21.05.2015
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Aufstieg und Fall einer Volksaktie

Die Entwicklung sucht ihresgleichen: Rund zwei Jahre nachdem die Deutsche Telekom an der Börse mit über vierhundert Milliarden Euro bewertet wurde, ist die T-Aktie zum Objekt von Spekulanten verkommen. Mitte Juni notierte die Deutsche Telekom erstmals im einstelligen Kursbereich Konzernchef Ron Sommer ist zur Zielscheibe gefrusteter Telekom-Aktionäre geworden. Keine deutsche Aktie hat in den letzten fünf Jahren mehr polarisiert als die Telekom: Erst Wegbereiter einer breiteren Aktienkultur in Deutschland, ist die T-Aktie inzwischen zum Symbol des Bärenmarktes der letzten Jahre verkommen ein chronologischer Abriss des Verfalls.

Mit Manfred Krug an die Börse

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Anfang 1996. Aller Anfang war viel versprechend: “Das ist der helle Wahnsinn, was die Telekom alles drauf hat, lässt der Rosa Riese Schauspieler Manfred Krug im Frühjahr 1996 fabulieren eine Nation wird auf den größten Börsengang ihrer Geschichte vorbereitet. Tatsächlich zeigt die Kampagne, in die der Ex-Monopolist geschätzte 50 Millionen Euro investiert, Wirkung. Kleinanleger interessieren sich für das Papier, die Neuemission ist fünffach überzeichnet das geflügelte Wort der “Volksaktie macht die Runde.

18. November 1996. Der IPO der Deutschen Telekom wird zum Triumphzug des ehemaligen Sony-Managers Ron Sommers. Der kritisch beäugte ehemalige Staatskonzern weckt ungeahntes Anleger-Interesse: Zu 28,50 DM (14,57 Euro) debütiert Europas größter Telefonkonzern an der Frankfurter Wertpapierbörse und legt gleich eine beachtliche Rallye aufs Parkett. Satte sechzehn Prozent legt die T-Aktie am ersten Handelstag zu und schließt bei 33,90 DM. Die Operation Börsengang scheint geglückt: Über 500 Millionen Aktien werden platziert, mehr als 10 Milliarden Euro in die Konzernkassen gespült.

Frühjahr 1999. Die Börsenkarriere der T-Aktie verläuft rasant. Zweieinhalb Jahre nach dem erfolgreichen Debüt legt das Bonner Unternehmen mit der Ausgabe junger Aktien nach. Manfred Krug wirbt abermals und lockt zu spät Gekommene mit der “Zweiten Chance ein nahe liegendes Gedankenspiel, hat die Telekom inzwischen doch mehr als 150 Prozent zugelegt.

22. Mai 1999. Im Vorfeld der zweiten Tranche erleidet die Telekom jedoch ihre erste Schlappe bei ihren Internationalisierungsplänen. Die wenige Wochen zuvor angekündigte Fusion mit der Telecom Italia (TI) zum nach MCI Worldcom zweitgrößten Telekom-Unternehmen der Welt scheitert überraschend. Der italienische Mischkonzern Olivetti sichert sich über Nacht durch eine feindliche Übernahme mit 51 Prozent die mehrheitlichen Stimmrechte an der Telecom Italia Ron Sommer ist blamiert. Schlimmer als der Image-Schaden wiegt indes das Ende der Partnerschaft mit der France Telecom: Die FT fühlt sich von den Fusions-Plänen ihres deutschen Partners düpiert und kündigt die strategische Allianz mit der Telekom auf.

28. Juni 1999. Nach einer wilden Kursrallye im Vorfeld der zweiten Tranche platziert die Telekom die jungen Aktien schließlich zu einem Emissionspreis von 39,50 Euro. Die Börse nimmt die Papiere abermals dankbar auf Aktionäre sehen bis zum Ende des ersten Handelstages einen Kurszuwachs bis auf 40,30 Euro.

Rasanter Aufstieg in luftige Höhen

Herbst 1999. Der Höhenflug der T-Aktie hält im zweiten Halbjahr an und gewinnt in der Millenniumhausse des Herbsts 1999 rasant an Fahrt: 60, 70, 80 Euro die T-Aktie scheint kein Grenzen zu kennen. Getrieben von der Begeisterung für TMT-Aktien setzen Anleger weiter auf die Erfolgsstory des Ex-Monpolisten, auch wenn die Internationalisierungsstrategie weiter sehr vage bleibt. Die Kassen der Telekom sind prall gefüllt, doch Konzernchef Sommer zögert weiter bei der Suche nach einem richtigen Übernahme-Partner. Fest steht: Schon lange hat die Telekom die USA im Visier immer wieder erhalten Gerüchte um die Übernahme der amerikanischen Telefongesellschaft Sprint neue Nahrung.

