21.05.2015
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Reiseunternehmen international: Expedia, Accor und Kuoni

Andere Länder, andere Big Player: Während in Deutschland vor allem die integrierten Touristikkonzerne den Markt dominieren, haben sich im Ausland Spezialanbieter etablieren können, die einen bestimmten Bereich der Wertschöpfungskette bedienen. Etwa Expedia, das größte virtuelle Reisebüro der Welt; Accor, die führende Hotellerie des mittleren und unteren Preissegments – oder Kuoni, der profilierte Anbieter für anspruchsvolle Fernreisen.

Expedia – Das virtuelle Reisebüro

Es gibt sie noch: Internetwerte, die profitabel arbeiten und dabei zu Höhenflügen ansetzen, als wäre es 1999... Expedia, neben eBay der einzige Dot.com-Wert, der dem Bärenmarkt der letzten zwei Jahre sichtbar trotzen konnte, befindet sich in einer Ausnahmeposition. Wie kein zweites Internetunternehmen hat Expedia bewiesen, dass es ein Leben nach dem Hype gibt, und der viel zitierte First Mover-Vorteil nicht geschäftsentscheidend ist.

Der echte Innovator des Geschäftsmodells des Online-Reisebüros ist nämlich Priceline. Das US-Unternehmen mit dem 'Name your price-Konzept debütierte zwei Jahre vor Expedia furios: Die Aktie stieg am ersten Handelstag bis auf 155 Dollar und machte Priceline auf einen Schlag zu einem mit 17 Milliarden Dollar bewerteten Highflyer auf der Höhe der Dot.com-Euphorie. Der Absturz folgte indes umso rasanter: Firmengründer Jay Walker ist längst zurückgetreten, das Unternehmen verlor immer mehr Marktanteile an den Herausforderer Expedia.

Der ist heute längst selber Marktführer und wächst rasant. Seit 2001 fährt das weltgrößte Online-Reisebüro einen forcierteren Sparkurs und wird von Quartal zu Quartal profitabler. Konnten in den ersten drei Monaten 2001 noch 20 Cents je Aktie verdient werden, waren es im Vergleichszeitraum ein Jahr später schon 46 Cents pro Aktie Tendenz steigend.

Das Wachstum liegt im Marktsegment begründet: Die Online-Buchung von Reisen oder Flügen ist ein Zukunftsmarkt. Nach einer Studie von Forrester Research haben die Amerikaner im vergangenen Jahr im Internet für 12,2 Milliarden Dollar Flüge gebucht. 2004 sollen es rund 29 Milliarden Dollar sein. Beflügelt von solch optimistischen Prognosen setzt die Expedia-Aktie in den letzten Monaten zum Höhenflug an: Das Papier legte in den letzten zwölf Monaten rund 300 Prozent von 15 Dollar auf gegenwärtig knapp 60 Dollar zu.

Angesichts der Marktposition und der beteiligten Investoren ist dieser Aufstieg von Expedia nachvollziehbar. Das Tochterunternehmen des Software-Giganten Microsoft kann heute schon auf mehr als vier Millionen Kunden zählen, die aus einer datenbankgestützten Angebotspalette von über 450 Airlines und 40.000 angeschlossenen Hotels weltweit aussuchen können. Das US-Unternehmen besitzt zudem Tochtergesellschaften in Großbritannien, Deutschland, Frankreich, Italien und den Niederlanden, die die Märkte mit einer gezielten Produktpalette bedienen.

Accor – Hotels für jeden Geldbeutel

Auf Expansionskurs ist auch die französisch geführte Hotellerie-Kette Accor. Mit 3.700 Hotels (415.000 Zimmer) in 90 Ländern ist Accor in der Ein- bis Zwei-Sternekategorie Marktführer. Zu den bekanntesten Marken zählen Ibis (630 Hotels), Etap (260 Hotels), Sofitel (150 Hotels), Novotel (370 Hotels), Mercure (557 Hotels) sowie im US-Bereich Motel 6 (824 Hotels) und Red Roof Inns (350 Hotels).

