21.05.2015
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Zum Erfolg verdammt

Sie ist der Hoffnungsträger und zugleich das größte Sorgenkind der Telekom-Branche: Die neue Mobilfunktechnologie UMTS (Universal Mobile Telecommunications System) soll Bilder und große Datenmengen blitzschnell auf das Handy zaubern, Kunden durch mobile Multimedia-Anwendungen begeistern und die Umsätze der Telekomkonzerne steigern. Übertragungsraten von bis zu zwei Megabit pro Sekunde sind der Schlüssel für eine bunte UMTS-Zukunft, in der das Mobiltelefon zum multimedialen Alleskönner wird. Bislang haben die Kosten für den “Mobilfunk der dritten Generation jedoch riesige Löcher in die Konzernkassen gerissen. Sollte die neue Technologie nicht die Versprechen einlösen, drohen die Anbieter an ihren Schulden zu ersticken.

Vorab-Kosten in Milliardenhöhe: Ungedeckter Scheck auf die Zukunft

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© Siemens AG, München

Das Desaster scheint programmiert: Sollte sich UMTS tatsächlich als Luftnummer erweisen, wie bereits einige Berufspessimisten unken, wären die Folgen für die Telekombranche höchst fatal, wurden doch vorab phantastische Summen für bislang heiße Luft hingelegt. Im August 2000 haben die sechs Konkurrenten in Deutschland allein für die Lizenzen also die Frequenzen, über die die UMTS-Geräte senden rund 51 Milliarden Euro gezahlt. Die Deutsche Telekom (D1), Vodafone (D2), E-Plus, Mobilcom, Viag Interkom/O2 und Quam haben sich ihre reservierten Sendefrequenzen jeweils 8,3 Milliarden Euro kosten lassen.

Mobilcom konnte sich das UMTS-Abenteuer nur mit Hilfe von France Telecom leisten, die jetzt auf die Kostenbremse tritt und damit den Rosenkrieg mit Mobilcomgründer Gerhard Schmid vom Zaun brach, der mit dessen Rauswurf seinen vorläufigen Negativhöhepunkt haben sollte. Bei Viag Interkom/O2 ist die British Telecom Tochter MMO2 engagiert, während hinter Quam eine Partnerschaft zwischen finnischer Sonera und spanischer Telefonica steht. Die europäischen Konzerne griffen für die deutschen Lizenzen zwar am tiefsten in die Tasche, doch auch bei den Nachbarn (Italien zwölf Milliarden, Frankreich zehn Milliarden Euro) waren die Kosten immens. In Europa summieren sich die UMTS-Lizenzkosten auf rund 110 Milliarden Euro bevor die neue Technologie auch nur einen Cent eingespielt hat.

Verdrängungswettbewerb tobt

Die Lizenzinhaber ächzen nun unter den Kreditzinsen und müssen jeden Euro zweimal umdrehen, bevor sie ihn investieren. Durch den Sparkurs verzögert sich der Aufbau der UMTS-Netze zusätzlich: Wegen des Streits um Strahlungs-Belastungen laufen Bürgerinitiativen Sturm. In der Branche tobt ein harter Verdrängungswettbewerb: Der deutsche Markt biete etwa lediglich Platz für maximal drei vollwertige UMTS-Netze, glaubt T-Mobile-Chef Kai-Uwe Ricke. Von den sechs Lizenznehmern in Deutschland dürfte demnach nur die Hälfte überleben. Anbieter schließen Partnerschaften, um die immensen Kosten auf mehrere Schultern zu verteilen. So arbeitet die Deutsche Telekom (T-Mobile) beim UMTS-Netzaufbau mit Viag Interkom / O2 zusammen. Auch die Gerätehersteller rücken zusammen: Siemens wird zunächst UMTS-Handys von Motorola verkaufen.

