01.06.2015
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wissen.de Artikel

„Die Suppe schmeckt super - ehrlich!“

Die Psychologie des Lügens

Käpt’n Blaubär tut es. US-Präsidenten tun es. Und Münchhausen brachte es darin zur Meisterschaft.
Doch auch die Lügenbilanz des Durchschnittsmenschen kann sich, laut einer amerikanischen Studie, sehen lassen: Der lügt in einem ganz alltäglichen 10 Minuten-Gespräch zwei bis drei Mal. Die Gründe hierfür sind vielfältig, aber deutlich geschlechtsspezifisch, denn Frauen lügen anders als Männer.

Mentiologie - die Wissenschaft vom Lügen

„Die Wahrheit zu sagen, wird moralisch überwertet, meint David Nyberg, Philosophie-Professor aus New York.
Denn gegen jede Art von Lügen zu sein, ist „so falsch wie alle Bakterien zu verdammen - inklusive derer, mit denen Wein und Käse hergestellt werden“. Und der deutsche Publizist Henryk Broder vermutet gar das „Ende aller Beziehungen“ für den Fall, dass die Menschen beginnen, sich die Wahrheit ins Gesicht zu sagen.

Das kann der Wiener Lügenforscher und Begründer der Mentiologie (Lehre von der Lüge), Professor Peter Stiegnitz nur unterstreichen.
Der hält Lügen für „gut und richtig“. Beim Lügen sollte jedoch die moralische Grenze - die bewusste Schädigung anderer - nicht überschritten werden. Denn eine Schwindelei hier und da erleichtert das menschliche Zusammenleben und dient der Psycho-Hygiene, also der Pflege der geistig-seelischen Gesundheit, so der Professor.

Offenbar nehmen es aber die meisten Menschen mit der Psycho-Hygiene äußerst genau:
Durchschnittlich zwei bis drei Lügen in einer zehnminütigen Alltagsunterhaltung hat eine US-Studie mit 300 Testpersonen nachgewiesen. Von 150 bis 200 Lügen pro Tag gehen vergleichbare Studien in Deutschland aus.

Eine horrende Summe?

Nicht, wenn man sich das breite Spektrum menschlicher Kommunikation vor Augen hält.
Der selektive Umgang mit der Wahrheit lässt sich je nach moralischer Strenge als Flunkern, Schummeln oder Verschweigen, Übertreiben, Heucheln oder Täuschen - oder eben als handfeste Lüge definieren.
Wer hat schließlich nicht schon einmal eine Freundin angeschwindelt, um ihr die schreckliche Wahrheit über ihre neue Dauerwelle zu ersparen? Wer hat sich noch nicht selbst belogen, um mit Angst, Minderwertigkeitsgefühlen oder unerwiderter Liebe fertig zu werden? Und welchen Sinn hätte es, einem Kranken zu sagen, dass er schlecht aussieht und ihm damit womöglich das mühsam erkämpfte Stückchen Hoffnung zu nehmen?

Münchhausen meets Darwin

Der deutsche Verhaltensforscher Volker Sommer meint sogar, dass die Fähigkeit zu lügen eine Voraussetzung ist, um das Leben zu meistern - ob bei Mensch oder Tier.
Sommer berichtet in seinem Buch „Lob der Lüge“ von Schwalbenmännchen, die ihre Weibchen mit getürkten Warnlauten zurückrufen, wenn sie diese bei einem Nebenbuhler vermuten. Und sogar Murmeltiere treiben den Rest der Sippe mit falschen Alarmpfiffen in die Höhle, wenn sie einen Leckerbissen für sich alleine haben wollen.

Nicht viel anders sieht es beim menschlichen Lügenverhalten aus. Studien zufolge schwindelt der homo sapiens hauptsächlich, um sich Ärger zu ersparen oder Fehlverhalten zu bemänteln (41 Prozent), um das Zusammenleben zu erleichtern (14 Prozent), um geliebt zu werden (8 Prozent) und aus Faulheit (6 Prozent).

Flunkern männlich und weiblich

Deutliche Unterschiede beobachteten Psychologen dabei zwischen männlichem und weiblichem Lügenverhalten. Wenn ein Mann schwindelt, tut er es, um seine Schwächen zu verbergen oder sich selbst in ein besseres Licht zu stellen.

Weitaus edler scheinen da die Motive der Frauen: Der Grund für die meisten weiblichen Lügen ist das Wohlbefinden ihrer Gesprächspartner zu heben.

Das allerdings wird von den Forschern als weniger nobel entlarvt als es klingen mag - entspringt es doch dem „übersteigerten Harmoniebedürfnis“ der meisten Frauen.
So sind Frauen Meisterinnen darin, Dinge schön zu reden, partiell auszublenden oder abzumildern - eine Kunst, die sie offenbar auch gern sich selbst zugute kommen lassen. Falsche Angaben zu Gewicht und Alter stehen ganz oben auf der weiblichen Lügenskala.

Das Gros der von Männern erdachten Schwindeleien lässt sich hingegen mit einem Wort zusammenfassen: Übertreibung - ob es nun das eigene Auto, berufliche oder sportliche Erfolge oder die Kompetenz als Heimwerker ist.
Und den Grund, weshalb sich hochqualifizierte Wissenschaftler lieber mit Stichsägen die Daumen zersäbeln statt zuzugeben, dass sie keine Ahnung haben, umreißt Lügenexperte Stiegnitz folgendermaßen: „Männer schwindeln, weil sie Komplexe haben. Das heißt: wir erleben hier wieder ein klassisches Beispiel, dass Männer eigentlich das schwache Geschlecht bilden.“

Frauen - die besseren Lügner

Zwar flunkern Frauen im Durchschnitt zwanzig Prozent weniger als Männer, aber dafür weitaus geschickter - wie der englische Sprachforscher Robin Lickley nachwies.

