21.05.2015
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wissen.de Artikel

Klasse der Prügelknaben

Telekomanbieter sind dieser Tage wahrlich nicht zu beneiden. Nachdem die Internet-Werte dramatisch gestutzt worden sind, haben sich Anleger, Analysten und Investmentbanken nun, so scheint es, massiv auf die Telekommunikations-Unternehmen eingeschossen. Die Kursverläufe selbst der renommiertesten Anbieter gleichen einem Schlachtfeld: Die meisten Telekom-Aktien notieren fast täglich auf Jahres- oder gar Allzeittiefs. Prominente Pleiten einstiger Highflyer wie KNP oder der dramatische Absturz des einst höchst bewerteten Telekom-Unternehmens, Worldcom, unterstreichen die prekäre Situation. Ein Überblick über die am besten positionierten internationalen Telekomanbieter.

Vodafone: Der Branchenprimus

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Es war seinerzeit die spektakulärste Übernahme der Börsengeschichte: Als Vodafone AirTouch im Frühjahr 2000 das Düsseldorfer Traditionsunternehmen Mannesmann übernahm, entstand ein 400-Milliarden Euro-Riese. Das höchstbewertete Telekomunternehmen der Welt ist Vodafone heute noch allein: Die Marktkapitalisierung hat sich geviertelt keine hundert Milliarden Euro ist Vodafone den Börsianern heute mehr wert und befindet sich damit unter den Wertvernichtern des Telekomsektors in allerbester Gesellschaft.

Trotz des angespannten Kursniveaus bei aktuell 1,40 Euro sind die global aufgestellten Briten uneingeschränkter Marktführer der Branche. Das gilt vor allem für die Wachstumsbranche Mobilfunk, in der die Vodafone AirTouch Group über 29 Millionen Kunden weltweit aufweisen kann. Das vom 51-jährigen CEO Chris Gent geleitete britische Unternehmen erreichte seine dominierende Marktposition nicht nur durch eine Vielzahl spektakulärer Akquisitionen sondern auch geschickter Transaktionen. So konnte der gewiefte Gent aus dem Zwangsverkauf von der Mannesmann-Tochter Orange an die France Telecom die exorbitant hohe Summe von mehr als 40 Milliarden Euro größtenteils in Cash erzielen soviel ist heute die Deutsche Telekom wert...

Für den UMTS-Start ist Vodafone ebenso bestens positioniert. Zum Ende des ersten Quartals haben die Briten in allen Ländern, in denen UMTS-Lizenzen zu vergeben waren, den Zuschlag für den Mobilfunk der dritten Generation erhalten. Vodafone will bereits im zweiten Halbjahr dieses Jahres in den wesentlichen europäischen Märkten mit UMTS-Diensten starten.

Den Preis für den massiven Expansionsdruck müssen indes die Aktionäre zahlen: Die weltweite Nummer eins im Mobilfunksektor verbuchte im abgelaufenen Geschäftsjahr den Rekordverlust von 24,1 Milliarden Dollar kein anderes europäisches Unternehmen hat jemals ein so hohes Minus angehäuft. Der entscheidende Grund dafür ist jedoch in den neuen Bilanzierungsregeln zu suchen: Vodafone musste für eine Vielzahl der Akquisitionen, die Vorstandschef Gent auf der Höhe der Börsenhausse tätigte, hohe Abschreibungen ausweisen, weil die Unternehmen inzwischen deutlich an Wert verloren haben.

Anders als viele der anderen Telekomanbieter arbeitet Vodafone hochprofitabel: Bei einem Umsatz von 22,85 Milliarden Pfund (ca. 36 Milliarden Euro) konnten die Briten einen Gewinn von 10 Milliarden Pfund (ca. 16 Milliarden Euro) ausweisen. Die Nettoverschuldung beträgt indes nur 12 Milliarden Pfund (ca. 19 Milliarden Euro): Eine bei diesen Erträgen und vor allem der Schuldenlast der Konkurrenten überschaubare Bürde.

