21.05.2015
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“TUI ist unterbewertet”

Touristik-Konzerne sind stark vom konjunkturellen Abschwung getroffen – die TUI-Aktie hat allein seit Jahresbeginn mehr als vierzig Prozent an Wert verloren. Die Analysten stehen jedoch hinter dem ehemals als Preussag firmierenden Konzern – so auch Christian Obst von der HypoVereinsbank. In einem exklusiven wissen.de-Interview erklärt der Analyst, warum TUI für ihn auf gegenwärtigem Niveau ein Kauf ist, warum der Online-Reisebuchung die Zukunft gehört – und was Anleger in nächster Zeit noch von der Branche erwarten dürfen.

Konjunktur belastet die Touristik-Branche

wissen.de: Die Branche musste im ersten Halbjahr einen Buchungsrückgang im zweistelligen Prozentbereich hinnehmen: Die Umsatz- und Gewinnprognosen können für das Gesamtjahr 2002 kaum noch gehalten werden. Wie beurteilen Sie die Touristikbranche aktuell: Ist das Schlimmste überstanden – oder droht im dritten Quartal ein noch stärkerer Einbruch?

Christian Obst: Das ist schwer abzuschätzen die Buchungen für das dritte Quartal liegen ja schon größtenteils hinter uns. Demnach ist zwar eine leichte Erholung abzusehen, im Vergleich zum Vorjahr müssen die Reiseveranstalter jedoch mit einem deutlichen Minus im zweistelligen Prozentbereich rechnen.

wissen.de: Worin sehen Sie die Gründe für den Buchungsrückgang? Was wiegt am schwersten: Die Teuro-Hysterie? Die angespannte Konkunkturlage und, damit verbunden, die Angst um den Arbeitsplatz? Oder nach wie vor die Angst, einem Terroranschlag zum Opfer zu fallen?

Christian Obst: Der entscheidende Faktor ist sicher das extrem herausfordernde konjunkturelle Umfeld. Leute, die sich Sorgen um ihren Arbeitsplatz machen, werden tendenziell weniger ausgeben wollen oder gar ganz auf den Urlaub verzichten. Auch die Terroranschläge vom 11. September wirken zumindest psychologisch nach wenn auch dies sicher ein geringfügiger Faktor ist. Von der Teuro-Debatte halte ich jedoch nichts, Teuerungen seit der Euro-Einführung sind im Touristik-Sektor kaum erkennbar...

TUI auf der Kaufliste

wissen.de: Wie attraktiv ist der Sektor im gegenwärtigen Börsenumfeld: Die Touristikaktien stehen in den letzten Monaten zunehmend unter Druck – sind die Kursabschläge gerechtfertigt?

Christian Obst: Nein, das denke ich nicht. Was sich in den letzten Monaten insbesondere den letzten Wochen an der Börse abspielt, ist irrational: Diesen Bewegungen konnte sich auch der Touristik-Sektor kaum entziehen. Die gegenwärtigen Bewertungen halte ich nicht für realistisch: Die Kurse preisen ein nachhaltig negatives Szenario für die nächste Jahre ein, das ich nicht für gerechtfertigt halte. Der Touristik-Sektor sollte bei einer Erholung zumindest mit dem breiten Markt nach oben laufen...

wissen.de: Konkret nachgefragt – ist der deutsche Marktführer und einzige reinrassige Touristik-DAX-Wert TUI auf dem gegenwärtigen Niveau von rund 21 Euro ein Kauf?

Christian Obst: Ja, wir haben TUI auf unserer Kaufliste und halten die Aktie auf diesem Niveau für deutlich unterbewertet. In dem Unternehmen steckt viel Potenzial in den nächsten 12-18 Monaten sollte sich die Aktie wieder in Richtung 30 Euro bewegen.

wissen.de: Wie beurteilen Sie die nicht börsennotierten deutschen Konkurrenten Thomas Cook und Rewe Touristik?

Christian Obst: TUI ist klar unangefochtener Marktführer, zu dem weder Thomas Cook noch Rewe Touristik in absehbarer Zeit aufschließen können. Thomas Cook befindet sich aktuell mit der Einführung der Marke noch in einer Restrukturierungsphase das Unternehmen ist aber auch für die Zukunft gut positioniert. Die Rewe Touristik hat ja ein anderes Geschäftsmodell und fungiert nicht im klassischen Sinne als Pauschalreiseanbieter, sondern bietet eher die einzelnen Bausteine an. Was dem Unternehmen allerdings fehlt, ist der eingeführte Name.

Zukunft liegt in der Online-Buchung

wissen.de: Global gefasst: Welche Unternehmen sind für dieses herausfordernde Umfeld am besten gerüstet – welche Aktien zählen Sie international zu Ihren Favoriten?

Christian Obst: MyTravel, das zweitgrößte Touristik-Unternehmen Europas, bewerten wir aktuell als neutral. Das Unternehmen ist zwar gut aufgestellt, jedoch meiner Einschätzung nach zu sehr auf den britischen Markt fixiert Chancen und Risiken halten sich also die Waage. Den Schweizer Spezialanbieter Kuoni schätze ich dagegen auf diesem Niveau als attraktiv ein. Die Schweizer sind in den letzten Jahren in wichtigen Märkten wie den USA expandiert und haben sich im Bereich der Incoming-Reisen als europäischer Marktführer etabliert.

wissen.de: Was halten Sie vom Online-Reise- und -Fluganbieter expedia?

Christian Obst: Expedia hat sich in den letzten Jahren hervorragend etabliert. Ich halte von dem Geschäftsmodell des Reise- und Flugverkaufs über das Internet viel. Das Kommunikationsverhalten der Kunden hat sich verändert Internetkäufe nehmen fraglos zu. Discount-Anbieter wie RyanAir machen es vor: Die Anzahl der Onlinebuchungen liegt zwischen 80 bis 90 Prozent. Dieser Vertriebsform der Onlinebuchung gehört sicher die Zukunft.

Das Gespräch führte Nils Jacobsen

Christian Obst ist Analyst der HypoVereinsbank und gilt als Spezialist für die Touristik-Industrie

Nils Jacobsen