„Männer“, so das Urteil des Wissenschaftlers, „verquatschen sich beim Lügen leichter. Und auch sonst sind sie dabei wesentlich leichter zu erwischen“. Männliche Lügenbolde verraten sich durcheine deutliche höhere Anzahl an 'Ähs' und 'Öhs'.

Außerdem zählte Lickley, dass Männer bei einem „ehrlichen“ Gespräch durchschnittlich alle 100 Wörter eine Pause machen.
Schwindeln sie, erhöht sich die Zahl der Pausen gravierend. Und, sagen Männer beim Lügen gerade nicht „Äh“ oder „Öh“, benutzen sie fast doppelt so viele Füllwörter wie schwindelnde Frauen.
“Frauen sind einfach die besseren Redner, resümiert der Sprachforscher, “schon als Kinder sprechen sie flüssiger, was sich auch in späteren Jahren fortsetzt.

Offenbar scheinen Frauen aber nicht nur besser zu sprechen, sondern auch besser zuzuhören : Sie decken Lügen leichter auf und finden die dahinter liegenden Wahrheit eher als ihre männlichen Artgenossen.

Wie man Lügner überführt

Dr. Lennard Keeler, der Erfinder des Lügendetektors, hat mehr als 25.000 Menschen getestet.
Dadurch ist er zu einem erschreckenden Schluss gekommen: “Die Menschen sind grundsätzlich unehrlich“.

Die gute Nachricht dabei: Trotzdem sind die meisten erbärmliche Lügner. Und so lassen sich Schwindler relativ leicht überführen - vorausgesetzt, Mienenspiel, Körpersprache und die Klang der Stimme werden genau beobachtet.

Denn die wenigsten, ausgenommen vielleicht Politiker und Schauspieler, sind in der Lage, sämtliche Körperfunktionen zugleich unter Kontrolle zu haben - und schon gar nicht beim Lügen.
Beim Lügen sind wir nämlich viel zu beschäftigt, um etwa auch noch auf das Gezappel der Füße unter dem Tisch zu achten. Das Gehirn muss nämlich eine Doppelbotschaft verarbeiten: Da die Wahrheit neurologisch gesehen die „Standardeinstellung“ des Gehirns ist, muss diese erst unterdrückt werden, bevor die Lüge „bearbeitet“ werden kann. Und diese doppelte Anstrengung ist den meisten Lügnern mehr oder weniger ins Gesicht geschrieben. Denn die Gesichtsmuskulatur ist direkt mit den Teilen des Gehirns verbunden, die Emotionen verarbeiten.

Daher lassen sich Mimik und Körpersprache auch nur bis zu einem gewissen Grad vortäuschen - wie der US-Psychologe Paul Ekman darlegt.
Ekman beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit dem Phänomen der Lüge. Er hat 46 Muskelbewegungen klassifiziert, die das menschliche Mienenspiel steuern. Um Lügner zu überführen, so sein Fazit, gelte es nach so genannten „micro-expressions“ Ausschau zu halten. Diese dauern meist nur den Bruchteil einer Sekunde, verraten aber, ob eine Emotion echt ist oder nicht. Als Beispiel nennt Ekman eine kurze Augenbrauenbewegung beim Lächeln: „Die Mundwinkel hochziehen können alle. Geübte Lügner kriegen sogar das dazu passende Zusammenkringeln der Augenmuskeln hin. Doch fast unmöglich ist es, jenes kurze Anheben der inneren Enden der Augenbrauen zu simulieren, das jedes echte Lächeln begleitet.

Verdachtsmoment Nase

Wem das Heben der Brauen zu kurz ist, der kann sich immer noch auf das gute alte Arsenal typischer Nervositätsanzeichen verlassen: Eine erhöhte Tonlage der Stimme, häufige Versprecher, zappelnde Fußbewegungen, häufiges Zwinkern und Räuspern und das Vermeiden von Augenkontakt können einen Lügner überführen - oder aber seine Nase-

Der Neurologe Alan R. Hirsch analysierte die Videoaufnahme der Aussagen, die Bill Clinton zur berühmten „oval-office-affair“ ablegte. Er resümierte abschließend: „Bill Clinton hatte alles sehr gut unter Kontrolle - nur eines nicht:
In den 16 Minuten, in denen der Präsident die Wahrheit sagte, fasste er sich nicht einmal an die Nase. Doch bei den Aussagen, welche später als Lüge entlarvten wurden, berührte er wiederholte Male seine Nase - übrigens ein Indikator für Lügen, der in vielen Kulturen bekannt ist“.

Also hat der „Focus“ vielleicht doch Recht. Der titelte zu einem Artikel über die Häufung von Versicherungsbetrügerein in deutschen Landen:
„Sind wir auf dem Weg in die Pinocchio-Gesellschaft?“

Buch-Tipps

Wolfgang Benz
Legenden, Lügen, Vorurteile. Ein Wörterbuch zur Zeitgeschichte
Dtv 1998


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Dory Hollander
Die Lügen der Männer. Und wie Frauen ihnen auf die Schliche kommen
Goldmann 1999


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Volker Sommer
Lob der Lüge. Täuschung und Selbstbetrug bei Tier und Mensch
Beck 1992


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Maria Bettetini
Eine kleine Geschichte der Lüge. Von Odysseus bis Pinocchio
Wagenbach 2003


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Rafik Schami
Der ehrliche Lügner. Roman von tausendundeiner Lüge
Dtv 1996


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Eva Pantleon/Zinoba