21.05.2015
Total votes: 47
wissen.de Artikel

INSP – International Network of Streetpapers

Wir und die anderen

In der Welt der Straßenzeitungen ist BISS ein Rufer in der Wüste. Seit zehn Jahren verkünden wir im In- und Ausland, dass man bereits entwickelte Standards auch überprüfen muss, denn die existierende Charta des International Network of Streetpapers (INSP) sollte nicht nur eine Wunschliste sein. "Vendors' representative" (Repräsentantin der Verkäufer) nennen mich die INSP-Mitglieder deshalb manchmal scherzhaft auf den Sitzungen, oder sie sagen, BISS sei aus Verkäufersicht der „BMW unter den Straßenzeitungen". Überraschenderweise ist im Laufe der vergangenen zehn Jahre die Zahl unserer Freunde trotzdem stetig gestiegen und die der Kritiker merklich gesunken. Wir werden häufig um Rat und Hilfe gebeten und haben uns diesen Bitten auch nie verschlossen. Damit nicht immer nur allgemein von INSP-Mitgliedern und deutschen Straßenzeitungen geredet wird, werde ich Ihnen nachstehend einige namentlich vorstellen.

BISS war vor neun Jahren eines der Gründungsmitglieder des INSP, weil wir über unseren Tellerrand hinausblicken wollten, „global denken, lokal wirken" („think globally, act locally," wie es auf Englisch heißt). Wir wollten von den anderen lernen und umgekehrt. Und obwohl es manchmal scheint, dass sich Dinge nur sehr langsam entwickeln, halten wir das Netzwerk für eine unverzichtbare Institution. Die Treffen in den verschiedenen Ländern und Kontinenten sind nicht nur wegen des Reisens schön, sondern wichtig, um in Kontakt zu bleiben, vor Ort zu sehen, was los ist, und die Initiatoren der einzelnen Projekte kennen und einschätzen zu lernen. Bei manchen hat sich in zehn Jahren nicht viel verändert, doch bei anderen hat sich eine Menge getan. Jedes Mitglied kann das Netzwerk kontaktieren, aber auch direkt auf die anderen Mitglieder zugehen.

So bat vor drei Jahren die Straßenzeitung „Concern" aus Gambia um Hilfe. Adamah Bah, der Geschäftsführer, wandte sich an das INSP: Die Zeitung konnte wegen der hohen Druckkosten nicht mehr erscheinen. Habe jemand eine Druckmaschine übrig in Europa, Amerika oder Australien, die man nach Gambia schaffen könne? Jo Tein von der Straßenzeitung „Hempels" in Kiel investierte viel Zeit und Mühe. Er fand nach langer Suche zwei identische Maschinen (vorteilhaft wegen der Ersatzteile!), die zusammen mit der Verschiffung etwa 14 500 Euro kosteten. Nicht viel Geld eigentlich für zwei Druckmaschinen, aber viel Geld für ein paar Straßenzeitungen. Jedoch ohne Druckmaschine keine Straßenzeitung, und ohne Straßenzeitung bleibt den dortigen jungen Leuten nicht viel mehr als der Straßenstrich, um Geld zu verdienen. Da ich bei einem INSP-Treffen in Südafrika das Elend und die Armut dort gesehen hatte, wusste ich nur, dass Adamah Bah diese Druckmaschine haben musste. Unbedingt! Nachdem wir mit unseren Bittbriefen bei den anderen Straßenzeitungen nicht allzu viel Erfolg hatten, nahmen wir 10 000 Euro aus unseren Rücklagen, die restlichen 4500 Euro kamen von den Straßenzeitungen „The Big Issue Scotland", „The Big Issue in the North" und „Trott-war", Stuttgart. Es gibt nun wieder eine Straßenzeitung in Gambia mit dem neuen Namen „Mango news", und Adamah Bah kann darüber hinaus auch für andere Leute Druckaufträge annehmen und sein „Social Business" ausbauen.

In 2002 konnten wir der brasilianischen Straßenzeitung „Bocca de Rua" helfen, ihr „Bildungs- und Gesundheitsprogramm" aufzubauen und nebenbei dadurch die Auflage ihrer Straßenzeitung zu verdoppeln. Sie arbeitet in der Nähe von Porto Allegre mit jungen Menschen zusammen. Clarinha Glock, die Initiatorin, hat nicht nur Herz, sondern auch Verstand, und nach ihrem dringenden Hilferuf beim INSP-Treffen in Madrid war klar, wir mussten helfen, soweit es uns möglich war.

In 2002 konnten wir der brasilianischen Straßenzeitung „Bocca de Rua" helfen, ihr „Bildungs- und Gesundheitsprogramm" aufzubauen und nebenbei dadurch die Auflage ihrer Straßenzeitung zu verdoppeln. Sie arbeitet in der Nähe von Porto Allegre mit jungen Menschen zusammen. Clarinha Glock, die Initiatorin, hat nicht nur Herz, sondern auch Verstand, und nach ihrem dringenden Hilferuf beim INSP-Treffen in Madrid war klar, wir mussten helfen, soweit es uns möglich war.

