21.05.2015
Total votes: 98
wissen.de Artikel

Schiller, festgemauert in der Erden

Wiederbelebungsversuch eines versteinerten Helden

Schiller kann einem Leid tun. Festgemauert in der Erden, erstarrt zu Bronze oder Stein, ziert er hundertfach unsere Parks und Foyers und kann sich nicht wehren. Kann nicht vom Sockel steigen, sich den Staub vom Mantel klopfen und der Welt zeigen, wer er wirklich ist: ein Revoluzzer, ein Hippie, ein Rebell.

Revolution auf der Bühne

Mannheim, 13. Januar 1782: Riesige Menschenmassen pilgern aus allen Himmelsrichtungen in die Residenzstadt und stürmen das Nationaltheater. Es hat sich herumgesprochen, dass das berüchtigte, anonym erschienene Drama „Die Räuber“ von Friedrich Schiller stammt, jenem Stuttgarter Regimentsarzt, der nachts heimlich Gedichte und Schlimmeres schreibt. Das Skandalstück, in dem der Held aus Weltverbesserungswillen zum Verbrecher werden muss, soll heute hier uraufgeführt werden. Was für eine Aufregung! Die Aufführung ist für 17 Uhr angesagt. Schon ab 13 Uhr strömen die Menschen in den Theatersaal, der bald aus allen Nähten platzt. Der Dichter selbst ist auch anwesend. Schiller hat sich für zwei Tage ohne Erlaubnis aus den Fängen seines Herzogs und Ziehvaters Carl Eugen gelöst und ist nach Mannheim gereist. Der Ausbruch hat sich gelohnt der Erfolg ist überwältigend: Anhaltender Applaus vom 3. Akt bis zum Ende, Jubelschreie, wilde Verbrüderungsszenen ... eine Revolution! Zwar nur auf der Bühne, aber die Zuschauer spüren, dass deren Bretter die Welt bedeuten, in der sie leben.

Vom Rebell ...

Die absolutistischen Machtmechanismen, die Willkürherrschaft der Fürsten Schiller, der aus ärmlichen Verhältnissen kam, hat sie früh zu spüren bekommen. Er hat erlebt, wie sein Vater zuerst als Werbeoffizier, dann als Hofgärtner am Tropf des württembergischen Herzogs Carl Eugen hing. Und auch die eigenen Berufspläne Schiller wollte Pfarrer werden wurden vom Herzog durchkreuzt: Sein Zögling sollte erst Jura, dann Medizin studieren und das Dichten gefälligst unterlassen. Da half nur noch Flucht! Bei Nacht und Nebel verließ Schiller Stuttgart in Begleitung seines Freundes, des Musikers Andreas Streicher, und siedelte nach Mannheim über der Auftakt einer von finanziellen und gesundheitlichen Nöten, aber auch von tiefen Freundschaften und Bewunderung gesäumten Odyssee mit Endstation Weimar. Hier, an der Seite von Humboldt und Goethe, im Epizentrum der Geisteswelt, die später Deutschlands Ruf als „Land der Dichter und Denker“ begründete, muss es passiert sein: Hier, irgendwo zwischen Esplanade und Frauenplan, ist Schiller, der Rebell, zum Klassiker geworden. Aber wie?

... zum Klassiker

Mit dem Scheitern der Französischen Revolution lag Schillers Traum, die Menschheit aus der Tyrannei zu führen, in Trümmern. Revolution war also der falsche Weg zu den dringend nötigen gesellschaftlichen Veränderungen. Was dann? Schillers Antwort: die moralische Verbesserung der Gesellschaft. Erreicht werden soll sie durch eine Verbindung der sinnlichen und der rationalen Natur des Menschen. Nur wenn beide Seiten miteinander in Einklang stehen Trieb und Vernunft ist eine Besserung des Menschen und somit der Gesellschaft möglich. Diese Erziehungsaufgabe liegt allein beim Schriftsteller. In seinen Werken soll er die Wirklichkeit nicht etwa zeigen, wie sie ist, sondern er soll sie idealisieren, indem er Helden schafft, die die angestrebte Harmonie zwischen beiden Naturen idealtypisch verkörpern. Und schon sind wir mitten in der deutschen Bildungsidee: Bevor wir die Verhältnisse bessern, bessern wir erst mal uns selbst. So gelangen wir zu wahrhaft klassischer Größe.

Alles schillert

Ist es dann nicht folgerichtig, wenn der große Idealisierer selbst idealisiert wird? Wenn er posthum mit seinem dichterischen Erziehungsprogramm verschmilzt? Muss er uns deshalb Leid tun?

Ein Blick zurück ins 19. Jahrhundert, der Hochzeit des Schillerbooms. Zu jener Zeit hatten die Deutschen Schiller bitter nötig. Die europäischen Nachbarn hatten sich zu Nationalstaaten gemausert, Deutschland war noch immer zersplittert. Diesen politischen Makel kompensierte man mit einer übersteigerten Schiller-Verehrung. Im Jahr 1859, zum 100. Geburtstag des Dichters, lag das ganze Volk im Schillerfieber: Schillertorten, Schillerlocken, Schillerdenkmäler, so weit das Auge reichte. Schiller: Nationalstolz, Rückgrat der Nation.