Marktteilnehmer spekulieren bereits über einen Ausstieg von Mobilcom aus dem UMTS-Abenteuer. Hauptanteilseigner France Telecom hat genug eigene Sorgen, um weitere Milliarden in den Netzaufbau in Deutschland zu investieren. Auch Quam und Viag/O2 müssen ihren Kundenstamm rasch ausbauen: Nach Angaben von Branchenkennern braucht ein Anbieter mindestens acht Millionen Kunden, um sich im Mobilfunkgeschäft der dritten Generation (3G) durchzusetzen.

Start 2003 Konzerne unter Zeitdruck

Den Plan, UMTS bis zum Ende dieses Jahres in Deutschland einzuführen, haben die meisten Anbieter bereits auf das Jahr 2003 verschoben. Die Deutsche Telekom rechnet erst ab Herbst 2003 mit ihrem UMTS-Start. Lediglich Vodafone hält noch an dem Ziel “UMTS 2002 fest allerdings nur, wenn es bis Jahresende auch genug UMTS-fähige Endgeräte auf dem Markt gibt. Niemand will riskieren, die Kunden durch verwackelte Bilder auf dem Handy-Display, unausgereifte Technik oder durch Übertragungsfehler zu verschrecken.

Siemens-Vorstand Volker Jung geht dennoch davon aus, dass bis Ende 2003 jeder vierte Einwohner in Deutschland auf UMTS zugreifen kann. Beim Netzaufbau konzentrieren sich die Anbieter zunächst auf Ballungszentren. Erst im Jahr 2004 dürfte UMTS in Deutschland langsam in Schwung kommen, wobei die ersten Dienste für Privatkunden noch sehr teuer sein dürften. Die Anbieter stehen aber unter Zeitdruck: Damit sich die Investitionen jemals auszahlen, müssen sie den Massenmarkt rasch von den neuen Möglichkeiten durch UMTS begeistern. Doch noch sind die potenziellen Kunden zurückhaltend, denn die Versprechungen sind wolkig und kaum durch praktische Anwendungen erprobt.

Die UMTS-Vision: Versprechungen liegen in der Luft

De facto soll UMTS den Traum “vom WWW aus der Westentasche, dem mobilen Internet, ermöglichen. Mit einem UMTS-Mobiltelefon, so das Konzept, kann der Kunde von jedem Ort der Welt aus die Dinge tun, für die er bislang einen PC mit Internet-Anschluss gebraucht hat: Bilder und Emails verschicken, im Internet surfen, Musik und Stadtpläne herunterladen, Karten für den Theater- oder Kinobesuch buchen (und sich vorab die Vorschau auf dem Display ansehen), Bankgeschäfte erledigen oder mit Freunden und Geschäftspartnern kommunizieren natürlich nicht nur über Sprache, sondern auch mit Hilfe von bewegten Bildern. Das Handy, mit Farbdisplay ausgestattet, soll damit zum Alleskönner werden und Notebook und PC ersetzen.

Noch ist offen, ob die neuen Multimedia-Dienste beim Kunden ankommen. Die Prognosen der Netzbetreiber gehen davon aus, dass ein Europäer bis zum Jahr 2010 etwa 50 bis 60 Euro pro Monat für die schönen neuen UMTS-Dienste ausgibt: Derzeit lässt sich ein Kunde in Europa das mobile Telefonieren durchschnittlich 25 Euro pro Monat kosten. Damit er dieses Budget verdoppelt, müssen ihm die neuen Dienste schon einiges bieten.

Aufwärmen für UMTS: MMS und i-mode setzen Zeichen

Eine der Anwendungen, die Kunden Appetit machen soll, ist der SMS-Nachfolger MMS (Multimedia Messaging Service). MMS hebt nicht nur die Begrenzung einer Text-SMS auf 160 Zeichen auf. Die größere Übertragungsrate ermöglicht auch das Verschicken von Bildern, Video- und Audiodateien. Möglich also, dass etwa ein Tourist in Paris mit einer in das UMTS-Handy eingebauten Kamera den Eiffelturm fotografiert und diese Bilder dann per MMS auf das Handy der Daheimgebliebenen nach Hause schickt. In Japan, dem Pionierland für die neuen Mobilfunk-Technologien, wurden 2001 bereits drei Millionen Handys mit integrierter Kamera verkauft: Japaner lieben es, über die Internet-Variante i-mode bunte Bilder auf Handys zu verschicken.