In 2003, unserem Jubiläumsjahr, verhalfen wir der Straßenzeitschrift „Factor S" in Uruguay zu einer Anschubfinanzierung für ein soziales Projekt, mit dem etliche feste Arbeitsplätze für Betroffene geschaffen werden. Nicolas Minetti informierte uns über die lokalen Gegebenheiten und seine Geschäftsidee: Da es in Uruguay fast nur schlechten Toner gibt und die Toner-Kartuschen sehr teuer in der Anschaffung sind, hatte er die Idee, Kartuschen zu kaufen und mit dem Nachfüllen und Recyceln der Kartuschen ein Geschäft aufzubauen. Mit Hilfe eines Freundes aus Florida, der guten Toner günstig von dort liefern kann, wollte er ein Kontingent von Toner-Kartuschen kaufen und dann einen Vertrag mit der Stadtverwaltung abschließen, seinem ersten großen Kunden. Für diese tolle Idee fehlten ihm nur 3000 Euro, um den Anfangsbestand der Betriebsmittel zu finanzieren, aber niemand wollte sie ihm leihen, obwohl er einen präzisen Business-Plan vorgelegt hatte. Aber wofür hat man Freunde? Und es ist uns eine Ehre, so einer guten und durchdachten Geschäftsidee zur Realisierung zu verhelfen. Wir BISSler halten unser Geld fest zusammen und unterstützen nur Projekte, von denen wir überzeugt sind. Dann allerdings kennen wir keine Landesgrenzen.

Aber auch bei den anderen tut sich in dieser Hinsicht etwas! „The Big Issue in the North" sowie „The Big Issue Scotland" sind gerade dabei, Anstellungsmodelle für Verkäufer auszuprobieren, und „The Big Issue" in London denkt intensiv darüber nach. Die Schweizer Zeitung „Surprise" stellte am 1. August 2003 den ersten Verkäufer an. Die Schweizer versuchen ohnehin immer, dem Netzwerk auch Impulse zu geben. Zum Beispiel sind sie gerade dabei, eine Software speziell für Straßenzeitungen zu entwickeln, die die fünf größten Zeitungen gemeinsam kaufen sollen, damit alle anderen sie mit Einverständnis des Herstellers kostenlos nutzen können.

Am 1. September 2003 sind auch drei Verkäufer der spanischen Zeitung „Milhistorias" stolze Angestellte geworden.

Und die deutschen Straßenzeitungen
Von den deutschen Straßenzeitungen haben mir schon immer „Hempels" in Kiel und dessen Initiator, Jo Tein, ein Theologe und Sozialarbeiter, imponiert. Denn bei „Hempels" klappt es sowohl mit der Wirtschaftlichkeit als auch mit der Menschlichkeit. Die Betroffenen stehen im Mittelpunkt, und es wurde dort auch von Anfang an auf feste Arbeitsplätze gesetzt. „Hempels" ist eine der wenigen Straßenzeitungen außer BISS, die die Einnahmen und Ausgaben in ihrem eigenen Blatt veröffentlicht. Kiel und das Umland sind nicht reich. Dort gibt es beispielsweise auch keine Stiftungen wie in München, von denen wir viel Hilfe erfahren haben. Doch die „Hempels"-Mitarbeiter haben immer das Bestmögliche für ihre Verkäufer realisiert.

Der „Donaustrudl" in Regensburg gefällt mir ebenso gut. Auch dort wurden bisher schon befristete Arbeitsstellen für Verkäufer geschaffen. Die Mitarbeiter möchten nun ein ähnliches Anstellungsmodell wie BISS testen. Das Wohl der Verkäufer steht im Mittelpunkt, und der Schwerpunkt liegt auf nachhaltiger Hilfe.

„Trott-war" in Stuttgart hat bereits vor einigen Jahren angefangen, Verkäufer nach dem BISS-Modell anzustellen. Auch den Kollegen dort ist es schon lange bewusst, dass ein fester Arbeitsplatz das beste Mittel zur Wiedereingliederung ist und dass es ein Anliegen von Straßenzeitungen sein muss, ihre Verkäufer aus der Grauzone des ungeklärten Zuverdienstes zu holen.

Gut bei „fiftyfifty" in Düsseldorf ist, dass sie größten Wert darauf legen, keine Spendengelder für Herstellung, Betrieb und Fachpersonal zu verwenden.

Die größte Straßenzeitung, „Hinz & Kunzt" in Hamburg, mit einer verkauften Auflage von 50 000 bis 60 000 Exemplaren monatlich, stellt leider noch keine Verkäufer an. Laut Impressum werden zwei Mitarbeiter für Spendenakquise und Verwaltung eingesetzt. 50 Prozent der Herstellungskosten für die vierfarbig gedruckte, 48 Seiten starke Zeitung werden aus Spendengeldern bezahlt (siehe Artikel „Straßenlage" in der „Süddeutschen Zeitung" vom 23. Oktober 2002). Leider veröffentlichen die Verantwortlichen in „Hinz & Kunzt" auch keine Jahresrechnung (Einnahmen und Ausgaben) in ihrem Blatt. Wir geben jedoch die Hoffnung nicht auf, dass eines Tages auch bei „Hinz & Kunzt" der Groschen auf die Verkäufer fallen wird.

Hildegard Denninger, © BISS