Und heute? Das Bild, das wir heute von Schiller haben, verdankt sich im Wesentlichen jener Glorifizierung aus dem 19. Jahrhundert. Und genau das ist das Problem. Schiller ist zur Staatskunst im Goldrahmen geworden, zum Festrednerfutter, Lehrplanstandard, Bildungsevergreen, kurzum: zum Gegenteil von Subversivität, man könnte fast sagen: zum Gegenteil von Kunst. Das hat er nicht verdient. Weder der junge Dichterrebell (Don Karlos, Die Räuber) , noch der reife Klassiker (Maria Stuart, Die Jungfrau von Orléans, Wilhelm Tell).

Wiederbelebung 2005

Wie also sollen wir Schiller heute, im Jahr 2005, begegnen? Wie können wir das subversive Potenzial unter dem Goldstaub der offiziellen Feierlichkeiten freilegen?

Die Wiederbelebungsversuche der Gedenkstätten, Institute, Fernsehsender und Verlage sind vielfältig: Mit einer 24-stündigen Mammutlesung mit Prominenten, die nachts in eine DJ-Session überging, wurde Anfang März das Schillerjahr in der Hauptstadt eröffnet. Marbach, Schillers Geburtsstadt, kann ein im wahrsten Sinne schillerndes Programm vorweisen, mit Konzerten, Lesungen, Spaziergängen und Ausstellungen, Vortragsreihen und Schulprojekten. Das Mannheimer Nationaltheater lässt u.a. Prominente vor laufender Kamera Strophen aus der Glocke deklamieren und lädt Bürger ein, sich als „Don Carlos“ auf der Bühne zu versuchen. Die Verlage beackern neben zwei neuen Monumentalbiografien nahezu das gesamte Umfeld des Dichters mit Schwerpunkt Liebesleben („Schillers Frauen“, „Schillers Doppelliebe“, „Schiller und die zwei Schwestern“) und portionieren den Klassiker mundgerecht und je nach Zielgruppe in „Schiller für Zeitgenossen“, „Schiller für Gestreßte“ oder schlicht „Schnellkurs Schiller“. Sogar als Comicfigur tritt uns der Klassiker entgegen. Die ARD lassen Matthias Schweighöfer als jungen Dichterrebellen in einem 90-Minüter auftreten. Für den Jungstar ist Schiller „RocknRoll“. Fragt man ihn, wie man das verstehen soll, erklärt er: „Weil er nicht nach Konventionen lebte. Goethe war eher der Konservative, wohl situiert, gesetzt, er hatte seine Knete. Schiller musste für alles kämpfen.“ Das habe ihn sehr beeindruckt. Der provokative „RocknRoll“-Vergleich hat auch schon im Fernsehen die Runde gemacht. In Talkshows arbeitet der Schauspieler damit der Mumifizierung entgegen.

Schiller, der Surrealist

Vielleicht muss man gar nicht so weit gehen. Vielleicht reicht es, sich auf das Werk selbst zu konzentrieren, den scholastischen Ballast abzuwerfen und den „Wilhelm Tell“ noch einmal zu lesen, unbefangen. Vielleicht kann man dann Kulturstaatsministerin Christina Weiß verstehen, für die Schiller „über alle Idealisierung hinaus ein experimenteller Dichter und Schriftsteller“ ist. Sie verweist Achtung! auf seinen „Surrealismus der Metaphern“. Der zeige sich in Sätzen wie dem berühmten Tell-Zitat: „Durch diese hohle Gasse muss er kommen“ für Weiß ganz klar „eine Traumsituation und nie und nimmer nur eine topographische Beschreibung“.

Überhaupt die Zitate! Schiller ist neben Wilhelm Busch und noch vor Goethe der meist zitierte deutsche Dichter. Keiner, von dem so viele Wendungen in den Sprachgebrauch aller Gesellschaftsschichten eingegangen sind, keiner, der so viele eingängige Lebensweisheiten hervorgebracht hat: „Dem Mann kann geholfen werden“ (Die Räuber), „Früh übt sich, was ein Meister werden will“ (Wilhelm Tell), „Raum ist in der kleinsten Hütte“ (Der Jüngling am Bache), „Die Axt im Haus erspart den Zimmermann“ (Wilhelm Tell) ... Die Werbetexter von heute könnten sich ein Beispiel nehmen!

Für den Philosophen und Schiller-Biografen Rüdiger Safranski lohnt sich heute vor allem ein Blick auf Schillers Spiel-Theorie: „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Die Brisanz dieser These habe man heute noch immer nicht begriffen, so Safranski.

Es gibt also viel (neu) zu entdecken im Schillerjahr 2005. Wir dürfen bloß beim Gedenken das Denken nicht vergessen.

Ariane Greiner