6. März 2000. In jener legendären zweiten Märzwoche des Jahres, in der Technologie-Werte weltweit ihre Allzeithochs markieren sollten, erreicht auch die Deutsche Telekom ihren historischen Höchststand. Für 104 Euro wechseln Telekom-Anteilsscheine am 6. März den Besitzer Ron Sommer scheint am Ziel: Die Deutsche Telekom wird mit schier unfassbaren 400 Milliarden Euro bewertet und zählt damit zur Crème de la Crème der Aktienkultur zu den zehn wertvollsten Konzernen der Welt.

Abschwung der New Economy-Werte trifft Telekom überproportional stark

19. Juni 2000. Wenig später müssen allerdings auch T-Aktionäre erstmals mit den Schattenseiten der Börse Bekanntschaft machen. Im Einklang mit dem Bonmot “Die Börse ist keine Einbahnstraße hat die T-Aktie in drei Monaten rund ein Drittel an Wert verloren. Zur erneuten Ausgabe von jungen Aktien wird abermals Manfred Krug als Werbeträger bemüht. Doch der Abwärtstrend scheint eingeläutet: Die dritte Tranche ist nur noch 3,5-fach überzeichnet. Die T-Aktie wird zu 66,50 Euro ausgegeben, doch verliert am ersten Handelstag 70 Cent auf 65,80 Euro. Der echte Gewinner des IPOs steht indes lange fest: Der Bund streicht als Großaktionär einen Rekordbetrag von 15,3 Milliarden Euro (knapp dreißig Milliarden DM) ein.

24. Juli 2000. Es ist soweit: Die Deutsche Telekom verkündet endlich ihre lang erwartete USA-Akquisition. Für umgerechnet 50,7 Milliarden Dollar will die Telekom den Mobilfunkbetreiber Voicestream Wireless übernehmen, der mit einem Kundenstamm von 2,5 Millionen lediglich an siebter Stelle des amerikanischen Mobilfunkmarktes steht. Analysten und Investmentbanken kritisieren die Entscheidung als überteuert zumal die Telekom einen Teil der Summe in Cash bezahlen muss und lassen die Aktie fallen. Die Telekom stürzt in den Folgewochen unter die 50-Euro-Marke auch, weil im Zuge der Eingliederung von Voicestream der Börsengang der Mobilfunktochter T-Mobile abgesagt wird.

17. August 2000. Die Telekom sichert sich über ihre Mobilfunktochter T-Mobile in der teuersten Auktion der deutschen Wirtschaftsgeschichte eine UMTS-Lizenz für rund acht Milliarden Euro. Bundesfinanzminister Hans Eichel strich den Rekorderlös von knapp 100 Milliarden DM für die sechs Lizenzen von Vodafone, Viag Interkom/O2 (British Telecom), E-Plus/Hutchinson, MobilCom/France Télécom und Quam (vormals “Group 3G, bestehend aus einer Kooperation von Telefónica und Sonera) ein. Aktionäre sind angesichts dieses Mondpreises und der Kosten für eine weitere Lizenz in England beunruhigt und schicken die T-Aktie weiter auf Talfahrt; sie notiert im Herbst nur noch knapp über vierzig Euro.

Konzernchef Sommer im Fadenkreuz der Kritik

Winter 2000/01. Der Abschwung an den Aktienmärkten vollzieht sich immer rasanter. Die amerikanische Hightechbörse Nasdaq verliert ein Jahr nach ihrer gigantischen Kursrallye vom September bis März mehr als die Hälfte ihres Wertes. Auch die Telekom befindet sich im Tiefenrausch: Bis März fällt die T-Aktie unter die dreißig Euro-Marke. Der dramatische Kursverlust ruft unterdessen Aktionärsvertreter auf den Plan. Die “Aktionsgemeinschaft geschädigter T-Aktionäre will eine Strafanzeige gegen Ron Sommer wegen Verschleierung tatsächlicher Unternehmensverhältnisse und Kapitalanlagebetrug stellen. Kritisiert wird vor allem die angebliche Fehlbewertung der Telekom-Immobilien.

29. Mai 2001. Gedrückte Stimmung auf der jährlichen Hauptversammlung der Telekom in Köln. “Ron, wann wird es endlich wieder Sommer? ist auf dem Transparent eines enttäuschten Aktionärs zu lesen. Der Konzernchef gibt sich unterdessen kämpferisch und nennt die Entwicklung der Aktie, die inzwischen um 25 Euro pendelt, “absolut unbefriedigend. Zwei Tage später wird die Integration von Voicestream Wireless offiziell abgeschlossen. Der revidierte Kaufpreis beträgt im Zuge der Abwertung der T-Aktie allerdings immer noch 33 Milliarden Euro.

