21.05.2015
Total votes: 145
wissen.de Artikel

Der Kampf um die Netze der Zukunft

Die Sparten Festnetz und Mobilfunk sind zwei ungleiche Brüder. Noch sorgt das Festnetz für den Löwenanteil bei Umsatz und Gewinn, doch seit der Liberalisierung des Telefonmarktes gehen die Margen der “Cashcow zurück. Das Wachstum beim Hoffnungsträger Mobilfunk ist noch nicht stark genug, um den Rückgang im ehemaligen Festnetz-Monopol auszugleichen. Die Zukunftstechnologie Mobilfunk steht in scharfem Wettbewerb und wird durch immense Kosten für die neue Mobilfunk-Generation belastet. Durch die rasante Entwicklung der Mobiltelefonie und durch das Zusammenwachsen von Internet und Mobilfunk könnte das gute alte Festnetz bald an den Rand gedrängt werden: Die Zukunft, schätzen Experten, ist mobil.

Liberalisierung neue Konkurrenz belastet Festnetz

Dieses Bild ist leider nicht verfügbar. - wissen.de

Das Festnetz schwächelt: Seit 1998 wird der europäische Markt für Telekommunikation liberalisiert die Platzhirsche bekommen Konkurrenz durch neue Anbieter. Während die spanische Telefonica, die Telecom Italia und die niederländische KPN diesen Schritt schon vor zwei Jahren relativ glimpflich überstanden haben, brechen bei France Telecom und Deutscher Telekom die Umsätze erst seit Jahresbeginn 2002 spürbar ein.

Der Festnetzsparte der Deutschen Telekom, T-Com, droht ab Dezember noch stärkerer Gegenwind. Dann können Kunden auch bei Ortsgesprächen durch eine bestimmte Vorwahl (Pre-Select-Verfahren) über den Netzanbieter ihrer Wahl entscheiden. T-Com, das mit 26 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr und 41 Millionen Privatanschlüssen den Deutschen Markt noch immer monopolähnlich beherrscht, kann bei dieser neuen Freiheit langfristig nur verlieren. Im Vorjahr sind die Umsätze der T-Com um fünf Prozent und die Gewinne um sechs Prozent gefallen. Der gnadenlose Preiskampf seit 1998 sind die Preise für Festnetzverbindungen um bis zu 90 Prozent gefallen treibt Analysten Sorgenfalten auf die Stirn: Die Cashcow Festnetz wird in Zukunft weniger Milch geben.

Sparkurs und High-Speed-Anschlüsse

Die Konzerne halten mit einem Sparkurs dagegen. Die Deutsche Telekom will zum Beispiel jede zehnte Stelle bei T-Com streichen dies dürften mittelfristig rund 15.000 Mitarbeiter sein. Für den Netzaufbau in Ostdeutschland wurden die Fernmeldetechniker der ehemaligen Deutschen Bundespost noch benötigt: Inzwischen aber ist der Festnetzbereich nicht mehr hoheitlich vor dem “Zugriff Unbefugter geschützt. Kunden werden stattdessen aufgefordert, ihre neuen ISDN-Anlagen doch bitte schön selbst in ihren vier Wänden zu montieren.

Eine erfolgsverwöhnte Sparte lernt das Sparen und sucht neuen Anschluss: Die Deutsche Telekom setzt auf ihre 20 Millionen ISDN Anschlüsse und die darauf aufgesetzte TDSL-Technologie (2,3 Millionen Kunden nutzen bereits diesen schnellen Internetzugang), um wettbewerbsfähig zu bleiben. “Mit schnellem Internet treiben wir das Wachstum voran, gibt sich T-Com-Vorstand Joe Brauner optimistisch. Doch das Wachstumstempo bei TDSL dürfte wieder nachlassen, da die Gerätesubventionen wegfallen und die Regulierungsbehörde höhere Preise für den High-Speed-Anschluss durchgesetzt hat.

Schulden bremsen Investitionen in beiden Sparten

Die Festnetzsparte T-Com entwickelt gemeinsam mit der Sparte T-Systems sogar drahtlose lokale Funknetze (Wireless Lan), die für den Mobilfunk-Hoffnungsträger UMTS bedrohlich werden könnten. Die Telekom selbst will von solch einem “Kannibalisierungseffekt nichts wissen. Mit Wireless-Lan ermögliche man Firmenkunden einen schnellen mobilen Internetzugang in Hotels und Flughäfen und bereite sie damit auf die Segnungen von UMTS vor. Ab UMTS-Start im Jahr 2003 würden dann beide Techniken genutzt. Doppelt genäht hält besser, scheint hier die Strategie zu lauten.