Die Fokussierung auf die Hotellerie des mittleren bis unteren Preissegments macht sich bezahlt, gilt doch dieser Bereich als Wachstumsmarkt der Tourismusbranche mit überproportional hohen Gewinnmargen von 17 Prozent vor Steuern. Entsprechend konnte der Umsatz im ersten Quartal gegen den Markttrend um knapp ein Prozent auf 1,667 Milliarden Euro gesteigert werden.

Accors zweites Hauptgeschäftsfeld umfasst Dienstleistungen für Unternehmen und öffentliche Institutionen. 13 Millionen Menschen in 31 Ländern nutzen täglich ein breites Dienstleistungsangebot, das von Menü-Schecks über Betriebskosten-Management bis zu Incentive/Events reicht, die von Accor entwickelt und verwaltet werden. Zudem verfügt das Unternehmen über Kasinos, Reisebüros und Restaurants.

Der langfristige Chartverlauf der Aktie spricht für Accor das Wertpapier ist ein Dauerläufer. Seit 1993 befindet sich Accor im Aufwärtstrend, der durch einen Gewinneinbruch 1998, die Ereignisse vom 11.9. und aktuell vom konjunkturellen Abschwung beeinträchtigt wird. Derzeit notiert das Papier bei 35 Euro ein Abschlag von rund einem Drittel auf das 52W-Hoch. Im abgelaufenen Geschäftsjahr konnte Accor bei einem Umsatz von rund sieben Milliarden Euro einen operativen Gewinn in Höhe von 758 Millionen Euro ausweisen.

Kuoni – der Nischenplayer

Im Windschatten der Pauschalreiseveranstalter haben auch Spezialanbieter wie Kuoni ihre Nische gefunden. Das Schweizer Unternehmen kann auf eine lange Tradition zurückblicken: Bereits 1906 gründete Alfred Kuoni am Zürcher Bellevue-Platz die Kuoni Reisegruppe, die sich im Laufe von neun Jahrzehnten in allen Bereichen der Ferien- und Geschäftsreisen spezialisiert hat. Kuoni gehört heute zu den führenden Reiseveranstaltern in Europa und ist das größte Reiseunternehmen der Schweiz.

Die Konzentration des Kerngeschäfts liegt dabei vor allem im hochpreisigen Segment dem Bereich der so genannten “Incoming Services. Kuoni bietet etwa für Kunden aus Amerika außergewöhnliche Reisen nach Europa an das Schweizer Traditionsunternehmen besitzt in den USA nach den Übernahmen von Allied Tours LLC und T Pro die marktführende Stellung. Auch in Großbritannien ist Kuoni hervorragend positioniert: Die Tochtergesellschaft Kuoni Travel Ltd. konnte ihre Stellung als führende britische Anbieterin von anspruchsvollen Fernreisen weiter ausbauen.

Derzeit beschäftigt Kuoni weltweit rund 7700 Mitarbeiter davon allein 2000 in der Schweiz. Hier besitzt Kuoni mehr als hundert Filialen und über 200 Franchise-Partner, welche eigene Produkte wie auch diejenigen anderer Reiseveranstalter vertreiben. Wiederum verkaufen über 1000 andere Schweizer Reisebüros auch Reisen von Kuoni getreu dem Firmenmotto “A World of Difference.

So sehr sich das Firmenkonzept in der Vergangenheit bewährt haben mag vor den Auswirkungen der gegenwärtigen Branchenkrise ist Kuoni nicht gefeit. Im abgelaufenen Geschäftsjahr verbuchte der Spezialanbieter bei einem Umsatz von 4,1 Milliarden Schweizer Franken einen operativen Verlust von 19 Millionen Franken vor Abschreibungen und Steuern. Im gegenwärtig schwierigen Umfeld der Tourismus-Industrie ist die Aktie einer großen Volatilität ausgesetzt: Die Schwankungsbreite allein im laufenden Jahr reicht von 580 bis gegenwärtig 350 Schweizer Franken der Höchstkurs im März 2000 lag gar bei 900 Schweizer Franken.

Nils Jacobsen