August 2001. Für Turbulenzen sorgt der Verkauf von T-Aktien durch die Deutsche Bank, die eine Transaktion im Auftrag von Hutchinson Whampoa im Volumen von 44 Millionen Aktien durchführt. Pikant allerdings: Nur einen Tag zuvor gab ein Analyst der Research Abteilung des Bankhauses eine Kaufempfehlung mit einem Kursziel von 30 Euro heraus. Die Aktie bricht im Zuge des Großverkaufs um mehr als 25 Prozent ein und durchbricht erstmals seit vier Jahren die 20 Euro-Marke. Konzernchef Sommer ist erbost und droht der Deutschen Bank mit einem Nachspiel. Das Verhältnis zur konsortialführenden Bank aller drei Telekom-Börsengänge gilt seitdem als belastet.

September 2001. Weitere Großverkäufe setzen die T-Aktie massiv unter Druck: Die finnische Sonera platziert 22 Millionen Aktien auf dem freien Markt, und auch die freien Voicestream-Aktionäre machen von der Möglichkeit, T-Aktien nach einer halbjährigen Haltefrist zu veräußern, im großen Stil Gebrauch. Einen Tag vor dem Drama des 11. September stürzt die T-Aktie erstmals unter den Ausgabepreis von 1996.

18. November 2001. Fünf Jahre T-Aktie doch einen Grund zu feiern, haben Telekom-Aktionäre nicht, zu tief sitzt die Enttäuschung über die Wertvernichtung der einstigen Volksaktie. Das Papier notiert knapp unter 20 Euro, Analysten zeigen sich zunehmend skeptischer.

Sommers Spießrutenlauf auf der 5. Hauptversammlung

März 2002. Die Erholung der Aktienmärkte hält an, doch T-Aktionäre befinden sich weiterhin nur in Wartestellung. Berechtigermaßen, denn die Nachrichten aus dem Telekom-Sektor bleiben problematisch. Am 5. März verkündet die Telekom, dass das Unternehmen im abgelaufenen Geschäftsjahr aufgrund hoher Abschreibungen erstmals einen Fehlbetrag ausweisen muss: Ein Minus von 3,5 Milliarden Euro bei einem Umsatz von 48,3 Milliarden Euro. Am 18. März folgt der Dividendenschock: Angesichts der angespannten Finanzlage kürzt die Telekom ihre Ausschüttung an Aktionäre von 62 auf 37 Cent je Anteilsschein.

April 2002. Auch der Verkauf des TV-Kabelnetzes an den US-Konzern Liberty Media um John Malone scheitert die Pläne zur Schuldentilgung müssen revidiert werden. Statt wie angekündigt bis Jahresende will die Telekom nun erst bis Ende 2003 den Berg der Verbindlichkeiten auf 50 Milliarden Euro reduzieren.

Sturz unter die zehn Euro-Marke

Mai 2002. Der dramatische Kursverfall wird zum beherrschenden Thema der fünften Hauptversammlung in Köln und für Ron Sommer zum Spießrutenlauf. Mit Pfiffen und hämischem Gelächter bedachten die T-Aktionäre ihren Konzernchef, der um Besänftigung bemüht war: “Was wir in den letzten Wochen beobachtet haben, ist nicht mehr nachvollziehbar und lässt sich nur mit psychologischen Mechanismen erklären, sagte Sommer auf der Hauptversammlung. Für die Investmentbanken Goldman Sachs, Merrill Lynch und Lehmann Brothers keine hinreichende Erklärung sie alle nahmen ihre Einstufungen im Mai zurück und trugen damit selbst zu einer Beschleunigung des Kursverfalls bis auf unter zwölf Euro bei.

Juni 2002. Am 14. Juni bricht der letzte Damm, und das Unfassbare wird Wirklichkeit: Die psychologisch so wichtige zehn Euro-Marke fällt. Längst ist die Telekom beliebtes Spekulationsobjekt geworden: Amerikanische Hedgefonds verkaufen die T-Aktie massiv leer. Am Freitag, dem 21. Juni, einem so genannten “Triple Witching Friday, an dem Aktienoptionen verfallen, erreicht die Telekom ihren vorläufigen Negativrekord: Die Aktie bricht um zehn Prozent ein und notiert zwischenzeitlich bei 8,91 Euro, dem neuen Allzeittief.

Obschon die Deutsche Telekom global mit ihren Tochtergesellschaften Voicestream und Powertel in den USA sowie One-to-One in Großbritannien gut positioniert ist und über ein rentables Kerngeschäft verfügt, wollen sich Anleger so scheint es nur noch von der Aktie trennen. Die gigantische Schuldenlast, das Scheitern des Kabelnetzverkaufs und der auf unbestimmte Zeit verschobene Börsengang der Tochter T-Mobile haben bei Analysten und Anlegern zu einem großen Vertrauensverlust geführt; wann der Boden für die T-Aktie tatsächlich erreicht ist, vermag derzeit niemand ernsthaft abzuschätzen.

Nils Jacobsen