass er gut austrocknet, damit möglichst wenig Feuchtigkeit in den Wänden bleibt. Diese ist immer ein Anreiz für Schimmel sich anzusiedeln. Auch Milben brauchen Feuchtigkeit um zu leben. Deshalb ist die Trockenheit des Anstrichs der Wände ein wichtiger Punkt. Es muss bautechnisch dafür gesorgt werden, dass keine Kältebrücken entstehen, so dass die Unterschiede der Temperaturen innerhalb der Wände möglichst gering sind. Immer dort, wo große Temperatursprünge sind, kann Feuchtigkeit kondensieren, die unter anderem wieder für Schimmelpilze Raum bietet.

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Wie keimfrei sollte denn eine Allergikerwohnung sein, gerade was Kinder betrifft?

Gar nicht. Da scheiden sich zwei Dinge: Auf der einen Seite die Vorbeugung und auf der anderen Seite das Umgehen mit bestehenden Allergien. Wenn ich kleine Kinder habe und eine Neigung zu Allergien nicht zum Ausbruch kommen lassen will, dann sollte ich es mit der Hygiene nicht übertreiben.
Beim Vergleich der Allergiehäufigkeit im Westen Deutschlands und im Osten Deutschlands hat sich gezeigt, dass die im Osten geborenen Kinder sehr viel besser dran waren. Sie unterlagen nicht solch einem Putz-Wisch-und-Weg-Wasch-Fimmel wie hier im Westen und konnten dadurch sehr viel mehr eigene Abwehrkräfte bilden. Das bezieht sich sowohl auf die Hygiene im Haus als auch auf den Kontakt mit Keimen an anderer Stelle - also ein früher Kontakt mit anderen Kindern, das Spielen draußen im Schmutz und im Garten, in der Erde, auch ein früher Kindergartenbesuch. Das Immunsystem der Kinder braucht diese Kontakte mit Keimen um sich darauf einzustellen und sich damit auseinander zu setzen. Das stärkt und beugt dem Ausbruch von Allergien vor.
Es gibt sogar den wissenschaftlichen Beleg dafür, dass eine Besiedelung des Körpers mit Würmern das Immunsystem in einer gewissen Weise ständig so reizt, dass es Allergien gegenüber besser gewappnet ist. Es gibt einen japanischen Wissenschaftler, der sich selber mit zwei Bandwürmern infiziert hat um seiner Allergie Herr zu werden. Das ist vielleicht kein empfehlenswertes Vorgehen für den Einzelnen, aber es ist ein Beispiel dafür, dass Keimfreiheit nicht der Weg ist, um Allergien entgegenzutreten.

Sie haben in Ihrem Buch zwar einen intensiven Putzplan aufgestellt, der aber eher darauf abzielt Staub zu entfernen, durchzulüften und weniger die chemische Keule zu schwingen...

Das ist richtig. Das Durchlüften hat den Zweck, die Feuchtigkeit aus den Räumen zu entfernen, damit eben Milben und Schimmelpilze schlechte Behauptungsbedingungen haben. Und Staub zu entfernen hat in einem Haushalt, wo jemand mit einer Pollenbelastung wohnt oder wo es Milbenallergien gibt, den Zweck die Träger von Allergien zu entfernen.

Und die chemische Keule könnte ihrerseits wieder allergieauslösend sein?

Ja, natürlich.

Belastungen reduzieren

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Lange Zeit wurde ja bestritten, dass Allergien etwas mit der wachsenden Umweltbelastung zu tun haben. Wie sehen Sie den Zusammenhang zwischen Schadstoffen - zum Beispiel in der Nahrung oder in der Luft - und allergischen Erkrankungen?

Kommt drauf an, was Sie als Schadstoffe ansehen. Wenn Sie bei den Lebensmitteln chemische Zusatzstoffe meinen, dann sind bestimmte Konservierungsmittel und bestimmte Farbstoffe eindeutig als Allergene identifiziert. Dagegen ist nicht eindeutig belegt, dass Spritzmittel oder Insektenvertilgungsmittel das Immunsystem hinsichtlich Allergien negativ beeinflussen.

Wie wirken Belastungen der Luft, also zum Beispiel Schwefeldioxid oder Stickstoffdioxid?

Diese Belastungen bewirken unter anderem, dass Pollen aggressiver werden. Es ist tatsächlich so, dass in einer schlechten, schadstoffbelasteten Luft Pollenallergien stärker auftreten und häufiger werden.

Wie kann ich die Belastung in meiner persönlichen Umgebung soweit wie möglich reduzieren - seis als Allergiker, seis als jemand, der einfach möglichst gesund leben will?

Der Allergiker muss wissen, wogegen er allergisch ist, dann kann er sich entsprechend darauf einstellen. Wer eine Tierhaarallergie hat und sich Tiere im Haus hält - was erstaunlicherweise immer wieder vorkommt - der spielt mit seiner Allergie. Da macht auch eine Hyposensibilisierung, also ein langsames Gewöhnen an die Allergene auf medizinischem Wege, keinen Sinn. Wenn das Haustier nicht abgeschafft wird, dann wird es mit der Allergie nicht anders.
Ansonsten: Wenn keine genetische allergische Vorbelastung da ist, wird eine Allergie nur schwer Fuß fassen. Im persönlichen Bereich kann ich noch dafür sorgen, dass ich das Immunsystem stärke: zum Beispiel durch vollwertige Ernährung, regelmäßige Bewegung, einen Ausgleich zwischen Anspannung und Entspannung.

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Monika Wittmann