France Telecom: Der angeschlagene Herausforderer

Die Auseinandersetzung hatte etwas von einem schlecht inszenierten Rosenkrieg: Würde die France Telecom tatsächlich die Chuzpe besitzen, Mobilcom-Konzernchef und -gründer Gerhard Schmid aus seinem eigenen Unternehmen zu vertreiben? Am Freitag , den 21. Juni 2002, fiel der finale Vorhang des Melodrams, das einst als viel versprechende Kooperationsvereinbarung zur UMTS-Einführung begonnen hatte: Schmid muss seinen Vorstandssitz mit sofortiger Wirkung verlassen und Mobilcom wird wohl durch die France Telecom übernommen werden.

Ein notwendiges Übel für die France Telecom, die sich ihr Engagement auf dem deutschen Markt sicher auch anders vorgestellt hat: Dem einstigen Deutsche Telekom-Herausforderer fehlen schlicht die Mittel zur weiteren Finanzierung, die die France Telecom dem Patienten Mobilcom so will es der ursprüngliche Vertrag weiter zur Verfügung stellen muss. Ein Milliardengrab, das die Franzosen über eine neue Anleihe in Höhe von über vier Milliarden Euro füllen wollen.

Die verkorkste Mobilcom-Kooperation/Übernahme ist nicht der erste Flop, den sich Vorstandschef Michel Bon bei der Internationalisierung seines Konzerns geleistet hat. Nachdem die strategische Allianz des Konzerns mit der Deutschen Telekom im Frühjahr 1999 durch den Versuch einer Übernahme der Telecom Italia aufgelöst wurde, bemühten sich die Franzosen mit aller Macht um internationale Zukäufe. Fündig wurde Bon schließlich bei Vodafone, die im Zuge der Mannesmann-Übernahme die begehrte Mobilfunktochter Orange veräußern mussten.

Die France Telecom bezahlte jedoch während der Hightechhausse einen Mondpreis von über 40 Milliarden Euro ein Betrag, den die Franzosen beim IPO im Februar 2001 nicht annähernd refinanzieren sollten. Das Feuer unterm Dach lodert unvermindert heftig bei der France Telecom: So weisen die Franzosen mit über sechzig Milliarden Euro mit der Deutschen Telekom den höchsten Schuldenberg des Sektors auf eine Bürde, die aktuell mehr als dreimal so schwer wiegt wie das Unternehmen an der Börse bewertet wird. Im abgelaufenen Geschäftsjahr konnte die France Telecom bei einem Umsatz von 33 Milliarden Euro einen operativen Gewinn von 4,7 Milliarden erzielen.

Verizon: Die aufstrebenden Mobilfunker

Als einer der wenigen Substanzwerte im angeschlagenen Telekommunikationssektor präsentiert sich Verizon Communications in starker Verfassung. Der inzwischen größte lokale US-Telefonanbieter hat in diesem Jahr lediglich rund zwanzig Prozent an Wert verloren und wird aktuell als einziges Telekom-Unternehmen mit über 100 Milliarden Dollar bewertet. Entstanden ist Verizon Communications 2000 aus einem echten “Merger of Equals zwischen der Telefongesellschaft GTE Corporation und dem New Yorker Wettbewerber Bell Atlantic zu Verizon Communications.

Während sich das abgelaufene Geschäftsjahr für die Konkurrenz zum schieren Horrorszenario gekennzeichnet durch Entlassungen, rote Zahlen, dramatische Umsatzeinbußen bis hin zur Insolvenz entwickelt hatte, konnte Verizon einen Rekordumsatz von über 67 Milliarden Dollar vermelden. Auf Basis des Ebitda, also vor Steuern und Abschreibungen, erwirtschaftete Verizon erstaunliche 25,4 Milliarden Dollar, wovon amortisiert als operativer Gewinn allerdings nur 390 Millionen Dollar übrig blieben.

Im Gegensatz zu den Wettebewerbern gibt Verizon für das laufende Jahr weiter grünes Licht: Auf einer Investorenkonferenz in New York Mitte Juni bestätigte Verizon-Chef Ivan Seidenberg noch einmal seine Umsatz- und Gewinnprognosen vom April. Während der Umsatz gehalten oder um ein Prozent gesteigert werden soll, rechnet der Vorstand im Jahr 2002 beim Gewinn je Aktie mit einer Steigerung auf 3,12 bis 3,17 Dollar nach 3,11 Dollar im Vorjahr. Bei den Investitionsausgaben rechnet Verizon weiter mit einer Größenordnung zwischen 14 und 15 Milliarden Dollar.