In Deutschland hat E-Plus inzwischen seinen i-Mode Dienst gestartet: Auf dem Farbdisplay eines i-mode-fähigen NEC-Handys kann der Kunde Farbbilder, Stadtpläne sowie Informationen ausgewählter Content-Provider empfangen. Durch i-mode gewinnt der Kunde einen Vorgeschmack auf die UMTS-Dienste, die E-Plus im Jahr 2003 starten will.

Konkurrenz durch lokale Funknetze

Eine ernste Gefahr für UMTS ist jedoch die Konkurrenz durch lokale Funknetze, die so genannten W-Lan (Wireless local area networks). Diese leistungsstarken Funkverbindungen haben mit 30 bis 100 Metern zwar eine deutlich kleinere Reichweite als UMTS, deren Sendemasten bis zu 10.000 Meter abdecken können. Mit 2,2 Megabit pro Sekunde ist der lokale Hochleistungsfunk aber bereits jetzt so schnell wie UMTS seine Leistung ließe sich gar ohne größeren Aufwand verfünffachen.

Das Funknetzsystem ist im Gegensatz zu UMTS störungsanfällig und für mobile Einwahl sowie für die Übertragung von Bildsequenzen kaum geeignet. Für Kunden, die lediglich auf schnelle Daten- und Sprachübertragung Wert legen, ist W-Lan jedoch eine Alternative. In den USA erfreut sich dieses System großer Beliebtheit, denn die für UMTS notwendigen Bandbreiten sind dort noch nicht freigegeben. US-Anbieter warten zunächst ab, ob die UMTS-Technologie in Asien und Europa Erfolge zeigt. Frühestens 2007, schätzen Experten, hat UMTS auch in den USA eine Chance.

Hohes Risiko, doch Chancen bleiben

Dennoch gibt es keinen Grund, für UMTS nur schwarz zu sehen. Die neue Mobilfunktechnologie birgt für die Betreiber große Risiken, bietet aber auch enorme Chancen. Es sei unwahrscheinlich, dass die Kommunikationsgesellschaft die neuen Mobilfunk-Möglichkeiten der dritten Generation auf Dauer links liegen lässt, sagen Branchenkenner. Auch bei ISDN und Mobilfunk seien viele zunächst skeptisch gewesen, erinnerte Ron Sommer die Aktionäre während der jüngsten Telekom-Hauptversammlung. Inzwischen seien diese Technologien aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken.

UMTS muss noch viele Anfangshürden nehmen, so dass noch mancher UMTS-Player straucheln dürfte. Die schnellen Breitbandnetze werden aber nicht nur Bilder, sondern auch die Branche in Bewegung versetzen: Wenn ein UMTS-Handy nicht nur als Kommunikationsmittel, sondern auch als mobile Informationsquelle, Buchungsbüro, Kamera, Orientierungshilfe und Onlineshop dient, kommen weitere Umsatzbringer ins Spiel. Ein Reiseanbieter oder Konzertveranstalter, der über UMTS neue Kunden gewinnt, dürfte einen Teil seiner Provision an die UMTS-Betreiber weitergeben der Kunde muss also die immensen UMTS-Investitionen nicht allein refinanzieren.

Neben MMS werden interaktive Spiele, lokale Informations- und Veranstaltungsdienste sowie M-Commerce zu der bitter nötigen Umsatzsteigerung beitragen, sagen Marktbeobachter. An Investitionsbereitschaft fehlt es den Kunden nicht: Nach Angaben des Bundesverbandes Bitkom geben die Bundesbürger zum Beispiel rund 1600 Euro pro Kopf und Jahr für Informationstechnologie und Kommunikationsdienste aus. Auch die Zahl der Internet-Nutzer und Mobiltelefonierer steigt weltweit an: Für UMTS und mobiles Internet brauchen Anbieter also vor allem Geduld, Glück und gute Nerven.

Nils Jacobsen