21.05.2015
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wissen.de Artikel

Steinmetz(in) – ein Traumberuf

Ein Job, der Kunst und Handwerk verbindet - für viele Jugendliche ein Berufsziel.
Wer bei Steinmetz jedoch an Männer denkt, die die harte Arbeit verrichten, wird heute enttäuscht werden. Auch für Frauen liegen handwerkliche Berufe im Trend. Genau genommen ist der Unterschied zwischen Mann und Frau gar nicht so groß, schließlich zählt die Einstellung, wie Anna, eine Auszubildende in diesem Handwerk, verrät.

Das Interview

wissen.de: Steinmetz - ein Beruf, der wohl nur wenigen, die einen Traumjob suchen, in den Sinn kommt. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, gerade diesen Beruf zu lernen?

Anna: Eigentlich ist es nur eine Frage der Entscheidungsbildung Karriere, Geld, Familie, Selbständigkeit, Faszination usw.

Stein faszinierte mich bereits als Kind. Später entdeckte ich meine Leidenschaft für den Stein durch das Klettern. Die handwerklich-künstlerische Seite lernte ich durch meine Schulzeit kennen.

Die Schule beendete ich mit der Fachhochschulreife, Fachrichtung Steinmetzen. Gleichzeitig wusste ich, meine Berufsrichtung gefunden zu haben.

Studium? Handwerk? Mit Hilfe mehrerer Informationen und nach Besichtigungen von Kunstschulen und Steinmetzbetrieben entschied ich mich für die handwerkliche Ausbildung zur Steinmetz- und Steinbildhauerin.

wissen.de: Was haben Ihre Freunde und die Familie zu Ihrer Berufswahl gemeint? Gab es Vorurteile, dass die harte körperliche Arbeit nichts für Sie sei?

Anna: Meine Eltern waren begeistert, meine Motivation war ja nicht zu übersehen.

Mein Bruder, der seit Jahren dem Handwerk als Zimmermann treu ist, freute sich wahrscheinlich am meisten. Dagegen hatten Freunde mehr Vorurteile. Sie waren anfangs sehr skeptisch. Erst als sie meine Meister, den Betrieb und meine Arbeiten gesehen hatten, waren sie ebenfalls begeistert.

wissen.de: Was macht für Sie die Faszination dieses Berufes aus?

Anna: Ich arbeite gerne praktisch, handwerklich und künstlerisch. Faszinierend sind die vielen Tätigkeitsbereiche des Steinmetz und Steinbildhauers.

Restauration von alten Kirchen und Bauwerken, Skulpturen, Grabmal, Brunnenanlagen, Natursteinmauern und -fliesen, Gartenanlagen, Kalligraphie, Schriften, Abgüsse von Plastiken. Eigentlich alles was mit Stein und Steinbearbeitung zu tun hat.

Ausbildungsweg

wissen.de: Ist ein Unterschied festzustellen zwischen der Lehre als Mädchen oder wird man generell genauso hart rangenommen wie die Jungs?

Anna: Da ich in unserem Betrieb die einzige Auszubildende bin, habe ich keinen direkten Vergleich. Sicher liegt viel am jeweiligen Betrieb. Prinzipiell arbeiten wir heute viel mit Maschinen. Ein wichtiger Teil der Arbeit ist die Kunst und Gestaltung.

Für mich kommt Kunst von Können und hat daher nicht nur mit “hart rangenommen“ werden zu tun. Sicher gibt es auch Arbeiten, die ich als Frau nicht ein Leben lang machen sollte.

Gleichzeitig achte ich selbst sehr auf meine körperliche Gesundheit. Ich mache viel Sport und Krankengymnastik, um evtl. Schäden vorzubeugen. Das hat jedoch mehr mit meiner Persönlichkeit als mit der Tatsache, dass ich Frau bin, zu tun.

wissen.de: Was war die bisher spannendste Arbeit, die Sie ausführen durften?

Anna: Meine spannendste Arbeit war ein Chamäleon aus Stein, Muschelkalk. Die meiste Arbeit hatte zwar mein Meister, dennoch durfte ich jeden einzelnen Arbeitsschritt mitverfolgen. Nach einer Vorlage des Kunden zeichnete er zuerst das Chamäleon im Maßstab 1:1.

Darauf folgte die Umsetzung in Ton. Für dieses Tonmodell ließen wir eine Negativform anfertigen sowie ein Gipsmodell. Dieses Gipsmodell war nötig, um die Arbeit 1:1 in den Stein zu übernehmen. Jetzt begann meine eigentliche Arbeit. Ich durfte das Chamäleon mit Hilfe des Punktiergeräts in Stein übertragen.

wissen.de: Wie soll es nach der Lehre weitergehen - bleiben Sie dem Steinmetzen treu?

Anna: Für die erste Zeit schon. Ich werde erstmal auf Wanderschaft gehen, auf die sogenannte Walz.

Dann schließt sich für mich ein Kunststudium an. Kunstlehrer, Kunsttherapeut ist meine Richtung.

wissen.de: Was verdient man als Steinmetz in der Lehre und kann man später von diesem Gehalt leben?

Anna: Von Verdienst kann man während der Ausbildung nicht reden. Die monatliche Lohnvergütung beträgt im:

  • 1. Jahr ca. 345,- €
  • 2. Jahr ca. 445,- €
  • 3. Jahr ca. 545,- €

Später kann man von dem Gehalt gut leben.

Die Arbeit

wissen.de: Sie haben vermutlich auch oft Kontakt zu Menschen, die gerade einen Angehörigen verloren haben und die nun einen passenden Grabstein suchen. Ist der persönliche Kontakt mit diesen Kunden schwierig?

Anna: Die Definition von “schwierig“ ist breit gefächert.
Schwierig ist weder der Umgang mit den Trauernden noch einen passenden Grabstein zu finden. Die Schwierigkeit besteht für mich eher darin, Anteilnahme und wirtschaftliche Effizienz zu vereinen.

wissen.de: Mit welchem Material arbeiten Sie besonders gern - oder gibt es zwischen den Steinen keinen großen Unterschied?

Anna: Doch, sicher ist der Unterschied groß. Bearbeiten sie doch mal Sandstein und anschließend Granit. Sie werden deutlich den Unterschied merken.

Sandstein ist sehr viel weicher. Ich persönlich arbeite gerne mit Diabas, aber auch mit Marmor und Sandstein.
Wobei fast jeder Stein seinen individuellen Reiz hat.

wissen.de: Kann man sich in Ihrem Beruf künstlerisch verwirklichen oder stehen die handwerklichen Fähigkeiten an erster Stelle Ihrer Arbeit?

Anna: Künstlerisch verwirklichen kann man sich eigentlich schon.

Das liegt aber sehr an der eigenen Persönlichkeit, am jeweiligen Meister, Betrieb wie auch an Angebot und Nachfrage.