01.06.2015
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wissen.de Artikel

Quo vadis, Popliteratur?

Sieben Jahre nach Erscheinen des ersten Popromans Faserland steht das Genre am Scheideweg: Obschon sich inzwischen so viel junge Autoren wie selten in den letzten Jahrzehnten etablieren konnten, wird Popliteratur als eigene Gattung schon fast abgeschrieben. Tilo Eckardt, Programmleiter Belletristik des Heyne Verlages, erklärt im wissen.de-Interview worauf es auch in Zukunft ankommt.

Wars das schon?

Zur Frankfurter Buchmesse schossen sich die gängigen Medien auf die seit jeher nicht gerade beliebte Popliteratur ein: “Man muss über dieses Phänomen nicht mehr viel Worte verlieren“, stimmte die FAZ den Abgesang an. Die Branche ist entsprechend um eine neue Etikette bemüht.

Der angesagte Berliner Literaturagent Matthias Landwehr, der sich maßgeblich durch sein Popautoren-Klientel - bestehend aus Benjamin Lebert, Benjamin von Stuckrad Barre und Rebecca Casati - einen Namen gemacht hat, hält das Genre für überkommen. Gegenüber wissen.de überraschte seine Agentur mit der Aussage, Landwehr könne “mit dem Begriff Popliteratur nichts anfangen“ - mehr noch: “Es werden von uns keine Autoren vertreten, die Popliteratur schreiben.“

Das klingt ein wenig nach Selbstverleugnung. Keine Frage, die Popliteratur steckt im Umbruch - die Protagonisten suchen sich neue Themenfelder außerhalb des Lebensgefühls der Mittzwanziger: Alexa Hennig von Lange schreibt einen Jugendroman, Benjamin von Stuckrad Barre wendet sich Themen von nationaler Tragweite zu und Christian Kracht schickt seinen Protagonisten zur existenziellen Selbstfindung gar in die Kriegswirren des Irans.

Der Autor muss so 'pop sein wie sein Buch

Um den Status Quo des Genres zu bestimmen und einen scharfen Blick hinter die Kulissen des Literaturbetriebes zu werfen , hat wissen.de mit Tilo Eckardt, Programmleiter Belletristik des Heyne Verlages gesprochen.

Welche Themen sind in Ihrem Verlag gefragt?

Themen der so genannten Popliteratur waren im Prinzip immer die alten Themen Liebe, Freundschaft, Identität im modernen Kontext. Urbane Welt, Konsum, Egoismus, 15-Minuten-Ruhm. Aber auch zunehmend Gewalt und rücksichtslose Vergnügungssucht, allgemeines Gefühl der Verlorenheit und Heimatlosigkeit. Also immer gespielte Fröhlichkeit bei innerer Kälte.

Wie werden junge Autoren, auf die Sie aufmerksam geworden sind, aufgebaut?

“Aufbauen“ ist gut! Auch Popliteratur ist Literatur. Also muss der Autor zunächst einmal schreiben können. Am wichtigsten für ein junges Publikum mit Bedürfnis nach jungen Themen ist die Identifikationsfähigkeit. Mit den Figuren und deren Schicksalen im Roman, aber heutzutage vor allem auch mit dem Autor. Der Autor muss so pop sein, wie sein Buch. Präsenz ist wichtig, also Lesungen, Medienauftritte, ein kleiner Skandal: das alles hilft bei der PR. Und viel Geld für die Werbung. Letztlich alles aber langfristig nicht sinnvoll, wenn der Popautor kein echtes Talent hat. Und wie man schriftstellerisches Talent aufbaut, das ist ein anderes, längeres Thema.

Die große Welle ist verebbt

Welche Rolle spielen Literaturagenten: Sind sie eine Hilfe oder Preistreiber?

Literaturagenten sind gut und wichtig, wenn sie ein Auge für Trends haben und ihnen die schriftstellerische Zukunft ihres Autors wichtig ist. Literaturagenten sind nicht gut und lästig, wenn sie nur möglichst viel Geld für sich und ihre Autoren herausschlagen wollen: Beides kann Hand in Hand gehen, das ist aber eher selten.

Status Quo Popliteratur: Ist der Boom schon vorüber, wie vielfach suggeriert wird, der Markt bereits gesättigt? Oder haben Nachwuchsautoren noch eine Chance? Wenn ja - wie wäre der Weg?

Jeder bekannte Autor war irgendwann einmal Nachwuchsautor. Natürlich haben sie eine Chance. Es geht nicht um den einen genialischen mit Herzblut in der kargen Dachkammer entstandenen Coup, sondern darum, dass man sich bewusst ist, dass man ein Handwerk ausübt. Denn Schreiben ist viel Handwerk. Und dann sollte man noch eine Geschichte erzählen können und wollen und nicht sich selbst genügen. Das gilt selbstverständlich nicht nur für Popautoren. Debra Ginsberg schreibt in ihren Memoiren, dass es ihrer Erfahrung nach genau zwei Dinge gibt, die so ziemlich jeder zu können glaubt: Kellnern und Schreiben.
Ein Problem besteht darin, dass zumindest die großen Publikumsverlage fertige Autoren suchen, und meistens weder Geduld noch Geld aufbringen, Rohdiamanten zu Brillianten zu schleifen. Es ist immer noch schwer, in Deutschland Institutionen und Einrichtungen zu finden, bei denen junge Talente das Schreiben “lernen“ können. Hilfreich ist immer einen anderen durchgesetzten Autor als Fürsprecher zu haben. Das bringt einen auf dem Manuskript-Stapel in den Lektoraten ganz nach oben. Aber inzwischen nicht mehr mit Pop-Literatur. Die läuft sich langsam, aber sicher, tot. Die große Welle ist verebbt.

Das Interview führte Nils Jacobsen.