Denn sowohl im Festnetz als auch im Mobilfunk bleibt das Wachstum hinter den Erwartungen zurück. Grund dafür ist vor allem der Schuldenberg, den die Telekomkonzerne in Europa angehäuft haben. Statt das Geld zu investieren und beide Sparten voranzutreiben, müssen Schulden und Zinsen bedient werden. Europas größter Telekomkonzern Deutsche Telekom will bis 2004 seine Investitionen auf maximal neun Milliarden Euro begrenzen. In diesem Jahr werden die Ausgaben der Konzerne um rund 20 Prozent zurückgehen, schätzt die Deutsche Bank. Für die drei Folgejahre sei mit Nullwachstum zu rechnen. Darunter leiden vor allem die Telekom-Ausrüster Ericsson und Nokia.

Mobilfunk: Der junge Hoffnungsträger

Der Mobilfunk ist der jüngere, dynamischere Bruder mit einer wechselvollen Geschichte. 1958 nahm die Deutsche Bundespost das A-Netz, ein handvermitteltes Mobilfunknetz, in Betrieb. Teilnehmer waren auf einen Operator angewiesen, um Anrufe entgegenzunehmen. 1972 folgte das B-Netz der Bundespost, bis im Jahr 1985 mit dem C-Netz das erste Mobilfunknetz mit individuellen “Berechtigungskarten angeboten wurde. Die Funktechnik war analog, die Endgeräte eigneten sich auch zur Großwildjagd. Erst mit dem D-Netz (Start 1992) wurden die Geräte handlicher, die ersten Lizenznehmer waren T-Mobile (T-D1) und Mannesmann (D2). 1994 kam der Netzbetreiber E-Plus mit dem E-Netz hinzu, das auf der Frequenz von 1800 Megahertz sendet. Nun folgen die Mobilfunknetze der dritten Generation (3G), auch UMTS (Universal Mobile Telecommunications System) genannt.

Die UMTS-Mobilfunkdienste sollen die Erlöse kräftig steigern und zum Erlöser der krisengeschüttelten Telekom-Branche werden. Bereits im Jahr 2004 soll die Telekom-Mobilfunksparte T-Mobile rund ein Drittel des Konzernumsatzes erzielen. “Fast die Hälfte unserer künftigen Gewinne machen wir mit neu aufgebauten Geschäften, sagt Konzernchef Ron Sommer und gibt damit die langfristige Marschrichtung vor. Immerhin ist T-Mobile mit rund 67 Millionen Kunden zweitgrößtes Mobilfunkunternehmen in Europa. Marktführer Vodafone hat sich im Gegensatz zur Deutschen Telekom vollends auf Mobilfunk spezialisiert.

Kummer in Europa, Hoffen auf Amerika

Im Gegensatz zum Festnetz können sich die Zuwachsraten beim Mobilfunk noch sehen lassen. T-Mobile zum Beispiel hat im ersten Quartal 2002 seinen Umsatz im Jahresvergleich um zwei Drittel gesteigert. Das Problem ist jedoch, dass die Kundenzahlen in Europa stagnieren, während der US-Markt noch Potenzial hat. Die US-Mobilfunktochter Voicestream konnte ihre Kundenzahlen kräftig steigern und erstmals schwarze Zahlen beisteuern. Das liegt daran, dass in Westeuropa bereits rund 75 Prozent der potenziellen Kunden ein Handy haben, während die Rate in den USA erst bei 50 Prozent liegt. In Südamerika, wo die spanische Telefonica besonders aktiv ist, sind es erst 20 Prozent.

Auf dem Hoffnungsmarkt USA tobt jedoch ein harter Konkurrenzkampf. Während die Telekom-Konzerne für einen neuen Mobilfunkkunden in Europa durchschnittlich “nur 100 Dollar an Gerätesubventionen und Marketingkosten ausgeben, sind es in den USA 350 Dollar pro Kunde. Die Telekom-Tochter Voicestream bietet in den USA zwar den weltweit führenden Mobilfunkstandard GSM an doch die Konkurrenten Cingular und AT&T Wireless, die deutlich mehr Kunden haben, bauen nun auch eigene GSM-Netze auf und denken über eine Fusion nach. Der Weg für die europäischen Mobilfunker bleibt steinig.

Für die reinen europäischen Mobilfunkanbieter wie die britische Vodafone, die französische Orange, die britische MMO2 und die finnische Sonera sehen Analysten folglich hohe Risiken. Da die Märkte in Europa und Japan weitgehend gesättigt seien, dürfte der durchschnittliche Umsatz je Mobilfunkkunde hinter den Erwartungen zurückbleiben. Den Anbietern bleibt nur die Hoffnung, dass die neuen UMTS Datendienste für einen Umsatzschub sorgen.