Finanzieren kann Verizon sein schnelles Wachstum vor allem durch die herausragende Positionierung im Mobilfunk-Segment. Branchenexperten rechnen ebenso wie in Europa mit einer Konsolidierungswelle im heiß umkämpften Zukunftsgeschäft Mobilfunk. Die unterschiedlichen Kommunikationstechnologien, die hohen Anlaufkosten für den Aufbau der Netze und der zunehmende Preisdruck forcieren Allianzen. Verizon Communications ist dabei bestens positioniert: Die Mobilfunktochter Verizon Wireless arbeitet wie auch Konkurrent Sprint, die Nummer vier auf dem US-Markt, mit dem Technologie-Standard CDMA (Code Division Multiple Access). Ein Schachzug, der sich bisher auszahlt: Mit über 31 Millionen Kunden ist Verizon Wireless landesweit uneingeschränkter Marktführer.

AT&T: Der in die Jahre gekommene Veteran

Gegenüber der Konkurrenz aus Europa und den schnell wachsenden Mobilfunkanbietern im eigenen Land, Verizon und Sprint, wirkt AT&T wie ein Relikt vergangener Tage. Glorreiche Tage indes viele Jahrzehnte war AT&T die unangefochten größte Telefongesellschaft der Welt, bis der US-Regierung die Marktdominanz zu viel wurde. 1984 wurde der damals weltweit höchst bewertete Telekommunikationskonzern aufgrund seiner Monopolstellung in acht Tochterfirmen die so genannten “Baby Bells aufgespalten, ein Schicksal das in den vergangenen Jahren auch immer wieder mit dem derzeit teuersten Unternehmen der Welt, Microsoft, assoziiert wurde.

Der einstige Telekommunikationsriese AT&T ist in die Tage gekommen Tochterunternehmen wie der Netzwerkausrüster Lucent Technologies wurden während des Hightechbooms Ende der 90er gar höher bewertet als die Muttergesellschaft. “Ma Bell, wie der Telefonkonzern von Börsianern auch genannt wird, will sich auch in Zukunft weiter auf das Kerngeschäft der Festnetztelefonie konzentrieren. AT&T gliederte deshalb den Mobilfunkbereich aus und brachte ihn Anfang 2000 als das Tochterunternehmen AT&T Wireless gesondert an die Börse seinerzeit der höchstbewertete Börsengang der Geschichte.

Auch das Kabelnetz steht zum Verkauf: Der Kabelfernseh-Konzern Comcast, Nummer drei der US-Branche, wird für über 40 Milliarden Dollar den Breitband-Bereich von AT&T übernehmen; durch diese Übernahme der Kabelfernsehsparte steigt Comcast zum unumstrittenen Marktführer im US-Kabelfernsehen vor AOL Time Warner auf. AT&T will die Einnahmen größtenteils zur Schuldentilgung verwenden.

Keine Frage: Der Glanz vergangener Tage ist bei AT&T reichlich verblasst. Immerhin ist “Ma Bell immer noch auf dem Gebiet der Long-Distance-Telefonie Weltmarktführer. Doch die Margen sinken deutlich. Heute wird das Dow Jones-Unternehmen mit nur noch knapp 50 Milliarden Dollar bewertet; die Aktie notiert inzwischen wieder im einstelligen Kursbereich, auf einem Zehnjahrestief und hat sich seit Jahresbeginn nahezu halbiert. Im abgelaufenen Geschäftsjahr musste AT&T bei einem Umsatz von 52,5 Milliarden Dollar einen operativen Verlust von 6,84 Milliarden Dollar hinnehmen, der nur durch die Einnahmen aus dem AT&T-Wireless-Börsengang in einen Gewinn von über 7,7 Milliarden Dollar veredelt werden konnte.

Nils Jacobsen