Neue Dienste braucht das Land

Rund 25 Euro im Monat gibt ein Kunde in Europa derzeit im Durchschnitt pro Monat für das mobile Telefonieren aus. Damit er dieses Budget verdoppelt, muss ihm Überzeugendes geboten werden. “UMTS wird kein Selbstläufer sein, warnt Jens Schott, Analyst der BHF-Bank. Auch mit jährlichen Steigerungsraten von zwei bis vier Prozent bis zum Jahr 2006 dürften die Anbieter nicht zufrieden sein, schätzt Robert Vinall, Analyst der DZ Bank. Denn in ihren Prognosen gehen die Anbieter von fünf bis zehn Prozent Wachstum aus.

Nach dem Scheitern der WAP-Technologie suchen die Mobilfunkanbieter noch immer nach der “Killer-Applikation jenem Dienst, der Kunden für eine neue Technologie begeistert. Zum Überraschungscoup im herkömmlichen Mobilfunknetz hat sich der Short-Messaging Service SMS entwickelt: Mit dieser Anwendung haben die Betreiber in Westeuropa bereits rund 45 Milliarden Euro verdient.

Was toppt SMS?

Der SMS-Nachfolger MMS (Multimedia Messaging Service) hebt nun die Beschränkung auf 160 Zeichen pro Nachricht auf und ermöglicht zusätzlich das Verschicken von Bildern und Sounddateien. Der Dienst soll gleichzeitig Appetit auf UMTS machen: “MMS wird den Nutzen der Technologien UMTS und GPRS verdeutlichen, hofft Andreas Schulz, Produktmanager bei O2. Eine Vorreiterrolle für die neuen Mobilfunk-Technologien spielt Japan: Die Japaner haben viel Spaß daran, bunte Bilder von Handy zu Handy zu verschicken. Dafür nutzen sie überwiegend noch die i-mode-Technologie UMTS-Netze stehen im WM-Gastgeberland zwar schon zur Verfügung, doch hat Anbieter NTT Docomo die angestrebte Kundenzahl noch nicht erreicht.

In Deutschland, so das Kalkül des Netzanbieters E-Plus, sollen i-mode und der neue Übertragungsstandard GPRS den Boden für UMTS bereiten. E-Plus hat seinen i-mode-Dienst bereits im herkömmlichen GSM-Mobilfunknetz gestartet, denn der neue Standard GPRS (General Packet Radio Service) ermöglicht etwa zehnmal so schnelle Übertragungsraten wie GSM. Dies ist möglich, weil die Daten nicht mehr auf einer einzelnen Leitung, sondern paketweise auf das Handy-Farbdisplay geschickt werden. In den USA hat Voicestream vor einem halben Jahr den GPRS-Service Istream gestartet. VoiceStream-Kunden können via GPRS per Handy im Internet surfen und E-Mails verschicken.

Aufwärmen für UMTS-Langstrecke

Dies alles ist nur ein Aufwärmprogramm für UMTS, das erst 2003 starten wird. T-Mobile-Chef Ricke sieht UMTS als “Langstreckenrennen, für das die Wettbewerber Geduld, Kondition und gute Nerven brauchen. Die Betreiber haben den UMTS-Start, der neue mobile Multimediadienste ermöglichen und das Handy in einen Alleskönner verwandeln soll, bereits um ein Jahr verschoben. Erst 2004 dürfte das Geschäft langsam in Schwung kommen.

Den Mobilfunkern bereitet noch Kopfzerbrechen, wie die künftigen UMTS-Dienste abgerechnet werden sollen. Wird nach Datenmenge kassiert, dürften die Kunden zurückhaltend bleiben. Pauschalpreise für einzelne Anwendungen sind kundenfreundlicher, doch dann dürften sich Dienste wie Videostream kaum rechnen, fürchten Betreiber. Ohnehin rechnen die Anbieter mit einem raschen Preisverfall: In Japan kostet das Verschicken einer Bildnachricht über Handy nur noch sieben Cent, etwa ein Siebtel dessen, womit europäische Anbieter derzeit noch kalkulieren.

Für die Zukunft gilt: Zusammenwachsen

UMTS lebt von einer Vision: Durch die Breitband-Technologie wachsen Mobilfunk und Internet zum mobilen Internet zusammen. Das Mobiltelefon entwickelt sich danach zu einem PDA (Personal Digital Assistant) mit Farbdisplay, der als Internetzugang, Online-Shopping-Center, Adressverwalter, Navigationssystem und natürlich auch zum Telefonieren dienen kann. Damit könnte ein multimedialer PDA Computer und Laptop ersetzen: Beobachter glauben, dass Festnetzanschlüsse dann nur noch für die Übertragung großer Datenmengen wie Videostreams nötig sind. Bereits jetzt gibt es rund 500 Millionen Internetnutzer weltweit rund eine Milliarde Menschen telefonieren dagegen mobil. Bis der kleine Bruder Mobilfunk jedoch die leicht ergraute Festnetz-Sparte überflüssig macht, dürfte trotzdem noch einige Zeit vergehen selbst in der schnelllebigen Telekom-Branche.

Nils Jacobsen